Es gibt politische Projekte, die wirken so rational, so durchgeplant, so nüchtern kalkuliert wie ein Schweizer Uhrwerk. Und dann gibt es Projekte, bei denen man beim ersten Hinsehen das diffuse Gefühl bekommt, irgendwo müsse ein Presslufthammer brummen, während ein leicht verwirrter Mann mit glänzenden Augen durch eine Großstadt marschiert und überzeugt ist, er grabe gerade die Zukunft aus dem Asphalt. Genau dieses Gefühl beschleicht den Beobachter, wenn er sich mit dem gegenwärtigen Ausbau des deutschen Wasserstoffnetzes beschäftigt. Denn je tiefer man sich in Strategiepapiere, Förderprogramme, Absichtserklärungen und euphorische Pressekonferenzen hineinliest, desto stärker drängt sich eine literarische Erinnerung auf: Ephraim Kishons legendäre Satire vom Blaumilchkanal. Dort entkommt ein freundlicher Irrer namens Kasimir Blaumilch aus der Anstalt, schnappt sich einen Presslufthammer und beginnt, mitten in Tel Aviv einen Kanal zu graben. Die Pointe der Geschichte ist bekannt: Nicht Blaumilch ist das eigentliche Problem. Das Problem ist die Bürokratie, die aus seinem Wahn ein Infrastrukturprojekt macht. Und so sitzt man heute vor energiepolitischen PowerPoint-Folien und fragt sich mit wachsender Beklemmung: Hat Deutschland vielleicht ebenfalls einen Presslufthammer gehört – und ihn anschließend für eine nationale Strategie gehalten?
Der erste Schlag des Presslufthammers
Die Geschichte beginnt stets harmlos. Irgendjemand formuliert eine Vision. Visionen sind politisch ungefähr so gefährlich wie offene Baugruben – sie sehen harmlos aus, aber früher oder später fällt jemand hinein. Im deutschen Fall lautet die Vision: Wasserstoff. Nicht irgendein Wasserstoff, wohlgemerkt, sondern selbstverständlich grüner Wasserstoff, der aus überschüssigem Windstrom gewonnen wird, der wiederum von Windrädern erzeugt wird, die ihrerseits von Bürgerinitiativen, Naturschutzbedenken, Gerichtsverfahren und Rotmilanpopulationen begleitet werden. Es ist ein wunderbar kreisförmiges Konzept, beinahe schon ein metaphysisches. In dieser Vision verwandelt sich Deutschland in eine Art energiepolitisches Schlaraffenland: Pipelines durchziehen das Land, Industrien laufen emissionsfrei, Stahlwerke dampfen klimaneutral, und irgendwo im Hintergrund rauschen Offshore-Windparks wie die Brandung eines moralisch überlegenen Ozeans. Und während diese Vision ausgesprochen wird, irgendwo zwischen Ministeriumspodium und Talkshowstudio, setzt der Presslufthammer an. Der erste Graben wird gezogen. Noch ist alles hypothetisch, noch ist alles Planung, doch der Lärm beginnt bereits.
Wenn Planung auf Verwaltung trifft
Nun tritt der eigentliche Held der Geschichte auf: die Verwaltung. In Kishons Erzählung geschieht etwas Wunderbares. Die Behörden sehen einen Mann, der einen Kanal gräbt, und statt ihn aufzuhalten, beginnen sie darüber zu diskutieren, welche Abteilung eigentlich zuständig ist. Genau hier entfaltet sich jene stille Komik, die auch deutsche Infrastrukturpolitik so zuverlässig begleitet. Denn kaum taucht das Wort „Wasserstoffnetz“ auf, beginnt eine bürokratische Choreographie von bemerkenswerter Eleganz. Ministerien schreiben Strategien. Netzbetreiber erstellen Transformationspläne. Bundesländer melden Bedarf an. Industriekonzerne veröffentlichen Absichtserklärungen, die ungefähr so verbindlich sind wie Neujahrsvorsätze am 2. Januar. Und währenddessen entsteht eine Kartografie zukünftiger Pipelines, die sich über Deutschland legt wie ein energetischer Wunschzettel. Milliardeninvestitionen werden in Aussicht gestellt, Förderprogramme aufgelegt, Konsortien gegründet. Es ist eine grandiose organisatorische Leistung: Noch bevor klar ist, wo der Wasserstoff eigentlich herkommen soll, weiß man bereits sehr genau, durch welche Rohre er theoretisch fließen könnte.
