Willkommen im postbiologischen Zeitalter

Man stelle sich einen großen, hell ausgeleuchteten Saal vor, gefüllt mit Abgeordneten, die entschlossen wirken wie Menschen, die wissen, dass sie gerade Geschichte schreiben – oder zumindest eine Version davon, die sich später in besonders geschmeidigen Pressemitteilungen zitieren lässt. Am 12. Februar 2026 beschloss das Europäische Parlament mit 340 zu 141 Stimmen eine Entschließung zu den EU-Prioritäten für die UN-Frauenrechtskommission, deren eigentlicher Kern sich ungefähr so zusammenfassen lässt: Realität ist wichtig, aber bitte nur, solange sie niemanden irritiert.

Im Zentrum stand die umfassende Anerkennung von Trans-Frauen als Frauen in der EU-Politik – ein Anliegen, das politisch inzwischen so obligatorisch vorgetragen wird wie die Sicherheitsansage vor dem Start eines Flugzeugs. Gleichzeitig wurde ein Änderungsantrag verworfen, der festhalten wollte, dass nur biologische Frauen schwanger werden können. 233 Abgeordnete fanden offenbar, dass diese Feststellung zu viel Feststellung enthalte. Man könnte sagen: Nicht die Biologie wurde problematisch – sondern ihre schlechte Angewohnheit, sich so endgültig auszudrücken.

So betrat Europa endgültig die große Bühne des postbiologischen Denkens, wo Tatsachen nicht mehr falsch sein müssen, um politisch unpraktisch zu wirken.

Die Revolution beginnt im Wörterbuch

Frühere Revolutionen hatten Barrikaden, heutige haben Glossare. Statt Pflastersteinen fliegen Definitionen, statt Kanonendonner hört man das leise Rascheln neu formulierter Leitlinien. Und irgendwo zwischen „inklusiv“, „umfassend“ und „sensibel“ wird Sprache zur freundlich lächelnden Grenzbeamtin, die entscheidet, welche Wirklichkeit einreisen darf.

Der abgelehnte Satz – dass Schwangerschaft ausschließlich Frauen betrifft – wirkt dabei wie ein Fossil aus einer Zeit, in der Wörter noch den Ehrgeiz hatten, etwas Konkretes zu bezeichnen. Natürlich hätte man ihn stehen lassen können; niemand wäre spontan schwanger geworden vor Empörung. Doch moderne Politik vermeidet Aussagen nicht deshalb, weil sie falsch sind, sondern weil sie jemanden traurig machen könnten, und Traurigkeit ist bekanntlich der Anfang aller schlechten Schlagzeilen.

Es ist ein bemerkenswerter Wandel: Früher rang Politik mit der Realität, heute ringt sie mit Formulierungen über die Realität. Die Wirklichkeit selbst darf derweil draußen warten, bis man sich auf eine weniger exklusive Beschreibung geeinigt hat.

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Mehrheiten gegen die Schwerkraft

233 Stimmen gegen die explizite Bestätigung eines biologischen Bezugs – das hat etwas fast Rührendes. Es erinnert an jene Momente, in denen ein Klassenzimmer kollektiv beschließt, dass die Schwerkraft eigentlich ein wenig überbewertet ist. Man kann schließlich auch fallen, ohne es so negativ zu benennen.

Natürlich glaubt niemand ernsthaft, dass parlamentarische Mehrheiten Chromosomen neu sortieren. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um Signale, um moralische Selbstverortung, um das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – selbst wenn diese Seite gelegentlich so schnell wechselt wie ein Bahnsteiggleis in einer italienischen Kleinstadt.

Der moderne Fortschritt hat nämlich eine elegante Logik: Wenn eine Tatsache gesellschaftlich heikel wird, dann erklärt man nicht die Tatsache für falsch – man erklärt ihre Erwähnung für unsensibel. Das Ergebnis ist eine politische Kultur, in der Schweigen als Form der Höflichkeit gilt und Präzision schnell wie ein sozialer Fehltritt wirkt.

Die große Kunst des Nicht-Sagens

Die Entschließung ist nicht bindend, was politisch ungefähr bedeutet: Sie verändert nichts unmittelbar, signalisiert aber alles. Es ist das diplomatische Äquivalent zu einem sehr ernsten Nicken. Niemand muss etwas tun, aber alle sollen verstehen, wie man künftig zu denken hat – oder zumindest, wie man darüber spricht.

