Stellen wir uns also den Schalterraum der Zukunft vor: Neonlicht, Nummernautomat, eine Topfpflanze im existenziellen Endstadium, und hinter Panzerglas sitzt die Sachbearbeiterin für Weltanschauungsangelegenheiten. „Einmal Personalausweis und Internetführerschein, bitte“, säuselt sie mit der routinierten Milde einer Zahnärztin kurz vor dem Bohren. Wer ins Netz will, zieht eine Nummer, legt den Ausweis vor und absolviert eine kleine Prüfung: Unterschied zwischen Ironie und Beleidigung, Multiple Choice zur Verfassungsordnung, ein Lückentext zu Netiquette und Staatsräson. Wer durchfällt, darf vorerst nur Katzenvideos kommentarlos konsumieren. Wer besteht, erhält 10 Gigabyte Meinungsvolumen im Monat, danach wird nachberechnet. Willkommen im wohlsortierten Schrebergarten der Diskurskultur, wo jede Hecke auf Normhöhe geschnitten ist und die Gartenzwerge Datenschutzrichtlinien zitieren.
Die Idee einer Klarnamenpflicht wird dabei gern als digitales Äquivalent zur guten Stube verkauft: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten, heißt es mit jener treuherzigen Logik, die schon immer dann Konjunktur hatte, wenn Freiheit als Renovierungsfall galt. Das Internet, so die Erzählung, sei zu lange ein wilder Jahrmarkt gewesen, ein Basar der Eitelkeiten, ein Debattierclub mit sehr niedriger Türschwelle. Nun müsse endlich Ordnung her, Licht in die dunklen Ecken, Namensschilder an jede Meinung. Als sei das Problem der Welt je die Anonymität gewesen und nicht vielmehr die sehr real existierende Dummheit, Bosheit und gelegentliche Menschenfeindlichkeit – Eigenschaften, die bekanntlich auch unter Klarnamen prächtig gedeihen.
Der große Marktplatz und seine Hausordnung
Das Internet wurde oft als Marktplatz der Ideen beschrieben. Ein schönes Bild, nur dass Marktplätze historisch betrachtet auch Orte des Geschreis, der Scharlatane, der Taschendiebe und der fliegenden Händler waren. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den mittelalterlichen Markt zu retten, indem man jedem Besucher seinen bürgerlichen Namen auf die Stirn tätowiert. Man regelte Betrug, ahndete konkrete Vergehen und ließ ansonsten das bunte Treiben zu – in dem Bewusstsein, dass Freiheit immer auch das Recht einschließt, Unsinn zu reden.
Die Klarnamenpflicht verspricht dagegen eine hygienisch einwandfreie Diskurszone: keine Trolle, keine Hetze, nur noch verantwortungsvolle Bürger im gepflegten Meinungskostüm. Das Problem ist nur: Der Troll trägt längst Sakko, hat Visitenkarten und kandidiert gelegentlich für irgendetwas. Die größten Entgleisungen der Geschichte wurden selten anonym begangen; sie wurden unterschrieben, gestempelt und archiviert. Der Name macht die Aussage nicht wahrer, nicht klüger und schon gar nicht moralischer. Er macht sie nur leichter zuzuordnen – für Arbeitgeber, Nachbarn, politische Gegner und alle, die gern Listen führen.
Privatsphäre als lästiger Anachronismus
Privatsphäre wirkt in diesen Debatten oft wie ein nostalgisches Hobby, vergleichbar mit Briefmarkensammeln oder dem Glauben an Faxgeräte. Dabei ist sie kein Luxus, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft: der Raum, in dem Menschen denken, zweifeln, ausprobieren können, ohne dass jeder Gedanke sofort mit dem bürgerlichen Leben verrechnet wird. Wer jede Äußerung untrennbar an die reale Identität koppelt, verwandelt den öffentlichen Diskurs in ein Hochrisikogebiet. Meinung wird dann zur Investition mit möglichem Karriereverlust, sozialer Ächtung oder digitalem Pranger als Rendite.
