Theaterdonner im Glaspalast

Brüssel, jene Stadt, in der selbst der Nieselregen institutionelle Würde besitzt, hat wieder einmal erlebt, wie aus diplomatischem Flüstern ein barockes Donnerwetter wird. Die Europäische Union wollte neue Sanktionen gegen Russland beschließen, dazu milliardenschwere Hilfen für die Ukraine, geschniegelt und gebügelt im Geiste jener historischen Ernsthaftigkeit, die man sich in Sonntagsreden so gerne leiht. Doch am Ende stand – wie so oft – ein einzelner Mann mit verschränkten Armen im Ratssaal und sagte: Nein. Und dieses Nein hallte lauter als sämtliche Pathosformeln der Gipfelerklärungen. Der Mann heißt Viktor Orbán, Ministerpräsident von Ungarn, und er scheint sich in Brüssel inzwischen als eine Art institutionalisierte Gegenwartskritik zu verstehen.

Es ist die klassische Szene: 26 Staaten stimmen, einer nicht. Und plötzlich ist Europa wieder jene fragile Konstruktion, die im Ernstfall an der Sollbruchstelle der Einstimmigkeit zerschellt. Statt eines umfassenden Pakets gibt es nun, wie es heißt, ein 100-Millionen-Euro-Nothilfeprogramm für die ukrainische Energie-Infrastruktur – ein politischer Trostpreis, der klingt wie die diplomatische Version eines aufmunternden Schulterklopfens. „Mehr war leider nicht drin.“ Man möchte fast hinzufügen: „Danke fürs Mitspielen.“

Der einsame Rebell und die fütternde Hand

In Berlin und Straßburg reagiert man mit jener Mischung aus Empörung und moralischer Selbstvergewisserung, die in Europa zum guten Ton gehört. Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Daniel Freund fordern den Entzug der Stimmrechte Ungarns im Rat. Artikel 7 des EU-Vertrags wird aus der juristischen Mottenkiste gezogen, wie ein antikes Schwert, das man gerne schwingt, obwohl man weiß, dass es rostet. Die Einstimmigkeit der übrigen Staaten wäre nötig, um Ungarn wegen „schwerwiegender und anhaltender Verletzung der Rechtsstaatlichkeit“ die Stimme zu nehmen. Einstimmigkeit – jenes Wort, das in Brüssel so klingt wie „Einhorn“ in der Zoologie.

Strack-Zimmermann formuliert es drastisch: Orbán beiße die Hand, die ihn seit Jahren füttere. Ein Bild, das in seiner bäuerlichen Direktheit besticht. Europa als gutmütiger Futterspender, Ungarn als störrischer Hofhund mit Hang zur Selbstermächtigung. Man könnte auch sagen: ein Hund, der gelernt hat, dass der Napf nur dann voller wird, wenn man laut genug knurrt. Der Vorwurf, Orbán nehme EU-Gelder an und stelle sich gleichzeitig gegen europäische Werte, ist moralisch schlüssig – und politisch unerquicklich banal. Denn genau darin liegt die Tragikomödie dieser Union: Sie ist ein Werteprojekt mit Haushaltsplan, eine Moralmaschine mit Subventionsprogramm.

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Und während in Brüssel „loyale Zusammenarbeit“ beschworen wird, wirkt Orbán wie der einzige, der den Text des Vertrags nicht als liturgische Dichtung liest, sondern als Verhandlungsspielraum. Dass er dabei gerne in der Nähe Wladimir Putins gesehen wird, ist mehr als nur ein symbolisches Ärgernis; es ist die geopolitische Reizfigur in Reinform. Der ungarische Premier inszeniert sich als Verteidiger nationaler Souveränität gegen eine angeblich übergriffige Brüsseler Zentrale – und Brüssel liefert ihm mit jedem empörten Brief ein neues Requisit.

Artikel 7 oder Die Kunst des stumpfen Schwerts

Artikel 7, dieses juristische Damoklesschwert, hängt seit Jahren über Budapest – und schwingt doch nicht. Denn um es fallen zu lassen, bräuchte es die Einstimmigkeit aller anderen Mitgliedstaaten. Dass die Slowakei unter Robert Fico in vielen Fragen an der Seite Ungarns steht, macht die Sache kompliziert. Europa droht mit Konsequenzen, während es gleichzeitig weiß, dass die Hürden so hoch sind wie die eigenen Ansprüche. Man ruft nach Sanktionierung des Sanktionierers und merkt, dass das Regelwerk eher für Harmonie als für Scheidung entworfen wurde.

