Korrelation ist kein Kausalitätsbeweis,

aber ein hervorragendes Wahlplakat

Habt sie sich jemals gefragt, warum in Zeiten, in denen die Schlagzeilen klingen wie die Outtakes einer schlecht gelaunten Dystopie, ausgerechnet jene politischen Kräfte Aufwind bekommen, die mit dem Begriff „Komplexität“ ungefähr so viel anfangen können wie ein Presslufthammer mit Kammermusik? Und haben sie dabei auch an diesen alten, abgegriffenen Satz gedacht, der in Statistikseminaren wie ein Mantra heruntergebetet wird: Korrelation ist nicht Kausalität? Es ist ein Satz, der klingt wie eine moralische Ermahnung aus einer besseren Welt, in der Diagramme noch Scham kannten und Talkshows nicht mit Tortendiagrammen bewaffnet waren. Korrelation bedeutet, dass zwei Dinge gemeinsam auftreten. Kausalität bedeutet, dass eines das andere verursacht. Der Unterschied ist klein genug, um in einer Fußnote zu verschwinden, aber groß genug, um Demokratien zu kippen. Und während sich die Soziologen noch darüber streiten, ob steigende Unsicherheit rechte Wahlergebnisse verursacht oder nur begleitet, marschieren die Prozentpunkte unbeirrt nach oben, geschniegelt und gebügelt wie eine Statistik, die so tut, als sei sie eine Offenbarung.

Das Zeitalter der Kurven und der kurzen Geduld

Wir leben in einer Epoche, in der Diagramme mehr Vertrauen genießen als Nachbarn. Wenn zwei Linien auf einem Chart gemeinsam steigen – etwa Inflation und Zustimmung zu rechten Parteien – dann ist der menschliche Geist sofort zur Stelle, geschniegelt mit gesundem Menschenverstand und bewaffnet mit dem Satz: „Na also!“ Dass zwischen Preissteigerung und Parteipräferenz ein ganzer Zoo aus Variablen steht – Angst, Identitätskrisen, mediale Dramatisierung, algorithmische Empörung, politische Erschöpfung – interessiert in der öffentlichen Debatte ungefähr so sehr wie die Fußnoten in einem Koalitionsvertrag. Die Korrelation wird zur Kausalität erklärt, weil sie erzählerisch praktischer ist. Sie spart Denkarbeit. Sie liefert einen Schuldigen. Und sie passt in eine Schlagzeile, die noch zwischen Wetterbericht und Promiskandal Platz findet.

Doch was heißt es, wenn rechte Parteien von bestimmten gesellschaftlichen Zuständen profitieren? Heißt es, dass diese Zustände sie verursachen? Oder dass sie sie rhetorisch besser bewirtschaften? Vielleicht ist die Rechte nicht das Resultat der Krise, sondern ihre geschickteste Dramaturgin. Vielleicht ist sie nicht die Ursache der Polarisierung, sondern deren findigste Buchhalterin. Aber wer will schon hören, dass politische Dynamiken komplex sind, wenn man stattdessen behaupten kann: „Die Krise macht rechts“? Das klingt wie ein Naturgesetz. Und Naturgesetze kann man nicht abwählen.

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Angst als unsichtbare Drittvariable

In der Statistik gibt es diese hübsche Figur der Drittvariable. Zwei Dinge scheinen zusammenzuhängen, doch in Wahrheit werden beide von einem dritten Faktor beeinflusst. Der Verkauf von Eiscreme korreliert mit der Zahl der Badeunfälle – nicht, weil Vanille tödlich ist, sondern weil Hitze beide antreibt. Übertragen auf die Politik heißt das: Vielleicht korrelieren ökonomische Unsicherheit und rechte Wahlerfolge, nicht weil das eine das andere mechanisch hervorbringt, sondern weil beide von einem tiefer liegenden Gefühl gespeist werden – einem diffusen Verlustempfinden, einem kulturellen Schwindel, einem „Früher war irgendetwas besser“, dessen Beweislast nie erbracht werden muss. Angst ist eine exzellente Drittvariable: schwer messbar, leicht instrumentalisierbar, rhetorisch hochflexibel. Und wer sie zu bedienen weiß, muss keine komplizierten Kausalmodelle vorlegen. Es reicht, sie zu benennen, zu verstärken, zu personalisieren.

