Zukunft braucht Erinnerung

Es gehört zu den besonders rührenden Eigenarten der Gegenwart, dass sie sich für den Gipfel der Aufklärung hält und zugleich eine Aufmerksamkeitsspanne kultiviert, die ungefähr der einer überdrehten Stubenfliege entspricht, die gegen eine Fensterscheibe prallt, zurücktaumelt, erneut ansetzt und am Ende überzeugt ist, sie habe gerade eine Weltreise unternommen. Wir leben in einer Epoche, die mit pathosgetränkter Stimme „Zukunft!“ ruft, dabei aber so gründlich mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt hat, dass sie inzwischen nicht einmal mehr weiß, wo sie den Besen hingelegt hat. Erinnerung gilt als sperrig, kompliziert, unerquicklich – kurz: als das geistige Pendant zu einem dicken Wintermantel auf einer Poolparty. Und doch lautet der alte, unerquicklich vernünftige Satz: Zukunft braucht Erinnerung. Was natürlich sofort den Verdacht weckt, es könne sich um eine Zumutung handeln.

Denn wer erinnert sich schon gern? Erinnern bedeutet ja nicht nur, ein paar pittoreske Jahreszahlen aufzuzählen, wie man beim Kneipenquiz Punkte sammelt. Es bedeutet auch, sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat, dass man Dinge begeistert beklatscht hat, die sich später als grandiose Fehlentscheidungen erwiesen, und dass Fortschritt manchmal bloß ein eleganter Name für „wir haben denselben Fehler jetzt digitalisiert“ ist. Erinnerung ist der unangenehme Spiegel, der nicht nur zeigt, wie wir aussehen, sondern auch, wie wir geworden sind – und das möglichst ohne Weichzeichnerfilter.

Das große Vergessen als Fortschrittsprogramm

Die Moderne hat eine bemerkenswerte Strategie entwickelt: Sie erklärt das Vergessen kurzerhand zur Tugend. „Schaut nach vorn!“, ruft sie mit der Begeisterung eines Motivationscoaches, der noch nie einen Geschichtsbuchdeckel geöffnet hat. Wer zu lange zurückblickt, so heißt es, stolpere nur. Eine hübsche Metapher – die allerdings unterschlägt, dass man ohne gelegentlichen Blick zurück auch gern in denselben Graben fällt, in den bereits mehrere Generationen vor einem mit bewundernswerter Konsequenz gestürzt sind.

Dabei hat das Vergessen einen entscheidenden Vorteil: Es ist bequem. Wer nichts mehr weiß, muss nichts mehr erklären. Wer sich nicht erinnert, kann jede alte Idee als brandneue verkaufen, mit einem Start-up-Logo versehen und Investoren davon überzeugen, man habe soeben das Denken neu erfunden. „Disruption“ nennt man das heute – ein Wort, das so energisch klingt, dass man fast übersieht, wie häufig es bloß bedeutet: Wir machen etwas Kaputtes jetzt schneller kaputt.

Man denke nur an jene zyklischen gesellschaftlichen Moden, die mit der Regelmäßigkeit von Grippewellen auftreten. Erst entdeckt man die Bedeutung von Gemeinschaft, dann die des Individuums, dann wieder die Gemeinschaft, diesmal aber bitte nachhaltiger und mit App. Jede Generation tut dabei so, als sei sie die erste, die diesen revolutionären Gedanken gefasst habe. Würde man ihnen erzählen, dass bereits Menschen vor zweihundert Jahren ganz ähnliche Debatten geführt haben, würden sie vermutlich irritiert nachfragen, ob diese Menschen denn wenigstens WLAN hatten.

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Erinnerung als Störenfried

Erinnerung hat ein Imageproblem. Sie ist der notorische Spielverderber auf der Party des Fortschritts, der irgendwann räuspernd darauf hinweist, dass das angeblich neu erfundene Cocktailrezept exakt jenem entspricht, an dem sich schon Onkel Ernst in den siebziger Jahren eine mittelschwere Vergiftung zugezogen hat. Niemand mag Onkel Ernst. Noch weniger mag man jemanden, der an ihn erinnert.

