NEOS? Versemmelt.

Die Semmel als ökonomisches Mysterium und politisches Halluzinogen

Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, in denen man sich fragt, ob man gerade ein Parteiposting liest oder den inneren Monolog einer leicht überdrehten Wirtschaftslehrerin, die nach drei Espressi und einem Podcast über „Marktdynamiken im späten Kapitalismus“ beschlossen hat, dass die Welt im Grunde ein schlecht moderierter BWL-Seminarraum ist. Ein solcher Moment stellt sich unweigerlich ein, wenn man die bemerkenswerte Feststellung liest, eine Semmel könne „eigentlich €5 oder €6 kosten“. Eine Semmel. Dieses kleine, knusprige Gebäckstück, das seit Jahrhunderten als tragende Säule der österreichischen Frühstücksarchitektur fungiert, wird hier plötzlich zum Luxusgut der oberen Mittelklasse erklärt. Man stellt sich unwillkürlich vor, wie im Paralleluniversum der Parteizentrale der Bäcker seines Vertrauens mit ernster Miene sagt: „Tut mir leid, heute nur noch Trüffelsemmeln, sechs Euro das Stück.“ Während draußen die Bevölkerung offenbar ahnungslos weiterhin Semmeln im Bereich zwischen „Kleingeldfund in der Jackentasche“ und „Preis eines Parkscheins“ erwirbt.

Der erste Gedanke ist natürlich: Wissen diese Menschen, wie eine Bäckerei aussieht? Waren sie jemals in einer? Oder handelt es sich um eine rein theoretische Institution, ähnlich dem „repräsentativen Haushalt“ in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern, der irgendwo zwischen Diagrammen und Modellannahmen existiert, aber in freier Wildbahn kaum je beobachtet wurde? Denn die Vorstellung einer fünf-Euro-Semmel wirkt ungefähr so lebensnah wie die Behauptung, der durchschnittliche Wiener beginne seinen Tag mit einem Champagnerfrühstück und einem kurzen Gespräch über Derivatehandel.

Doch die Semmel ist in diesem Posting natürlich nur der Einstieg in ein größeres philosophisches Abenteuer. Sie ist der rhetorische Türöffner zu einer jener großen liberalökonomischen Erzählungen, die immer gleich beginnen: mit einem scheinbar harmlosen Beispiel aus dem Alltag und enden mit einer universellen Lektion über Märkte, Freiheit und – warum auch immer – Energiepolitik. Man könnte fast meinen, die Semmel sei nur deshalb gewählt worden, weil sie ein niedliches Symbol ist, ein kleines Backwerk, das uns sanft in die Welt der ökonomischen Belehrung führen soll. Der Bissen, mit dem man uns eine Vorlesung serviert.

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Der Preisdeckel und das Gespenst der verschwundenen Backware

Der dramatische Kern des Postings besteht bekanntlich aus einer uralten wirtschaftspolitischen Moralerzählung: Wenn der Staat Preise festlegt, verschwinden die Produkte. Die Semmel wird zum scheuen Waldtier der Marktwirtschaft. Sobald ein Preisdeckel in der Nähe ist, huscht sie erschrocken davon und versteckt sich im Dickicht der Angebotskurven.

Das ist eine dieser Lehrbuchweisheiten, die in der Welt der PowerPoint-Foliensätze wunderbar funktionieren. Angebotskurve, Nachfragekurve, ein Pfeil, ein rotes X – fertig ist die politische Philosophie. Nur hat das reale Leben die unangenehme Eigenschaft, selten so elegant zu verlaufen wie ein Diagramm aus dem ersten Semester Volkswirtschaft. Es gibt Subventionen, Marktstrukturen, Wettbewerb, Regulierung, Krisen, internationale Lieferketten und – besonders störend – Menschen, die Dinge tatsächlich kaufen müssen.

Die Vorstellung, dass der Staat irgendwo beschließt, Semmeln auf zwei Euro zu deckeln, woraufhin die Bäcker kollektiv ihre Öfen ausschalten und mit tragischem Blick in den Sonnenuntergang schreiten, gehört in die gleiche literarische Gattung wie Märchen über den Nachtwächterstaat. In dieser Erzählung sind Bäcker streng rational handelnde Homo-oeconomicus-Figuren, die nur zwei Zustände kennen: maximaler Profit oder völlige Produktionsverweigerung. Zwischen diesen Extremen scheint es keinerlei Raum zu geben. Kein Wettbewerb, keine Anpassung, keine Realität.

Man muss sich das einmal plastisch vorstellen: Österreich, Land der Bäckereidichte und Frühstückstraditionen, wird plötzlich von einer Semmelknappheit heimgesucht, weil irgendwo ein Beamter eine Zahl in ein Gesetz geschrieben hat. Menschen stehen Schlange, flüstern sich zu: „Hast du noch Kontakte? Ich könnte vielleicht zwei Kornspitze organisieren.“ Der Schwarzmarkt blüht. Im Praterpark werden unter dem Mantel Gebäckstücke gehandelt. Ein junger Mann öffnet seine Jacke und flüstert: „Psst… frische Semmeln, fünf Euro, nur für dich.“

Man merkt: Sobald man diese Theorie aus der sterilen Atmosphäre eines wirtschaftspolitischen Twitter-Threads in die konkrete Wirklichkeit überführt, beginnt sie einen Hauch von unfreiwilliger Komik zu entwickeln.

