Fasching, habe fertig.

Die moralische Kostümpolizei betritt den Ballsaal

Es ist wieder jene Jahreszeit, in der der durchschnittliche Mitteleuropäer – neun Monate lang geschniegelt, geschniegelt und nochmals geschniegelt – plötzlich beschließt, sich in ein schlecht sitzendes Polyesterkostüm zu zwängen, Konfetti in seine Getränkeflasche zu schütten und mit der Ernsthaftigkeit eines Steuerprüfers „Helau“ zu rufen. Fasching ist traditionell das institutionalisierte Gegenteil der Vernunft: eine kurze Phase, in der selbst der sonst pedantisch getrennte Biomüll mit dem Restmüll tanzen darf. Und genau in diesen taumelnden Moment hinein marschiert nun – geschniegelt, geschniegelt und selbstverständlich korrekt – eine neue Instanz: die moralische Kostümpolizei, bewaffnet nicht mit Trillerpfeife, sondern mit Begriffen wie „Einordnung“, „Stereotyp“ und „systematische Unterdrückung“.

Das Moment Magazin hat also beschlossen, uns mitzuteilen, was ein Kostüm ist. Eine bemerkenswerte Entwicklung, denn bislang glaubte man, ein Kostüm sei schlicht das, was man anzieht, wenn man beschlossen hat, für eine Nacht weder Banker noch Bäckereifachverkäuferin zu sein, sondern beispielsweise eine glitzernde Qualle. Doch nein: Nun braucht es offenbar eine Art TÜV für Verkleidungen. Eine normative Leitplanke für den Ausnahmezustand. Ein Regelwerk für das Regellose. Man möchte fast fragen, ob der nächste Schritt darin besteht, das spontane Lachen genehmigungspflichtig zu machen – Formular L-17, dreifach, bitte.

Das Einhorn als letzte Bastion der Unschuld

Die Liste der erlaubten Kostüme liest sich wie ein Streichelzoo, der gemeinsam mit einem pädagogisch ambitionierten Kindergarten eine Partei gegründet hat. Kätzchen? Hervorragend. Reh? Tadellos. Wurm? Geradezu vorbildlich. Berufe sind ebenfalls akzeptabel, sofern sie offenbar keinerlei historische Komplexität aufweisen – was insofern tröstlich ist, als man bislang nicht wusste, dass etwa Feuerwehrleute als metaphysisch neutrale Wesen gelten.

Und dann natürlich die Fantasiewesen: Einhörner, Drachen, Vampire. Wesen also, deren größte historische Schuld darin besteht, in Kinderbüchern zu glitzern oder gelegentlich Jungfrauen zu entführen. Das Einhorn wird damit zur letzten Bastion moralischer Reinheit, zum textilen Safe Space auf vier Hufen. Man kann sich gut vorstellen, wie künftig ganze Büros geschlossen in Pastellfarben erscheinen, weil niemand riskieren möchte, als politisch ambivalente Kartoffel interpretiert zu werden.

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Es ist eine faszinierende Vision: eine Faschingsgesellschaft, in der sich tausend Menschen begegnen, alle als Karotten verkleidet, und ein erleichtertes Schweigen herrscht, weil niemand jemanden missverstehen kann. Der Traum jeder Ethikkommission – und zugleich vermutlich der Tod jeder Party.

Hautfarbe, Geschichte und die Sehnsucht nach Fehlerfreiheit

Besonders entschieden wird es beim Thema Hautfarbe. Hier verlässt der Text die flauschige Welt der Tierkostüme und betritt das Feld historischer Verantwortung. Der Gedanke dahinter ist weder neu noch trivial: Verkleidungen können verletzen, Klischees reproduzieren, alte Wunden aufreißen. Das ist ein Argument, das man ernst nehmen kann – und sollte.

Doch die moderne Debatte kennt selten Zwischentöne. Stattdessen schleicht sich ein bemerkenswerter Perfektionismus ein: die Vorstellung, dass eine Gesellschaft moralisch sauber werden könne, wenn man nur genügend Regeln formuliert. Eine Art hygienischer Idealzustand, in dem kulturelle Reibung so gründlich desinfiziert wurde, dass selbst Ironie nur noch in Schutzkleidung auftreten darf.

Dabei übersieht man gern, dass Fasching historisch genau vom Gegenteil lebte: vom Übertreten, vom Überzeichnen, vom temporären Kontrollverlust. Nicht alles daran war klug oder sensibel – aber es war Ausdruck einer Kultur, die wusste, dass Menschen keine sterilen Wesen sind. Wer den Ausnahmezustand vollständig normiert, verwandelt ihn paradoxerweise in Alltag. Und ein regulierter Kontrollverlust ist ungefähr so überzeugend wie alkoholfreies Konfetti.

