Es gibt Sätze, die man nicht leichtfertig sagt, weil sie zugleich Bekenntnis, Diagnose und Duftbeschreibung sind. „Mir stinkt’s!“ gehört dazu. Man sagt es gewöhnlich, wenn der Alltag eine Geruchswolke aus Heuchelei, Bürokratie, politischer Phraseologie und moralischem Achselschweiß verströmt, die selbst den robustesten Nasenflügel erzittern lässt. Nun kommt eine Studie aus Stockholm daher und behauptet – mit jener kühlen Nüchternheit, die nur nordische Wissenschaft hervorbringen kann –, dass Menschen, die besonders heftig auf Körpergerüche wie Schweiß oder Urin mit Ekel reagieren, häufiger zu autoritären politischen Ansichten neigen. Man könnte also sagen: Wer besonders empfindlich riecht, wählt womöglich besonders empfindlich streng. Oder, weniger höflich formuliert: Wer die Nase rümpft, hebt möglicherweise auch gern den Zeigefinger.
Man muss sich diese Szene vorstellen: Im Labor sitzen Testpersonen, schnuppern an wohlpräparierten Duftproben, während irgendwo ein fMRT-Gerät das Gehirn scannt. Ein bisschen Schweiß hier, ein Hauch Urin dort – und schon beginnt der neuronale Tanz zwischen Insula, Ekelzentrum und politischer Weltanschauung. Der Mensch als politisches Tier, ja, aber offenbar auch als politisches Riechorgan. Dass ausgerechnet der Geruchssinn, dieses archaische Relikt aus Zeiten, in denen wir noch nicht über Tweets und Talkshows, sondern über faulige Beeren und räudige Kadaver entschieden haben, nun mit Ideologien in Verbindung gebracht wird, ist zugleich verblüffend und entlarvend. Denn plötzlich erscheint die politische Landschaft nicht mehr nur als Marktplatz der Ideen, sondern als olfaktorisches Schlachtfeld: Hier die empfindlichen Nasen, dort die robusten Schnüffler, dazwischen ein Volk, das sich fragt, ob Demokratie vielleicht einfach ein kompliziertes Deodorant ist.
Die Politik der empfindlichen Nase
Ekel, so erklärt die Evolutionsbiologie mit der Selbstverständlichkeit eines Professors, der weiß, dass ihm niemand widerspricht, sei ein Schutzmechanismus. Er bewahrt uns vor Krankheit, vor Verwesung, vor all dem, was biologisch unerquicklich ist. Wer stark auf Ekel reagiert, meidet potenzielle Gefahren – und entwickelt womöglich auch eine stärkere Vorliebe für Ordnung, Abgrenzung und klare Regeln. Kurz gesagt: Wer sich vor Schweiß fürchtet, könnte sich auch vor gesellschaftlichem Durcheinander fürchten. Das ist plausibel, ja beinahe poetisch. Die Nase als Wächterin der sozialen Ordnung.
Doch die Pointe liegt darin, dass diese Theorie ein kleines, aber charmant böses Bild zeichnet: Der Autoritäre als olfaktorischer Hypersensibelchen. Während der Libertäre womöglich lässig an der Welt schnuppert, als sei sie ein leicht muffiger Flohmarkt, steht der Ordnungsliebende mit Taschentuch und moralischem Raumspray bereit, um jede Form von Geruch – biologisch oder politisch – sofort zu neutralisieren. Es ist eine hübsche Umkehrung der üblichen politischen Karikaturen. Der starke Mann mit der harten Hand entpuppt sich plötzlich als jemand, der heimlich Nasenspray benutzt und beim Gedanken an verschwitzte Menschenmengen nervös wird.
Natürlich muss man vorsichtig sein. Wissenschaftler sind bekanntlich vorsichtig bis zur Paranoia, wenn es darum geht, ihre Ergebnisse zu relativieren. Auch die Stockholmer Forschenden betonen, dass dieser Zusammenhang nur einen kleinen Teil politischer Überzeugungen erklärt. Mit anderen Worten: Nicht jeder autoritäre Geist ist ein olfaktorischer Puritaner, und nicht jeder Nasenrümpfer träumt von strengen Gesetzen und strammer Ordnung. Aber die Vorstellung bleibt verführerisch. Vielleicht liegt der Ursprung mancher politischen Bewegung nicht im Manifest, sondern im Badezimmer. Vielleicht beginnt Ideologie dort, wo jemand feststellt, dass die Welt ein bisschen riecht.
