oder Die Startbahn der Heuchelei
Es ist ein beruhigendes Ritual der Republik: Wann immer ein Finanzminister mit ernster Stirn und sakraler Stimme verkündet, „jeder wird spüren, dass wir sparen“, darf man sicher sein, dass zunächst einmal jemand anderes friert. Meist jemand ohne Dienstwagen, ohne Flugbereitschaft und ohne die Gewissheit, dass ein Terminal eigens für seine Wichtigkeit errichtet wird. Sparen, das ist in Deutschland keine fiskalische Maßnahme, sondern eine moralische Erziehungsstrategie, ein pädagogischer Zeigefinger mit Haushaltsplan. Und wie jede gute Erziehungsmaßnahme wirkt sie am besten dort, wo sie am wenigsten wehtut – nämlich ganz oben. Während unten die Lichter gedimmt, die Zuschüsse gekürzt und die Leistungen „priorisiert“ werden, hebt oben etwas ganz anderes ab: die Kosten. Am Flughafen BER, diesem ewigen Denkmal deutscher Planungskunst, bekommt nun auch die politische Elite ihr ganz eigenes Mahnmal. Es heißt Regierungsterminal und ist der vielleicht ehrlichste Bau der Republik, weil er nicht einmal mehr vorgibt, sparsam zu sein.
Beton, Glas und das Pathos der Unvermeidlichkeit
Geplant waren einst 340 Millionen Euro. Eine Summe, die schon damals nach Bescheidenheit roch, jedenfalls im politischen Maßstab. Heute, kaum dass man sich versieht, stehen wir bei 1,7 Milliarden Euro, mit einem melancholischen Blick nach vorn auf mögliche 2,5 Milliarden. Fünfmal so teuer – eine Zahl, die in jedem normalen Haushalt einen Nervenzusammenbruch auslösen würde, in der Bundespolitik aber als bedauerliche, jedoch leider völlig unvermeidliche Entwicklung gilt. Unvermeidlich ist überhaupt das Lieblingswort dieser Baugeschichte. Man konnte es nicht ahnen, man konnte es nicht verhindern, man konnte es nicht billiger machen. Der Beton wollte es so, die Sicherheit wollte es so, die Würde des Amtes wollte es so. Und am Ende will es auch die Akte, die trocken festhält, was längst jeder wusste: Wenn Minister reisen, reist das Budget gleich mit, First Class, versteht sich.
Sparappelle aus der VIP Lounge
Besonders reizvoll wird das Ganze durch die zeitliche Koinzidenz mit den Sparappellen des Finanzministers. Lars Klingbeil spricht von harten Einschnitten, von Zumutungen, von der Notwendigkeit, dass „jeder“ sie spüren werde. Dieses „jeder“ ist ein bemerkenswert dehnbarer Begriff, fast schon ein poetischer. Er umfasst Pflegekräfte, Kommunen, Studierende, Kulturbetriebe, vielleicht auch mal eine kaputte Straße. Er umfasst aber erstaunlich selten die Architektur der Macht selbst. Dort wird nicht gespart, dort wird investiert – in Sicherheit, Effizienz, Repräsentation. Denn nichts wäre fataler für die Stabilität der Republik, als wenn ein Minister beim Abflug kurz warten müsste oder sich in einem Terminal mit gewöhnlichen Sterblichen mischen müsste, die ihre Bordkarte selbst ausdrucken. Sparen ja, aber bitte nicht an der Würde derer, die es verkünden.
Der BER als literarische Figur
Der Flughafen BER ist längst keine Infrastruktur mehr, sondern eine literarische Figur, ein tragikomischer Held in einem endlosen Fortsetzungsroman. Er steht für alles, was schiefgehen kann, und gerade deshalb für alles, was typisch deutsch ist: der unerschütterliche Glaube an Kontrolle, der regelmäßige Schiffbruch der Realität und das anschließende Achselzucken, begleitet von einem neuen Kostenrahmen. Das Regierungsterminal fügt dieser Erzählung nun ein weiteres Kapitel hinzu. Es ist die Bühne, auf der sich politische Ernsthaftigkeit und fiskalische Absurdität treffen und gegenseitig versichern, dass man leider nichts dafür könne. Satire hat es hier schwer, weil die Wirklichkeit ihr ständig zuvorkommt.
Zynismus mit Sicherheitsstufe
Natürlich wird man sagen, Sicherheit habe ihren Preis. Natürlich wird man erklären, dass internationale Verpflichtungen, Protokolle und Gefährdungslagen keine Alternativen zulassen. Und natürlich stimmt all das – so wie es immer stimmt, wenn es um die Privilegien der Macht geht. Der Zynismus liegt nicht im Bau selbst, sondern im Kontrast: unten der erhobene Zeigefinger, oben der goldene Wasserhahn. Unten der Verzicht als Tugend, oben der Mehraufwand als Notwendigkeit. Dass diese beiden Ebenen sich rhetorisch berühren, aber praktisch nie begegnen, ist das eigentliche Kunststück moderner Haushaltspolitik. Man spart sich das Verständnis, nicht die Millionen.
Abheben als Staatsraison
Am Ende hebt hier mehr ab als nur ein Flugzeug. Abgehoben wirkt ein Politikbetrieb, der das Sparen predigt und gleichzeitig Milliarden in Beton gießt, um sich möglichst reibungslos vom Rest des Landes entfernen zu können. Das Regierungsterminal ist damit kein Skandal im klassischen Sinn, sondern ein Symbol. Es zeigt, wie sehr sich politische Kommunikation und politische Praxis voneinander entkoppelt haben. Wer hier noch lachen kann, tut gut daran, es wenigstens mit einem Augenzwinkern zu tun. Denn Humor ist oft die letzte Form der Gegenwehr, wenn einem erklärt wird, dass man sparen müsse – während die Kosten längst in andere Höhen aufgestiegen sind.