Scheiß auf „ismen“ – Danke, ich denke selbst

Es gibt Sätze, die klingen wie eine Tür, die man hinter sich zuschlägt. Nicht, weil man beleidigt ist, sondern weil man endlich begriffen hat, dass man gar nicht eingeladen war. „Scheiß auf ismen – ich denke selbst“ ist so ein Satz. Ein Satz wie ein Stuhl, den man in eine besonders stickige Gesprächsrunde stellt, in der alle so tun, als sei Diskurs etwas, das sich mit Etiketten erledigen ließe. Ist das jetzt liberal? Ist das konservativ? Ist das links? Ist das rechts? Ist das post-irgendwas? Als wäre Denken eine Art Dresscode. Als müsste man sein Gehirn am Eingang abgeben, damit es drinnen nicht stört. Und dieser Satz, so roh er klingt, so herrlich unakademisch, so ungebügelt, so unhöflich, ist ein Befreiungsschlag: nicht gegen Überzeugungen, nicht gegen Haltung, nicht gegen Moral, sondern gegen die lächerliche Vorstellung, man könne die Wirklichkeit wie Wurstaufschnitt sortieren und dann so tun, als hätte man sie verstanden.

Denn „ismen“ sind der IKEA-Katalog des Geistes: ein paar klare Linien, ein paar wohlklingende Begriffe, eine Anleitung, die in 17 Schritten verspricht, man werde am Ende „eine Position“ haben – und wenn man fertig ist, hat man zwar irgendwas stehen, aber es wackelt. Und man merkt: Es ist nicht stabil, es ist nur bequem. Es passt in die Wohnung des eigenen Egos und lässt sich gut vorzeigen, wenn Besuch kommt. Ein Ismus ist ein Möbelstück, das man sich zusammenbaut, damit man nie wieder wirklich wohnen muss. Vor allem muss man nie wieder den Staub sehen. Man hat ja jetzt ein Regal.

Und was für ein Regal das ist. „Ich bin…“ – das ist der Beginn der modernen Religion. Man bekennt. Man erklärt sich. Man macht aus dem Denken eine Mitgliedschaft. Früher musste man dafür noch in eine Kirche gehen, heute reicht ein Profilbild, ein Hashtag und der passende Tonfall: moralisch geschniegelt, rhetorisch geschniegelt, emotional geschniegelt. Die Gegenwart liebt nicht die Wahrheit – sie liebt die Zugehörigkeit. Und Zugehörigkeit, das ist ein Ismus in Warmhaltefolie. Schmeckt nach nichts, macht aber satt genug, um nicht mehr zu fragen, was man da eigentlich gerade isst.

Ismen als geistige Rolltreppe nach unten

Es ist ja nicht so, dass „ismen“ grundsätzlich böse wären. Böse ist ein zu großes Wort, und außerdem klingt es so, als stünde irgendwo ein finsterer Plan, eine Art Ismus-Kartell, das nachts in einem Konferenzraum sitzt, auf dem Tisch ein Flipchart, darauf mit Filzstift: „Wie verhindern wir eigenständiges Denken?“ Wahrscheinlich ist es viel schlimmer: Es gibt keinen Plan. Es gibt nur Bequemlichkeit. Die wahre Tyrannei trägt Crocs und sagt: „Das reicht doch.“

Ein Ismus ist eine Abkürzung. Abkürzungen sind praktisch, aber sie sind auch gefährlich, weil sie den Weg unsichtbar machen. Man kommt zwar schneller an, aber man hat nichts gesehen. Und dann steht man da, geschniegelt mit Weltanschauung, geschniegelt mit Begriffen, geschniegelt mit „Evidenz“ (diesem Lieblingswort derer, die gerne so tun, als sei Denken eine Excel-Datei), und wundert sich, warum man trotz allem so leicht zu erschüttern ist. Man hat ja nie gelernt, zu gehen – man hat nur gelernt, anzukommen. Der Ismus trägt dich wie eine Rolltreppe: Du musst dich nicht bewegen, du musst dich nicht anstrengen, du musst dich nicht einmal umschauen. Du stehst einfach da und fährst. In der Regel nach unten.

Denn sobald du in einem Ismus steckst, beginnt eine wundervolle Magie: Alles wird plötzlich erklärbar. Nicht korrekt erklärbar – aber erklärbar. Jede Abweichung ist ein Sonderfall. Jeder Widerspruch ist „eigentlich“ kein Widerspruch, sondern ein Missverständnis. Jeder, der nicht mit dir übereinstimmt, hat irgendeinen Defekt: zu privilegiert, zu uninformiert, zu emotional, zu kalt, zu dumm, zu böse. Ismen sind nicht dafür gemacht, die Welt zu verstehen. Sie sind dafür gemacht, die Welt zu sortieren, damit man sie nicht mehr fühlen muss. Ein Ismus ist ein Schneidbrett. Der Mensch darauf: in Scheiben.

