Es gibt in der politischen Moderne einen besonders beliebten Zaubertrick: Man nehme eine komplexe Realität, erkläre sie moralisch für erledigt, ersetze sie durch ein hübsches Narrativ – und hoffe, dass niemand nachrechnet. Über Jahre hinweg wurde uns genau dieser Trick als große Energievision verkauft. Wind und Sonne, so hieß es, seien nicht nur sauber, moralisch überlegen und quasi naturgegeben, sondern – ein besonderer rhetorischer Kunstgriff – auch noch billig. Billiger als alles andere. Fast schon gratis. Fossile Energien hingegen seien ein sterbender Dinosaurier, ein ökonomischer Leichnam, der nur noch aus Gewohnheit zuckt. “Stranded Assets” lautete das Mantra der Finanzwelt: Milliardeninvestitionen in Öl, Gas oder Kohle würden bald wertlos sein, gestrandete Vermögenswerte wie rostende Tanker in einem ausgetrockneten Hafenbecken. Eine schöne Geschichte, elegant erzählt, moralisch aufgeladen und politisch bequem. Leider hat die Wirklichkeit – dieses unerquicklich störrische Ding – die unangenehme Eigenschaft, sich nicht dauerhaft an politische Drehbücher zu halten.
Und so kommt es, dass ausgerechnet dort Zweifel aufblitzen, wo man sie am wenigsten erwartet: in den nüchtern klimatisierten Analyseabteilungen großer Banken. Während Politiker auf Konferenzen noch immer mit dem Pathos eines Solarpanel-Priesters vom unvermeidlichen Triumph der grünen Energie sprechen, sitzen anderswo Menschen mit Excel-Tabellen und stellen eine unerquicklich banale Frage: Rechnet sich das eigentlich? Als die Analysten einer großen britischen Bank ihr Papier mit dem trockenen Titel „Transition Realism“ veröffentlichten, klang es deshalb weniger wie eine ökologische Predigt und mehr wie der Moment im Theater, wenn der Vorhang versehentlich zu früh hochgeht und das Publikum sieht, dass die prächtige Palastkulisse hinten aus Sperrholz besteht. Die eigentliche Pointe: Das Risiko gestrandeter Vermögenswerte hat offenbar die Seiten gewechselt. Nicht mehr nur Kohlekraftwerke könnten ökonomisch stranden – sondern zunehmend auch die Infrastruktur der Energiewende selbst.
Das große Netz, das niemand gebaut hat
Der Kern des Problems ist so banal, dass er fast schon beleidigend wirkt: Strom muss transportiert werden. Man könnte meinen, diese Erkenntnis sei seit der Erfindung des Elektrizitätsnetzes im späten 19. Jahrhundert einigermaßen etabliert. Doch in der euphorischen Phase der Energiewende geschah etwas Erstaunliches. Überall entstanden Windparks, Solarfelder und Offshore-Anlagen – politische Prestigeprojekte, regionale Investitionsmagneten, symbolische Kathedralen der Dekarbonisierung. Was weniger schnell entstand, waren die Stromnetze, die diese Energie tatsächlich transportieren sollen. So entwickelte sich in vielen Ländern ein Phänomen, das in seiner Absurdität fast schon literarische Qualität besitzt: fertig gebaute Kraftwerke, die keinen Strom liefern dürfen.
Man stelle sich das einmal plastisch vor: Da stehen riesige Windräder in der Landschaft, drehen sich vielleicht sogar im Wind – und produzieren doch nichts für den Markt, weil die Leitung fehlt. Es ist ein bisschen so, als würde man Flughäfen bauen, ohne Startbahnen anzuschließen. Oder Autobahnen, die plötzlich im Wald enden. Investoren haben Milliarden hineingesteckt, die Anlagen sind technisch einsatzbereit – doch der Netzanschluss lässt auf sich warten. Jahre, manchmal ein halbes Jahrzehnt. Kapital ist gebunden, Renditen bleiben aus. Für Finanzmärkte ist das ungefähr so attraktiv wie ein Tresor voller Spielgeld.
Wenn Strom zu viel wird
Doch selbst dort, wo Leitungen existieren, entfaltet sich die nächste ironische Wendung der Geschichte. Wind und Sonne sind – was man ihnen kaum vorwerfen kann – nicht sonderlich diszipliniert. Sie richten sich nicht nach Börsenpreisen, Lastkurven oder politischen Zielpfaden. Wenn der Wind kräftig bläst und gleichzeitig die Sonne scheint, kann es passieren, dass plötzlich sehr viel Strom gleichzeitig produziert wird. Zu viel für die Netze. Zu viel für die Nachfrage. Zu viel für ein System, das jahrzehntelang auf kontrollierbare Kraftwerke ausgelegt war.
