„Das Opfer war es nicht wert“ – Ein Veteran blickt auf modernes Großbritannien

Ein Land zwischen Vergangenheit und Postmoderne

Es gibt Sätze, die wie Granaten durch die gläsernen Hallen der nationalen Selbstvergewisserung krachen, und dann gibt es jene, die leise wie ein Windstoß über die ewigen Reihen weißer Steine eines Soldatenfriedhofs fegen und doch im Inneren der kollektiven Erinnerung alles ins Wanken bringen. Alec Penstone, 100 Jahre alt, Veteran der Royal Navy, Zeuge der alliierten Invasion in der Normandie, hat genau so einen Satz gesprochen. „Das Opfer war das Ergebnis, das wir jetzt haben, nicht wert.“ Ein Satz, der gleichzeitig erschüttert und irritiert, zynisch klingt, aber augenzwinkernd, als hätte er die bitterste Ironie des Lebens im Taschenmesser seines Wortes verborgen.

Penstones Worte sind kein bloßer Auswurf der Nostalgie; sie sind die stille Anklage eines Mannes, der die Hölle der Kriege gesehen hat, nur um ein Land wiederzufinden, das sich in den Glaskäfigen der Political Correctness und den labyrinthischen Gängen der sozialen Medien verirrt hat. Ein Land, das, so scheint es, die Größe seiner eigenen Geschichte vergessen hat, während es gleichzeitig jeden seiner Einwohner dazu anhält, sich für alles und jeden permanent zu entschuldigen. Ein Land, das die Erinnerung an Opfer hochhält, aber gleichzeitig die Fähigkeit verloren hat, für etwas Größeres als den eigenen kleinen Bildschirm zu kämpfen.

Vom D-Day zur digitalen Verzweiflung

Vor meinem inneren Auge, sagt Penstone, sehe ich die Reihen um Reihen weißer Steine, die für all die Hunderten seiner Freunde stehen, die ihr Leben gaben. Ein Bild, das man nicht einfach in einen Tweet packen kann. Und doch, während Millionen in der britischen Frühsonne den Remembrance Sunday feiern, scheint das Land zu flüstern: „Vergesst die Opfer, denkt lieber an das nächste virale Meme.“ Der Veteran spricht von einem Land, das in seiner Meinungssucht, seiner Angst vor jeder Form von Dissens und seiner flüchtigen Aufmerksamkeit für die Geschichte zerfällt. Gesetze gegen Hassreden, Polizisten, die Menschen wegen Online-Kommentaren besuchen – all dies wirkt wie ein absurdes Theaterstück, in dem Freiheit und Kontrolle, Vergangenheit und Gegenwart miteinander tanzen, ohne jemals den Takt zu finden.

Die Kritik Penstones an der gesellschaftlichen Transformation des Vereinigten Königreichs ist dabei nicht nur nostalgisch. Sie ist ein Schrei nach Substanz, nach einem Land, das mehr ist als ein Kaleidoskop kultureller und demografischer Umbrüche, das mehr ist als eine Serie aus Twitter-Kommentaren, TikTok-Tänzen und euphemistisch verpackter Gleichschaltung. „Für was all das?“ scheint er zu fragen, während man fast den Geschmack des Salzwassers der Normandie auf den Lippen spürt.

Wenn Kritik transatlantisch wird

Bemerkenswert ist, dass Penstone nicht allein ist. Auf der anderen Seite des Atlantiks äußerte 2024 der amerikanische Veteran des II. Welkriegs, Ronald „Rondo“ Scharfe ähnliche Sorgen. Auch er fühlte sich „wie ein Fremder in seinem eigenen Land“ – ein Statement, das wie ein Echo von Penstones Worten durch die transatlantische Luft hallt. Washington, so Scharfe, ist mehr mit Hollywood beschäftigt als mit echten Problemen. Die politische Bühne wird zur Filmkulisse, während die Bürger, Veteranen und stille Zeugen der Geschichte auf der Tribüne sitzen, irritiert, fast schon resigniert, mit Popcorn in der Hand und der Frage auf den Lippen: „War es das alles wert?“

Es ist ein Bild, das den globalen Trend skizziert: Gesellschaften, die in endlosen Selbstbildern und performativen Moralgesten gefangen sind, während die Substanz des Gemeinsamen, das, wofür Generationen geopfert haben, langsam im Nebel der modernen Zerstreuung verschwindet. Die Ironie ist dabei kaum zu übersehen: Die Länder, die einst den Freiheitsbegriff in die Welt trugen, scheinen nun in der Obsession mit digitaler Reinheit, politischer Korrektheit und dauernder Selbstinszenierung ihre eigene Geschichte zu verkennen.

Zwischen Zynismus und Augenzwinkern

Doch Penstone lacht. Oder besser: er lächelt bitter, und dieses Lächeln trägt die Schwere eines Jahrhunderts. Es ist ein Lächeln, das sowohl spöttisch als auch resigniert, sowohl zynisch als auch weise ist – die Art von Lächeln, das man nur am Ende eines langen, gelebten Jahrhunderts tragen kann, wenn man gesehen hat, wie das Menschliche, das Wichtige, das Historische, manchmal auf die absurdeste Weise erodiert. Sein Satz, die Pointe seiner bitteren Satire: „Nicht wert.“ Kurz. Klar. Schmerzhaft. Und doch mit einem Augenzwinkern, das sagt: „Seht ihr nicht, wie lächerlich wir uns machen?“

Vielleicht ist genau darin die Hoffnung verborgen: Dass wir, wenn wir das Augenzwinkern eines Veteranen verstehen, wieder anfangen, die Dinge ernst zu nehmen, die es wirklich wert sind. Nicht nur den nächsten Tweet, das nächste Gesetz, die nächste moralische Kampagne. Sondern die Substanz unserer Kultur, die Erinnerung an Opfer, die nicht vergessen werden darf, weil sie sonst – und das ist der tiefere Humor, der in all dem steckt – wirklich vergeblich gewesen wäre.

Die gepflegte Selbstaufgabe

oder: Wie wir lernten, das Abendland zu lieben und trotzdem abzuschaffen

Es fängt, wie so vieles in Europa, ganz harmlos an. Mit guten Absichten, einem milden moralischen Überlegenheitsgefühl und einem Glas Weißwein auf der Dachterrasse. Niemand wollte wirklich das „Abendland“ abschaffen. Es hat sich einfach so ergeben, zwischen Achtsamkeitsseminar, Gender-Workshop und dem Entschluss, Weihnachten künftig „Winterruhezeit“ zu nennen. Es war ja auch nie wirklich unser Abendland, eher ein ästhetisches Konzept. Irgendwas zwischen Goethe und Glühwein, zwischen Kant und Kerzenschein – schön, aber unpraktisch.

Und wie immer, wenn etwas unpraktisch wird, geben wir es auf. Tradition, Religion, nationale Identität – das klingt alles so nach alten Möbeln, die man aus der Altbauwohnung tragen muss, bevor man das Parkett abschleifen kann. Wir sind schließlich modern, weltoffen, reflektiert. Und ein bisschen stolz darauf, dass wir uns für nichts mehr schämen, außer für uns selbst.

Wir und unsere moralisch-biologisch abbaubaren Werte

Man könnte meinen, wir hätten gelernt, aus der Geschichte. Tatsächlich haben wir gelernt, sie zu kompostieren. Unsere Werte sind inzwischen biologisch abbaubar: ein bisschen Demokratie, ein Hauch Toleranz, sorgfältig getrennt und etikettiert nach ESG-Kriterien. Wir nennen es Fortschritt, wenn wir aufhören, an etwas zu glauben, und Nachhaltigkeit, wenn wir dabei wenigstens recyceltes Papier verwenden.

Selbstkritik war einst die große europäische Tugend, heute ist sie eine Ersatzreligion. Wer sich nicht mindestens einmal wöchentlich für die Kolonialgeschichte, das Christentum, den Kapitalismus oder das eigene Dasein entschuldigt, gilt als unbeleckt. Wir pflegen unsere Schuldgefühle wie Bonsais – klein, ästhetisch, pflegeleicht, aber stets präsent auf dem Couchtisch des Gewissens.

Toleranz als Wellnessprogramm

Toleranz, das klingt so nach Saunagang fürs Gewissen: kurz schwitzen, dann abkühlen, und man fühlt sich moralisch gereinigt. Wir verwechseln Offenheit mit Orientierungslosigkeit, Dialog mit Selbstauflösung. Es gibt kaum noch etwas, das wir nicht verstehen wollen – außer, dass man vielleicht auch mal eine Grenze ziehen könnte.

Stattdessen erklären wir jede kulturelle Selbstbehauptung zur Mikroaggression. Tradition ist nur dann erlaubt, wenn sie von anderen kommt. Wenn ein Imam über Werte spricht, nennen wir es kulturelle Vielfalt. Wenn ein deutscher Lehrer dasselbe tut, nennen wir es latent reaktionär.

Wir sind so weltoffen geworden, dass uns die Zugluft der eigenen Prinzipien langsam erkältet.

Europa, das sanftmütige Freilichtmuseum

Man stelle sich Europa als Freilichtmuseum vor: hübsch, gepflegt, liebevoll kuratiert – nur dass die Besucher längst mehr Temperament haben als die Ausstellung. Wir haben die großen Symbole unserer Zivilisation in Glasvitrinen gesperrt: Freiheit, Aufklärung, Souveränität – alles hinter Sicherheitsglas, bitte nicht anfassen.

Und während wir ehrfürchtig Schilder mit „Kontext beachten!“ aufstellen, schleichen andere durchs Museum und fragen, ob sie den Laden nicht übernehmen können. Wir nicken höflich, reichen die Schlüssel und murmeln: „Aber bitte nachhaltig.“

Der Untergang als Eventreihe

Es ist kein Sturm, der uns hinwegfegt, kein Barbar, der an den Toren rüttelt. Unser Untergang kommt als Eventreihe mit Catering. „Diskussionsabend: Ist Identität noch zeitgemäß?“ – inklusive veganem Buffet und musikalischer Begleitung von einer divers besetzten Jazzcombo.

Wir streamen unseren moralischen Verfall in Echtzeit, liken uns gegenseitig für kluge Bekenntnisse zur Beliebigkeit und nennen das dann Diskurs. Der Kulturpessimismus hat keinen Bart mehr, sondern trägt Rollkragen und arbeitet freiberuflich in der Kommunikationsberatung.

Letzte Worte eines saturierten Kontinents

Vielleicht ist das unser eigentlicher Beitrag zur Weltgeschichte: Wir zeigen, wie man zivilisiert verschwindet. Keine Revolution, keine Trümmer, nur ein leises Ploppen, wenn das letzte Glas Prosecco geöffnet wird.

Man wird sich später vielleicht an uns erinnern als jene, die alles verstanden, alles entschuldigt und schließlich alles vergessen haben. Wir sind das Feuilleton unter den Zivilisationen: klug, empfindsam, selbstironisch – und zu beschäftigt, um zu überleben.

Aber immerhin: stilvoll.

Antisemitismus – Die vergessene Verknüpfung

I. Vorspiel mit Verdrängung – Deutschland und seine linke Reinwaschung

Wenn man in Deutschland „Antisemitismus“ sagt, denken die meisten an Stahlhelme, Hakenkreuze und dumpfe Parolen aus Bierdunst. Kaum einer denkt an Parkas, Che-Guevara-Plakate und Zitate aus Herbert Marcuse. Die einen hassten Juden, weil sie „fremd“ waren; die anderen hassten Israel, weil es „zu westlich“ war. Und beide wussten nicht, dass sie einander in der Struktur des Denkens zum Verwechseln ähnlich waren.

Denn das war das große Kunststück der Nachkriegslinken: Man wollte nie Täter sein – also wurde man Befreier. Befreier der Unterdrückten, der Verdammten dieser Erde, der Namenlosen in Gaza, Algier und Hanoi. Dass man dabei irgendwann auch die Feinde Israels adoptierte, war kein Zufall, sondern eine logische Fortsetzung des deutschen Erlösungsdrangs: Wenn schon die Väter die Juden vernichtet hatten, so wollte man nun wenigstens deren Feinde lieben.

Ein Akt der Umkehr – aber ohne Umdenken.

II. Von Marx bis Mekka – Die Theoretiker der Tat

Die neue Linke, die sich in den 1960ern formierte, war ein merkwürdiges Gebilde: bürgerlich erzogen, intellektuell überfüttert, moralisch überzuckert. Ihre Helden waren Che, Mao, Ho Chi Minh – alles Männer, die in der Praxis Blutbäder anrichteten, aber in der westdeutschen Fantasie zu Ikonen der Menschlichkeit mutierten.

In diesem Klima entstand eine Erzählung, die sich bis heute hält: Der Kampf gegen Imperialismus sei auch ein Kampf gegen Israel. Nicht, weil Israel ein Feind wäre, sondern weil es „Stellvertreter des Westens“ sei. Die Linke erfand sich selbst als dritte Welt in der Ersten Welt.

Das war kein Widerspruch – das war Ideologie mit Selbstbedienung.

Während in Vietnam Napalm fiel, fiel in Berlin der Groschen: Wer die USA hasste, musste Israel misstrauen. Wer den Kapitalismus bekämpfte, musste die Juden misstrauisch beäugen. Und wer die Welt retten wollte, musste irgendwo anfangen – am besten bei den Falschen.

III. Kommune, Kommune, Revolution – die Frühphase des Irrsinns

Die Kommune I war nicht nur ein Wohnexperiment, sondern eine politische Versuchsanordnung: Sexuelle Befreiung plus marxistische Dogmatik, LSD plus Lenin. Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans, Fritz Teufel – Kinder der Bourgeoisie, die sich für Guerilleros hielten.

Kunzelmann, der sich später in Jordanien von der Fatah im Bombenwerfen unterrichten ließ, wird gern als exzentrischer Spaßmacher abgetan. Doch seine Witze hatten Zünder. 1969 legten seine „Tupamaros West-Berlin“ eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße – auf den Jahrestag der Reichspogrome. Der Sprengsatz explodierte nicht. Der Zufall verhinderte, dass deutsche Linke 24 Jahre nach Auschwitz wieder Juden in Berlin ermordeten.

Das Ziel war kein Zufall. Es war Symbolik: Das Opfer sollte wieder Täter werden – und der Täter Befreier.

