und warum es so laut ist
Es gibt dieses Schweigen, das nicht einfach Abwesenheit von Geräusch ist, sondern eine aktiv betriebene Disziplin: das Schweigen als Berufsethos. Man erkennt es daran, dass es immer dann zuverlässig einsetzt, wenn es unbequem wird, wenn Zahlen zu groß sind, Länder zu fern, Opfer zu wenig kompatibel mit dem gerade gepflegten moralischen Leitmotiv. Neunzig Millionen Iranerinnen und Iraner, eingesperrt in ein System aus religiöser Willkür, politischer Repression und staatlich organisierter Gewalt, sind offenbar zu viele, um gehört zu werden, und zugleich zu wenige, um sich medial zu lohnen. Wo sind sie also, die westlichen Verteidiger der Menschenrechte, die sonst mit der Empörung so schnell bei der Hand sind wie Influencer mit Rabattcodes? Wo ist der österreichische UN-Menschenrechts-Hochkommissar Volker Türk, wo sind Amnesty International, Human Rights Watch, der UN-Menschenrechtsrat? Man hört das Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste, das berühmte Schweigen im Walde. No Jews – no News, lautet die zynische Kurzformel dieses selektiven Humanismus, der seine Lautstärke nach geopolitischer Verwertbarkeit reguliert und seine Moral nach Sendezeit.
Moral als Event und Empörung nach Bedarf
Die Absurdität wird vollends grell, wenn anderswo symbolpolitische Akte gefeiert werden, die man bei nüchterner Betrachtung eher unter „Rückfall in längst überwunden Geglaubtes“ ablegen müsste. Wenn etwa – satirisch zugespitzt – in einer westlichen Metropole die erste Amtshandlung eines frischgebackenen Stadtoberhaupts darin bestünde, eine Definition von Antisemitismus so weit zu verwässern, dass uralte Boykottparolen wieder gesellschaftsfähig erscheinen, dann würde das nicht als Alarmzeichen gelten, sondern als Fortschritt verkauft. Man klatscht, weil man klatschen gelernt hat, nicht weil man verstanden hätte, was da eigentlich beklatscht wird. Moral ist zum Event geworden, Empörung zur Ressource, die man nach Bedarf aktiviert oder stilllegt. Dass Antisemitismus in neuem Gewand daherkommt, solange er nur korrekt etikettiert ist, gilt dann als Ausdruck pluralistischer Reife. Die Opfer dieser intellektuellen Akrobatik sind weniger interessant als die Pose der Empörten.
Erstens: Die Waschmaschinenchips des Weltuntergangs
Nicht genug, dass man dem Publikum seit Monaten einzureden versucht, dass ein Russland, das angeblich nicht einmal den Donbass vollständig kontrollieren könne, mit Waschmaschinenchips, Schaufeln und metaphysischem Willen innerhalb kürzester Zeit die Europäische Union überrennen werde. Diese kognitive Dissonanz wird mit einer Ernsthaftigkeit vorgetragen, die jeder Satire Hohn spricht. Entweder ist Russland militärisch inkompetent oder allmächtig – beides gleichzeitig zu behaupten, erfordert eine elastische Logik, wie sie nur in sicherheitspolitischen Talkshows gedeiht. Die permanente Beschwörung des nahenden Angriffs ersetzt Analyse durch Angst und macht aus komplexen Realitäten ein Endzeitmärchen für Fortgeschrittene.
Zweitens: Warum niemand nach Frieden fragt
Auffällig ist nicht nur, was gefragt wird, sondern was systematisch nicht gefragt werden darf. Eine angeblich objektive Journaille kennt nur eine Richtung der Neugier: Krieg. Wann eskaliert es? Wie weit kann man gehen? Wer liefert was? Die Frage, ob die Europäische Union bereit wäre für Frieden – nicht als Kapitulation, sondern als politisches Ziel –, taucht nicht auf. Frieden gilt als verdächtig, als naiv, als rhetorischer Ausrutscher. Dabei könnten nach Selenski, Macron, Merz, Boris Johnson und von der Leyen durchaus andere Zeiten kommen, vielleicht glückvollere, vielleicht nur weniger hysterische. Dass Journalismus sich nicht einmal mehr traut, diese Möglichkeit zu denken, spricht Bände über seinen inneren Zustand.
Drittens: Die Armee, die es nicht gibt, und die Grenzen, die niemand kennt
Den übelriechenden Muff der Manipulation umweht auch die ständig mitschwingende Andeutung einer EU-Armee, die selbstverständlich nie ausgesprochen wird, weil man dann erklären müsste, wovon eigentlich die Rede ist. Eine „europäische Armee“, deren Auftrag es wäre, „europäische Grenzen“ zu verteidigen – ein schönes Phantom. Denn eine solche Armee existiert nicht, und ebenso wenig existiert Einigkeit darüber, wo diese Grenzen verlaufen sollen. An den Rändern eines über Jahrhunderte ausgebeuteten Afrikas? Am Saum eines arabischen Raums, der wiederholt von völkerrechtswidrigen Angriffskriegen verwüstet wurde? An der friedlichen Grenze zur Schweiz, zu Monaco, zu Liechtenstein? Oder an den unsichtbaren Linien der geopolitischen Interessen der USA, die je nach Lage des Tages verschoben werden? Vielleicht sind es auch die Grenzen des guten Geschmacks oder jene der seriellen Grundrechtsverletzung, die derzeit irgendwo bei 59 auf einer nach oben offenen Beaufort-Skala liegen. Wer so redet, ohne zu definieren, will nicht klären, sondern konditionieren.
Die Aberkennung der Unschuldsvermutung
Aus all diesen Gründen entziehen wir größeren EU-Medien im neuen Jahr die Unschuldsvermutung, die ihnen bislang aus wohlwollender Naivität zugestanden wurde. Wer im Januar 2026 informiert, argumentiert und fragt, als hätte ihn das Augusterlebnis 1914 ereilt, verdient nicht mehr den Bonus des Irrtums. Das ist kein Ausrutscher, das ist Methode. Der Gipfel der Lächerlichkeit ist erreicht, wenn ein Sender wie Euronews eine manipulative Meinungserhebung mit dem Bild einer EU-Kommissionspräsidentin illustriert, die mit Kriegsorganisation ungefähr so viel zu tun hat wie eine baskenbemützte Schweizer Garde mit globaler Geopolitik. Grimassierend, mit abgewandtem Blick, paradiert sie durch das Bildarchiv, während die Realität irgendwo anders stattfindet.
Hoffnung aus der Verweigerung
Das einzig Hoffnungsvolle im Elend dieses intellektuellen und ethischen Bankrotts sind jene 74 Prozent, die der EU und ihren Medien unmissverständlich mitteilen, dass sie keineswegs bereit oder willens sind, die von oben verordnete Kriegsphantasie widerstandslos zu internalisieren. Unsere Hoffnung für das neue Kalenderjahr ruht nicht auf der Hirnleere gesellschaftlicher Minderheiten, sondern auf dieser stillen Mehrheit, die den narrativen Stahlgewittern trotzt und sich den vollständigen Verlust des gesunden Menschenverstandes verweigert. Und ja, auch auf den acht Prozent, die mit „Weiß nich“, „Mir egal“, „Geh mir aus der Sonne“, „Hääwas?“, „Sorry, Bro, Kopfhörer drin!“ geantwortet haben. In einer Welt der Dauererregung ist selbst Desinteresse manchmal eine Form von Widerstand.