Gerade für Whistleblower, politische Dissidenten, Minderheiten oder schlicht Unangepasste ist Pseudonymität kein Spielzeug, sondern Schutzkleidung. Die Vorstellung, man könne Meinungsfreiheit stärken, indem man die Schutzschilde entfernt, hat etwas von einem Regenschirmverbot zur Förderung der Wetterhärte. Gewiss, auch unter dem Schirm treiben manche Unfug – aber die Lösung kann schwerlich darin bestehen, alle in den Sturm zu stellen.
Der Traum vom sanktionierbaren Bürger
Hinter der Sehnsucht nach Klarnamen schimmert oft ein sehr menschlicher Wunsch: der nach Sanktionierbarkeit. Endlich greifbar sollen sie sein, die Nervensägen, Provokateure und Dauerempörten. Endlich Abmahnungen mit Zustellnachweis statt wütender Ohnmacht vor dem Bildschirm. Der Rechtsstaat, so die Hoffnung, möge bitte bis in die Kommentarspalte hinein verlängert werden, am besten mit Durchwahl.
Doch wo Sanktionierung leicht wird, wird sie auch verlockend. Die Schwelle sinkt, die Grauzonen werden enger, der Konformitätsdruck steigt. Was heute als Maßnahme gegen Hass verkauft wird, kann morgen als Werkzeug gegen scharfe Kritik dienen. Der Unterschied zwischen „Hassrede“ und „unerwünschter Rede“ ist in der Theorie klar, in der Praxis aber oft eine Frage von Macht, Kontext und Zeitgeist. Gesetze bleiben, Mehrheiten wechseln.
Der Internetführerschein als pädagogische Utopie
Der Internetführerschein klingt zunächst charmant: ein bisschen Medienkompetenz, ein bisschen Ethik, ein paar Lektionen in Quellenkritik – wer wollte das nicht? Nur zeigt die Erfahrung mit realen Führerscheinen: Sie verhindern weder Raserei noch Dummheit, sondern setzen Mindeststandards. Und selbst die werden kreativ umfahren. Der Mensch besteht Prüfungen und bleibt doch Mensch, mit Vorurteilen, Emotionen und gelegentlicher Lust am verbalen Ausrutscher.
Die eigentliche Medienkompetenz entsteht nicht durch bürokratische Zertifikate, sondern durch Bildung, offene Debattenkultur und die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten. Ein Netz, das nur noch von lizenzierten Meinungsführern bevölkert wird, wäre vielleicht höflicher, aber auch ärmer, langweiliger und gefährlich homogen. Demokratie ist kein Elitenprojekt mit Zugangscode.
Epilog im Wartebereich der Zukunft
Am Ende sitzt man wieder im Amt, zieht eine Nummer für die Verlängerung des Internetführerscheins und fragt sich, wann genau aus dem wilden, nervigen, inspirierenden Netz ein digitaler Kurort wurde, in dem nur noch flüsternd diskutiert wird. Vielleicht merkt man dann, dass Freiheit nie bequem war und Anonymität nie nur Fluch, sondern auch Schutzraum, Labor und Ventil.
Die satirische Pointe liegt darin, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich ihrer Freiheit rühmen, regelmäßig versuchen, sie zu optimieren, zu ordnen, zu verwalten – bis sie so handlich ist, dass sie niemandem mehr wehtut. Doch eine Freiheit, die niemanden stört, ist meist keine mehr, sondern Dekoration.
Und so bleibt die augenzwinkernde Hoffnung, dass der digitale Marktplatz ein Marktplatz bleibt: laut, manchmal unerquicklich, oft klug, gelegentlich unerquicklich klug – aber offen. Mit Menschen, die Verantwortung tragen, ja, aber auch mit dem Recht, nicht jede Meinung sofort mit dem Melderegister zu verheiraten. Denn zwischen Anarchie und Amtsstube gibt es noch einen Raum namens mündige Gesellschaft. Man muss ihn nur aushalten wollen.