Die pädagogisierte Narretei

Man spürt hinter solchen Leitfäden eine tiefe, fast rührende Sehnsucht: die Sehnsucht nach einer Welt ohne Kränkung. Eine Welt, in der niemand unbeabsichtigt etwas Falsches tut. Eine Welt, in der der größte Skandal darin besteht, als schlecht recherchierter Zauberer aufzutreten.

Doch diese Sehnsucht hat ihren Preis. Sie verwandelt erwachsene Bürger in potenzielle Regelbrecher, die vor dem Kleiderschrank stehen wie Autofahrer vor einer neu installierten Radarfalle. „Darf ich noch Pirat sein?“, flüstert der eine. „Ist mein Zaubererhut kulturelle Aneignung?“, fragt die andere. Und irgendwo sitzt ein dritter und googelt verzweifelt: „Ist Brokkoli politisch neutral?“

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Die Gesellschaft wird dabei nicht unbedingt sensibler – eher ängstlicher. Aus Rücksicht wird Unsicherheit, aus Bewusstsein wird Selbstüberwachung. Man will niemanden verletzen und verletzt am Ende vor allem die eigene Spontaneität.

Wenn Politik den Humor dressiert

Natürlich ist es bequem, über solche Empfehlungen zu spotten. Ebenso bequem wäre es allerdings, jede Kritik daran als reaktionäres Augenrollen abzutun. Die Wahrheit liegt – wie so oft – unerquicklich in der Mitte: Ja, Geschichte wirkt nach. Ja, manche Darstellungen sind plumper, als ihre Träger glauben. Aber ebenso gilt: Eine Kultur, die Humor nur noch unter Aufsicht zulässt, beginnt, sich selbst zu misstrauen.

Satire, Karikatur, Rollentausch – all das lebt von Übertreibung. Ohne Übertreibung bleibt lediglich Darstellung. Und Darstellung ist bekanntlich der Fasching des Theaters, nicht des Lebens.

Wenn jede Figur vorab moralisch zertifiziert werden muss, droht ein sonderbarer Wandel: Der Narr wird nicht mehr geduldet, sondern akkreditiert. Der Witz braucht eine Fußnote. Und die Pointe wird vorab auf Diskriminierungspotenzial geprüft, als wäre sie ein Medikament mit möglichen Nebenwirkungen.

Der Traum vom risikofreien Ausnahmezustand

Am Ende steht eine große Frage: Kann es überhaupt einen risikofreien Fasching geben? Einen Karneval ohne potenzielle Grenzüberschreitung? Wahrscheinlich nicht. Denn wo Menschen zusammenkommen, bringen sie ihre Geschichte, ihre Vorurteile, ihre Blindflecken mit. Kultur ist kein Möbelhaus, in dem jedes Stück perfekt beschriftet ist.

Vielleicht wäre ein wenig Gelassenheit hilfreicher als die nächste Liste erlaubter Identitäten. Gelassenheit bedeutet nicht Gleichgültigkeit – sondern die Fähigkeit, zwischen Bosheit und Ungeschick zu unterscheiden. Zwischen Provokation und Gedankenlosigkeit. Zwischen jemandem, der verletzen will, und jemandem, der einfach nur ein miserables Kostüm gewählt hat.

Denn seien wir ehrlich: Der größte Schaden des Faschings war historisch selten kulturelle Aneignung. Es war eher schlechter Gesang.

Schluss mit der Karotte – ein Plädoyer für den unperfekten Humor

Am Ende könnte man fast nostalgisch werden und sich nach einer Zeit sehnen, in der das größte Problem eines Kostüms darin bestand, dass es juckte. Doch Nostalgie ist ebenso trügerisch wie moralische Perfektion.

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Vielleicht braucht es weniger Vorschriften und mehr Urteilskraft. Weniger pädagogischen Zeigefinger und mehr gesellschaftliches Gespräch. Eine erwachsene Gesellschaft sollte in der Lage sein, beides zu tun: sensibel zu sein – und zugleich über sich selbst zu lachen.

Denn wenn wir irgendwann nur noch als Einhörner erscheinen dürfen, haben wir zwar jede Debatte gewonnen, aber etwas anderes verloren: jene befreiende Albernheit, die uns daran erinnert, dass Menschen keine makellosen Projekte sind, sondern wandelnde Widersprüche mit Pappnasen.

Und falls doch einmal jemand als Karotte kommt – nun gut. Dann sollte man ihn nicht sofort moralisch sezieren. Man könnte auch einfach fragen, ob er tanzen kann.

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