IV. Die Flugzeuge des Fortschritts – Internationale Solidarität mit Kalaschnikow

Aus den Tupamaros wurde die Bewegung 2. Juni, aus der Kommune die Rote-Armee-Fraktion. Und aus den Theoriekreisen der Universitäten wurden Operationsräume der Gewalt.

Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Holger Meins – alle suchten den revolutionären Adrenalinschub. Sie fanden ihn nicht in den Arbeitervierteln von Wuppertal, sondern in den Trainingscamps der PLO und der PFLP im Nahen Osten.

In Jordanien und im Libanon lernten sie, was Solidarität mit den Unterdrückten bedeutet: den Lauf der Waffe festzuhalten. Die PFLP – die Volksfront zur Befreiung Palästinas – nahm sie auf wie verlorene Kinder der Revolution. Dort lernten sie den internationalen Stil der Gewalt. Und dort entstand die bizarre Allianz aus linken Deutschen und arabischen Nationalisten, vereint im Hass auf Israel.

1972: München. Olympia. Schwarzer September.

Elf israelische Sportler werden ermordet. Der deutsche Staat versagt kläglich. Die Täter fliehen. Israel weint – Deutschland zuckt.

Die RAF schweigt. Keine Solidarität mit den Opfern, nur Schweigen, Achselzucken, Verständnis. „Das sei ja auch ein politischer Akt.“ In Wahrheit war es ein Wiederholungsakt.

V. Entebbe, Mogadischu, Beirut – Deutschland reist mit

Die 1970er Jahre wurden ein makabrer Reiseführer der Kooperation zwischen deutschen Linksterroristen und arabischen Antizionisten.

1976: Entführung der Air France nach Entebbe.

Zwei deutsche Mitglieder der Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, helfen palästinensischen Terroristen, eine Passagiermaschine zu kapern. Im ugandischen Entebbe sortieren sie die Geiseln: Juden nach rechts, Nichtjuden nach links. Dreißig Jahre nach dem Holocaust wiederholen Deutsche die Selektion – diesmal im Namen der Befreiung.

Böse soll einer Geisel gesagt haben: „Ich bin kein Nazi.“

Vielleicht hat er das wirklich geglaubt. Vielleicht glaubte er, die Uniform aus Idealen sei reiner als die aus Wolle. Aber die Geisel hatte recht, als sie erwiderte: „Dann benehmen Sie sich nicht wie einer.“

1977: Der Deutsche Herbst.

Die RAF entführt Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, während palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine Landshut kapern. Ziel: Freilassung der RAF-Mitglieder.

Die GSG9 stürmt in Mogadischu das Flugzeug, Schleyer wird ermordet.

Deutsche, die mit Palästinensern kooperieren, um andere Deutsche zu töten, um gegen den Kapitalismus zu kämpfen – das ist kein Thriller, das ist ein nationales Psychogramm.

Und in Beirut, Damaskus, Tripolis finden sich Untergrundverstecke, in denen deutsche Linksterroristen von palästinensischen Gruppen versorgt werden. Die Solidarität mit Palästina wird zur globalen Blutspendeaktion der Revolution.

VI. Die RAF als Wiedergänger der Geschichte

Die RAF verstand sich als antifaschistisch. Doch in ihrer Struktur war sie das perfekte Spiegelbild des Faschismus: autoritär, hierarchisch, doktrinär, mit einem Erlösungsanspruch, der nur durch Gewalt eingelöst werden konnte.

Die RAF war die SS mit Seminarabschluss.

Ihre geistige Rechtfertigung – die „Befreiung der Unterdrückten“ – war nur der moralische Tarnanstrich für denselben alten Drang, Weltgeschichte zu spielen. Und Israel bot das ideale Ziel: klein, wehrhaft, jüdisch.

Die RAF war nie antiimperialistisch. Sie war antijüdisch – aber modern formuliert.

VII. Die Nachbeben: Von den 80ern bis zur akademischen Ausrede

In den 1980ern ebbte der Terror ab, aber die Ideologie blieb. Viele Ex-Mitglieder tauchten in der Kulturszene auf, in Redaktionen, Universitäten, Verlagen. Dort schrieben sie über Frieden, Gerechtigkeit, Weltethik. Niemand fragte, wie man vom Sprengstoff zur Seminararbeit kommt, ohne Spuren im Gewissen zu hinterlassen.

Die Nachgeborenen übernahmen die Argumente, nicht die Waffen. Sie tauschten Sprengsätze gegen Diskurse, Kalaschnikows gegen Konferenzen, Sprüche gegen Tweets. Der Hass blieb, nur die Ausdrucksweise änderte sich.

Die „Israelkritik“ wurde zur Ersatzreligion derjenigen, die sich moralisch über Wasser halten wollen. Man spricht von „Menschenrechten“, wenn man Israels Selbstverteidigung meint. Man spricht von „Genozid“, wenn man sich an der eigenen Sprachmacht berauscht.

VIII. Die Gegenwart – Moral mit Mordvergangenheit

Heute marschieren junge Menschen mit Palästina-Fahnen über deutsche Straßen und skandieren Slogans, die sie auf TikTok gelernt haben. Sie wissen nichts über Entebbe, nichts über München, nichts über Beirut – und doch tragen sie deren Parolen im Mund.

„From the river to the sea“ – das klingt so schön rhythmisch, so poetisch, so harmlos. Es heißt: von Jordan bis Mittelmeer, kein Platz für Israel. Ein Slogan für die Vernichtung, vorgetragen mit moralischem Tremolo.

Universitätsdozenten unterschreiben Petitionen gegen israelische Gegenwehr. Künstler fordern Boykotte. Intellektuelle relativieren den Terror, solange er „antikolonial“ firmiert. Die Nachfahren der 68er haben gelernt, dass man das Richtige fühlen kann, während man das Falsche sagt.

IX. Fazit: Der Kreis schließt sich – und niemand merkt es

Der Antisemitismus der Rechten ist offen, dumpf, brutal.

Der Antisemitismus der Linken ist feige, elegant, begrifflich.

Er hasst nicht Juden, er hasst das, was Juden symbolisieren: Individualität, Erfolg, Widerstandsfähigkeit.

Er nennt es Kapitalismus, Zionismus, Besatzung – aber er meint immer dasselbe.

Und so stehen wir wieder da, mitten im 21. Jahrhundert, im Land der Erinnerungskultur, und erleben, wie in Berlin jüdische Schüler von Mitschülern gemobbt werden, wie Demonstrationen für Israel unter Polizeischutz stehen müssen, wie der Satz „Ich bin Jude“ wieder eine Warnung voraussetzt.

Der rechte Antisemit brüllt, der linke argumentiert.

Aber am Ende zielen beide.

Und Deutschland?

Deutschland analysiert.

X. Epilog – Wenn das Schweigen wieder modern wird

Vielleicht ist das die größte Ironie: Dass ausgerechnet jene, die einst „Nie wieder Deutschland“ riefen, den neuen alten Hass wieder salonfähig machen.

Nicht, weil sie ihn wollen, sondern weil sie ihn nicht sehen können.

Es ist wie damals bei den Eltern, nur mit anderen Parolen.

Diesmal trägt der Hass keine Stiefel, sondern Sandalen.

Und man könnte fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Denn wer nicht erkennt, dass linker Antisemitismus die moralische Tarnkappe des alten ist,

der hat aus der Geschichte nichts gelernt – sondern sie nur anders dekoriert.

Vielleicht, nur vielleicht, wird man in fünfzig Jahren sagen:

„Es war der Herbst, in dem man den linken Antisemitismus endlich wieder sah – aber schon wieder nicht erkennen wollte.“

Weihnachtsmärkte besser geschützt als Staatsgrenzen

1. Glühwein, Betonpoller und das Sicherheitsgefühl der kleinen Leute

Es ist wieder so weit: Die Lichterketten flackern, der Punsch dampft, und irgendwo zwischen Bratapfelduft und „Last Christmas“ materialisiert sich der nationale Sicherheitsapparat in seiner ganzen festlich-paramilitärischen Pracht. Wien rüstet auf – nicht gegen die Kälte, sondern gegen das diffuse Gefühl, dass irgendjemand irgendwo irgendwann etwas Böses tun könnte. „Keine konkreten Hinweise“, heißt es aus der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), jenem bürokratischen Orakel, das stets genau so viel sagt, dass man nicht weiß, ob man erleichtert oder alarmiert sein soll.

Doch trotz der Nicht-Gefahr bleibt die „Gefährdungslage hoch“. So paradox wie ein alkoholfreier Punsch, aber offenbar notwendig, um die jährliche Rechtfertigung für ein Heer an Sicherheitsmaßnahmen zu liefern, das in seiner Effizienz selbst mittelgroße Grenzschutzsysteme neidisch werden lässt. Betonpoller, Metalldetektoren, Drohnen, Zivilbeamte mit thermoisolierten Coffee-to-go-Bechern – das Arsenal des adventlichen Abwehrkampfes. Man könnte fast meinen, Wien fürchte nicht den Terrorismus, sondern die Rückkehr des ungefilterten Lebens an sich.

2. Die Krippe als Sicherheitszone

Der Weihnachtsmarkt, einst Symbol bürgerlicher Gemütlichkeit, hat sich in ein Versuchslabor moderner Überwachungskultur verwandelt. Zwischen Holzbuden, in denen Handgestricktes und überteuerte Zimtsterne feilgeboten werden, kreisen die Drohnen wie moderne Erzengel Gabriel – allerdings mit Wärmebildkamera statt Heilsbotschaft.

Hier soll niemand verdächtig wirken, aber jeder ist es irgendwie. Die Verkäuferin mit dem roten Schal, die etwas nervös nach dem Wechselgeld sucht – potenziell subversiv. Der Tourist, der zu lange auf sein Handy starrt – womöglich ein Aufklärer im Dienste dunkler Mächte. Der ältere Herr mit der Thermosflasche – vielleicht nur ein passionierter Teetrinker, vielleicht ein Anarchist der alten Schule.

Und während die Polizei mit Tarnjacke und Zivilmütze unauffällig durch die Menge streift, um unauffällig aufzufallen, bleibt das Sicherheitsgefühl paradoxerweise diffus: Man fühlt sich sicher, aber nur, weil man ständig daran erinnert wird, dass man es ohne diese ganze Show vielleicht nicht wäre. Der Punsch schmeckt dadurch etwas metallisch – vermutlich vom Nachgeschmack der Angst.

3. Hochsicherheitsadvent – das österreichische Gesamtkunstwerk

Man muss Österreich in dieser Hinsicht fast bewundern: Kein anderes Land schafft es, die eigenen Widersprüche so kunstvoll zu dekorieren. Während die Staatsgrenzen durchlässiger sind als der Christbaumständer eines durchschnittlichen Haushalts, verwandeln sich innerstädtische Plätze in Festungen.

An der Peripherie – ein paar Kilometer weiter – zerfällt die EU-Außengrenze in symbolische Gesten und hektische Pressekonferenzen. Aber der Christkindlmarkt? Der ist sicher. Betonblöcke zieren die Zugänge wie adventliche Altarsteine der Ordnung. Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen flankieren den Stand mit kandierten Äpfeln.

Es ist, als wolle man der Welt zeigen: Wir wissen vielleicht nicht, wie man komplexe geopolitische Probleme löst – aber beim Schutz des Punschstandes Nummer 27 sind wir Weltklasse. Ein Land, das sich seiner „inneren Sicherheit“ hingibt wie einer Ersatzreligion, in der der Generalverdacht das Weihwasser ersetzt.

4. Die ritualisierte Panik

Die Logik ist dabei so einfach wie absurd: Jedes Jahr dieselbe Liturgie der Alarmbereitschaft. Pressekonferenz, „keine konkreten Hinweise“, aber „hohe Gefährdung“. Man könnte meinen, die Gefahr sei zu einem festen Bestandteil des Weihnachtsbrauchtums geworden – gleich nach dem Adventkranz und vor dem Lebkuchenherz.

Die Bürger nehmen es hin, ja fast liebevoll. „Na, sicher is’ sicher“, sagt die Dame im Pelzmantel, während sie an der Sicherheitskontrolle ihre Handtasche öffnen muss, damit ein uniformierter Wichtel hineinschauen darf. Der Sicherheitsdiskurs ist längst zum Teil der Folklore geworden. Es wäre fast enttäuschend, wenn einmal nichts über „erhöhte Sicherheitsmaßnahmen“ berichtet würde – der Mangel an Bedrohung würde uns womöglich verunsichern.

5. Von der Freiheit, sich sicher zu fühlen

Ironischerweise wird die eigentliche Bedrohung – die schleichende Normalisierung des Ausnahmezustands – kaum bemerkt. Wir tauschen Freiheit gegen ein Sicherheitsgefühl, das sich bei näherer Betrachtung als PR-Produkt erweist.

Was früher spontane Begegnung und urbanes Leben war, ist nun ein durchreglementiertes Ereignis mit klaren Zugangswegen, Überwachungskonzepten und Verhaltensrichtlinien. Die Kamera ist der neue Stern von Bethlehem: Sie leuchtet uns den Weg – aber nur dorthin, wo man uns haben will.

Und während die Staatsmacht sich stolz auf die Schulter klopft, weil sie erfolgreich das imaginäre Böse vom Lebkuchenhaus ferngehalten hat, geht die eigentliche Erosion unbemerkt weiter – still, effizient, in den Köpfen. Das Misstrauen ist die neue Zivilreligion.

6. Epilog: Das letzte Punschfass

So endet die Geschichte jedes Jahr aufs Neue: Kein Anschlag, kein Drama – aber ein Gefühl, das bleibt. Ein dumpfer Stolz darauf, alles „richtig“ gemacht zu haben. Vielleicht ist das ja die eigentliche österreichische Spezialität: der Triumph über das, was nie geschehen ist.

Und wenn dann am 24. Dezember die letzten Betonpoller abtransportiert werden, zieht eine kollektive Erleichterung durch die Gassen: Wir haben es wieder geschafft.

Bis zum nächsten Advent, wenn die Direktion Staatsschutz erneut feststellt, dass „keine konkreten Hinweise“ vorliegen – aber die Gefahr selbstverständlich hoch bleibt.

Denn eines ist sicher: Die Weihnachtsmärkte sind geschützt.
Und alles andere – na ja, das wird sich schon ausgehen.