Der Kanal wächst und der Verkehr stockt
In Kishons Geschichte beginnt Tel Aviv langsam im Chaos zu versinken. Straßen werden aufgerissen, der Verkehr kollabiert, doch niemand wagt es, den Presslufthammer zu stoppen, weil inzwischen alle überzeugt sind, es handle sich um ein offizielles Projekt. Ähnlich entwickelt sich die deutsche Energiepolitik zu einem faszinierenden Experiment der kollektiven Selbstüberzeugung. Milliarden werden verplant für Leitungen, Importterminals, Umrüstung von Gasnetzen. Die Industrie wartet gleichzeitig auf günstigen Wasserstoff, den es noch nicht gibt. Die Produzenten warten auf Nachfrage, die erst entstehen wird, wenn der Wasserstoff billig ist. Und die Politik wartet darauf, dass sich diese beiden Seiten irgendwann treffen, vermutlich irgendwo im Nordatlantik, wo ein Tankschiff aus Namibia auf eine Pipeline aus Wilhelmshaven trifft und beide kurz innehalten, um sich zu fragen, wer eigentlich den ersten Schritt hätte machen sollen. Währenddessen wächst das Projekt. Studien bestätigen seine Notwendigkeit, Strategiepapiere bestätigen die Studien, und Pressekonferenzen bestätigen die Strategiepapiere. Der Presslufthammer arbeitet sich unermüdlich weiter durch den Asphalt der Realität.
Der große Moment der Einweihung
Und wie bei Kishon nähert sich auch hier irgendwann der Moment der Vollendung. In der satirischen Vorlage erreicht Blaumilch schließlich das Meer. Das Wasser strömt hinein, und plötzlich existiert tatsächlich ein Kanal. Der Bürgermeister steht da, blickt auf die geflutete Baugrube und verkündet mit staatsmännischer Würde die Eröffnung des Allenby-Kanals, einer neuen Attraktion, die Tel Aviv zum „Venedig des Nahen Ostens“ machen werde. Man spürt förmlich die Energiepolitiker der Zukunft, wie sie an einem Podium stehen und mit ähnlicher Gravitas erklären, Deutschland sei nun das „Wasserstoffparadies Europas“. Hinter ihnen glänzen frisch lackierte Rohre, irgendwo zischt symbolisch ein Ventil, und ein Industriekonsortium applaudiert höflich. Ob der Wasserstoff aus Australien, Chile, Norwegen, Kanada oder aus der thermodynamischen Fantasie politischer Reden stammt, spielt in diesem Moment kaum noch eine Rolle. Wichtig ist nur: Das Netz ist da. Die Rohre liegen. Die Vision hat materielle Form angenommen – und damit, ganz im Sinne deutscher Planungskultur, eine unwiderlegbare Existenzberechtigung.
Der letzte vernünftige Mensch
Doch Kishon wäre nicht Kishon, wenn er die Geschichte hier enden ließe. Am Schluss steht ein einzelner Beamter, der erkennt, dass alles mit einem entflohenen Irren begann. Seine Belohnung für diese Erkenntnis ist allerdings unerquicklich: Man erklärt ihn selbst für verrückt. Genau hier liegt der vielleicht bitterste, aber auch komischste Kern der Parabel. Denn in jeder großen politischen Vision gibt es jene wenigen, die irgendwann vorsichtig fragen: Moment mal. Rechnen sich diese Projekte wirklich? Gibt es genug Energie für all diese Elektrolyseure? Wird der Wasserstoff bezahlbar sein? Oder bauen wir gerade ein gigantisches Rohrsystem für eine Energieform, die sich vielleicht als kostspielige Nische herausstellt? Diese Fragen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie klingen in euphorischen Zeiten schnell nach Störgeräusch. Wer sie stellt, wirkt unerquicklich realistisch, beinahe schon unerquicklich rational. Und Rationalität hat im Rausch nationaler Zukunftsprojekte ungefähr denselben Charme wie ein Buchhalter auf einer Karnevalsparty.
Epilog über die erstaunliche Widerstandskraft von Visionen
Vielleicht ist das alles jedoch gar kein Grund zur Sorge. Denn große Gesellschaften funktionieren selten streng rational. Sie funktionieren über Geschichten, über Visionen, über kollektive Begeisterung – und gelegentlich über Presslufthämmer. Manche dieser Projekte scheitern grandios, andere funktionieren wider Erwarten, und einige verwandeln sich tatsächlich in etwas Nützliches. Der Blaumilchkanal wurde am Ende zu einer funktionierenden Wasserstraße, wenn auch aus den denkbar absurdesten Gründen. Vielleicht gilt dasselbe irgendwann für das Wasserstoffnetz. Vielleicht wird Deutschland tatsächlich zu einer Art energetischem Venedig, durchzogen von Pipelines statt Kanälen. Vielleicht wird der Wasserstoff reichlich fließen, die Industrie brummen und die Vision sich als genial erweisen. Aber bis dahin bleibt ein leiser Verdacht bestehen, der irgendwo zwischen Satire und Realität schwebt: Dass manchmal ein einzelner Mann mit einem Presslufthammer genügt, um ein ganzes Land davon zu überzeugen, dass hier gerade ein genialer Plan umgesetzt wird. Und dass die eigentliche Kunst der Politik nicht darin besteht, Visionen zu entwickeln, sondern darin, rechtzeitig zu erkennen, wann jemand einfach nur angefangen hat zu graben.