So entsteht eine neue Meisterdisziplin parlamentarischer Rhetorik: das strategische Weglassen. Man sagt nicht, dass Schwangerschaft auch biologische Voraussetzungen hat; man sagt einfach nichts dazu. Und nichts ist bekanntlich die flexibelste aller Positionen.

Man könnte das als Triumph der Rücksicht interpretieren. Oder als höfliche Kapitulation vor der Komplexität. Oder als Versuch, Konflikte zu lösen, indem man die Wörter weich genug macht, dass niemand mehr genau weiß, worüber gestritten wurde.

Europa perfektioniert hier eine alte kontinentale Tugend: den Kompromiss, so fein destilliert, dass er nicht mehr nach Kompromiss schmeckt, sondern nach moralischer Klarheit.

Politik als Wellnessbereich für das Gewissen

Es hat etwas zutiefst Beruhigendes, zu beobachten, wie Institutionen versuchen, maximale Inklusivität zu erreichen. Wer wollte schon öffentlich für Exklusivität plädieren? Das klingt ungefähr so sympathisch wie ein Vorschlag zur Wiedereinführung der Pocken.

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Und doch liegt über der Szene ein Hauch gepflegter Absurdität. Denn während man bemüht ist, niemanden sprachlich auszuschließen, schleicht sich eine leise Frage durch den Saal: Gibt es einen Punkt, an dem Begriffe so weit gedehnt werden, dass sie eher an metaphysische Vorschläge erinnern als an Beschreibungen der Welt?

Vielleicht ist genau das der Preis moderner Gesellschaften – dass sie ständig neu aushandeln müssen, wie viel Realität eine Formulierung verträgt, ohne als unhöflich zu gelten. Politik wird damit ein wenig zum Yoga-Kurs für Begriffe: dehnen, atmen, weiter dehnen, und bitte keine ruckartigen Bewegungen.

Der Fortschritt marschiert, die Klarheit humpelt hinterher

Man sollte diese Abstimmung weder als Untergang des Abendlandes dramatisieren noch als endgültige Erleuchtung feiern. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach zeigt, wie nervös unsere Epoche geworden ist. Eine Epoche, die verzweifelt human wirken will und dabei gelegentlich so vorsichtig formuliert, dass selbst Offensichtliches wie ein potenzieller Fauxpas erscheint.

Das Europäische Parlament wirkt dabei wie ein sehr engagierter Gastgeber, der um jeden Preis vermeiden möchte, dass sich jemand unwohl fühlt – und deshalb irgendwann beschließt, die Möbel abzuschaffen, weil man sich an ihnen stoßen könnte.

Und doch steckt darin auch etwas Bewundernswertes: der beinahe heroische Wille, eine Sprache zu finden, die niemanden verletzt. Dass diese Sprache gelegentlich klingt, als sei sie von einem besonders empfindsamen Algorithmus redigiert worden, gehört vermutlich zum Zeitgeist.

Epilog aus der Abteilung für milde Verwirrung

Was bleibt also vom 12. Februar 2026? Vielleicht die Erkenntnis, dass politische Moderne weniger darin besteht, die Welt zu verändern, als darin, ihre Beschreibung so zu gestalten, dass sie moralisch möglichst reibungslos wirkt.

War es Fortschritt? Für viele sicher. War es verwirrend? Ebenfalls. War es ein kleines Meisterstück institutioneller Selbstvergewisserung? Ohne Zweifel.

Am Ende könnte man den Tag so zusammenfassen: Europa hat gezeigt, dass man mit genügend gutem Willen sogar um Tatsachen einen großen höflichen Bogen schlagen kann – nicht aus Ignoranz, sondern aus dem fast rührenden Wunsch heraus, ein Kontinent zu sein, auf dem sich möglichst jeder wiederfindet, zumindest grammatikalisch.

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Und während draußen weiterhin Kinder geboren werden, völlig unbeeindruckt von parlamentarischen Formulierungen, lehnt sich Europa zufrieden zurück, wischt sich den semantischen Staub von den Händen und denkt vermutlich: Wenn schon die Wirklichkeit kompliziert ist, dann soll wenigstens die Sprache nett sein.

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