Wie man die Trümmer anderer liebt

I. Die Wiederaufbauverweigerung als Tugend

Außenminister Johann Walter David Rudolf, kurz „Jo“, ein Mann, der schon durch die Anzahl seiner Vornamen ahnen lässt, dass er in politischen Hierarchien das Streben nach Bedeutung verinnerlicht hat, findet: Syrien sei „immer noch zu zerstört, um dorthin zurückzukehren“. Das ist schön gesagt, fast poetisch, wenn man die Betonung richtig setzt: immer noch zu zerstört – als wäre Zerstörung ein Zustand, den man abwarten kann wie eine Wetterlage. Jo steht da wie ein meteorologischer Humanist, der den Wiederaufbau in die Vorhersage einordnet: „Heute im Osten leichte Schauer, im Süden Hoffnung, und über Syrien weiterhin Trümmer, bei mäßigem Wiederaufbauwillen.“

Was ihn auszeichnet, ist seine Zurückhaltung. In einer Welt, in der alles sofort wiederaufgebaut, restauriert, rekonstruiert und geglättet werden will, entdeckt Jo das Gegenteil als neue Ethik: den moralischen Mehrwert der Nichtreparatur. Eine zerstörte Stadt ist schließlich auch ein Symbol – und Symbole, das weiß man im Auswärtigen Amt, sind leichter zu verwalten als Baustellen. Die Betonmischer des Gewissens laufen dort nie warm.

Während also Jo den moralischen Schutt sortiert, sitzen die Älteren in Berlin, Hamburg, Dresden, Hiroshima und Nagasaki in ihren sanierten Altbauwohnungen, mit denkmalgeschützten Deckenstuck, und lachen sich die Wände wund. Denn sie kennen das. Sie haben gesehen, wie man mit ein paar Ziegeln, viel Schweiß und einer ordentlichen Portion „Nie wieder!“ aus verbrannter Erde wieder eine Vorzeigedemokratie bastelt. Es ging ja – erstaunlich schnell sogar. Damals, als man noch keine „humanitäre Müdigkeit“ kannte, sondern bloß Hunger, Frost und eine fast schon zynische Lust am Überleben.

II. Die Heuchelei des Wiederaufbaus – oder: Beton statt Bekenntnis

Nun aber stellt sich die Frage: Wer soll das alles wiederaufbauen? – Eine Frage, die Jo wahrscheinlich in seiner Mittagspause in einem sehr westlich möblierten Büro gestellt bekommt, irgendwo zwischen diplomatischer Kunstblume und Nespresso-Maschine. Und Jo, der Realist, antwortet nicht ohne Stolz: „Wer, wenn nicht wir.“
Ein Satz, der auf der Zunge klingt wie ein Werbeslogan der Bundeswehr oder eine Imagekampagne für die neue Außenpolitik: Wir bauen wieder, was wir vorher nicht bombardiert haben.

Das ist ja der neue deutsche Stil: moralisch beteiligt, aber praktisch abwesend. Der Wiederaufbau soll geschehen, aber bitte nicht in der Realität. Man könne, so hört man, „nicht überall sein“. Deutschland ist Weltmeister im Fernmitgefühl. Es errichtet keine Städte, sondern Narrative. Aus Asche werden keine Häuser, sondern Pressemitteilungen. Die deutsche Außenpolitik gleicht einem Architekturbüro für symbolische Verantwortung: Man plant viel, man zeichnet schön – nur das Fundament bleibt fiktiv.

Und währenddessen hocken die alten Damen und Herren in Dresden und murmeln: „Wir haben unsere Stadt wiederaufgebaut, Stein für Stein, obwohl sie in Trümmern lag.“ Ja, Dresden, diese marmorne Ikone der Wiederauferstehung, deren Rekonstruktion längst so vollkommen ist, dass sie aussieht wie eine Computersimulation des Vergessens. Was ist der Unterschied zwischen dem Wiederaufbau einer Stadt und dem Wiederaufbau eines Gewissens? Der eine braucht Mörtel, der andere Mut. Beides scheint heute knapp.

III. Das Gedächtnis der Trümmer – oder: Warum die Alten lachen

Es ist also nicht Spott, der sie lachen lässt, die Alten in Berlin, Hamburg, Dresden, Hiroshima, Nagasaki. Es ist die absurde Komik des Déjà-vu. Sie erkennen im Gestus des Ministers den alten Reflex des Vergessens, nur neu verpackt: „Wir würden ja, aber…“ – dieser Satz ist die eigentliche deutsche Konstante, das inoffizielle Staatsmotto zwischen Bequemlichkeit und Bedenken.

Die Alten lachen, weil sie wissen, dass jede Ruine eine Frage stellt: Wer schaut hin, wer baut auf, wer schaut weg? Und sie lachen, weil sie ahnen, dass Jo und seine Kollegen die Ruinen lieber in der Ferne belassen, damit sie als Beweis dienen, wie schlimm die Welt ohne deutsche Prinzipien aussieht. Das Elend wird zum Ausstellungsstück der moralischen Überlegenheit.

Man könnte fast sagen, Jo betreibt Denkmalschutz an der Zerstörung. Je länger Syrien in Schutt liegt, desto länger bleibt das eigene Mitgefühl frisch, der moralische Kredit unangerührt. Nichts verdirbt schneller als konkrete Hilfe; sie riecht nach Verantwortung. Symbolische Solidarität dagegen hält ewig, besonders, wenn sie in Talkshows serviert wird.

IV. Der Wiederaufbau als deutsche Berufung – oder: Wir können nicht anders

„Wer, wenn nicht wir?“ – dieser Satz ist so herrlich zweideutig, dass man ihn sich auf eine Gedenktafel meißeln könnte. Er klingt nach Verantwortung, meint aber oft: Bitte jemand anderes.
Dabei liegt im deutschen Wesen, wenn man der Geschichte trauen darf, eine fast religiöse Lust am Wiederaufbau. Es ist unsere nationale Ersatzhandlung für Erlösung. Wir lieben Trümmer, solange sie unsere sind. Wir lieben das Aufstehen, weil es uns von der Schuld erlöst. Aber beim Aufstehen anderer schauen wir lieber zu.

Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis unserer Außenpolitik: Wir sind Wiederaufbauexperten in der Theorie, aber Pazifisten im Praktischen. Wir bauen nur dort, wo man uns hinterher lobt. Wo kein Lob, da keine Lust. Syrien? Zu kompliziert. Zu gefährlich. Zu zerstört.
Manchmal scheint es, als sei „Zerstörung“ für Jo Wadephul weniger eine Realität als ein willkommenes Argument, um sich nicht zu sehr zu engagieren.

V. Schluss mit dem Schutt – oder: Die Ironie des Wiederaufbauimperativs

Am Ende bleibt die große, sarkastische Pointe: Deutschland, das Land der Wiederaufbauer, erkennt plötzlich die Vorteile der Zerstörung. Sie hält fern, was anstrengend wäre. Sie liefert gute Bilder und schlechte Ausreden. Sie lässt uns moralisch erhaben erscheinen, während wir auf den Trümmern anderer unsere Selbstgerechtigkeit errichten.

Und irgendwo, in einem Konferenzsaal des Auswärtigen Amts, lehnt sich Jo Wadephul zurück, nippt an einem Glas stillen Wassers und sagt in seiner bedächtigsten Stimme: „Wir müssen Verantwortung zeigen – aber mit Augenmaß.“ Ein Satz, der klingt, als hätte man die deutsche Nachkriegsgeschichte in Watte gepackt und ihr das Herz herausgenommen.

Draußen stehen Touristen vor der rekonstruierten Frauenkirche, bewundern die Sandsteinfassade, und niemand fragt, ob es richtig war, sie wieder aufzubauen. Die Antwort ist ohnehin bekannt:
Wer, wenn nicht wir.

Nur diesmal lacht keiner. Außer den Alten. Und vielleicht – ganz leise – die Ruinen selbst.

Die Selbstverbrennung der Tugendhaften

Über Europas Klimaretter, Deutschlands Erlöserkomplex und den merkwürdigen Trost, wenigstens moralisch recht zu haben, wenn schon nichts mehr funktioniert.

I. Der letzte Ritter des grünen Zeitalters

Es war einmal ein Kontinent, der klein, alt und leicht erschöpft war, aber sich selbst für das Gewissen der Welt hielt. Während anderswo die Maschinen surrten, die Hochöfen loderten und die Förderpumpen rhythmisch im Takt der globalen Nachfrage pochten, saß Europa im moralischen Schneidersitz auf seiner Vergangenheit und schwor: Nie wieder CO₂!

Lediglich sechs Prozent der weltweiten Emissionen gingen auf das Konto der EU-Staaten — aber diese sechs Prozent wurden zu einem Schibboleth, zu einem Beweis ihrer moralischen Überlegenheit. Wenn die Welt unterging, so sollte sie wenigstens wissen: Wir waren die Guten. Die USA, jener ewige Freund mit der emotionalen Stabilität einer Achterbahn, war längst aus dem Pariser Abkommen ausgetreten und wusch ihre Hände in texanischem Öl. China hingegen hatte sich mit lässiger Grandezza als „Entwicklungsland“ deklariert — und erhielt dafür einen Freifahrtschein, der in der Geschichte der diplomatischen Selbstironie wohl unübertroffen bleibt.

Während also der Westen verschämt CO₂-Zähler installierte, schraubte China Solarzellen auf die Dächer seiner Kohlekraftwerke – eine Maßnahme, die sowohl den Statistiken als auch dem Gewissen diente. Und irgendwo in Brüssel nickten Kommissare feierlich und sagten: „Seht, wir inspirieren die Welt!“ – ohne zu bemerken, dass die Welt längst andere Prioritäten hatte.

II. Die Spendenritter von Belem

In Belem, irgendwo zwischen Amazonasfeuchte und politischem Pathos, trat Kanzler Merz ans Rednerpult. Seine Rede dauerte fünf Minuten – eine geradezu asketische Dauer für einen Mann, der in Deutschland sonst 90 Minuten braucht, um über „Entlastungspakete“ zu sprechen, die niemand versteht.
Doch in diesen fünf Minuten versprach er entweder 500 Millionen oder eine Milliarde Euro – es war nicht so genau zu rekonstruieren, denn das Rauschen des Tropenwaldes übertönte die Präzision.

Es war eine Geste: Deutschland, das Land, das keine funktionsfähigen Flughäfen, aber unerschütterliche Prinzipien baut, wollte der Welt erneut zeigen, dass Moral auch eine Währung ist – selbst wenn man sie mit geliehenem Geld bezahlt. Großbritannien hingegen, sonst nicht um Pose verlegen, hatte längst den Geldhahn zugedreht. Kanada zündete neue Ölbohrungen an, Australien grinste und grillte, und Japan nickte höflich – während es heimlich seine Atomkraftwerke wieder hochfuhr.

Nur Europa hielt die Fackel der Askese hoch. Ein Leuchtturm im Sturm – allerdings einer, dessen Strom aus Windkraft kam und daher nur bei Beaufort 6 funktionierte.

III. Deutschland, der ökologische Messias

„Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein“, verkündet Bojanowski – und man spürt zwischen den Zeilen ein leichtes Schaudern, als hätte ein Land beschlossen, kollektiv zu fasten, bis die Welt endlich ihre Sünden bereut.
Primus unter den Industrieländern! – Das klingt wie ein Orden, den man kurz vor der Beerdigung erhält.

Ein selbstzerstörerischer Plan, sagt Bojanowski. Denn die Emissionsrechte, die Deutschland nicht nutzt, werden in anderen EU-Ländern verbraten. Es ist das alte Prinzip des Ablasshandels, modernisiert für den Emissionsmarkt. Man kauft sich frei von Sünde, während der Nachbar weiter sündigt – nur dass diesmal die Hostie aus Bürokratie besteht.

Das Klimaschutzgesetz, vom Bundesverfassungsgericht zementiert, ist Deutschlands neue Heilige Schrift. Und wehe dem, der daran zweifelt: Denn wer heute nach einem Restbudget von 6,7 Gigatonnen fragt, gilt schon als Ketzer.
Bis Anfang der 2030er Jahre, so rechnen die Propheten, wird dieses Budget verbraucht sein. Dann drohen Strafen, Stilllegungen, Freiheitsbeschränkungen – eine apokalyptische Vision, die in ihrer bürokratischen Nüchternheit beinahe poetisch wirkt.
Deutschland, das Land der Dichter und Denker, wird also zum Land der Drossler und Denunzianten.

IV. Die große Illusion vom grünen Morgen

Das schwedische Umweltinstitut hat nüchtern festgestellt, was alle wissen, aber niemand aussprechen darf: Der weltweite Ölverbrauch und die Gasförderung werden bis 2050 weiter zunehmen. Die Realität, diese unhöfliche Besucherin, klopft an die Tür – und Deutschland zieht die Vorhänge zu, um sie nicht sehen zu müssen.

Denn hierzulande soll dann nur noch Wind und Sonne zählen, jene zwei Energieträger, die sich weigern, nach menschlichen Bedürfnissen zu funktionieren. Windflaute? Pech gehabt. Sonnenuntergang? Kerzen an!
Der Fortschritt, so scheint es, hat eine romantische Rückentwicklung vollzogen – von der Dampfmaschine zur Wetterabhängigkeit.

Bojanowski bringt es auf den Punkt: „Jetzt rächt sich Deutschlands selbstgefällige Energiepolitik, die sichere Energieversorgung abriss, bevor eine neue aufgebaut wurde.“
Es ist, als hätte man die Brücke hinter sich abgebrannt, um den Rückweg zu versperren – und dann festgestellt, dass man auf der falschen Seite des Flusses steht.
Zu spät für Deutschland, seine klimafreundlichen Atomkraftwerke hat es abgeschaltet – im Namen einer Moral, die so rein war, dass sie selbst vor der Logik zurückschreckte.

V. Epilog: Das gute Gewissen als letzte Ressource

Vielleicht wird man eines Tages auf diese Epoche zurückblicken wie auf eine historische Komödie, die zu tragisch war, um wirklich lustig zu sein. Europa, der alte Kontinent, opferte Wohlstand, Industrie, und Selbstachtung – alles im Namen einer Rettung, die ohne ihn gar nicht stattfand.

Während anderswo das Öl weiter floss, die Reaktoren brummten und der Wohlstand wuchs, diskutierte man hierzulande über „Sektorzielverfehlung“ und „Klimaneutralitätsfahrpläne“.
Und wenn dann das Licht ausging – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – tröstete man sich mit einem letzten Satz:
„Aber moralisch waren wir im Recht.“

Und vielleicht ist das ja der wahre europäische Beitrag zur Weltgeschichte:
Nicht, sie zu verändern – sondern sie mit Stil zu untergehen.

