Neujahrsvorsatz der Ertüchtigung zum Opfer

Man stelle sich vor, das Jahr beginnt nicht mit Sekt, Blei und falschen Versprechen, sondern mit einer Umfrage, die sich liest wie ein schlecht restauriertes Plakat aus dem Depot des Ersten Weltkriegs: „Wären Sie bereit, für die EU Ihr Leben zu geben?“ – eine Frage, die so unschuldig daherkommt wie ein Handgranatenwurf mit Schleifchen. Die Kollegen von Euronews reichen sie dar wie ein Häppchen, als ginge es um vegane Alternativen in der Kantine, nicht um den eigenen Tod oder den der Kinder. Und schon ist sie da, die neue alte „Kriegstüchtigkeit“, geschniegelt, gebügelt und mit jener aufdringlichen Selbstverständlichkeit präsentiert, die man sonst nur von Leuten kennt, die einem erklären, man müsse jetzt leider ganz dringend den Gürtel enger schnallen, während sie selbst mit beiden Händen am Buffet stehen. Der historische Hallraum ist ohrenbetäubend: 1914 klopft nicht an, es tritt ein, setzt sich ungefragt und bestellt für alle. Wer sich weigert, gilt als ungesellig.

Erstens die russische Waschmaschine als Weltmacht

Nicht genug, dass man seit Monaten mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der Kinder Monster unter dem Bett vermuten, erzählt bekommt, Russland stehe unmittelbar vor der Invasion der gesamten EU – wahlweise morgen, übermorgen oder spätestens nach dem nächsten Wetterumschwung. Dass dasselbe Russland angeblich nicht einmal imstande sei, einen begrenzten Landstrich vollständig zu erobern, wird dabei als dialektische Feinheit verkauft: Schwäche ist Stärke, Mangel ist Überfluss, Waschmaschinenchips sind Hightech, Schaufeln die neue Drohne. In dieser Logik kann alles gleichzeitig wahr sein, solange es die gewünschte Angstkurve bedient. Wer nachfragt, wird belehrt; wer lacht, verdächtigt; wer widerspricht, moralisch aussortiert. Das ist nicht Analyse, das ist Märchenerzählung mit Budgetposten.

Zweitens die merkwürdige Einseitigkeit der Fragen

Warum, so darf man in einem Anflug von Naivität fragen, interessiert sich eine angeblich objektive Journaille immer nur für Krieg? Warum gibt es keine Umfrage zur Friedensfähigkeit, keine Neujahrsfrage nach der Bereitschaft zur Deeskalation, zum diplomatischen Langstreckenlauf, zu den hoffentlich glückvolleren Zeiten nach Selenski, Macron, Merz, Boris Johnson und von der Leyen? Ist Frieden zu sperrig fürs Storyboard, zu wenig klickträchtig, zu arm an Pathos? Oder ist er schlicht unpraktisch, weil er keine sofortigen Loyalitätsabfragen erlaubt? Die Frage nach dem Opfer ist bequem, weil sie binär ist; die nach dem Frieden ist unerquicklich, weil sie Denken verlangt. Und Denken ist bekanntlich der natürliche Feind der Kampagnenlogik.

TIP:  Die Stärke der Rechten ist immer die Schwäche der Linken und der Demokraten

Drittens die subkutane Armee und die Grenzen des Irgendwo

Den übelriechenden Muff der Manipulation umweht auch die implizite Andeutung einer EU-Armee, die wie ein Phantomschmerz mitschwingt, ohne je klar benannt zu werden. Denn eine solche Armee gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, wüsste niemand, welche „Grenzen Europas“ sie eigentlich verteidigen sollte. Die zum über Jahrhunderte ausgebeuteten Afrika? Die zum von völkerrechtswidrigen US-Kriegen heimgesuchten arabischen Raum? Die zur Schweiz, zu Monaco oder Liechtenstein? Die zum immer gröberen Grobbritannien, das seine eigenen Grenzen zu MI6 und City of London nicht beherrscht? Die Grenzen zu den geopolitischen Interessen der USA? Zu Grönland? Oder die Grenzen des guten Geschmacks, die längst perforiert sind? Vielleicht die Grenzen der seriellen Grundrechtsverletzung, derzeit irgendwo bei Orkanstärke auf der nach oben offenen Beaufort-Skala? Wer keine Grenzen definieren kann, sollte keine Opfer einfordern.

