Eine kleine Theorie des politischen Aufstiegs im Spiegel der Taube
Es beginnt, wie so vieles beginnt, im vermeintlich Harmlosen: zwei Taubenzüchter, die sich über ihr Gefieder beugen, während die Tiere in jener Mischung aus Vertrauen und taktischer Berechnung Körner picken, die man gemeinhin als „natürlich“ bezeichnet, alldieweil sie in Wahrheit bereits eine Schule des Sozialverhaltens darstellt, die dem menschlichen Pendant in nichts nachsteht. „Tauben sind wie Politiker“, sagt der eine, und der andere, noch gefangen im naiven Glauben an die kategoriale Differenz zwischen Tier und Amtsträger, fragt nach. Die Antwort fällt so schlicht wie entlarvend aus: „Solange sie unten sind, fressen sie einem aus der Hand, aber wenn sie oben sind, bescheißen sie uns!“ – ein Satz, der, wäre er nicht im Kontext eines Taubenschlags gefallen, vermutlich längst Eingang in die Lehrbücher der politischen Anthropologie gefunden hätte, irgendwo zwischen Machiavelli und der resignierten Randbemerkung eines Gemeinderatsprotokolls.
Die Dialektik des Aufstiegs
Was hier im rustikalen Tonfall ausgesprochen wird, ist nichts weniger als die Dialektik des Aufstiegs, jene feine, kaum wahrnehmbare Verschiebung vom Bittsteller zum Entscheidungsträger, vom Körnerpicker zum Dachfirstbewohner. Der Aufstieg, so lehrt die Geschichte in zahllosen Variationen, ist kein bloßer Ortswechsel, sondern eine Transformation der Perspektive: unten ist die Welt konkret, greifbar, körnig; oben hingegen wird sie abstrakt, strategisch, gelegentlich auch flüchtig – und vor allem: distanziert. „Die Macht korrumpiert nicht“, ließ sich ein nicht näher benannter Staatsphilosoph zitieren, „sie entlarvt lediglich die bereits vorhandene Elastizität des Gewissens.“ Die Taube, die eben noch zutraulich am Boden pickte, wird in der Höhe nicht etwa zu einem anderen Wesen, sondern zu einer konsequenten Ausführung dessen, was zuvor nur in Ansätzen sichtbar war: Opportunismus, gepaart mit einem erstaunlich präzisen Zielvermögen.
Die Analogie ist so bestechend wie unerquicklich. Denn sie impliziert, dass die viel beschworene „Nähe zum Volk“ – ein Ausdruck, der in Wahlkampfzeiten so zuverlässig auftaucht wie die Tauben auf dem Marktplatz – weniger eine moralische Qualität darstellt als eine temporäre Notwendigkeit. Unten zu sein heißt, angewiesen zu sein; oben zu sein bedeutet, sich leisten zu können, nicht mehr angewiesen zu sein. Und wer nicht mehr angewiesen ist, so scheint es, entwickelt eine bemerkenswerte Freiheit im Umgang mit jenen, die es noch sind.
Füttern als politisches Grundverhältnis
Das Füttern, in der Szene der Taubenzüchter noch eine konkrete Handlung, wird im übertragenen Sinne zum Grundverhältnis zwischen Regierten und Regierenden. „Man gibt ihnen, was sie brauchen, damit sie bleiben, wo sie sind“, könnte ein zynischer Beobachter formulieren, und tatsächlich erinnert so mancher sozialpolitische Diskurs an das sorgfältige Ausstreuen von Körnern: genug, um die Aufmerksamkeit zu sichern, nicht genug, um die Abhängigkeit zu beenden. Die Taube, die frisst, ist dankbar – oder zumindest wirkt sie so. Der Politiker, der empfängt, gibt sich demütig – oder zumindest wirkt er so.
Doch sobald sich die Rollen verschieben, sobald aus dem Gefütterten derjenige wird, der über die Verteilung der Körner entscheidet, verändert sich auch die Grammatik der Beziehung. Aus der Bitte wird eine Ankündigung, aus der Ankündigung eine Maßnahme, aus der Maßnahme eine Notwendigkeit. „Es geht nicht anders“, heißt es dann, jener universelle Satz, der jede Kritik im Keim ersticken soll, weil er den Anschein von Sachzwang erweckt. Die Taube auf dem Dach kennt keinen Sachzwang, aber sie kennt die Schwerkraft – und offenbar auch die ideale Position, um sich ihrer zu entledigen.