Ekel als gesellschaftliche Metapher
Das eigentlich Faszinierende an dieser Forschung ist weniger die Statistik als die Metapher, die sie liefert. Ekel ist ein zutiefst moralisches Gefühl. Wir ekeln uns nicht nur vor faulen Lebensmitteln, sondern auch vor moralischen Verfehlungen. „Das ist widerlich“, sagt man, wenn jemand lügt, betrügt oder eine besonders dreiste Talkshow-These formuliert. Der Ekel hat längst die Grenze zwischen Biologie und Ethik überschritten. Er ist ein rhetorisches Parfüm, das man über alles sprühen kann, was einem missfällt.
Und hier beginnt die Satire der Wirklichkeit. Denn moderne Politik besteht zu einem erheblichen Teil aus Ekelmanagement. Jede Seite erklärt die andere zur Geruchsbelästigung der Zivilisation. Die einen sprechen von „verrotteten Eliten“, die anderen von „stinkendem Populismus“. Man riecht förmlich, wie in politischen Debatten ständig jemand mit der moralischen Duftlampe herumläuft und versucht, den Raum zu reinigen. Der öffentliche Diskurs ist längst ein riesiger Lüftungsversuch: Fenster auf, Durchzug, vielleicht verschwindet der Gestank der jeweils anderen Seite.
Dass dabei der Geruchssinn eine Rolle spielen könnte, wirkt plötzlich weniger absurd. Vielleicht ist Politik tatsächlich eine sehr komplizierte Form des sozialen Riechens. Man wittert Zugehörigkeit, man erschnuppert Fremdheit, man reagiert mit Sympathie oder Abscheu. Das Wahlverhalten als Nasenentscheidung – eine Vorstellung, die dem rationalen Selbstbild der Demokratie einen herrlich unanständigen Stich versetzt.
Der große Deodorantstaat
Wenn man diese Idee ein wenig weiterdenkt – und Satire lebt bekanntlich vom Weiterdenken –, landet man zwangsläufig beim Deodorantstaat. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der politische Programme tatsächlich nach olfaktorischen Kriterien gestaltet werden. Parteien würden nicht mehr nur mit Programmen werben, sondern mit Duftnoten. „Frische Ordnung mit einem Hauch von Lavendel!“ ruft die eine. „Rebellischer Moschus der Freiheit!“ kontert die andere. Wahlplakate wären Duftplakate, Parteitage Aromatherapie.
Der autoritäre Staat wäre dann vielleicht nichts anderes als der Versuch, die Welt hygienisch zu parfümieren. Alles, was riecht – im biologischen wie im sozialen Sinne –, wird neutralisiert. Abweichung wird desodoriert, Vielfalt sterilisiert, Chaos mit antiseptischer Effizienz beseitigt. Ein politisches Badezimmer, in dem ständig jemand mit der Klobürste der Moral hantiert.
Die liberale Gesellschaft hingegen müsste lernen, mit Gerüchen zu leben. Sie wäre ein Marktplatz der Aromen: mal angenehm, mal unerquicklich, manchmal schlicht überwältigend. Freiheit, so könnte man sagen, bedeutet auch, gelegentlich die Nase zu rümpfen und trotzdem zu bleiben. Demokratie riecht nicht immer gut. Aber sie erlaubt immerhin, darüber zu streiten, wer hier eigentlich stinkt.
Ein augenzwinkerndes Fazit
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Mensch ein erstaunlich kompliziertes Wesen ist: ein Gehirn auf zwei Beinen, ausgestattet mit Ideologien, Emotionen und einer Nase, die offenbar mehr Einfluss auf unsere Weltanschauung haben könnte, als wir uns eingestehen wollen. Vielleicht wäre politische Bildung einfacher, wenn sie gelegentlich im Parfümeriegeschäft stattfände. Ein bisschen Selbstreflexion vor dem Spiegel, ein kritischer Blick auf die eigene Geruchstoleranz.
Denn die Wahrheit ist: Allen stinkt irgendetwas. Die Frage ist nur, was wir daraus machen. Rümpfen wir die Nase und rufen nach Ordnung? Oder öffnen wir das Fenster, lachen ein wenig über den absurden Duftcocktail der menschlichen Gesellschaft und stellen fest, dass das Leben eben manchmal riecht wie eine Mischung aus Schweiß, Ideen und gelegentlich auch Urin.
Und wenn man ehrlich ist – ganz ehrlich –, dann ist das vielleicht gar nicht der schlechteste Geruch der Welt.