Hundert Jahre Endlosschleife: Krieg, Niederlage, Opfermythos

I. Prolog: Die endlose Reprise

Man möchte glauben, Geschichte sei linear, dass ein Ereignis logisch auf das vorherige folgt, dass Ursachen und Wirkungen klar erkennbar sind, dass man aus ihr lernen könnte, und dann stößt man auf den Nahen Osten, auf Israel, auf Palästina, auf hundert Jahre Zyklen, die sich wiederholen, in denen Israel angegriffen wird, Israel sich verteidigt, Israel gewinnt, die Angreifer verlieren, und dennoch triumphiert die Ideologie der Selbstzerstörung, in der Niederlagen gefeiert, Opfermythen erfunden und Moral verdreht werden, während die Welt, die glaubt, neutral zu beobachten, in Wirklichkeit nur applaudiert, weil Pathos befriedigt, und man beginnt zu verstehen, dass hier nicht Geschichte geschrieben wird, sondern eine Tragikomödie, in der das Drama sich selbst genüsslich wiederholt, wie ein Theaterstück, das seine eigene Pointe kennt, bevor die Zuschauer es verstehen.

Es ist fast, als hätte die Zeit einen schlechten Geschmack, als sei der Zyklus programmiert, um endlos dasselbe Szenario abzuspielen: Angriff, Verteidigung, Sieg, Verlust, moralische Verdrehung. Und dennoch – vielleicht gerade deswegen – existiert Israel immer noch, wie ein Fels in einem Sturm von wiederholten Ideologien, Niederlagen und Illusionen, der nicht nachgibt, weil Überleben eine Pflicht ist, nicht nur ein Instinkt.

II. Amin al-Husseini: Prophet der Unvernunft

Amin al-Husseini, der Großmufti, erkannte früh, dass Kompromiss gefährlich, Frieden ein Verrat, Realität eine lästige Formalität ist, und er entwickelte eine Schule, die nicht an menschlichen Errungenschaften, an Kultur oder Lebensschutz interessiert war, sondern an der Fähigkeit, Konflikte zu beginnen, zu verlieren und Niederlagen als moralische Triumphe zu inszenieren.

Man kann sich vorstellen, wie kleine Schüler in seinen Versammlungen saßen, ehrfürchtig, lernend, dass jede Kooperation ein Verbrechen sei, jede Anerkennung einer anderen Existenz ein Verrat, dass man nicht überleben, sondern scheitern müsse, und aus dem Scheitern eine Erzählung spinnen, die die Welt täuscht. Die Generationen nach ihm perfektionierten dieses Ritual: eine Kunstform, in der Niederlagen und Selbstzerstörung zur zentralen Leitlinie werden, moralische Verantwortung vertauscht und Opfermythen institutionalisiert.

Anmerkung am Rande: Es ist beinahe ironisch, dass diese „Lehre“ über Überzeugung und Starrsinn die einzige Konstante war, während Länder, Armeen, internationale Institutionen kamen und gingen, Pläne schmiedeten, Waffen lieferten und Verträge unterzeichneten – und doch blieb der Kern derselbe: Kompromissverweigerung als Lebensprinzip.

III. 1936–1948: Revolte, Bürgerkrieg, Unabhängigkeit

Die Arabische Revolte von 1936 war ein Lehrstück der Selbstzerstörung: Massaker an jüdischer Bevölkerung, Angriffe auf Briten, Chaos, Niederlagen, alles stilisiert als heroischer Widerstand. Historiker können hier nur staunen: die Konsequenz, mit der eine Bewegung ihr eigenes Scheitern inszenierte, ist bemerkenswert – wenn auch tragisch.

1947 und 1948 wiederholt sich das Muster: Bürgerkrieg, Terrorkampagnen, das Ziel, die Gründung Israels zu verhindern, und die Hagana reagiert mit dem, was man nur als militärisches Genie bezeichnen kann, strategische Präzision aus der Not geboren. Sechs arabische Armeen marschieren ein – eine nach der anderen wird besiegt. Die Niederlage wird inszeniert, die Flucht mythisiert, und die moralische Pointe bleibt unverändert: wer Vernichtung beginnt, verliert, immer wieder, und stilisiert Niederlagen zu Mythen.

Mini-Anekdote: Ein alter britischer Offizier, der diese Jahre dokumentierte, notierte trocken in sein Tagebuch: „Es ist erstaunlich, wie viele Male dieselbe Niederlage gefeiert werden kann.“ Ironie der Geschichte: Er hätte es nicht sarkastischer formulieren können.

IV. 1950er–1970er: Das Ritual der Eskalation

Fedayeen-Angriffe, Sechstagekrieg, Jom-Kippur-Krieg – derselbe Zyklus: Israel wird überfallen, Israel verteidigt sich, Israel siegt. Die Angreifer verlieren, stilisieren ihr Scheitern als heroischen Widerstand, moralischen Triumph, Gerechtigkeit gegen einen Aggressor, während die Welt applaudiert und nickt, weil Pathos befriedigt.

Die Ideologie des Scheiterns wird hier fast zu einer Kunstform: Niederlagen werden zur Grundlage neuer Gewalt, Opfermythen institutionalisiert, moralische Verantwortung verdreht. Israel, gezwungen, zu überleben, entwickelt Strategie, Moral, Präzision – der Kontrast könnte kaum deutlicher sein.

Poetischer Einschub: Man könnte sagen, dass jeder Krieg wie ein Spiegel ist, in dem die Täter ihre eigenen Illusionen sehen, und die Opfer das unzerstörbare Licht der Realität, das sich durch jede Eskalation drängt.

V. Nach Oslo: Frieden sabotiert, Selbstzerstörung institutionalisiert

Der Oslo-Prozess: eine historische Chance, die größte seit der Staatsgründung. Und doch: die zweite Intifada, Terrorismus gegen Zivilisten, die sofortige Übernahme Gazas durch die Hamas, Raketen, Gewalt, die sofortige Eskalation. Jede Chance auf Frieden wird als Verrat gesehen, jede Verteidigung als Aggression interpretiert, und der Zyklus wiederholt sich wie ein musikalisches Thema, dessen Fuge niemals endet, während die Welt nur die Reprise hört, applaudiert, nickt, die Ursachen ignoriert.

Nebenbemerkung: Wer glaubt, dass Politik hier eine rationale Wissenschaft sei, hat die Poesie der Zerstörung nicht verstanden.

VI. 2008–2014: Gaza – die antike Tragödie der Moderne

Raketen, Operationen, Gegenmaßnahmen: jede Eskalation wiederholt die vorherige, jede Reaktion Israels wird kritisiert, Ursachen ignoriert, Opfermythos gefeiert. Tragödie ritualisiert, moralische Verantwortung verdreht, Täter als Opfer, Verteidigte als Aggressoren. Die Realität wird zu einer Geschichte, die das Bewusstsein überlistet, den Zyklus wie ein Naturgesetz erscheinen lässt.

Mini-Anekdote: Ein Soldat erinnert sich Jahre später: „Manchmal fragte ich mich, ob wir nicht einfach nur Teil eines Theaterstücks sind, dessen Autoren lange tot sind, und wir spielen die Szenen nach, weil niemand die Regie übernommen hat.“

VII. 7. Oktober 2023: Das dunkle Finale

Am 7. Oktober 2023 geschah der bislang brutalste Angriff: Hamas-Angriffe auf israelische Zivilisten, hunderte Tote, Entführungen, Schrecken, methodisch geplant, präzise durchgeführt. Die Region geriet erneut in Brand – von Gaza über Libanon bis Syrien, Irak, Jemen. Israel reagierte militärisch, nicht aus Rache, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. Zwei Jahre harter Kampf führten zur Zerschlagung der Angreifer.

Poetischer Einschub: Der Zyklus der Gewalt, der sich über ein Jahrhundert erstreckt, kulminierte an diesem Tag in einer grotesken Symphonie aus Tod, Schrecken und Überlebenswillen, die jeden Betrachter zwingt, die Lektion zu verstehen: Wer Vernichtung plant, verliert, und wer überlebt, verteidigt nicht nur Land, sondern Moral, Existenz und Zukunft.

VIII. Täter als Opfer: Die moralische Verdrehung als Ideologie

Dürrenmatt: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen.“ Heute heißt das: Antizionist statt Antisemit, Aggression als Verständnis, Täter als Opfer, Verteidigung als Aggression. Hundert Jahre derselbe Zyklus, moralisch verdreht, historisch verschoben, Selbstzerstörung als Ideologie, Niederlagen als Pathos, Opfermythos als Rechtfertigung für weitere Gewalt.

Rhetorische Schleife: Und die Welt schaut zu, nickt, applaudiert, weil Pathos befriedigt, während Geschichte, Moral und Realität durch den Strudel von Lügen, Illusionen und Wiederholungen gezogen werden – ein Strudel, aus dem nur Überleben herausführt.

IX. Epilog: Überleben ist Pflicht, Verteidigung ist Recht

Hundert Jahre Krieg, hundert Jahre Niederlagen, hundert Jahre Eskalation – und Israel existiert. Nicht weil es Machtspiele gewann, sondern weil Überleben zur moralischen Pflicht wurde; wer hundert Jahre Vernichtung beginnt und immer verliert, ist Täter; wer verteidigt und überlebt, ist moralischer Zeuge. Das 7. Oktober 2023 erinnert an die Schmalheit des Gratwegs zwischen Zivilisation und Anarchie, an die Brutalität ideologischer Wiederholung, die Notwendigkeit von Selbstverteidigung. Hundert Jahre Lehren, ein neues Trauma, und doch: Wer Frieden will, muss ihn verteidigen, wer Krieg beginnt, wird ihn verlieren. Geschichte, Moral, Strategie, menschliche Tragik – ein dichter Strudel, in dem Verteidigung kein Verbrechen, Überleben kein Zufall, Frieden aber nur möglich ist, wenn man bereit ist, ihn zu verteidigen.

Das gute Gewissen als Exportschlager

Es gibt Güter, die der Westen erfolgreicher exportiert als Autos, Software oder Popkultur: das gute Gewissen – in der praktischen Tube, etikettiert als „Entwicklungshilfe“. Seit Jahrzehnten verschifft man Container voller Beratungsbroschüren, Strategiepapiere und Nachhaltigkeitsworkshops Richtung Süden, während dort Menschen mit einer Mischung aus höflicher Geduld und ungläubigem Kopfschütteln beobachten, wie das nächste große „Projekt“ aus Brüssel, London oder Berlin anrollt – selbstverständlich CO₂-kompensiert.

Denn wer, wenn nicht wir, die Erfinder der Vernunft, die Weltmeister der Empörung, könnte Afrikanern erklären, wie man einen Staat regiert, eine Straße pflastert oder gar eine Gesellschaft modernisiert? Die Absurdität liegt nicht darin, dass Hilfe angeboten wird – das ist menschlich –, sondern in der Überzeugung, dass jede sinnvolle Hilfe mindestens siebenstellige Budgets, ein Heer an Consultants und ein Hochglanz-Logo braucht. Die einfachen, bodenständigen Ideen sind einfach nicht teuer genug, um als ernsthaft zu gelten.

Die moralische Mechanik der Entwicklungshilfe

Die westliche Entwicklungshilfe folgt einer eigenen, eigentümlichen Physik: Je größer das Elend, desto praller die Konferenzbuffets. Je mehr Hungerbilder in den Nachrichten, desto fetter die Fördergelder. Und je dramatischer der moralische Appell, desto gesicherter der Etatposten. In dieser Welt misst man Erfolg nicht in Ergebnissen, sondern in Gefühlstemperaturen.

Afrika, so will es der westliche Mythos, ist kein Kontinent, sondern eine Dauerveranstaltung des Mitleids. „Förderfähig“, „strukturarm“, „im Wandel begriffen“ – das sind die Codewörter, mit denen ganze Karrieren gesichert werden. Denn wie die Pharmaindustrie den Virus braucht, braucht die westliche Entwicklungshilfe das Elend. Ohne Not kein Narrativ, ohne Narrativ kein Auftrag, ohne Auftrag kein Daseinszweck.

Man stelle sich nur den Skandal vor, wenn ein afrikanisches Land tatsächlich einmal seine Probleme selbst löste – ohne „Good-Governance-Workshops“, ohne Gender-Taskforce, ohne PowerPoint-Folien über Resilienz und Nachhaltigkeit. Das wäre nicht etwa ein Erfolg, sondern eine existenzielle Bedrohung für ganze Ministerien und NGOs.

Die teure Trägheit der Besserwisser

Viele afrikanische Staaten sind reich – nur ihre Bürger sind es nicht. Das Problem liegt selten im Mangel an Ressourcen, sondern im Überfluss an Machtmissbrauch. Rohstoffe, Ackerland, junges Wissen – alles da. Aber solange Regierungen sich lieber bereichern, als zu investieren, bleibt der Reichtum eingesperrt in den Tresoren der Eliten.

Doch die westliche Antwort darauf ist stets dieselbe: mehr Geld. Nicht bessere Politik, nicht klare Bedingungen, sondern bloß höhere Summen. Die Bürokratie der Barmherzigkeit ist längst ein eigenständiger Wirtschaftszweig geworden – ihre Währung heißt „Projektphase“, ihre Sprache „Transformationsagenda“.

Dass in Benin einst ein Projekt mit Pflastersteinen lief – konkret, günstig, arbeitsintensiv, erfolgreich – und dann eingestellt wurde, weil es „nicht teuer genug“ war, ist keine Ausnahme. Es ist ein Symptom. Eine Straße aus Pflastersteinen bringt eben keine Nobelpreise, keine Gala-Einladungen, keine Fotos mit Helmen und aufgekrempelten Hemden. Sie schafft Arbeit, ja – aber kein Prestige. Und Prestige ist die eigentliche Währung des Helfens.

Afrika als Spiegel westlicher Selbstliebe

Die Entwicklungshilfe hat mit Afrika oft so viel zu tun wie ein Selfie mit Mitgefühl. Sie ist ein Spiegel, in dem der Westen sein moralisch geschminktes Gesicht bewundert. Seit die Missionare abgereist und die Kolonialbeamten pensioniert sind, braucht es neue Formen des Sendungsbewusstseins – und die Entwicklungszusammenarbeit liefert sie zuverlässig.