Der Mythos der Höhe
Die Höhe, so ließe sich einwenden, ist nicht per se verdächtig. Schließlich ermöglicht sie Überblick, Weitsicht, strategisches Denken – all jene Eigenschaften, die in der politischen Theorie als Tugenden gelten. „Nur von oben erkennt man die Zusammenhänge“, heißt es in zahllosen Sonntagsreden, und es stimmt ja auch: Von oben sieht man mehr. Man sieht allerdings auch weniger Details, weniger Gesichter, weniger konkrete Konsequenzen. Die Taube, die vom Dachfirst aus agiert, sieht nicht mehr den einzelnen Züchter, sondern nur noch eine abstrakte Fläche, auf die sich trefflich etwas fallen lassen lässt.
Hier liegt die eigentliche Pointe der Anekdote: Nicht die Höhe an sich ist das Problem, sondern die Kombination aus Höhe und Vergessen. Vergessen wird, wie es war, unten zu sein; vergessen wird, wie sich Abhängigkeit anfühlt; vergessen wird, dass die Körner, die einst so großzügig gereicht wurden, nicht aus dem Nichts kamen, sondern von jemandem aufgebracht wurden, der nun, nun ja, unterhalb des Dachfirsts steht. „Das Gedächtnis der Macht ist kurz“, bemerkte einst ein Chronist, „aber ihre Auswirkungen sind von erstaunlicher Persistenz.“
Exkremente als Kommunikationsform
Man könnte versucht sein, die Pointe des Taubenzüchters als bloße Derbheit abzutun, als ländlichen Humor, der sich an derben Bildern erfreut. Doch gerade in dieser Derbheit liegt eine eigentümliche Präzision. Denn das „Bescheißen“ ist hier nicht nur metaphorisch gemeint, sondern verweist auf eine Form der Kommunikation, die einseitig, unerbeten und kaum zu übersehen ist. Es ist eine Botschaft ohne Dialog, ein Akt ohne Rechenschaftspflicht. Die Taube fragt nicht, ob es genehm ist; sie handelt.
Übertragen auf die politische Sphäre ergibt sich ein Bild, das ebenso unerquicklich wie vertraut ist: Entscheidungen werden getroffen, Maßnahmen verkündet, Konsequenzen verteilt – und die Betroffenen haben die zweifelhafte Ehre, die Ergebnisse entgegenzunehmen. „Man kann es nie allen recht machen“, lautet dann die Standardformel, die zugleich Entschuldigung und Freibrief ist. Und während unten noch darüber diskutiert wird, ob es sich um ein Versehen, ein Missverständnis oder eine systemische Notwendigkeit handelt, hat sich oben längst die nächste Taube in Position gebracht.
Die tröstliche Komik des Unveränderlichen
Und doch, bei aller Schärfe der Diagnose, bleibt ein Rest von Komik, der sich nicht ganz vertreiben lässt. Vielleicht liegt es daran, dass die Analogie so offensichtlich ist, so beinahe kindlich klar, dass sie den Anspruch auf tiefe Enthüllung gar nicht erst erhebt. „Es ist doch alles längst bekannt“, könnte man sagen, und genau darin liegt der Trost: Im Wiedererkennen, im gemeinsamen Schmunzeln über eine Wahrheit, die so alt ist wie die ersten Dächer und die ersten Tauben.
Die beiden Züchter, die ihre Körner ausstreuen und ihre Beobachtung teilen, stehen damit in einer langen Tradition von Kommentatoren, die mit einfachen Bildern komplexe Verhältnisse beschreiben. Ihre Pointe ist keine Lösung, kein Reformprogramm, keine Utopie – sie ist eine Feststellung. Und vielleicht ist gerade diese Bescheidenheit das, was ihr eine gewisse Würde verleiht. Denn während oben die großen Worte bemüht werden, bleibt unten zumindest die Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen – auch wenn dieser Name gelegentlich ein wenig nach Taubenschlag klingt.
So endet die Szene, wie sie begonnen hat: mit zwei Menschen, ein paar Tauben und einer Einsicht, die ebenso unerquicklich wie erhellend ist. Dass sich daran so schnell etwas ändert, wäre eine kühne Hoffnung. Doch immerhin: Solange noch gefüttert wird, besteht die Möglichkeit, hin und wieder innezuhalten und zu beobachten, wer gerade wo sitzt – und was von dort aus nach unten gelangt.