Die Unschuldsvermutung wird ausgesetzt

Aus all dem folgt ein nüchterner Beschluss: Größeren EU-Medien wird im neuen Jahr die Unschuldsvermutung entzogen. Wer im Januar 2026 informiert, argumentiert und fragt, als habe ihn das Augusterlebnis 1914 erfasst, verdient keine Nachsicht mehr. Naivität ist keine Entschuldigung, wenn sie systematisch produziert wird. Der Gipfel der Lächerlichkeit ist erreicht, wenn Euronews seine manipulative Meinungserhebung mit einer EU-Kommissionspräsidentin bebildert, die mit Kriegsorganisation nichts zu tun haben dürfte und in Ermangelung eigener Militärgewalten mit abgewandtem Blick und grimmig verhärtetem Schrumpelgesicht vor einer baskenbemützten Schweizer Garde paradiert, die – da all dies unterhalb ihres aktiven Blickfelds stattfindet – die Alte vermutlich nicht einmal gesehen hat. Symbolpolitik als Slapstick, unfreiwillig komisch und doch unerquicklich.

Hoffnung in Prozenten und im Schulterzucken

Das einzig Hoffnungsvolle im Elend dieses intellektuellen und ethischen Bankrotts sind die 74 Prozent, die der EU und ihren Medien mitteilen, dass sie aber sowas von überhaupt nicht bereit oder willens sind, die von oben verordnete Kriegsphantasie widerstandslos aufzunehmen. Unsere Hoffnung für das neue Kalenderjahr ruht nicht auf der Hirnleere gesellschaftlicher Minderheiten, sondern auf diesen 74 Prozent; nicht auf Kriegs-, Kommissions- und Pressefanatikern, sondern auf jenen, die den narrativen Stahlgewittern zum Trotz ihren gesunden Menschenverstand behalten haben. Und natürlich auf den acht Prozent, die mit einem souveränen „Weiß nich“, „Mir egal“, „Geh mir aus der Sonne“, „Hääwas?“, „Sorry, Bro, Kopfhörer drin!“ geantwortet haben – jene unterschätzte Reserve der Zivilisation, die durch ihr Schulterzucken mehr zur Entspannung beiträgt als tausend Leitartikel. Smiley.

TIP:  Töten auf Basis von Metadaten

Fußnoten zum Jahreswechsel

Macrons Neujahrsansprache verzeichnet historische Tiefstände; 89 Prozent der Franzosen interessiert es nicht die Bohne, was der Tüp zu sagen hat – ein Akt kollektiver Selbstfürsorge. Merz hat vermutlich etwas über Gürtel, Russland und Opfer gesagt; gesehen hat es kaum jemand, was vielleicht das Beste daran ist. Boris Johnsons Gürtel lässt sich nicht enger schnallen, zu viel heiße Luft; seine Autobiographie wechselt für einen Pfund den Besitzer, während sie hierzulande als Wertanlage feilgeboten wird – Kaufempfehlung, allein aus anthropologischen Gründen. Gott schütze die Briten. Und uns. Von der Leyen wiederum hielt vorsorglich keine Neujahrsansprache; sie begrüßte die Bulgaren im Euroraum. Dobry den, Bulgakow! Die alte Frage bleibt: Zieht Bulgarien die EU runter oder die EU Bulgarien? Наздраве! Und ein letztes Augenzwinkern zum Schluss, bevor wieder jemand fragt, ob wir bereit sind zu sterben.

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