Hinter jedem Hilfsprojekt steht die unausgesprochene Gewissheit, dass der Westen der Maßstab aller Dinge bleibt. Der Afrikaner wird nicht als Partner gesehen, sondern als Schüler. Und wehe, er wagt es, klüger, selbstbewusster oder einfach pragmatischer zu handeln als sein Mentor! Dann wird er schnell zum „Problemfall“.

Das westliche Helferherz ist groß, aber empfindlich. Es will danken gehört, nicht widersprochen. Es will retten, nicht diskutieren. Und so wird der Kontinent zur moralischen Projektionsfläche, auf der sich der Westen in seiner eigenen Tugend sonnt.

Wenn Hilfe zur Selbsthilfe nicht teuer genug ist

Es gäbe unzählige Möglichkeiten, Hilfe zur Selbsthilfe wirklich zu praktizieren. Recyclingfabriken statt Mülldeponien. Pflastersteine statt Asphaltträume. Kredite für Rückkehrer statt Almosen für Bürokratien. Alles denkbar, alles machbar, alles zu einfach.

Doch Einfachheit hat im westlichen Entwicklungsdenken keinen Platz. Sie ist verdächtig. Wer keine „systemische Perspektive“ vorweisen kann, gilt als Dilettant. Ein Projekt, das 500 jungen Leuten Arbeit und Stolz verschafft, ist zu konkret, zu klein, zu menschlich. Man kann es weder „skalieren“ noch „digital transformieren“.

Das Ergebnis: Man hilft weiter, wie man immer geholfen hat – mit großem Pathos, großen Summen und kleiner Wirkung. Der Kreislauf ist perfekt:

  1. Diagnose: Afrika ist arm.
  2. Therapie: Mehr Geld.
  3. Rezidiv: Geld versickert.
  4. Schlussfolgerung: Zu wenig Geld.

Und alles beginnt von vorn – diesmal inklusiver, diverser und nachhaltiger, aber inhaltlich unverändert leer.

Die vergessenen Stimmen Afrikas

Die Wahrheit wird längst in Afrika ausgesprochen – nur hört man sie im Westen nicht gern. Ökonomen wie Moeletsi Mbeki, Journalisten wie Andrew Mwenda, Intellektuelle wie Axelle Kabou – sie alle haben die Mechanismen der Abhängigkeit seziert. Ihre Botschaft ist unbequem: Die Hilfe macht abhängig, sie zementiert Macht, sie verhindert Eigenverantwortung.

Doch der Westen liebt seine Rolle als Wohltäter. Der selbstbewusste Afrikaner, der sagt: „Behaltet euer Mitleid, gebt uns faire Handelsbedingungen“, zerstört das moralische Narrativ. Und wer will schon auf seine Lieblingsrolle verzichten – die des Retters, der sich selbst applaudiert?

Die Stunde der Rückkehrer

Ein intelligenter Ansatz läge in der Förderung jener, die beide Welten kennen – afrikanische Fachkräfte, die im Westen gelernt und gearbeitet haben. Wenn sie mit Kapital, Vertrauen und Know-how in ihre Heimat zurückkehren, schaffen sie mehr Fortschritt als hundert Projekte über „Capacity Building“.

Ein Rückkehrer, der 100.000 Euro bekommt, um in Nairobi, Kigali oder Accra ein Unternehmen zu gründen, ist billiger – und nützlicher – als einer, der zwanzig Jahre lang in Europa auf staatliche Unterstützung angewiesen bleibt. Doch solche Ideen sind zu unbürokratisch, zu pragmatisch, zu – ja – billig für die westliche Hilfsindustrie. Sie bringen keine Studien, keine Panels, keine Preise. Nur Wirkung.

Fazit: Vom Helfen zum Vertrauen

Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff „Hilfe“ zu begraben. Afrika braucht keine westliche Rettung, sondern Partnerschaft. Keine Schulung, sondern Spielraum. Keine Belehrung, sondern Beteiligung.

Das wäre allerdings eine Revolution – eine, die die westliche Selbstgewissheit erschüttern würde. Denn wer Afrika wirklich etwas zutraut, verzichtet auf die moralische Überlegenheit, die seit Jahrzehnten das wichtigste Exportgut Europas ist.

Afrika braucht keine teuren westlichen Ideen. Es braucht die Freiheit, eigene zu verwirklichen. Und der Westen braucht endlich die Demut, das zu akzeptieren. Denn echte Hilfe beginnt dort, wo man aufhört, sich selbst dafür zu feiern.

Die Quadratur des Halbmonds

Ein polygamer Pilger im Tempel der europäischen Werte

Man stelle sich den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor wie eine Kathedrale aus Glas und Paragrafen, in der die Gläubigen der Moderne täglich das Evangelium der universalen Gleichheit rezitieren. In dieser ehrwürdigen Hallenkonstruktion tritt nun Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi auf, ein Mann, dessen Familienstruktur an genealogische Gesamtkunstwerke aus 1001 Nacht erinnert – und der nichts Geringeres verlangt, als dass Europa, dieses alte und nervöse Gebilde aus Prinzipien, Bürokratien und schlechten Gewissen, sich in den Spiegel seiner eigenen Menschenrechte blickt und dabei nicht vor Schreck in die eigene Toga beißt.

Al-Anesi, der jemenitische Flüchtling mit einer ersten, zweiten und dritten Ehefrau, brachte zunächst Frau Nummer Eins und die dazugehörige Kinderschar – immerhin acht Seelen – in die Niederlande. Man kann es den Behörden kaum verdenken, dass sie beim Anblick dieser Familienbilanz tief durchatmeten und still den Etat für Integrationskurse überprüften. Doch Al-Anesi zeigte sich als Mann von Prinzipien: Die anderen beiden Ehefrauen ließ er im Exil, schließlich ist Polygamie im Königreich der Käsebauern und Calvinisten ein moralisches Sakrileg. Er wollte kein Gesetz brechen, nur ein wenig Gerechtigkeit.

Und so beantragte er – fast naiv in seiner Logik – den Nachzug der fünf Kinder aus Ehe zwei und drei. Kinder, wohlgemerkt, keine neuen Gattinnen, kein Haremszug, kein Umzug der orientalischen Hofhaltung. Nur Kinder, die – wie er argumentiert – schließlich auch Teil seines Familienlebens seien. Die niederländische Behörde aber, ungerührt vom Pathos der Vaterliebe, winkte ab: Die Kinder lebten sicher in der Türkei, bei ihren Müttern, geschützt und wohlgenährt unter dem Schirm des Flüchtlingsstatus. Es bestehe keine „Notwendigkeit“, sie ins Land zu holen.

In den dürren Sätzen der Verwaltungslogik klingt das wie: „Sie haben schon genug Familie hier. Machen Sie mal halblang.“

Die Moral als Verwaltungsakt

Doch damit war die Sache natürlich nicht erledigt. Kein moderner Konflikt endet heute in einer Akte, sondern vor einem Gerichtshof. Der Fall wanderte – wie alle Dinge, die zu kompliziert, zu heikel oder zu menschlich sind – nach Straßburg, wo der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sich nun an der Gretchenfrage der Multikulturalität abarbeitet:

Muss ein Staat, der Polygamie verbietet, dennoch das Resultat einer polygamen Verbindung anerkennen, wenn es in Gestalt unschuldiger Kinder anklopft?

Die juristische Eleganz dieses Dilemmas ist beispiellos. Denn streng genommen geht es gar nicht um Polygamie – oh nein, das wäre zu einfach! –, sondern um die „Achtung des Familienlebens“ nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Kinder, so der Antragsteller, haben ein Recht auf Zusammenleben mit ihrem Vater. Und wer könnte da widersprechen, ohne sofort als herzloser Bürokrat mit Betonherz gebrandmarkt zu werden?

Doch gleichzeitig sitzt im Gerichtssaal das Prinzip der westlichen Monogamie wie ein nervöser Zeuge der Zivilisation auf der Anklagebank. Denn wenn die Kinder kommen dürfen, dann ist das Eheverbot nur noch ein Buchstabengebilde – ein moralischer Zaun mit offenem Tor. Heute die Kinder, morgen die Mütter, übermorgen die kulturelle Relativierung des gesamten Familienrechts.

Man kann die Sorge der Niederländer also verstehen: Das Recht auf Familienleben ist ein Menschenrecht, aber auch ein Minenfeld.

Europa, das moralisch gespaltene Imperium

Europa ist, wenn man ehrlich ist, schon seit Jahren auf der Suche nach seiner eigenen Identität zwischen Aufklärung und schlechtem Gewissen. Auf der einen Seite steht die pathetische Rhetorik der universellen Rechte: Jeder Mensch ist gleich, jede Kultur verdient Respekt, jede Lebensform ihren Schutz. Auf der anderen Seite aber steht der neurotische Reflex, die eigenen Werte zu verteidigen – Demokratie, Säkularität, Frauenrechte – vor jenen, die sie mit einer anderen Weltsicht betrachten.

Der Fall Al-Anesi ist deshalb kein Rechtsstreit, sondern ein psychologischer Spiegel. Er zeigt das tiefe Unbehagen eines Kontinents, der gleichzeitig tolerant und moralisch überfordert ist. Der Westen will gerecht sein, aber bitte mit klaren Grenzen; er will humanistisch wirken, aber nicht zu sehr; er will Familien schützen, aber nur solche mit genealogisch überschaubarem Stammbaum.

Und so schraubt sich der Fall zu einer Groteske hoch: Die niederländische Behörde bot Al-Anesi sogar an, sich von seinen anderen beiden Frauen scheiden zu lassen – als bürokratische Erlösungstat, als sakramentales Ritual der Integration. Dann, so hieß es sinngemäß, könnten seine Kinder vielleicht kommen. Man kann sich die Szene vorstellen: Ein Mann zwischen drei Frauen, ein Richter mit Formular, ein Staat, der Eheberatung als Integrationsinstrument entdeckt.

Europa – das war einmal die Wiege des Humanismus. Heute ist es ein Beichtstuhl der Kompromisse.

Das Paradox der Prinzipien

Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen: Der EGMR steht hier vor einer Entscheidung, die weniger mit Juristerei als mit politischer Philosophie zu tun hat. Wenn er zugunsten Al-Anesis entscheidet, dann öffnet er eine Tür – vielleicht keine große, aber doch eine symbolische –, durch die andere treten werden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Denn das Recht, einmal gewährt, lässt sich nicht kulturell dosieren.

Doch wenn der Gerichtshof gegen ihn entscheidet, dann bleibt die Moralfrage im Raum: Kann Europa ernsthaft von universellen Menschenrechten sprechen, wenn es bestimmte Familienformen – wie fremd oder fremdelnd sie auch sein mögen – kategorisch ausschließt?

So oder so: Das Urteil wird als moralisches Bekenntnis gelesen werden, nicht als juristisches. Und Europa wird sich wieder in zwei Lager teilen – jene, die sagen, man müsse das Herz über das Gesetz stellen, und jene, die das Gesetz als Schutz vor der Auflösung des Herzens begreifen.

Schluss: Die Ironie der Aufklärung

Vielleicht liegt die tiefste Ironie des Falls darin, dass er überhaupt existiert. Denn er zeigt, wie weit die Idee der Menschenrechte gediehen ist – und wie dünn das Eis unter ihr geworden ist. Einst war das Recht auf Familienleben eine humane Reaktion auf Krieg und Trennung, auf Deportation und Unrecht. Heute ist es ein semantischer Kampfbegriff, der Staaten zu moralischen Selbstgesprächen zwingt.

Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi, dieser moderne Hiob des Asylrechts, ist nicht der Bösewicht der Geschichte. Er ist ihr Symptom. Er stellt nur die Frage, die Europa nicht hören will: Wie universell sind eure universellen Werte wirklich?

Und so warten wir auf das Urteil von 2026. In der Zwischenzeit wird der EGMR seine Akten stapeln, die Kommentatoren werden sich in moralischer Dialektik üben, und irgendwo in Den Haag sitzt ein Beamter, der heimlich hofft, dass die Kinder in der Türkei bleiben – aus rein administrativen Gründen, versteht sich.

Am Ende aber wird Europa, wie immer, einen Kompromiss finden: einen juristisch präzisen, moralisch verwaschenen, menschlich halb befriedigenden Satz in der Sprache der Zivilisation.
Und dieser Satz wird, mit der sanften Eleganz des Bürokratendeutschs, in etwa lauten:
„Das Recht auf Familienleben gilt – sofern es nicht gegen das öffentliche Interesse verstößt.“

Der ewige Moralweltmeister im Ruhestand

Altbundespräsidenten sind eine ganz eigene zoologische Kategorie. Weder Fisch noch Fleisch, weder aktiv noch wirklich pensioniert, dafür aber stets im Habitat des öffentlich Bekümmerten unterwegs. Sie leben vom Nachhall ihrer früheren Bedeutung – wie der Mond vom Licht der Sonne, die sich längst anderen Sternen zugewandt hat. Und so geschieht es, dass, wenn die Welt brennt, ein Alt-Bundespräsident sich bemüßigt fühlt, aus seiner staatsmännischen Gruft zu steigen, um den Leuten zu erklären, was sie zu denken haben. Diesmal also: Heinz Fischer, jener stets in weinrotem Samt der Verbindlichkeit gewandete Gentleman der österreichischen Politprosa, meint, Österreich solle Palästina anerkennen.
Man könnte nun meinen, das sei ein freundlicher Gedanke – wie Blumen auf einem Friedhof. Nur dass in diesem Fall niemand so recht weiß, wo der Friedhof liegt, wer die Toten sind und ob überhaupt jemand begraben werden will. Doch das Detail hat noch nie jemanden davon abgehalten, moralisch Position zu beziehen. Vor allem nicht jene, die nichts mehr zu verlieren haben außer ihrer Medienpräsenz.

II. Die Anerkennung als Ersatzhandlung

Anerkennen ist das neue Beten. Früher faltete man die Hände, heute unterzeichnet man Resolutionen. Es hat denselben Effekt – aber man fühlt sich moderner dabei.
Die Anerkennung Palästinas – so wie sie aus dem bequemen Wiener Elfenbeinturm gefordert wird – erinnert an einen Nachbarschaftsstreit, bei dem einer ruft: „Ich erkenne jetzt offiziell an, dass deine Einfahrt dir gehört!“ – während der andere noch gar kein Auto, kein Haus und keine Einfahrt besitzt.
Ein Staat ohne funktionierende Regierung, ohne gesichertes Territorium, ohne durchsetzbares Gewaltmonopol – das ist kein Staat, sondern eine diplomatische Fata Morgana, ein kartographisches Phantom mit Flagge und Hymne, aber ohne Boden unter den Füßen. Und wer so etwas anerkennt, der erkennt nicht an, der phantasiert.
Man könnte ebensogut ein Grundstück auf dem Mars kaufen – auch dort hat man schöne Aussicht, aber keine Nachbarn. Nur dass auf dem Mars wenigstens niemand schießt.

