Willkommen in der woken Apartheid

Man betritt den Campus, jenen ehrwürdigen Ort der Aufklärung, und wähnt sich noch immer im Geiste Humboldts, wo Bildung die Fesseln der Herkunft sprengen und das Argument mehr zählen sollte als die Abstammung. Doch plötzlich hängt am digitalen Schwarzen Brett der neuen Zeit ein Schild, unsichtbar und doch wirksam: Zutritt nur für die richtig Zugeordneten. Die Universität, einst eine Maschine zur Universalisierung des Denkens, entdeckt die Segnungen der Segmentierung. Nicht mehr Was denkst du? ist die Frage, sondern wer darf wo denken? – und vor allem: mit wem, und unter Ausschluss welcher Melaninwerte.

Die Ironie dabei ist so dick aufgetragen, dass man sie mit dem Mensalöffel schneiden könnte: Ausgerechnet im Namen des Antirassismus wird wieder sortiert, getrennt, kategorisiert. Natürlich geschieht dies nicht plump biologisch, bewahre, sondern fein sozialkonstruktivistisch veredelt. Man trennt nicht Menschen, man trennt „Erfahrungsräume“. Man schließt nicht aus, man „schafft sichere Räume“. Die Sprache ist das Duftspray, das den alten Geruch der Diskriminierung überparfümiert. Der Türsteher der Zukunft trägt kein Maßband für Nasenlängen, sondern ein Glossar aus den Cultural Studies.

Die hohe Kunst der wohlmeinenden Ausgrenzung

Es gehört zu den Meisterleistungen moderner Moralarchitektur, dass man Ausschluss als Fürsorge verkaufen kann. Früher war Diskriminierung das schmutzige Geschäft derer, die glaubten, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft weniger wert. Heute ist sie das pädagogische Projekt jener, die glauben, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft so besonders, so verletzlich, so anders, dass man sie besser voneinander trennt. Das Ergebnis sieht von außen verblüffend ähnlich aus, aber die Gesinnung ist selbstverständlich eine andere – und Gesinnung, so lernt man, ist alles.

Der aufgeklärte Student von heute lernt also: Gleichheit ist gut, aber nicht immer; Trennung ist schlecht, aber manchmal heilsam; Hautfarbe ist irrelevant, außer wenn sie hochrelevant ist. Es ist ein dialektisches Ballett, bei dem man gleichzeitig behauptet, Kategorien seien soziale Konstrukte, und sie dann mit administrativer Präzision anwendet. Man könnte fast meinen, der Mensch sei weniger Individuum als wandelnde Schnittstelle verschiedener Identitätscluster, deren Zutrittsrechte situativ freigeschaltet werden.

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Der Campus als moralisches Escape Room

Der universitäre Raum verwandelt sich damit in eine Art moralischen Escape Room. Überall Hinweise, Regeln, Codes: Wer darf sprechen? Wer sollte zuhören? Wer muss schweigen? Wer ist betroffen? Wer ist privilegiert? Der Weg zur richtigen Tür führt nicht mehr über Neugier, sondern über Selbstverortung im Koordinatensystem aus Schuld und Betroffenheit. Und wehe dem, der den falschen Raum betritt – nicht aus Bosheit, sondern aus schlichter Unwissenheit. Er findet sich schneller in einem sozialen Verhör wieder als in einer Vorlesung.

Das Tragikomische ist, dass diese neue Ordnung aus einem durchaus nachvollziehbaren Impuls erwächst: dem Wunsch, historische und gegenwärtige Ungleichheiten ernst zu nehmen. Doch wie so oft in der Ideengeschichte kippt ein legitimes Anliegen ins Karikaturhafte, wenn es absolut gesetzt wird. Dann wird aus Sensibilität eine Überempfindlichkeit und aus Gerechtigkeit eine ritualisierte Zuteilung von Rede- und Schweigerechten nach Gruppenetikett.

Die Rückkehr der Schubladen

Man hatte geglaubt, die großen Emanzipationsbewegungen hätten die starren Schubladen des 19. und 20. Jahrhunderts zumindest gelockert. Der Traum war doch, dass Hautfarbe eines Tages so langweilig würde wie Augenfarbe. Nun erlebt die Schublade ein Comeback, diesmal im Designerlook. Sie heißt nicht mehr „Rasse“, sondern „Positioniertheit“, nicht mehr „Trennung“, sondern „Safer Space“. Doch sie bleibt eine Schublade: Sie sagt dir vorab, was du wahrscheinlich erlebt hast, was du fühlen dürftest und wo dein Platz im Gespräch ist.

Der satirische Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Generation, die zu Recht gegen plumpe Vorurteile erzogen wurde, nun beginnt, hochkomplexe Vorurteile 2.0 zu kultivieren – theoretisch unterfüttert, sprachlich geschniegelt, moralisch aufgeladen. Das Vorurteil sagt nicht mehr: „Du bist so, weil…“, sondern: „Deine Perspektive ist begrenzt, weil…“ – was höflicher klingt, aber ebenfalls vorsortiert.

Augenzwinkern im Identitätslabyrinth

Und doch wäre es zu einfach, nur den moralischen Zeigefinger zu heben. Die ganze Szenerie hat auch etwas zutiefst Menschliches, ja Rührendes. Junge Menschen ringen ernsthaft darum, eine gerechtere Welt zu bauen, und greifen dabei zu Werkzeugen, die manchmal mehr mit symbolischer Hygiene als mit praktischer Verbesserung zu tun haben. Man will niemanden verletzen, niemanden übergehen, niemanden unsichtbar machen – und produziert dabei neue Unsichtbarkeiten und neue stille Frustrationen.

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Vielleicht ist das die ewige Komödie des Fortschritts: Jede Generation entdeckt die Ungerechtigkeiten der vorherigen und erfindet mit großem Ernst neue, subtilere Varianten. Die Universität bleibt dabei, trotz allem, ein Labor – nicht nur für Erkenntnis, sondern auch für Irrtümer. Und Irrtümer, so unerquicklich sie im Moment sein mögen, sind immerhin demokratischer als Dogmen.

Am Ende könnte die leise Hoffnung stehen, dass der Pendel auch wieder zurückschwingt: zu einem Universalismus, der Unterschiede anerkennt, ohne Menschen darauf zu reduzieren; zu einem Antirassismus, der ohne neue Rassifizierung auskommt; zu einem Campus, auf dem die spannendste Frage wieder ist, was jemand zu sagen hat, nicht als wer er spricht. Bis dahin aber bleibt dem Feuilletonisten nur, das Schauspiel mit spitzer Feder zu begleiten – und sich zu wundern, wie erfinderisch der Mensch darin ist, sich selbst in Kategorien einzusperren, während er lautstark von Befreiung spricht.

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