Denn Erinnerung relativiert den Enthusiasmus. Sie stellt Fragen, die im Glanz des Neuen unerquicklich wirken: Gab es das nicht schon einmal? Wie ist es damals ausgegangen? Und vor allem: Warum glauben wir eigentlich, diesmal werde alles anders? Fortschrittsbegeisterung hingegen lebt von einer gewissen historischen Amnesie. Sie braucht das Gefühl, Neuland zu betreten – selbst wenn dort bereits ein rostiges Schild steht, auf dem „Vorsicht, Sumpfgebiet“ geschrieben steht.

Das führt zu einer eigentümlichen Dialektik: Je schneller sich eine Gesellschaft bewegt, desto weniger Zeit nimmt sie sich für Rückschau. Und je weniger sie zurückblickt, desto öfter rennt sie mit beeindruckender Geschwindigkeit im Kreis. Man könnte das tragisch nennen, wäre es nicht so zuverlässig komisch.

Museen der Selbstberuhigung

Natürlich behauptet niemand offen, gegen Erinnerung zu sein. Wir bauen Museen, errichten Denkmäler, veranstalten Gedenktage – und entwickeln dabei eine fast religiöse Hingabe an ritualisierte Betroffenheit. Einmal im Jahr senkt man kollektiv den Blick, nickt bedeutungsvoll und geht anschließend zum Buffet. Erinnerung wird so zur moralischen Pflichtübung, sorgfältig vom Alltag getrennt wie das gute Porzellan, das man nur hervorholt, wenn Besuch kommt.

Doch echte Erinnerung ist unbequem, weil sie Konsequenzen verlangt. Sie fragt nicht nur: Was ist geschehen?, sondern auch: Was folgt daraus für uns? Genau an dieser Stelle beginnt das große Herumgedruckse. Denn Konsequenzen haben die unerquicklich praktische Eigenschaft, Verhalten verändern zu wollen. Und wer verändert schon gern sein Verhalten, wenn es doch so hübsch eingespielt ist?

So entsteht eine paradoxe Situation: Wir erinnern uns offiziell, um faktisch weitermachen zu können wie bisher. Erinnerung wird zur Beruhigungspille – geschluckt in der Hoffnung, sie möge uns von der Pflicht entbinden, tatsächlich klüger zu werden.

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Der Fortschritt und seine eingebildete Unschuld

Der Fortschritt tritt gern auf wie ein geschniegelt optimistischer Versicherungsvertreter, der verspricht, diesmal sei wirklich alles abgesichert. Seine Lieblingspose ist die der Unschuld: Was früher geschah, so suggeriert er, habe mit uns nichts mehr zu tun. Wir seien aufgeklärter, informierter, technologisch überlegen. Eine entzückende Selbsttäuschung – als hätte der Mensch mit jedem Softwareupdate auch ein moralisches Upgrade erhalten.

Dabei ist der Mensch ein erstaunlich konstantes Wesen. Er bleibt anfällig für Größenwahn, Bequemlichkeit, Gruppendenken und jene charmante Mischung aus Angst und Übermut, die ihn regelmäßig dazu bringt, Probleme erst zu ignorieren und dann dramatisch zu bekämpfen, wenn sie ungefähr die Größe eines ausgewachsenen Elefanten erreicht haben. Die Werkzeuge ändern sich, die Mechanismen kaum.

Erinnerung zerstört diese Illusion der Unschuld. Sie zeigt, dass wir weniger Neulinge sind als Wiederholungstäter mit erstaunlich schlechtem Gedächtnis. Und genau deshalb ist sie so unverzichtbar: Nicht weil sie uns beschämen soll, sondern weil sie uns davor bewahren kann, denselben Unsinn mit noch größerer Effizienz zu betreiben.

Nostalgie ist nicht Erinnerung

Nun wäre es allerdings ein Missverständnis zu glauben, jede Form des Rückblicks sei automatisch klug. Nostalgie etwa ist die Zuckerwatte unter den Gedächtnisformen: klebrig, süß und ernährungsphysiologisch vollkommen wertlos. Sie verwandelt die Vergangenheit in eine Postkarte mit Sonnenuntergang und unterschlägt dabei zuverlässig alles, was damals unerquicklich, ungerecht oder schlicht unerquicklich langweilig war.