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Und natürlich: Sobald man sortiert, steht man über den Dingen. Das ist der eigentliche Kick. Man ist nicht mehr einfach nur jemand, der sich irren kann – man ist jemand, der „die Mechanismen“ erkannt hat. Man spricht dann mit dieser gefährlichen Ruhe, dieser salbungsvollen Gewissheit, mit der sonst nur Wetter-Apps verkünden, dass es regnen wird. Man sagt Sätze wie: „Das ist strukturell.“ Oder: „Das ist systemisch.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Das ist komplex.“ Man sagt „komplex“, wenn man eigentlich sagen will: „Ich habe keine Lust, das wirklich zu durchdenken, aber ich will dabei schlau klingen.“

Der Ismus als Identitätsparfüm

Das Beste an Ismen ist, dass man sie tragen kann. Wie Parfüm. Man sprüht sich „Feminismus“ oder „Neoliberalismus“ oder „Antikapitalismus“ oder „Tradition“ hinter die Ohren und hofft, dass alle sofort wissen: Ah! Dieser Mensch ist so einer. Und man selbst weiß es dann auch, was ungeheuer beruhigend ist. Denn wer will schon mit der Zumutung leben, ein wandelnder Widerspruch zu sein? Wer will schon morgens aufwachen und denken: Heute fühle ich mich gleichzeitig dankbar und wütend, zugleich überzeugt und unsicher, zugleich links und skeptisch gegenüber linken Ritualen, zugleich empathisch und genervt? Das wäre ja unerträglich menschlich.

Der Ismus ist die Deodorant-Stange gegen die eigene Ambivalenz. Er verhindert zuverlässig, dass man nach Zweifel riecht. Zweifel ist ja in unserer Zeit das, was früher Ketzerei war. Wer zweifelt, sabotiert die Gruppe. Wer zweifelt, gefährdet die Reinheit der Position. Wer zweifelt, nimmt dem Ismus sein einziges Versprechen: dass man sich nicht mehr schämen muss, weil man „auf der richtigen Seite“ steht. Und nichts ist moderner als die Sehnsucht, moralisch wasserdicht zu sein. Man möchte keine Fehler haben, sondern Feinde. Fehler sind anstrengend, Feinde sind bequem. Fehler verlangen Selbstkritik, Feinde verlangen nur ein gutes Meme.

Und wehe, man sagt: „Ich denke selbst.“ Dann passiert etwas, das man in den sozialen Medien sehr schön beobachten kann, dieses kollektive Zusammenziehen der Pupillen. Aha, heißt es dann. Selbst denken. Dieses merkwürdige Codewort, das sich anhört wie Freiheit, aber oft nur bedeutet: Ich will meine Vorurteile ohne Widerrede behalten. Doch genau deswegen ist der Satz so riskant und so notwendig. Denn er verweigert beiden Seiten das Recht, ihn sofort zu vereinnahmen. Er ist zu grob für die Feuilletons, zu unordentlich für die Aktivisten, zu wild für die Parteitage und zu lebendig für die Ideologen. Er ist ein Stein im Schuh der eindeutigen Leute.

Die große Verwechslung: Meinung statt Denken

Unsere Epoche hat eine besonders elegante Form der Gedankenvermeidung entwickelt: Man verwechselt Denken mit Meinung. Eine Meinung ist etwas, das man haben kann wie einen Regenschirm. Denken ist etwas, das einen haben kann wie ein Fieber. Meinung ist Besitz, Denken ist Zustand. Meinung trägt man spazieren, Denken trägt einen weg. Und weil Weggetragenwerden Angst macht, klammert man sich an Meinungen. Um Meinungen herum baut man dann kleine Häuser aus Ismen, in denen alles vertraut klingt. Jeder Satz ist ein Echo. Jeder Widerspruch ein Angriff. Jeder Zweifel ein Verrat.