III. Das österreichische Weltgewissen

Österreich liebt es, Weltpolitik zu spielen. Man ist neutral, also glaubt man, moralisch überlegen zu sein – eine Art globaler Schweiz mit Schmäh. Dabei hat Neutralität in Wien längst die Form einer Selbstgerechtigkeit angenommen, die jedes politische Thema in ein Bühnenstück verwandelt, in dem Österreich die Hauptrolle als „besonnene Stimme der Vernunft“ spielt.
Heinz Fischer verkörpert diese Tradition perfekt: freundlich, gescheit, staatsmännisch – und so unerschütterlich unkontrovers, dass man ihn notfalls auch als Taufpaten einer UNO-Resolution aufstellen könnte.
Doch gerade diese österreichische Art der Milde, dieses ewige „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“, gebiert jene absurden Momente, in denen man glaubt, Weltpolitik könne durch gutgemeinte Symbolhandlungen ersetzt werden. Die Palästina-Anerkennung wird so zum Beichtstuhl des Westens, ein Ort, an dem man sein schlechtes Gewissen ablegt, weil man nicht den Mut hat, sich wirklich einzumischen.

IV. Der moralische Reflex und seine Erschöpfung

In Europa herrscht ein sonderbarer Reflex: Sobald irgendwo jemand ruft „Unterdrückung!“, klappen die Mikrofone auf, und die Altpräsidenten kriechen aus ihren Memoiren hervor. Es ist wie eine Art politischer Frühjahrsputz – man entfernt den Staub der eigenen Bedeutungslosigkeit durch einen moralischen Appell.
Doch hinter all der Empörung lauert oft nichts als intellektuelle Bequemlichkeit.
Wer Palästina anerkennen will, ohne vorher die Grundfrage zu beantworten, wer oder was Palästina überhaupt ist, handelt nicht politisch, sondern rituell. Man spendet Beifall in einer Oper, deren Handlung man nicht verstanden hat, einfach weil die Musik ergreifend klingt.
Und während man das tut, sterben Menschen, Grenzen verschieben sich, Realitäten verhärten sich – aber wenigstens hat man auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden. Zumindest bis zur nächsten Schlagzeile.

V. Das Schweigen als höchste Form der Diplomatie

Schweigen – welch altmodische Tugend in einer Zeit, in der jeder Gedanke sofort ins Mikrofon gesprochen wird, bevor er im Kopf überhaupt fertig gedacht ist.
Fischer hätte, mit etwas Glück, die Chance gehabt, das Schweigen zur Kunstform zu erheben. Ein kurzer Kommentar wie: „Ich enthalte mich“ – und schon wäre er der weiseste aller Altpräsidenten gewesen.
Denn Schweigen ist, richtig eingesetzt, nicht Feigheit, sondern Respekt vor der Komplexität. Wer schweigt, erkennt an, dass die Welt nicht auf moralische Schwarzweißbilder zu reduzieren ist. Wer redet, ohne zu denken, produziert Lärm – und Lärm ist die Lieblingssprache des modernen Idealismus.

VI. Schlussakkord eines moralischen Theaters

Die Forderung nach Anerkennung Palästinas durch Österreich ist kein politischer Akt – sie ist Symbolpolitik als Selbsttherapie.
Ein Altpräsident, der so spricht, wirkt wie ein pensionierter Lehrer, der den Schülern von heute erklärt, wie man richtig rebelliert – sanft, gesittet und bitte mit Anstand.
Doch die Welt ist kein Hörsaal, und die Konflikte des Nahen Ostens lösen sich nicht durch akademische Deklamationen.
In Wahrheit wäre es ehrlicher, zu sagen: „Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was gerecht wäre, was praktikabel, was überhaupt möglich.“ Aber das wäre zu viel Bescheidenheit für eine Zeit, die lieber Statements als Einsichten produziert.
So bleibt am Ende nur das altbekannte Ritual: Man ruft nach Anerkennung, um nicht über Realität reden zu müssen. Und irgendwo in Wien nickt ein ehemaliger Bundespräsident zufrieden – weil er glaubt, dass Worte allein die Welt verändern können.

Vielleicht tun sie das sogar.
Aber dann nur in der Literatur.

Das Kind der Elite und die Moral der Gerechten

I. Der Bürgermeister als Paradox

New York hat wieder Geschichte geschrieben – diesmal in Versalien der Ironie. Ein muslimischer Sozialist, Sohn einer Weltregisseurin und eines postkolonialen Professors, zieht ins Rathaus ein. Zohran Mamdani: globaler Nomade, marxistisch eingefärbt, ästhetisch irgendwo zwischen Marx-Zitat und Vintage-Hemd. Der Mann, der vom System alles bekam, triumphiert, indem er es verachtet.

Das Kind der Elite tritt auf wie ihr Ankläger. Das Publikum liebt ihn dafür. Er verspricht, was jede saturierte Gesellschaft hören will: moralische Erlösung ohne persönlichen Verzicht. Mamdani verkauft Buße als Lifestyle.

II. Die Heiligkeit des Widerstands

Mamdani ist kein Politiker, er ist ein moralischer Aggregatzustand. Seine Kampagne war weniger Wahlkampf als Exorzismus – das Austreiben westlicher Schuld, hübsch verpackt in den Dialekt des „Dekolonialen“. Er spricht vom Süden der Welt, wohnt im Norden der Stadt. Er predigt Antiimperialismus, finanziert von Stiftungen aus Manhattan.

Seine Rhetorik ist vertraut: Kolonialismus, Kapital, Gerechtigkeit. Alles richtig, alles folgenlos. Denn die neue Linke glaubt nicht mehr an Veränderung, sondern an Erlösung – eine Politik der reinen Herzen, nicht der klaren Köpfe.

III. Die seltsame Allianz

Dass ausgerechnet die chassidische Satmar-Gemeinde, jene ultraorthodoxe Sekte, die den Staat Israel als Gotteslästerung betrachtet, Mamdani unterstützte, ist die Pointe, die sich kein Satiriker auszudenken traut. Hier marschieren linke Idealisten und religiöse Fundamentalisten Seite an Seite – geeint durch den gemeinsamen Feind: den jüdischen Staat.

Die einen sehen in Israel ein koloniales Verbrechen, die anderen ein theologisches Sakrileg. Es ist die Hochzeit zweier Absolutismen – des linken Heils und des religiösen Dogmas. Dass beide sich hassen müssten, spielt keine Rolle. In der moralischen Ökonomie der Gegenwart zählt nicht, was trennt, sondern wen man verachtet.

IV. Der neue Antizionismus

Antizionismus ist in diesem Milieu längst keine Belastung mehr, sondern ein Karrierevorteil. Wer Israel kritisiert, beweist Haltung; wer es verteidigt, gilt als reaktionär. Das ist der neue Code moralischer Distinktion.

Dass Zionismus kein Kolonialprojekt war, sondern die verzweifelte Selbstrettung einer verfolgten Minderheit, ist in den Hörsälen längst vergessen. Geschichte stört die Reinheit der Pose. „Nächstes Jahr in Jerusalem“ war einmal ein Gebet, heute ist es eine Zumutung.

Mamdani verkörpert diesen Paradigmenwechsel. Sein Schweigen nach den Massakern vom 7. Oktober war kein Versehen, sondern Strategie: In einer Welt, in der Empathie politisch dosiert wird, ist Schweigen oft die lauteste Parole.

V. Die Utopie als Gefahr

Jede Epoche hat ihre Versuchung. Unsere heißt: Utopie. Mamdani ist ihr Missionar. Er glaubt an die gereinigte Welt, die perfekte Gesellschaft, das Ende der Ambivalenz. Das klingt groß, riecht aber nach Dogma.

Karl Popper, der alte Skeptiker, wusste es besser: Wer die Welt erlösen will, wird sie knechten. Utopien dulden keine Widersprüche; sie brauchen Reinheit, nicht Realität. Und Reinheit endet immer in Ausschluss.

Mamdani verkörpert jene neue politische Klasse, die Freiheit für ein Privileg hält und Komplexität für Verrat. Ihre Sprache ist moralisch, ihr Denken binär. Sie ruft nach Gerechtigkeit – und meint Gleichschaltung.

VI. Die Religion der Identität

Die Linke der Gegenwart hat ihre Universalismen verloren. Was bleibt, ist Identität. Sie spricht von Vielfalt, meint aber die Verwaltung von Herkunft. Mamdani ist ihr Hohepriester: Wer anders denkt, sündigt; wer sich schuldig fühlt, ist erlöst.

Die alte Linke kämpfte gegen Ungleichheit, die neue misst sie. Opferstatus ist zur Währung geworden. Die moralische Buchhaltung ersetzt die politische Analyse. Wo früher Klassen standen, stehen jetzt Kategorien: Gender, Race, Religion.

Diese neue Moral duldet keine Ironie – und genau deshalb braucht sie sie am dringendsten. Denn wer alles ernst meint, landet zwangsläufig im Fanatismus.

VII. Das westliche Fieber

Mamdani ist kein New Yorker Phänomen, er ist ein Symptom globaler Selbsterschöpfung. Der Westen, satt von seiner Geschichte, sucht Buße im Anderen. Er will nicht mehr führen, er will bereuen. Er hält Reue für Tugend und Schuld für Tiefe.

In diesem Klima gedeiht eine Gestalt wie Mamdani prächtig: kosmopolitisch, gebildet, moralisch unanfechtbar – ein Produkt der Elite, das sie verachtet, weil es sich nur so authentisch fühlen kann. Er ist der Sohn des Globalismus, der als sein Ankläger auftritt.

Und New York, diese nervöse Weltstadt, wählt ihn, weil sie sich selbst nicht mehr traut.

VIII. Nach der Revolution: Stille

Am Ende bleibt eine bittere Einsicht: Die moderne Moral ist kein Fortschritt, sondern eine Ersatzreligion. Sie ersetzt Denken durch Glauben, Kritik durch Bekenntnis. Mamdanis Sieg ist nicht die Revolution der Entrechteten, sondern der moralisch Privilegierten.

Vielleicht wird man eines Tages sagen: Hier begann das neue Jahrhundert der Heiligen – jene Zeit, in der sich die Gerechten gegenseitig mit Reinheit erschlugen.

Bis dahin wird New York weiter applaudieren. Denn nichts liebt die westliche Seele so sehr wie den Anblick ihrer eigenen Verdammnis – solange sie dabei gut aussieht.

Ende.

Alternative Energiewende ohne Netz und doppelten Boden

I. Die Ästhetik der Steckdose oder: Wie wir lernten, die Kilowattstunde zu lieben

Es war einmal eine Nation, die sich entschloss, die Sonne zu umarmen und den Wind zu heiraten – ohne vorher zu fragen, ob beide überhaupt an einer monogamen Beziehung interessiert seien. Diese Nation hieß Deutschland, und sie hatte, wie alle romantisch Veranlagten, ein Talent für symbolische Gesten, die in der Praxis nicht nur teuer, sondern auch technisch ambitioniert waren.
Denn während anderswo noch diskutiert wurde, ob Solarzellen in der Wüste oder Offshore-Windparks im Sturm mehr Sinn ergäben, beschloss man hierzulande: Wir machen alles – aber bitte gleichzeitig und moralisch überhöht!

Die Steckdose, einst ein nüchternes Versorgungsorgan, wurde zur heiligen Reliquie der Zivilisation. Ihr Anblick löste bei Klimakonferenzen mehr Ergriffenheit aus als die Mona Lisa bei japanischen Touristen. Die „Kilowattstunde“ – vormals eine graue Maßeinheit aus der Welt der Ingenieure – mutierte zur neuen Eucharistie: grün, sauber, und mit dem süßen Beigeschmack der Selbstgerechtigkeit.
Doch die Frage, woher der Strom eigentlich kommt, wenn weder Wind weht noch Sonne scheint, wurde verdrängt wie ein unliebsamer Gedanke beim Yoga. Schließlich heißt es ja „Energiewende“, nicht „Energieverstand“.

II. Die Physik als Spaßbremse: Ein ungebetener Gast auf dem grünen Maskenball

Man hatte gehofft, die Physik würde sich von moralischem Eifer überzeugen lassen. Leider tat sie es nicht.
Die Gesetze von Thermodynamik und Elektrotechnik erwiesen sich als erstaunlich unbeeindruckt von der politischen Rhetorik, die ihnen entgegenblies. Kein Gesetz, kein Paragraf, kein Talkshow-Plädoyer konnte den simplen Zusammenhang aufheben, dass Strom erst dann verfügbar ist, wenn er produziert und transportiert werden kann. Es war, als wolle man den Regen durch öffentliche Zustimmung herbeiklatschen.

Doch wer braucht schon Netzstabilität, wenn man moralische Stabilität hat?
Die deutsche Energiewende ist – und das ist ihre eigentliche poetische Größe – eine groß angelegte, kollektiv-romantische Verwechslung von Wollen und Können. Sie ist das Goethe’sche „Über allen Gipfeln ist Ruh“ im Windparkformat, die Fortschrittslyrik einer Nation, die sich in den eigenen Idealismus verliebt hat, so sehr, dass sie gar nicht mehr merkt, wie das Licht flackert.

III. Batterien, Blasen und Blabla: Der Altar des Fortschritts

Natürlich, es gibt Hoffnung. Sie trägt Namen wie „Speichertechnologie“, „Wasserstoff“ oder „Smart Grid“. Jeder Begriff klingt wie ein Zauberwort aus einem Hightech-Grimm-Märchen: Man muss ihn nur oft genug wiederholen, und schon werden aus Schwankungen Stabilität, aus Dunkelflauten sonnige Visionen.
Dass die dafür nötigen Materialien – seltene Erden, Lithium, Kobalt – unter Bedingungen gefördert werden, die selbst den rußigsten Kohlenkumpel sentimental werden lassen, ist eine jener unbequemen Realitäten, die in den moralischen Vitrinen der Energiewende keinen Platz haben. Das grüne Gewissen verträgt kein Schmieröl.

