Manche mögen‘s woke

Es gibt Kunstwerke, die altern würdevoll, und es gibt solche, die nachträglich mit einem Sicherheitshelm ausgestattet werden, als hätten sie rückwirkend beschlossen, gefährlich zu sein. „Manche mögen’s heiß“ gehört, folgt man der jüngsten Neubewertung durch eine britische Instanz von sittlicher Wachsamkeit, offenbar zur zweiten Kategorie: ein Film, der Jahrzehnte lang als federleichte, elegante Komödie durch die Weltgeschichte tänzelte, um nun endlich als das erkannt zu werden, was er womöglich schon immer war – ein latent riskantes Gebilde aus Verfolgungsjagden, Geschlechterverwirrung und anstößiger Heiterkeit. Es ist, als hätte man einem Champagnerglas nach sechzig Jahren plötzlich den Warnhinweis beigelegt: „Kann prickeln.“

Das kulturpolitische Schauspiel, das sich hier entfaltet, ist von einer eigentümlichen Logik: Was einst als unschuldige Unterhaltung galt, wird nachträglich in die Kategorie „potenziell problematisch“ überführt – nicht etwa, weil sich der Film verändert hätte, sondern weil sich der Blick auf ihn verkrampft hat. Man könnte sagen: Nicht das Werk wurde neu bewertet, sondern die Gegenwart hat sich selbst ein Prüfverfahren auferlegt und ist dabei über das eigene Nervenkostüm gestolpert.

Die sanfte Tyrannei der Fürsorge

Die sogenannten Content-Notes, jene kleinen moralischen Beipackzettel, die dem Publikum vorab mitteilen, wovor es sich womöglich erschrecken könnte, operieren mit einer paradoxen Geste: Sie versprechen Schutz, indem sie Aufmerksamkeit erzeugen. „Achtung, hier könnte etwas Unangenehmes geschehen“, lautet die implizite Botschaft – und genau dadurch wird das Unangenehme erst ins Zentrum gerückt. Es ist die Logik des Warnschilds im Museum: „Nicht berühren!“ – und plötzlich ist nichts verlockender als das Verbotene.

Die Kritik, solche Hinweise förderten Vermeidungsverhalten oder verstärkten gar die Wirkung des Gewarnten, wirkt in diesem Zusammenhang weniger wie eine kulturpessimistische Klage als wie eine nüchterne Beobachtung. Denn wer vor jeder möglichen Irritation gewarnt wird, lernt nicht, mit Irritation umzugehen, sondern sie zu fürchten. Das Publikum wird nicht gestärkt, sondern entmündigt – ein Zustand, der sich in pädagogischer Verpackung erstaunlich gut verkaufen lässt.

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„Das Publikum ist sensibel“, heißt es dann gern. Vielleicht. Aber Sensibilität ist kein Naturzustand, sondern auch ein Ergebnis kultureller Erziehung. Wer ständig darauf hingewiesen wird, dass etwas verletzen könnte, beginnt irgendwann, sich verletzt zu fühlen – vorsorglich, prophylaktisch, fast schon aus Pflichtgefühl.

Die nachträgliche Empörung als Kunstform

Besonders reizvoll ist die zeitliche Verschiebung dieser moralischen Wachsamkeit. Ein Film aus dem Jahr 1959 wird im Jahr 2026 daraufhin überprüft, ob er den Standards einer Gegenwart genügt, die sich selbst noch nicht einmal einig ist, was ihre Standards eigentlich sind. Das ist, als würde man einen Walzer danach beurteilen, ob er den Anforderungen an zeitgenössischen Hip-Hop gerecht wird.

Die neu entdeckten Gefahren – eine Waffe, eine Verfolgungsjagd, ein Frauenkörper – wirken dabei fast rührend harmlos. Man könnte meinen, es handle sich um eine Parodie der Parodie: Ein Film, der einst Gangsterklischees persiflierte, wird nun selbst Gegenstand einer moralischen Überinterpretation. Die Ironie ist vollkommen, aber leider unbeabsichtigt.

„Frauenkörper seien zu sehen“, lautet eine der Feststellungen. Man möchte ergänzen: Ja, und Wasser ist nass. Doch in der Logik der gegenwärtigen Sensibilisierung wird selbst das Offensichtliche zum Anlass für Warnhinweise – als müsse das Publikum darauf vorbereitet werden, dass die Welt Eigenschaften besitzt.

Die Komödie unter Verdacht

Komödien hatten es schon immer schwer mit der Moral, weil sie sich ihr entziehen. Sie leben von Übertreibung, Verkleidung, Missverständnis – kurz: von allem, was nicht eindeutig ist. „Manche mögen’s heiß“ spielt mit Geschlechterrollen, mit Identitäten, mit dem absurden Ernst der Verkleidung. Gerade darin liegt seine Leichtigkeit: Die Welt wird nicht erklärt, sondern durcheinandergebracht.

Doch genau dieses Durcheinander scheint heute erklärungsbedürftig geworden zu sein. Wo früher gelacht wurde, wird nun kontextualisiert; wo einst Ironie genügte, verlangt man heute Einordnung. Die Komödie wird unter Verdacht gestellt, weil sie nicht eindeutig Stellung bezieht – ein Vorwurf, der so alt ist wie die Kunst selbst und doch immer wieder neu formuliert wird.

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„Es ist nur Spaß“, könnte man sagen. Doch „nur“ ist ein gefährliches Wort in Zeiten, in denen selbst der Spaß eine moralische Rechtfertigung benötigt.

Die Angst vor der eigenen Wirkung

Hinter all dem steht eine tiefere Verunsicherung: die Angst, dass Kunst etwas bewirken könnte, das sich nicht kontrollieren lässt. Wenn ein Film Menschen zum Lachen bringt, obwohl er problematische Elemente enthält – was sagt das über diese Menschen aus? Und noch schlimmer: Was sagt es über jene aus, die diesen Film einst liebten?

Die Lösung scheint darin zu bestehen, die Wirkung vorab zu regulieren, sie zu rahmen, zu kommentieren, zu entschärfen. Die Warnung wird zum Filter, durch den das Werk betrachtet werden soll. Doch damit verschiebt sich die Verantwortung: Nicht mehr das Publikum interpretiert das Werk, sondern das Werk wird dem Publikum bereits interpretiert serviert.

„Hier darf gelacht werden – aber bitte mit Vorsicht“, lautet die unausgesprochene Anweisung.

Das ironische Finale

Am Ende bleibt ein eigentümlicher Eindruck zurück: Ein Film, der als beste amerikanische Komödie gilt, wird mit Warnhinweisen versehen, als handle es sich um ein potenziell gefährliches Experiment. Die Leichtigkeit wird reguliert, die Ironie kommentiert, der Witz vorsorglich erklärt.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieser Entwicklung: Dass eine Gesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und reflektiert versteht, zunehmend Schwierigkeiten hat, mit Mehrdeutigkeit umzugehen. Dass sie den Humor zähmt, um ihn besser kontrollieren zu können – und dabei vergisst, dass Humor gerade dort entsteht, wo Kontrolle fehlt.

„Niemand ist perfekt“, lautet der berühmte Schlusssatz des Films. Man könnte hinzufügen: Auch nicht die Gegenwart, die ihn neu bewertet. Doch im Unterschied zur Komödie scheint sie über diesen Satz nicht lachen zu können.

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