Denken dagegen ist hässlich. Es ist nicht Instagram-tauglich. Denken hat keine klare Linienführung und selten ein gutes Licht. Denken stottert. Denken ringt. Denken sagt „ich weiß es nicht“ und lebt weiter. Denken ist eine unverschämte Tätigkeit, weil sie keine Rücksicht nimmt auf die eigene Selbstinszenierung. Wer denkt, kann plötzlich feststellen, dass er jahrelang Unsinn geglaubt hat. Wer denkt, kann plötzlich auf der Seite desjenigen landen, den er gestern noch verachtete. Wer denkt, muss riskieren, nicht mehr dazuzugehören. Und das ist der Punkt, an dem die meisten Ismen ihre Hände wie eine fürsorgliche Mutter ausstrecken und sagen: „Komm, komm, hier bist du sicher. Hier musst du das nicht.“

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Die Tragik ist: Viele Menschen halten sich für kritisch, weil sie gelernt haben, die richtigen Dinge zu kritisieren. Kritik aber ist nicht die Fähigkeit, auf andere einzuschlagen. Kritik ist die Fähigkeit, die eigene Position zu destabilisieren, ohne dabei zusammenzuklappen. Das ist selten. Das ist teuer. Das kostet soziale Wärme. Und deshalb ersetzt man Kritik durch Pose. Pose ist viel günstiger. Pose macht keine schlaflosen Nächte. Pose lässt sich tweeten.

Satire als letzter Rest von Anstand

Vielleicht ist es deshalb so wichtig, über „ismen“ nicht nur wütend zu sein, sondern auch zu lachen. Denn Lachen ist das, was übrig bleibt, wenn man die Sache ernst nimmt, ohne sich von ihr besitzen zu lassen. Satire ist keine Flucht, Satire ist ein Diagnoseinstrument. Wenn du über einen Ismus nicht lachen kannst, hat er dich schon. Wenn du nur noch beleidigt bist, wenn jemand „deinen“ Begriff falsch benutzt, dann bist du nicht mehr ein Mensch mit Überzeugungen – du bist ein Wächter eines Tempels. Und Tempelwächter sind immer humorlos. Sie sind dafür eingestellt. Humor ist gefährlich, weil er Grenzen überschreitet. Humor macht das Heilige wieder menschlich. Und nichts bedroht einen Ismus mehr als die Erkenntnis, dass er auch nur eine Meinung mit Hut ist.

Der polemische Zynismus – dieser süße, schwarze Espresso der Seele – ist dabei kein Selbstzweck. Er ist ein Mittel gegen eine Welt, die ständig so tut, als wäre sie moralisch sauber. Zynismus sagt: Schau genau hin. Da ist Dreck. Da ist Eitelkeit. Da ist Macht. Da ist Angst. Da ist Gier. Und da ist viel, viel Selbstbetrug. Aber zynisch sein heißt nicht, nichts zu glauben. Es heißt, nichts zu glauben, nur weil es gut klingt. Es heißt, die Rhetorik auszuziehen und zu schauen, was darunter ist: ein Mensch. Meistens ein recht gewöhnlicher Mensch, der seine Wunden moralisch verkleidet.

Die Ismenindustrie: Empörung als Geschäftsmodell

Und dann ist da natürlich noch der Markt. Denn nichts ist lukrativer als Weltanschauung. Weltanschauung ist das einzige Produkt, das man verkaufen kann, während man behauptet, man schenke es. Die Ismenindustrie ist ein Wunderwerk: Sie produziert permanent Gründe, sich zu empören – und bietet gleichzeitig die passenden Beruhigungsmittel an. Empörung ist das Popcorn der Gegenwart. Man knallt es sich rein, während irgendwo die Welt brennt, und fühlt sich dabei irgendwie beteiligt. Moralisches Entertainment. Du sitzt auf dem Sofa, scrollst, schüttelst den Kopf, schreibst „Unfassbar!“ und hast damit dein Gewissen für den Tag erledigt. Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt politisch.

Das Problem ist nicht, dass Menschen Haltung haben. Das Problem ist, dass Haltung oft nur noch ein Möbelstück ist, das man in die Kamera hält. Und wehe, es wackelt. Dann wird es nicht repariert, dann wird es verteidigt. Nicht weil es wahr ist, sondern weil es man selbst geworden ist. Wer einen Ismus kritisiert, kritisiert nicht mehr eine Idee, sondern eine Identität. Und gegen Identitätskritik reagiert der Mensch wie gegen einen körperlichen Angriff: mit Abwehr, mit Wut, mit Mobilmachung. Deshalb werden Debatten nicht geführt, sondern gewonnen. Und wer gewinnt? Der Lautere. Der Schnellere. Der mit dem besseren Slogan. Wahrheit ist im Vergleich dazu ein langsames Tier.

