(Voll)Kofer, der. Derber Wiener Dialektausdruck

Es gibt politische Skandale, die sind laut, schrill, grell ausgeleuchtet wie eine Silvesterrakete im Novemberhimmel. Und es gibt jene, die leise daherkommen, fast unscheinbar, beiläufig – ein Foto, ein Lächeln, zwei Koffer. Bremen, eine Holocaust-Ausstellung, zwei Politikerinnen, die posieren, feixen, als hätten sie gerade im Fundus eines Theaters eine besonders gelungene Requisite entdeckt. Man liest es einmal und denkt: Das kann nicht stimmen. Man liest es zweimal und merkt: Doch, es stimmt. Und plötzlich kippt die Szenerie von der Groteske in die Farce, von der Farce ins Beklemmende. Denn Koffer sind in diesem Kontext keine Accessoires. Sie sind letzte Habe. Gepackte Illusion. Geronnene Hoffnung. Ein Gepäckstück als Verdichtung des Satzes: „Man hat uns gesagt, wir dürften nur das Nötigste mitnehmen.“ Und nun stehen da gewählte Vertreterinnen des demokratischen Gemeinwesens, lachen in die Kamera und spielen Kulisse.

Es ist dieser Moment, in dem man begreift, wie sehr sich politische Milieus in ihren eigenen Echokammern eingerichtet haben. Man sieht förmlich den inneren Zirkel vor sich, das selbstgewisse Schulterklopfen, das Augenzwinkern unter Eingeweihten: Ach, war doch nur ein Spaß. Ein Schnappschuss. Ein Augenblicksaussetzer. Dieses Wort allein ist eine philologische Meisterleistung. Augenblicksaussetzer – als habe kurz die Schwerkraft pausiert, als sei das moralische Koordinatensystem für drei Sekunden in den Energiesparmodus gegangen. Es klingt nach einem kleinen Stolperer auf dem Teppich der eigenen Tugendhaftigkeit, nicht nach einem fundamentalen Missverständnis dessen, was Erinnerungskultur überhaupt bedeutet.

Und selbstverständlich folgte die Liturgie der Gegenwart: Das Foto wurde gelöscht, die Entschuldigung formuliert, das Vokabular der Reue aus dem Baukasten zusammengesetzt. „Unangemessen.“ „Dumm.“ „Tut uns leid.“ Man kennt die Dramaturgie. Erst das Bild, dann die Empörung, dann das digitale Verschwinden, schließlich die ritualisierte Bußübung. Der Skandal als wiederkehrendes Sakrament. Was fehlt, ist nicht die Einsicht in die Peinlichkeit, sondern die Erkenntnis der Fallhöhe. Wer sich politisch und moralisch als Hüterin der Erinnerungskultur inszeniert, kann nicht gleichzeitig so tun, als sei diese Kultur eine dekorative Tapete, vor der man kurz Grimassen schneidet.

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Hier offenbart sich ein Milieu, das sich selbst für aufgeklärt, sensibel und historisch durchdrungen hält – und gerade darin eine eigentümliche Blindheit kultiviert. Denn es ist nicht der offen erklärte Zynismus, der hier erschreckt. Es ist die naive Selbstverständlichkeit, mit der man glaubt, sich alles erlauben zu dürfen, weil man ja „auf der richtigen Seite“ steht. Als sei die eigene Gesinnung eine Art moralischer TÜV-Stempel, der jede Geschmacklosigkeit im Vorhinein beglaubigt. Wer so denkt, hat Erinnerung nicht verstanden als Verpflichtung, sondern als Distinktionsmerkmal. Man trägt sie wie ein Abzeichen am Revers – bis man sie versehentlich als Requisit benutzt.

Wie schnell würden dieselben Stimmen sich empören, sähen sie Jugendliche, die lachend vor den Toren eines ehemaligen Konzentrationslagers Selfies machen. Wie schneidend wäre der Ton, wie streng die Belehrung, wie unnachgiebig die Forderung nach Sensibilität. Und nicht zu Unrecht. Aber genau darin liegt der Kern des Problems: Die moralische Messlatte wird mit Hingabe an andere angelegt, nur um sie bei sich selbst als flexible Dekoration zu behandeln. Man predigt die Unantastbarkeit der Geschichte und verwechselt sie im nächsten Moment mit einer Fotobox auf dem Sommerfest der eigenen Überzeugungen.

Politikerinnen und Politiker treten heute gern auf wie ein neuer Adel, demokratisch legitimiert, aber innerlich überzeugt von einer höheren Einsicht. Man weiß es besser, man fühlt es richtiger, man steht auf der Seite des Guten. Und wer auf der Seite des Guten steht, so scheint es, darf sich kleine Entgleisungen leisten – sie werden schon als „menschlich“ verbucht werden. Ja, Menschen machen Fehler. Aber wer sich zur moralischen Instanz erhebt, wer andere mit erhobenem Zeigefinger sortiert, bewertet, einordnet, der sollte wissen: Die Höhe des Podests bestimmt die Wucht des Sturzes. Wer die Latte für alle anderen hochlegt, muss damit leben, dass sie für ihn selbst noch ein Stück höher rutscht.

Es geht dabei nicht um eine inquisitorische Lust am Rücktritt um des Rücktritts willen. Es geht um die schlichte Frage, was politische Verantwortung im symbolischen Raum bedeutet. Erinnerungskultur ist kein Eventmodul, kein Programmpunkt zwischen Sektempfang und Pressefoto. Sie ist der Versuch, das Unfassbare wenigstens ernst zu nehmen. Wer sie zur Kulisse degradiert, auch nur für einen „Augenblick“, zeigt weniger Bosheit als Gedankenlosigkeit – und gerade diese Gedankenlosigkeit ist es, die beunruhigt. Denn sie verrät eine Routine im Umgang mit dem moralisch Höchsten, die so abgeklärt ist, dass sie den eigenen Fehltritt gar nicht mehr kommen sieht.

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Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: nicht das Lachen auf dem Foto, sondern das selbstverständliche Gefühl, man könne sich das leisten. Dass es schon irgendwie eingehegt, eingeordnet, entschuldigt werden wird. Dass ein paar wohlgesetzte Sätze genügen, um die Angelegenheit in den Ordner „Missverständnisse“ zu verschieben. (Rück)TRITT – das Wort steht da wie eine Provokation. Nicht zwingend als personelle Konsequenz, sondern als intellektuelle Forderung: einen Schritt zurücktreten. Abstand gewinnen. Sich selbst nicht als Hohepriesterin der Moral begreifen, sondern als fehlbaren Menschen, der gerade deshalb doppelt aufmerksam sein muss.

Denn Erinnerung ist kein Besitzstand. Sie ist eine Verpflichtung. Und wer sie politisch verwaltet, sollte wenigstens wissen, dass ein Koffer in einer Holocaust-Ausstellung kein Accessoire ist. Sondern ein stiller Vorwurf an jede Gegenwart, die glaubt, sie sei bereits aufgeklärt genug.

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