Die Debatte um Nachhaltigkeit gleicht so einem Alchemistenlabor, in dem man verzweifelt versucht, Ethik in Energie umzuwandeln. Doch anstelle von Gold entsteht meist nur heißer Dampf.
Man beschwört Kreislaufwirtschaften, als ließe sich die Entropie mit einem besonders cleveren Förderprogramm austricksen. Man predigt Verzicht, während man gleichzeitig die E-Auto-Subvention als den neuen Ablasshandel feiert. Kurz: Man will die Welt retten – aber bitte mit WLAN, Warmwasser und Wallbox.

IV. Das große Theater der Selbsttäuschung

Man muss den Deutschen eines lassen: Sie verstehen es, Tragödien als Verwaltungsvorgänge zu inszenieren.
Die Energiewende ist kein Projekt – sie ist eine Bühne, auf der das Land sich selbst aufführt. Zwischen Photovoltaik und Paragrafen reitet der Michel mit Helm und Heiligenschein gegen den Klimawandel an, während hinter ihm das Netz ächzt und die Strompreise tanzen wie Derwische.

Die einen predigen vom „baldigen Ausstieg aus allem“, die anderen halten mit der Andacht des Experten dagegen, dass Energie nun einmal „nicht beliebig verschiebbar“ sei. Beide reden, als ginge es um Glaubensfragen – und tatsächlich: Die Energiewende ist längst keine technische, sondern eine theologische Debatte geworden.
Ihre Hohepriester heißen Habeck, Hofreiter und Habe-Nix, ihre Sakramente heißen Förderquote und Ausbauziel. Und das Volk? Es murmelt brav mit: „Und führe uns nicht in die Dunkelflaute.“

V. Epilog aus der Steckdose: Ein bisschen Realität täte gut

Vielleicht wird man in hundert Jahren auf diese Epoche zurückblicken wie auf jene seltsamen Jahrzehnte, in denen man glaubte, Homöopathie könne Krankheiten heilen – nur dass diesmal die Patienten ganze Volkswirtschaften waren.
Vielleicht wird man schmunzeln über jene Generation, die dachte, Windräder seien ein Ersatz für Systemdenken, und Photovoltaik ein Synonym für Weltrettung.

Oder – wer weiß – vielleicht gelingt das Wunder doch. Vielleicht wird die Sonne nie wieder untergehen, der Wind nie mehr nachlassen, und wir alle leben in jener elektrifizierten Utopie, die unsere politische Fantasie längst als Realität verbucht hat.
Aber bis dahin gilt: Eine Energiewende ohne Netz und doppelten Boden ist wie ein Hochseilakt ohne Schwerkraft – elegant in der Vorstellung, tödlich in der Praxis.

Und so balanciert das Land weiter auf seinem grünen Drahtseil, den Blick gen Himmel gerichtet, den Stecker in der Hand – und murmelt beseelt: „Es wird schon gehen, irgendwie. Hauptsache, wir meinen es gut.“

Ich frage für einen Freund

Über Katzen, Kater und den missverstandenen Reiz des Pfeifens

Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: Ein Begriff wie „Dogcalling“ für Frauen, die Männern hinterherpfeifen, ihnen an der Tankstelle charmant die Unterarme kommentieren oder beim Sommerfest der Stadtverwaltung mit „Na, du kräftiger Kerl mit dem Bierbauch, du siehst aus wie jemand, der eine ordentliche Portion Grillgut braucht!“ glänzen. Aber nein — das gibt es nicht. Der Mann ist im Sprachraum kein Hund, sondern, bestenfalls, ein „Typ“. Vielleicht ein „Kerl“, ein „Dude“, in seltenen Fällen ein „Gentleman“, was meistens ironisch gemeint ist. Die Frau dagegen wird, offenbar ganz selbstverständlich, zur Katze degradiert: verspielt, schnurrend, hübsch anzusehen, aber bitte nur so lange, bis sie die Krallen ausfährt.

Und so offenbart sich der eigentliche Skandal nicht im Pfeifen, sondern im Wort selbst: Catcalling ist ein sprachliches Fossil einer Ära, in der man Frauen mit Tieren verglich, um sie zugleich zu verniedlichen und zu entmenschlichen. „Kätzchen“ nennt man sie, wenn man sie mag, „Zicke“, wenn man sie widersprechen hört. Katzen sind niedlich, selbstständig, rätselhaft – das passt so gut ins männliche Kopfkino, dass man gar nicht merkt, wie die ganze zoologische Metaphorik schon wieder in die Falle tappt, die sie vorgibt zu meiden: Frauen als Spezies des Begehrens, Männer als Zoologen des Blicks.

Die akustische Überheblichkeit des Patriarchats

Natürlich, das Pfeifen an sich hat eine lange Tradition. Schon die Urmenschen dürften gepfiffen haben – allerdings eher, um ihre Stammesgenossen vor Säbelzahntigern zu warnen, als um deren Hüftschwung zu kommentieren. Das moderne Catcalling ist also sozusagen die entgleiste Zivilisationsform einer ursprünglich nützlichen Lautäußerung. Ein Relikt aus jener Zeit, in der der öffentliche Raum fest in männlicher Hand war und man Frauen wie dekorative Verkehrsschilder behandelte: hübsch anzuschauen, aber bitte nicht anfassen.

Heute aber, in Zeiten von Gleichstellung, Gendersternchen und Diversity-Schulungen im Betriebsrat, wirkt das Nachpfeifen nicht mehr als Ausdruck von Männlichkeit, sondern als auditives Fossil – eine Art akustische Mauerblümchen-Archäologie. Der Catcaller glaubt, er sei charmant, während die Welt um ihn herum längst festgestellt hat, dass er klingt wie ein undichter Fahrradreifen. Und trotzdem: Der Begriff, der diese Verhaltensweise benennt, bleibt in seinem Kern selbst ein Ausdruck jener alten Denkweise, die er anklagt. Ironie, thy name is Etymology.

Wenn das Wort selbst schon den Tatbestand erfüllt

Man kann sich also fragen – ich tue das selbstverständlich nur für einen Freund –, ob die aktuelle Diskussion um Catcalling nicht einen entscheidenden Punkt überhört hat: Der Begriff selbst ist sexistisch. Wer „Catcalling“ sagt, akzeptiert unbewusst eine sprachliche Konstruktion, die das Opfer bereits auf eine metaphorische Tierrolle reduziert. Und da helfen auch Gendersternchen nichts, denn „Cat*calling“ würde höchstens aussehen, als würde man eine besonders queere Katze anrufen.

Vielleicht brauchen wir einen neuen Begriff. Etwas, das dem Ernst des Problems gerecht wird, ohne zoologische Nebenwirkungen. Vorschläge? „Menschbeschallung“? „Akustische Anmacheinheit“? „Lautübergriffigkeit“? Alles unhandlich. Vielleicht sollten wir’s einfach beim Deutschen belassen: Hinterherpfeifen – ein ehrliches Wort, das so altbacken klingt, dass es niemand freiwillig auf ein T-Shirt drucken würde. Und genau darin liegt sein Reiz: Wer es benutzt, kann gar nicht cool wirken. Ein linguistisches Pflaster, das heilt, weil es juckt.

Fazit: Zwischen Miauen und Maulen

Am Ende bleibt die bittere Ironie: Während ganze Bewegungen darum kämpfen, Frauen im öffentlichen Raum Respekt zu verschaffen, hat sich der Begriff für eine der respektlosesten Praktiken als harmloses Wort mit flauschigem Klang etabliert. Catcalling – das klingt nach einem niedlichen YouTube-Video, nicht nach einer Alltagsdemütigung. Vielleicht liegt genau darin der perfide Charme des Patriarchats: Es kleidet seine Übergriffe in Worte, die so harmlos scheinen, dass man fast vergisst, dass sie wehtun.

Und während also die einen debattieren, ob Pfeifen schon Belästigung oder noch Freiheit der Kunst ist, bleibt die andere Frage unbeachtet: Warum, um Himmels willen, sind Frauen in dieser ganzen sprachlichen Inszenierung schon wieder die Katzen? Vielleicht, weil wir Männer eben doch die wahren Katzen sind – getrieben, selbstgefällig, ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit, und wenn man uns die Suppe verweigert, dann kratzen wir halt. Aber das, so sagt mein Freund, wäre dann wohl ein ganz anderer Essay.

Heute gibt es nur noch zwei Meinungen: die eigene und die falsche

Prolog: Willkommen in der Ära der Selbstgewissheit

Wir leben in einer Zeit, in der die Selbstsicherheit des Individuums nicht mehr nur eine Tugend ist, sondern ein soziales Gebot. Jede Äußerung, jeder Gedanke, jede kleine Regung des Geistes wird sofort katalogisiert, bewertet und in das unbestechliche Raster der eigenen Meinung einsortiert. Wer heute noch an Diskurs glaubt, versteht nicht, dass Diskurs längst zur Performance geworden ist: eine Choreografie der Eitelkeiten, bei der jeder Satz, jedes Argument, jede Nuance den Applaus oder den digitalen Lynchmob provoziert. Die eigene Meinung ist nicht länger Meinung, sie ist Dogma. Und alles andere ist gefährlich, falsch, moralisch fragwürdig und sofort zu exkommunizieren.

Diese neue Epoche hat sich stillschweigend und nahezu unbemerkt in die Alltagsrituale eingeschlichen. Frühstücksfernsehen, Social-Media-Feeds, Firmen-Newsletter, selbst die stille Kaffeepause im Büro – überall wird die Bühne bereitet für das große Schauspiel des Ichs. Die Tragik liegt darin, dass wir glauben, wir würden debattieren. In Wahrheit inszenieren wir uns selbst, während die Welt um uns herum verblasst.

Politik als Theater des Selbstbewusstseins

Politik ist der naheliegende Schauplatz dieser Tyrannei: Wer früher noch Kompromisse suchte, Koalitionen schmiedete, auf den Fluren der Macht debattierte, erlebt heute ein endloses Casting der Selbstgerechtigkeit. Jede Entscheidung wird durch die Linse der eigenen Moral betrachtet, jede Nachricht, jeder Skandal, jede politische Wendung sofort auf ihre Eignung geprüft, das persönliche Weltbild zu bestätigen. Parteien existieren nicht mehr, Ideologien sind irrelevant; was zählt, ist die perfekte Projektion des eigenen Egos in den öffentlichen Raum.

Das Ergebnis ist absurd: Menschen empören sich über Dinge, die sie gar nicht verstehen, weil sie glauben, die moralische Instanz ihrer eigenen Meinung sei universell gültig. Und die Medien? Sie sind längst nicht mehr Spiegel der Realität, sondern Verstärker, die jede Welle der Selbstgerechtigkeit in eine globale Brandung verwandeln.

Popkultur und das Alphabet der Empörung

Auch in der Popkultur regiert die Selbstsicherheit. Ein Film, ein Song, ein Buch – jede kreative Äußerung wird sofort gescannt, etikettiert und entweder zum Triumph der eigenen Weltansicht oder zum Symbol alles Bösen erklärt. Fans verwandeln sich in Fanatiker, Kritiker in moralische Polizei, und die Künstler? Sie stehen vor einer Armee von Zuschauern, deren einziges Kriterium die eigene Meinung ist.

Ironischerweise ist die Vielfalt der Meinung verschwunden. Wir leben in digitalen Blasen, die nur das bestätigen, was wir ohnehin schon glauben. Netflix-Algorithmen, Spotify-Playlists, TikTok-For-You-Feeds – sie sind nicht nur Unterhaltungsmaschinen, sondern psychologische Feudalherrschaften, die jeden Versuch der Nuance niederwalzen. Die falsche Meinung ist nicht nur falsch; sie ist ein Angriff, ein kultureller Virus, den es zu isolieren gilt.

Bürokratie, Alltag und das kleine Drama der Selbstüberzeugung

Aber die Tyrannei der eigenen Meinung endet nicht bei Politik und Popkultur. Sie hat sich in jedes Rädchen des Alltags geschlichen. Im Supermarkt, beim Arzt, in der Bahn – überall begegnet man Menschen, die glauben, dass die eigene Sichtweise die einzige Realität ist. Wer den falschen Einkaufswagen wählt, den falschen Parkplatz nimmt, den falschen Gruß ausspricht, riskiert, Teil einer moralischen Parabel zu werden.

In der Bürokratie zeigt sich das besonders scharf: Formulare, Anträge, E-Mails – sie alle werden zu Schlachtfeldern der Selbstgerechtigkeit. Jeder, der sich an Regeln hält, glaubt, er sei im Besitz universeller Wahrheit; jeder, der abweicht, wird zum Sinnbild der Inkompetenz. Und die Meetings? Sie sind längst Theaterstücke, in denen jede Pointe, jeder Vorschlag, jede Idee zunächst auf ihre Fähigkeit geprüft wird, das eigene Ego zu bestätigen, bevor sie überhaupt diskutiert wird.

Wissenschaft als Opfer der Selbstgerechtigkeit

Die Wissenschaft, einst Hort des Zweifelns und der kritischen Reflexion, ist nicht verschont geblieben. Studien, Forschungsergebnisse, Hypothesen – alles wird sofort durch die Brille der eigenen Meinung interpretiert. Fakten werden selektiv wahrgenommen, Theorien zerpflückt, nur um die eigene Weltsicht zu bestätigen. Der Wissenschaftler als rationaler Forscher ist ersetzt durch den Wissenschaftler als Performer, der seine Forschung auf Social Media verkauft wie ein Influencer seine Jogginghose.

Ironischerweise hat diese Entwicklung die Wissenschaft zugleich entmachtet und übermächtig gemacht: Sie ist nur noch wertvoll, wenn sie die eigene Meinung belegt, und gefährlich, wenn sie eine falsche Meinung, sprich: die Meinung eines anderen, unterstützt.

Die Komik der digitalen Selbstjustiz

Doch trotz all dieser Tragik, oder gerade wegen ihr, bleibt die Komik: Wir beobachten uns selbst und erkennen die Lächerlichkeit unserer Eitelkeiten. Wir diskutieren über die moralische Qualität von Frühstücksflocken, während wir glauben, die Welt retten zu müssen. Wir empören uns über Worte, während wir die Bedeutung der Stille vergessen. Die digitale Selbstjustiz hat uns alles genommen – aber eines lässt sie uns: die Gelegenheit, das absurdes Schauspiel der menschlichen Selbstverliebtheit zu genießen.