Ich denke selbst: der Skandal der Unzugehörigkeit

„Ich denke selbst“ ist ein Skandal, weil es ein Versprechen enthält, das man nicht überprüfen kann. Es ist keine Markenbotschaft. Es ist kein Abzeichen. Es ist keine Schublade. Es ist ein Zustand des Risikos. Man sagt damit: Ich lasse mich nicht reduzieren. Ich bin nicht nur eine Position. Ich bin ein Prozess. Ich bin ein Widerspruch auf zwei Beinen. Und das ist in einer Zeit, die alles messbar, alles etikettierbar, alles vermarktbar machen will, ein Affront.

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Selbst denken heißt nicht, sich über alles zu erheben wie ein erleuchteter Bergmönch mit WLAN. Selbst denken heißt, sich hineinzubegeben in den Dreck der Dinge. Es heißt, zuzuhören, ohne sofort zu etikettieren. Es heißt, Quellen zu lesen, nicht nur Reaktionen. Es heißt, den eigenen Affekt zu bemerken und nicht sofort für Wahrheit zu halten. Es heißt, sich zu fragen: Will ich gerade verstehen – oder will ich gerade recht behalten? Und wer diese Frage ehrlich beantwortet, merkt schnell: Recht behalten ist die Droge. Verstehen ist die Therapie. Therapie schmeckt bitter. Drogensucht schmeckt nach Applaus.

Und natürlich: Selbst denken heißt auch, sich einzugestehen, dass man nicht komplett frei ist. Wer behauptet, völlig unabhängig zu denken, ist meist nur abhängig von seinem Stolz. Der Unterschied ist: Der Stolz gibt keine Quittung aus. Aber man kann trotzdem versuchen, die eigenen Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Man kann sich selbst beobachten wie ein verdächtiges Tier. Man kann sich fragen, welche Ideen man liebt, weil sie wahr sind – und welche man liebt, weil sie einen gut aussehen lassen. Das ist keine heroische Übung. Es ist eher ein tägliches Zähneputzen gegen den Mundgeruch der Selbstgerechtigkeit.

Der letzte Luxus: Unfertig bleiben dürfen

Vielleicht ist das der eigentliche Kern: Das Denken selbst ist heute Luxus geworden. Nicht, weil es intellektuell elitär wäre, sondern weil es Zeit braucht, Ruhe, Geduld und den Mut, nicht sofort ein Urteil zu fällen. Die meisten Menschen sind erschöpft. Sie wollen Gewissheit wie eine warme Decke. Sie wollen eine Welt, die nicht dauernd neue Fragen stellt. Und dann kommt der Ismus und sagt: Hier, ich habe ein Paket. Es enthält Antworten, Feindbilder und ein Gemeinschaftsgefühl. Alles in einem. Und man nimmt es, weil man müde ist. Man nimmt es, weil das Leben schon kompliziert genug ist. Man nimmt es, weil man ein Mensch ist.

Aber wenn man es genau nimmt, ist Denken genau dafür da: für das Komplizierte. Für das Uneindeutige. Für das Unfertige. Denken ist die Kunst, sich nicht zu früh zu beruhigen. Es ist die Fähigkeit, in einem Satz gleichzeitig „ja“ und „aber“ zu sagen, ohne sich dafür zu schämen. Es ist die Fähigkeit, den eigenen Ismus wie ein Werkzeug zu benutzen, nicht wie eine Prothese. Ein Ismus kann helfen, Muster zu sehen – aber er darf nie zum Ersatz für Wahrnehmung werden. Er darf nie das Auge ersetzen. Er darf nie die Hand führen, wenn das Herz längst abgekoppelt ist.

Scheiß auf „ismen“, ja – aber nicht, weil man keine Prinzipien hätte, sondern weil man Prinzipien nicht mit Etiketten verwechseln will. Nicht, weil man unpolitisch wäre, sondern weil man den billigen politischen Konsum verweigert. Nicht, weil man „über den Dingen“ stünde, sondern weil man endlich in den Dingen stehen will, mit offenen Augen, ohne ideologischen Helm, ohne Schaum vorm Mund, ohne den Reflex, alles sofort in richtig und falsch zu pressen.

Und wenn man dabei manchmal zynisch wird, gut. Zynismus ist oft nur die verletzte Form von Hoffnung. Wenn man dabei manchmal lacht, noch besser. Denn Humor ist das Zeichen, dass man noch frei ist. Frei genug, um zu merken, wie lächerlich wir alle sind, wenn wir uns für endgültig halten. Frei genug, um sich selbst nicht zu schonen. Frei genug, um zu sagen: Ich denke selbst. Und wenn ich mich irre, dann wenigstens aus eigener Kraft.

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