Echte Erinnerung hingegen hat nichts Verklärendes. Sie ist eher ein Archiv mit gelegentlich schlecht beleuchteten Gängen, in denen man auf Dinge stößt, die man lieber nicht gesehen hätte. Aber genau dort liegt ihr Wert. Wer nur die „guten alten Zeiten“ beschwört, sucht keine Orientierung, sondern Trost. Und Trost ist ein schlechter Kompass für die Zukunft.

Das Gedächtnis als Werkzeugkasten

Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel: Erinnerung ist kein Bleigewicht, das uns am Voranschreiten hindert, sondern ein Werkzeugkasten. Er enthält Erfahrungen, Irrtümer, Erkenntnisse, Warnungen – und ja, auch ein paar überraschend brauchbare Ideen, die man einst verworfen hat, weil sie nicht in den Zeitgeist passten. Eine Gesellschaft ohne Erinnerung ist wie ein Heimwerker, der stolz verkündet, er baue jetzt ein Haus, habe aber vorsorglich alle Werkzeuge entsorgt, weil sie so altmodisch aussahen.

Das bedeutet keineswegs, dass man sklavisch an der Vergangenheit kleben soll. Erinnerung ist kein Anker, sondern ein Echolot. Sie sagt uns nicht, wohin wir fahren müssen, aber sie verrät uns, wo es gefährlich flach wird. Wer darauf verzichtet, darf sich nicht wundern, wenn es plötzlich knirscht.

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Die heitere Pflicht zur Selbstironie

Vielleicht ist das eigentliche Geheimnis einer zukunftsfähigen Erinnerung die Selbstironie. Die Fähigkeit, über die eigenen historischen Torheiten nicht nur betroffen zu schweigen, sondern sie auch als das zu erkennen, was sie oft waren: erstaunlich menschliche Fehlleistungen. Eine Gesellschaft, die über ihre Vergangenheit nicht einmal schmunzeln kann, wird aus ihr wenig lernen. Eine, die sie nur belächelt, allerdings auch nicht.

Zwischen Selbstanklage und Selbstgefälligkeit liegt ein schmaler Grat – aber genau dort entsteht jene Gelassenheit, die Fortschritt erst vernünftig macht. Denn wer weiß, dass Menschen seit Jahrhunderten dazu neigen, sich grandios zu überschätzen, wird die eigenen Visionen vielleicht mit einem Hauch Skepsis betrachten. Und Skepsis ist bekanntlich der Sicherheitsgurt des Denkens: unbequem, aber im Ernstfall von unschätzbarem Wert.

Ein Plädoyer gegen die modische Kurzsichtigkeit

Zukunft braucht Erinnerung – nicht als sentimentale Rückschau, sondern als intellektuelle Disziplin. Sie verlangt die Bereitschaft, sich selbst in eine längere Geschichte einzuordnen, statt sich für deren glorreichen Höhepunkt zu halten. Das mag weniger glamourös sein als die Pose des radikal Neuen, ist aber erheblich nachhaltiger.

Vielleicht sollten wir uns daran gewöhnen, Fortschritt nicht mehr als Sprint zu begreifen, sondern als Staffellauf. Wir übernehmen den Stab von Menschen, die vor uns gelaufen sind – manche klug, manche töricht, die meisten eine Mischung aus beidem. Ihn fallen zu lassen, nur weil wir glauben, schneller ohne ihn zu sein, wäre ungefähr so elegant wie tragisch.

Am Ende ist Erinnerung nichts anderes als die höfliche Weigerung, jeden Fehler persönlich wiederholen zu wollen. Sie ist ein Akt der Bescheidenheit in einer Zeit, die Bescheidenheit gern mit Rückständigkeit verwechselt. Und vielleicht liegt genau darin ihr leiser Humor: Während wir uns für ungeheuer modern halten, flüstert sie uns zu, dass Klugheit selten darin besteht, alles neu zu machen – sondern darin, endlich zu begreifen, was schon einmal schiefgegangen ist.

Wer also von Zukunft spricht, sollte vom Gedächtnis nicht schweigen. Denn eine Zukunft ohne Erinnerung wäre zwar denkbar – aber sie hätte etwas zutiefst Komisches: Sie würde aussehen wie Vergangenheit. Nur teurer, hektischer und mit besserem Marketing.

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