Der große Sprung von der Semmel zur Energiewende

Und nun kommt der vielleicht schönste Teil dieser argumentativen Achterbahnfahrt: der Übergang. Denn kaum hat man die angeblich sechs Euro teure Semmel verdaut, landet man plötzlich bei der Energiewende, der europäischen Freiheit und dem Netzausbau. Es ist ein rhetorischer Sprung, der so elegant wirkt wie ein Känguru auf Rollschuhen.

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Wie genau die Preisregulierung einer Semmel unmittelbar zur geopolitischen Energieunabhängigkeit Europas führt, bleibt ein wenig mysteriös. Vielleicht gibt es eine geheime Gleichung, die nur in bestimmten Parteizentralen gelehrt wird:

Semmelpreis × Marktliberalismus ÷ staatliche Eingriffe = Freiheit Europas.

Oder anders formuliert: Wer eine Preisdeckel-Diskussion über Gebäck beginnt, landet zwangsläufig bei Windrädern. Es ist eine Logik, die ungefähr so funktioniert wie jene Internetartikel, die mit „So schneiden Sie eine Avocado richtig“ anfangen und zehn Absätze später bei der Rettung der westlichen Zivilisation angekommen sind.

Natürlich ist Energiepolitik ein ernstes Thema. Netze müssen ausgebaut werden, Genehmigungen dauern oft absurd lange, und erneuerbare Energien sind zweifellos ein zentraler Baustein zukünftiger Versorgungssicherheit. Aber die gedankliche Brücke von der angeblich fünf Euro teuren Semmel zur europäischen Freiheit wirkt ungefähr so stabil wie ein Ikea-Regal, das mit politischer Symbolik statt Schrauben zusammengehalten wird.

Politische Kommunikation als Paralleluniversum

Der eigentliche Reiz solcher Postings liegt vielleicht weniger in ihrem Inhalt als in dem faszinierenden Einblick, den sie in eine bestimmte Form politischer Denkweise geben. In dieser Welt ist Politik eine Mischung aus Wirtschaftslehrbuch, Motivationsseminar und Instagram-Infografik. Komplexe Probleme werden in kurze moralische Gleichungen übersetzt: Markt gut, Eingriff gefährlich, Innovation rettet Europa, und irgendwo im Hintergrund lächelt eine Semmel.

Es ist die Sprache einer politischen Kommunikation, die gleichzeitig belehrend und erstaunlich realitätsfern wirkt. Man hat den Eindruck, jemand wolle dem Publikum die Welt erklären, ohne zuvor einen Blick aus dem Fenster geworfen zu haben. Die Bevölkerung steht da draußen, kauft Semmeln für ein paar Dutzend Cent, kämpft mit Energiepreisen, Mieten und Lebenshaltungskosten – und irgendwo im digitalen Äther erklärt eine Partei, dass das eigentliche Problem darin bestehen könnte, dass der Staat hypothetisch den Preis eines Gebäckstücks falsch festlegt.

Das Publikum reagiert darauf naturgemäß mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und jener leicht spöttischen Frage, die im Internet schnell zur universellen Diagnose geworden ist: „Bitte was nehmen die?“

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Die Semmel als Symbol politischer Abgehobenheit

Vielleicht ist die Semmel deshalb so ein dankbares Symbol. Sie steht für etwas Alltägliches, Bodenständiges, beinahe banal Österreichisches. Gerade deshalb wirkt es so surreal, wenn sie plötzlich zur Bühne für wirtschaftspolitische Grundsatzphilosophie wird.

Die berühmte „Fünf-Euro-Semmel“ könnte einmal in die Geschichte politischer Kommunikationspannen eingehen, neben Klassikern wie dem „durchschnittlichen Häuslbauer mit drei Immobilien“ oder dem „Mittagessen um 15 Euro als Zeichen der Sparsamkeit“. Es sind jene Momente, in denen politische Sprache unbeabsichtigt offenbart, wie weit sich manche Diskurse vom Alltag entfernt haben.

Und so bleibt am Ende ein seltsam poetisches Bild: Irgendwo in der österreichischen Politiklandschaft schwebt eine imaginäre Luxus-Semmel durch den Raum, fünf Euro teuer, knusprig gebacken aus Marktlogik, Energiepolitik und einer Prise europäischer Freiheit. Die Bevölkerung schaut ihr nach, reibt sich die Augen und fragt sich leise, ob sie vielleicht einfach nur eine ganz normale Semmel wollte.

Nicht fünf Euro.
Nicht geopolitisch aufgeladen.
Nur eine Semmel.

Aber offenbar ist selbst das inzwischen ein politisches Konzept

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