Epilog: Die letzte Wahrheit der eigenen Meinung

Am Ende bleibt unweigerlich die Erkenntnis: Heute gibt es nur noch zwei Meinungen – die eigene und die falsche. Aber darin liegt, paradox, ein Geschenk. Wir können lachen über die digitale Hexenjagd, die moralische Selbstinszenierung, die absurden Debatten, die niemals Debatten sind. Wir können lachen über uns selbst, über die Welt, die wir uns selbst gebaut haben, und über die unerschütterliche Illusion, dass unsere eigene Meinung makellos, universell gültig und unfehlbar sei.

Denn, seien wir ehrlich, das Einzige, was wirklich falsch ist, ist zu glauben, man könne jemals alles richtig sehen – außer natürlich die eigene Meinung. Und genau in diesem Bewusstsein liegt die letzte Freiheit: die Freiheit zu lachen, während wir weiterhin unsere Welt auf den Fundamenten der Selbstgerechtigkeit errichten.

Ein Preis für den Frieden

oder: Wie man den Irrsinn vergoldet

Man stelle sich vor: Ein Preis, der für „Verdienste im Kampf gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass“ vergeben wird, landet in den Händen eines Mannes, dessen moralischer Kompass gelegentlich scheint, als sei er auf einem Jahrmarkt ausgestellt. Benjamin Idriz, Imam, moralischer Kommentator, und anscheinend auch Künstler im Genre der historischen Relativierung, darf sich plötzlich Preisträger nennen. Die liberale Thomas-Dehler-Stiftung hat offenbar beschlossen, dass die Fähigkeit, Täter und Opfer semantisch auf dieselbe Waage zu legen, eine bemerkenswerte Tugend ist.

Man muss das Bild nur kurz wirken lassen: ein Mann, der die Freilassung israelischer Geiseln mit der Rückkehr verurteilter palästinensischer Mörder gleichsetzt, applaudiert von einer Jury, die sich vermutlich in feierlicher Selbsttäuschung wiegt. Das ist weniger Preisverleihung, mehr eine Lehrstunde in moralischer Akrobatik: wie man historische Realität aufhübscht, bis sie bequem durch die liberale Brille passt.

Relativierung als Lebenskunst – oder: Wie man Terror in Watte packt

„Die Geschichte beginnt nicht am 7. Oktober.“ Das ist nicht nur eine Relativierung – das ist eine Verflachung der Wirklichkeit, die mit der Eleganz eines Presslufthammers daherkommt. Hier wird Terror nicht verurteilt, sondern in eine historische Debatte verpackt, in der Opfer zu Statisten eines ewigen Dramas werden, das moralisch ausgeglichen sein soll. Es ist eine Form der „Toleranz“, die man nur dann verstehen kann, wenn man bereit ist, den eigenen moralischen Kompass als Kitschdekor abzulegen.

Die Krux dabei: Herr Idriz kann sehr wohl deutliche Worte finden, nur wählt er sie gezielt gegen Israel. Der Einsatz rhetorischer Brandstiftung wird mit der Verheißung moralischer Neutralität überklebt, wie ein Sofa, das man über brennende Trümmer legt. Und die Jury? Offenbar entzückt vom warmen Gefühl der eigenen Gutgläubigkeit, vergibt fröhlich den Preis.

Moralische Akrobatik – der Balanceakt zwischen Genozid und Geiseln

Wenn man das Wort „Genozid“ in den Mund nimmt, sollte man wissen, dass es nicht wie ein Bonbon zu verteilen ist. Doch Herr Idriz benutzt es wie ein Accessoire: „in der moralischen Wahrnehmung von Milliarden Menschen“, so seine Formulierung. Milliarden Menschen sehen etwas, also wird es moralisch. Wir dürfen ruhig innehalten und den Wahnsinn in dieser Formulierung erkennen: Es ist nicht die Tat, es ist die Wahrnehmung, die zählt. Und siehe da: Israel, ein demokratischer Staat, steht plötzlich auf derselben moralischen Linie wie das Menschheitsverbrechen der Schoa. Ein Kunstgriff, der sogar Dali ins Schwitzen gebracht hätte.

Die Pointe, dass Juden in Deutschland sich vom israelischen Staat distanzieren sollten, um Antisemitismus einzudämmen, ist so unverschämt altmodisch-antizionistisch, dass sie fast schon wieder modern wirkt. Die moralische Verantwortung wird wie ein Brandbeschleuniger verteilt, und Juden sollen das Feuer löschen, während die Täter weiter agieren.

Die Jury – Meister der Selbsttäuschung

Die Thomas-Dehler-Stiftung präsentiert sich als Hort des Liberalismus, doch hier offenbart sich die Absurdität der guten Absicht. Man wollte Dialog, Versöhnung, Toleranz? Geschenkt. Doch wenn die Grundlage des Dialogs darin besteht, Opfer und Täter rhetorisch zu vereinen, dann ist das nicht Dialog. Das ist die Selbstverleugnung einer ganzen Institution, getarnt als Liberalität.

Die Jury hat offensichtlich beschlossen, dass öffentlich zugängliche Äußerungen, die Israel dämonisieren und Hamas-Terror relativieren, einfach nicht relevant seien. Vielleicht haben sie geglaubt, man könne Realität ausblenden, solange man sie in einem feinen Goldrahmen präsentiert.

Schlusswort: Wenn Preisverleihung zu Performancekunst wird

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Diese Verleihung ist kein Preis. Sie ist eine Performance, ein Lehrstück in der Kunst der moralischen Selbstüberhöhung. Vielleicht ist Benjamin Idriz gar nicht Imam, sondern ein schelmischer Kurator der Realität, der uns alle dazu bringt, staunend zuzusehen, wie man Absurdität in Gold gießt.

Chapeau, Thomas-Dehler-Stiftung. Sie haben uns gelehrt, dass Toleranz nicht nur relativ, sondern potenziell satirisch sein kann. Und dass man mit genügend Liberalität sogar den Terror umarmen kann – natürlich augenzwinkernd, versteht sich.

Der digitale Blockwart – oder: Wie man mit einem Klick das Grundgesetz entwertet

I. Die neue deutsche Tugend: Klicken statt Denken

Es war einmal ein Land, das nach 1945 beschwor, nie wieder dürfe Angst den öffentlichen Raum regieren. Und tatsächlich: Deutschland wurde zum Musterknaben des Rechtsstaats, zum Hüter der Würde, zum Land, in dem selbst ein Autokennzeichen mit „H-KZ“ mehr Empörung auslöst als jede Steuererhöhung.

Doch irgendwo zwischen Klimadiskurs, Pandemiepanik und Haltungsjournalismus hat sich eine neue, subtilere Angst eingeschlichen: die Angst vor der falschen Meinung.
Nicht mehr der Staat verbietet, sondern die Gesellschaft selbst – mit digitaler Selbstgerechtigkeit, flankiert von staatlich abgesegneten Meldeportalen.

So auch im Fall Prof. Dr. Norbert Bolz, Kommunikationswissenschaftler, Medienintellektueller, bekennender Konservativer – also, nach heutigem Verständnis, eine Art intellektueller Hochrisikofall.
Ein anonymer Hinweis über „Hessen gegen Hetze“ genügte, und schon stand der Staat vor der Tür. Kein Terrornetzwerk, kein Aufruf zur Gewalt – nur ein Verdacht, ein Klick, ein Algorithmus im Dienste der Tugend.

Man könnte es fast für Satire halten, wäre es nicht real.

II. Hessen gegen Hetze – Die Rückkehr der moralischen Denunziation

Die Idee hinter dem Portal ist so simpel wie gefährlich: Jeder kann melden, was ihm „nach Hetze aussieht“. Kein Beweis nötig, kein Name, keine Verantwortung.
Ein digitaler Pranger mit dem Etikett der Bürgerbeteiligung – der Traum aller Kontrolleure, die den Bürger lieber als Untertan denn als Mitdenker sehen.

Das System erinnert an alte, dunkle Instinkte: an das Misstrauen als soziale Klammer, an die Genugtuung des Meldens, an die süße Versuchung, sich durch moralische Empörung über andere zu erhöhen.
Der Blockwart 2.0 trägt keinen Trenchcoat mehr, sondern ein Profilbild mit Regenbogenrahmen.

Dass ausgerechnet ein Land mit deutscher Geschichte solch ein System wiederbelebt, hat eine bittere Ironie. Einst waren anonyme Anzeigen das Werkzeug totalitärer Systeme – heute nennt man sie „Engagement gegen Hass“.
Und so öffnet sich ein altbekanntes Tor: das Tor zur Tyrannei der Guten.

III. Meinungsfreiheit, das missverstandene Grundrecht

Artikel 5 des Grundgesetzes – dieses hochverehrte, oft zitierte, selten verstandene Juwel – garantiert jedem das Recht, seine Meinung frei zu äußern.
Doch die Freiheit der Meinung ist kein Schönwetterrecht. Sie gilt gerade dann, wenn Meinungen unbequem, provokant oder dumm sind.

Natürlich hat sie Grenzen – Schmähkritik, Beleidigung, Volksverhetzung. Aber diese Grenzen sind eng gezogen, bewusst eng, weil die Väter und Mütter des Grundgesetzes wussten, was passiert, wenn man den Staat zum Schiedsrichter des Denkens macht.

Die heutige Praxis jedoch dreht das Verhältnis um: Nicht mehr der Staat muss beweisen, dass eine Äußerung keine Meinung, sondern eine Straftat ist – der Bürger muss hoffen, dass sein Satz nicht „anders verstanden“ wird.
Damit verwandelt sich ein Abwehrrecht gegen den Staat in ein Genehmigungssystem der Gesinnung.

IV. Die schleichende Erosion des Rechtsstaats

Hausdurchsuchungen sind keine Bagatellen. Sie greifen tief in die Grundrechte ein – in die Unverletzlichkeit der Wohnung, in die Privatsphäre, in die Würde.
Dass sie auf Grundlage anonymer Meldungen erfolgen können, ist ein Symptom jener Erosion, die langsam, leise und unter Applaus der Wohlmeinenden fortschreitet.

Juristisch betrachtet ist das absurd: Der anonyme Hinweis ersetzt keine richterliche Begründung, kein Tatverdacht darf allein daraus erwachsen. Doch in der Praxis reicht oft der moralische Druck – die Angst, „nicht zu handeln“.
Der Rechtsstaat knickt nicht unter Gewalt ein, sondern unter Empörung.

Und während man früher noch Akten studierte, um Recht zu sprechen, reicht heute ein Screenshot aus einem Forum, ein anonymer Upload, ein „Verdacht auf Hetze“.
Das ist kein Fortschritt – das ist der Rückfall in das Vorrecht der Vermutung.

V. Ein Blick zurück: Geschichte als Lehrerin, die keiner hören will

Wer glaubt, Denunziation sei ein archaisches Relikt, möge sich erinnern:

  • In der DDR hieß es „IM-Bericht“,
  • im Dritten Reich „Volksgemeinschaftliche Meldung“,
  • und im digitalen Zeitalter: „Hessen gegen Hetze“.

Das Muster bleibt dasselbe, nur die Rhetorik wechselt. Früher diente es der „Volkshygiene“, heute der „Diskurshygiene“.
In beiden Fällen aber gilt: Der Staat nutzt die Bürger, um Kontrolle über andere Bürger auszuüben – unter dem Deckmantel des Guten.

Gerade deshalb war das Grundgesetz so weise: Es baute Schranken ein, die verhindern sollten, dass sich das Rad der Geschichte erneut dreht.
Doch der neue Denunziant hält sich nicht für Werkzeug, sondern für Held.
Er meldet nicht, weil er fürchtet – er meldet, weil er glaubt.

VI. Das gefährliche Spiel mit der „Zivilgesellschaft“

Ein weiteres Lieblingswort dieser Zeit lautet: Zivilgesellschaft.
Ein so schönes, rundes Wort – wie „Klimaneutralität“ oder „Solidaritätszuschlag“. Es klingt immer gut, egal, was es bedeutet.
In Wahrheit dient es heute oft als Tarnkappe für staatlich alimentierte Aktivismusstrukturen, die unter dem Mantel des Engagements das tun, was der Staat selbst nicht darf: moralische Selektion.

Wer „gegen Hetze“ kämpft, braucht Feinde. Und wer Feinde braucht, findet sie auch. So entsteht eine Industrie der Empörung, eine Infrastruktur der moralischen Aufrüstung.
Der Preis: die Verwandlung der Öffentlichkeit in ein Tribunal.

VII. Der Staat der Verdächtigen

Das Vertrauen, das einst die Basis des Rechtsstaats bildete, schwindet. Stattdessen wächst ein paternalistisches System des Misstrauens, in dem Bürger nicht mehr Partner, sondern Beobachtungsobjekte sind.
Jeder Klick wird zum potenziellen Beweis, jedes Wort zur Spur im Raster.

Das ist keine Dystopie, das ist Realität – nur freundlich lächelnd präsentiert.
Man nennt es „digitale Zivilcourage“, weil „gesellschaftliche Überwachung“ nicht gut auf die Plakatwand passt.

Doch wenn der Staat die Bürger misstrauisch beäugt und sie sich gegenseitig melden, dann ist die Demokratie nicht gestärkt, sondern entkernt.

VIII. Die wahre Prävention: Bildung, Debatte, Vernunft

Es gibt Alternativen. Sie heißen nicht „Portal“, sondern „Polizei“. Nicht „anonymer Hinweis“, sondern „rechtsstaatliches Verfahren“.
Und vor allem: Bildung.
Denn wer gelernt hat zu denken, braucht keine Meldeplattform, um Hetze zu erkennen.

Der Staat sollte in Medienkompetenz investieren, nicht in digitale Pranger. In Vertrauen, nicht in Kontrolle.
Denn Freiheit gedeiht nicht im Schatten des Verdachts, sondern im Licht des offenen Streits.

IX. Epilog: Freiheit als Zumutung

Der Fall Bolz ist mehr als ein Einzelfall. Er ist ein Spiegel. Und das Spiegelbild zeigt eine Gesellschaft, die sich selbst misstraut – und darin gefährlicher ist als jeder „Hassredner“.

Freiheit ist unbequem. Sie riecht, sie kratzt, sie beleidigt den Geschmack. Aber sie ist das Einzige, was den Bürger vom Untertan unterscheidet.

Mehr Freiheit, mehr Rechtsstaat, weniger Misstrauen.
Oder, um es in aller Polemik zu sagen:
Wenn schon Denunziation, dann wenigstens offen – mit Namen, mit Gesicht, mit Rückgrat.

Alles andere ist feige Moral mit WLAN-Anschluss.