Das Ergebnis trägt den technisch eleganten Namen „Curtailment“, was ungefähr so viel bedeutet wie: Man schaltet die Anlage ab. Nicht weil sie kaputt ist. Nicht weil sie schlecht geplant wurde. Sondern weil sie gerade zu gut funktioniert. In solchen Momenten beginnt das Energiesystem ein Verhalten zu zeigen, das ökonomisch an Monty-Python-Sketches erinnert. Betreiber erhalten teilweise Entschädigungen dafür, dass sie keinen Strom produzieren. Strom, der eigentlich als günstige, saubere Zukunftsenergie gedacht war, verwandelt sich in ein bürokratisches Zahlungsversprechen für Nichtproduktion. Der Markt wird damit zu einer merkwürdigen Mischung aus Stromnetz und Theaterbühne: Alle tun so, als würde produziert, während gleichzeitig bezahlt wird, damit es nicht geschieht.
Die große Speicherfrage
Nun könnte man sagen: Gut, dann speichern wir den überschüssigen Strom eben. Ein vernünftiger Gedanke – in der Theorie. In der Praxis allerdings stößt man schnell auf eine unangenehme Größenordnung. Um eine moderne Industriewirtschaft vollständig mit schwankender Energie zu versorgen, bräuchte man Speicher in gigantischem Maßstab. Nicht ein paar Batterien hier und dort, sondern Infrastruktur von nahezu geologischen Dimensionen. Pumpkraftwerke, Wasserstoffsysteme, riesige Batteriespeicher, intelligente Netze, flexible Reservekraftwerke. Alles zusammen würde Summen verschlingen, die selbst in optimistischen Szenarien kaum jemand gerne auf eine Haushaltsrechnung schreiben möchte.
Die nüchterne Konsequenz: Ohne flexible Kraftwerke im Hintergrund – also meist Gas, manchmal auch Kohle – bleibt das System verwundbar. Diese Kraftwerke springen ein, wenn der Wind gerade Urlaub macht oder die Sonne hinter einer besonders hartnäckigen Wolkendecke verschwindet. Der paradoxe Effekt besteht darin, dass genau jene fossilen Technologien, die politisch bereits verabschiedet wurden, plötzlich als Stabilitätsgaranten des Systems auftreten. Es ist, als würde man öffentlich den Abschied von einem alten Haus feiern, während man heimlich weiterhin im Keller wohnt, weil das neue Gebäude noch keinen Boden hat.
Der unersättliche Energiehunger der Welt
Parallel dazu geschieht etwas, das den moralischen Dramaturgen der Energiewende besonders missfällt: Die Welt verbraucht immer mehr Energie. Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Digitalisierung, Klimaanlagen, Elektromobilität, Rechenzentren – all das verlangt Strom, und zwar sehr viel davon. Der globale Energiehunger steigt hartnäckig weiter, egal wie viele Gipfeltreffen abgehalten oder Zielpfade verkündet werden. Und während in politischen Reden häufig der Eindruck entsteht, die fossile Ära sei praktisch schon beendet, zeigt ein Blick auf die globalen Energiestatistiken eine weniger poetische Realität: Öl, Gas und Kohle liefern weiterhin einen großen Teil der weltweiten Versorgung.
Das bedeutet nicht, dass erneuerbare Energien keine Rolle spielen – im Gegenteil, sie wachsen beeindruckend schnell. Doch Wachstum ist nicht dasselbe wie Dominanz. Der Übergang des gesamten Energiesystems ist keine elegante Revolution, sondern eher eine zähe, widersprüchliche Evolution. Eine Transformation, bei der alte und neue Technologien lange nebeneinander existieren, sich gegenseitig stützen, blockieren und gelegentlich auch sabotieren.
Die Religion der einfachen Antworten
Vielleicht liegt das eigentliche Problem weniger in Windrädern oder Solarpanels selbst, sondern in der politischen Erzählung, die sie umgibt. In dieser Erzählung ist die Energiewende kein kompliziertes Infrastrukturprojekt, sondern eine moralische Mission. Wer Zweifel äußert, gilt schnell als rückständig, wer Kosten erwähnt als Fortschrittsverhinderer. In einem solchen Klima wird Realismus schnell mit Ketzerei verwechselt.
Doch Energiesysteme sind keine Glaubensgemeinschaften. Sie sind technische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Monster von gigantischer Komplexität. Sie bestehen aus Netzen, Speichern, Kraftwerken, Märkten, politischen Entscheidungen und physikalischen Grenzen. Wer glaubt, man könne dieses Geflecht durch ein paar heroische Narrative ersetzen, betreibt letztlich eine Art energiepolitischen Wunschzauber.
Und so endet die Geschichte – zumindest vorläufig – mit einem kleinen, sehr menschlichen Dialog, der das ganze Drama erstaunlich präzise zusammenfasst.
„Die Energiewende wird billig.“
Nein!
„Die Netze sind kein Problem.“
Doch!
„Oh.“