So entsteht eine eigentümliche Komik: Die EU, die sich gern als geopolitischer Akteur versteht, ringt im Innern um Mehrheiten wie ein zerstrittener Chor, der sich nicht auf die Tonart einigen kann. Jeder weiß, dass man geschlossen auftreten müsste, doch jeder weiß auch, dass Geschlossenheit hier nicht erzwungen, sondern erbeten werden muss. Und Bitten sind, wie wir wissen, eine schwache Währung in Zeiten harter Interessen.

Pipelinepolitik und die Geografie der Empfindlichkeit

Offiziell begründet Ungarn seine Blockade mit dem Stopp russischer Öllieferungen über die Druschba-Pipeline durch die Ukraine. Budapest wirft Kiew vor, den Transit politisch zu blockieren. Die Ukraine wiederum spricht von russischen Bombardierungen als Ursache der Unterbrechung. Wahrheit wird in diesem Konflikt zu einem Rohstoff, der mindestens so umkämpft ist wie das Öl selbst. António Costa möchte mit Wolodymyr Selenskyj sprechen, um die Sache zu klären – als ließe sich Geopolitik durch ein gut geführtes Telefongespräch entwirren.

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Man könnte zynisch fragen: Ist es die Pipeline, die blockiert wird, oder ist es Europa selbst, das sich im Geflecht seiner Energieabhängigkeiten verheddert hat? Jahrelang wurde gewarnt, gewarnt, gewarnt – und gleichzeitig weiter importiert. Nun steht man da, überrascht von den Folgen einer Politik, die man aus ökonomischer Bequemlichkeit betrieben hat. Ungarn, die Slowakei, ihre Abhängigkeit von russischem Öl – all das ist kein plötzlicher Betriebsunfall, sondern das Resultat eines Systems, das billige Energie höher bewertete als strategische Weitsicht.

Der Preis der Einstimmigkeit

Das eigentliche Drama spielt sich jedoch nicht zwischen Budapest und Kiew ab, sondern im Maschinenraum der europäischen Entscheidungsfindung. Die Einstimmigkeit bei zentralen außenpolitischen Fragen war einst als Garant der Souveränität gedacht. Heute wirkt sie wie ein Relikt aus Zeiten, in denen die Gemeinschaft kleiner und die Welt überschaubarer war. Mit 27 Mitgliedern ist Einstimmigkeit kein Ausdruck von Einheit mehr, sondern eine Einladung zur Blockade.

Und so steht Europa wieder einmal vor der Frage, ob es eine Wertegemeinschaft sein will oder ein Vetoklub. Orbán nutzt das System, das ihn gleichzeitig finanziert und kritisiert. Seine Gegner fordern den Entzug von Stimmrechten und die Schließung des Geldhahns. Beide Seiten berufen sich auf Europa – nur verstehen sie darunter Unterschiedliches. Für die einen ist Europa eine moralische Verpflichtung, für die anderen ein Instrument nationaler Interessen.

Am Ende bleibt ein Bild: Ein runder Tisch, viele Fahnen, ernste Gesichter. In der Mitte ein Dokument, das nicht verabschiedet wird. Europa ist in solchen Momenten weniger ein Imperium als eine Debattiergesellschaft mit Haushaltsüberschuss. Und vielleicht liegt gerade darin seine Tragik – oder seine heimliche Stärke. Denn während anderswo Entscheidungen schnell und autoritär fallen, ringt man hier um Konsens, selbst wenn er schmerzhaft ausbleibt.

Ob Orbán am Ende nachgibt, ob die Pipeline repariert wird, ob neue Sanktionen kommen – all das bleibt offen. Sicher ist nur: Die nächste Gipfelnacht in Brüssel wird wieder von großen Worten begleitet sein. Und irgendwo wird jemand leise flüstern: Einstimmigkeit, dieses wunderschöne, furchtbar zerbrechliche Wort.

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