Die Rechte profitiert also womöglich nicht von „der“ Korrelation zwischen Krise und Zustimmung, sondern von der Kunst, aus Korrelation Kausalität zu schnitzen. Sie sagt: „Seht Ihr? Mehr Migration, mehr Unsicherheit.“ Oder: „Mehr Klimapolitik, weniger Wohlstand.“ Ob die Daten das hergeben, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass zwei Linien auf dem Chart gleichzeitig zucken. Der Rest ist Erzählung. Und Erzählungen sind mächtiger als Regressionsanalysen.

Die Bequemlichkeit des eindeutigen Zusammenhangs

Warum aber verfängt das? Warum reicht ein statistischer Gleichklang, um politische Überzeugungen zu verhärten? Vielleicht, weil Kausalität Trost spendet. Wenn etwas eine Ursache hat, kann man sie bekämpfen. Wenn Zusammenhänge komplex, zirkulär, mehrschichtig sind, bleibt nur die Zumutung des Denkens. Und Denken ist anstrengend. Es widerspricht dem Wunsch nach Klarheit. Die Rechte bietet einfache Kausalgeschichten an wie Fast Food für das Weltverständnis: schnell, sättigend, langfristig womöglich schädlich, aber unmittelbar befriedigend. „Das Problem ist X, also muss X weg.“ Eine lineare Logik in einer nichtlinearen Welt. Wer wollte da nicht wenigstens kurz nicken?

Doch es wäre zu billig, nur mit dem Finger zu zeigen. Auch die Gegenseite liebt Korrelationen, wenn sie ins eigene Weltbild passen. Steigt die Zustimmung zu rechten Parteien, während soziale Medien florieren, wird schnell behauptet, Algorithmen seien die Ursache. Vielleicht sind sie es. Vielleicht sind sie Verstärker. Vielleicht sind sie nur Bühne. Die Pointe ist: Wir alle sind verführbar durch das gleichzeitige Auftreten von Phänomenen. Wir alle sehnen uns nach dem großen Aha-Moment, der das Wirrwarr der Gegenwart in eine saubere Ursache-Wirkungs-Kette presst.

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Demokratie im Zeitalter der Scheinkausalitäten

Das eigentlich Beunruhigende ist weniger, dass Korrelationen missverstanden werden. Es ist, dass aus ihnen politische Programme destilliert werden. Wenn man lange genug behauptet, A verursache B, wird aus der Behauptung eine gefühlte Wahrheit. Und gefühlte Wahrheiten wählen. Die Rechte profitiert davon, weil sie sich traditionell weniger mit der Komplexität von Systemen herumschlägt als mit der Suggestion von Klarheit. Sie ist nicht unbedingt besser im Regieren, aber oft geschickter im Vereinfachen. Und Vereinfachung ist in Zeiten kognitiver Überlastung eine politische Superkraft.

Vielleicht also sollten wir weniger fragen, warum die Rechte von bestimmten Korrelationen profitiert, und mehr, warum wir so begierig sind, sie als Kausalitäten zu lesen. Vielleicht liegt der Zusammenhang nicht nur zwischen Krise und Wahlergebnis, sondern zwischen Überforderung und Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Zwischen Datenflut und Deutungsdurst. Zwischen der nüchternen Einsicht, dass die Welt kompliziert ist, und der süßen Versuchung, sie auf eine Ursache zu reduzieren.

Und so stehen wir vor unseren Kurven und Balkendiagrammen wie vor Orakeln, die uns zuflüstern, was wir ohnehin schon glauben wollten. Die Linien steigen, die Linien fallen, und irgendwo dazwischen wächst der Wunsch nach einfachen Antworten. Korrelation ist nicht Kausalität, heißt es. Aber sie ist ein wunderbarer Rohstoff für jene, die aus Gleichzeitigkeit Gewissheit machen wollen. Vielleicht ist das der eigentliche Zusammenhang: Nicht zwischen zwei Variablen, sondern zwischen unserer Ungeduld und ihrer politischen Rendite.

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