Eine total, total verrückte Welt

Man muss sich das einmal vorstellen: Ausgerechnet in jenem Land, in dem die Renaissance den Menschen aus dem theologischen Schrank befreite und ihm wieder einen Körper gab, greift man beherzt zur digitalen Feile und amputiert, was der große Leonardo da Vinci mit sicherem Strich festhielt. Der vitruvianische Mensch, diese Ikone der Proportion, dieses anatomische Credo der Vernunft, wird im Vorspann der Winterspiele Milano Cortina zur moralisch einwandfreien Schaufensterpuppe degradiert. Man möchte fast applaudieren: Endlich hat jemand den Mut, der Renaissance zu erklären, was sie damals eigentlich gemeint haben sollte. Das Internationales Olympisches Komitee wacht über die Reinheit der Ringe und erklärt anatomische Genauigkeit zur „expliziten Sexualität“. In einer Welt, die im Sekundentakt algorithmisch kuratierte Halbnacktheit ausspielt, wird ausgerechnet eine 500 Jahre alte Federzeichnung zur Gefahr für die sittliche Ertüchtigung der Jugend. Vielleicht fürchtet man, der vitruvianische Mensch könne vom Kreis in die Ellipse rutschen und dabei die öffentliche Ordnung gefährden. Vielleicht aber ist es nur jene seltsame Mischung aus Wokeismus und Prüderie, die den klar erkennbar männlichen Körper als Zumutung empfindet – als sei Biologie eine besonders unhöfliche Meinung. So wird die olympische Flamme entzündet und zugleich ein digitales Feigenblatt entzündet, das die Geschichte der Kunst vor sich herträgt wie eine schlecht sitzende Moraluniform. Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig komisch wäre.

Rosenmontags-Kalifat in Nonnweiler

Während also in Mailand die Kunst entkernt wird, rollt im saarländischen Nonnweiler ein Bollerwagen durch die Fastnacht und bringt den Staatsschutz in Trab. „Kalifat, Scharia, Burka, Nikab, Zwangsehe, Kinderehe“ steht auf dem Schild, und man sieht förmlich, wie der Amtsschimmel sein Narrenkostüm überstreift und prüft, ob Satire noch unter Artikel irgendwas fällt. Der Staatsschutz schaut „sich das an“ – eine wunderbare Formulierung, die suggeriert, man werde das Corpus Delicti mit spitzen Fingern und ernster Miene taxieren, als handele es sich um eine tickende Pointe. Der Bürgermeister bleibt gelassen und erinnert daran, dass Fastnacht traditionell zuspitzt. Welch revolutionärer Gedanke: dass eine Demokratie es aushalten muss, wenn jemand etwas sagt, das anderen missfällt. Man reibt sich die Augen. Ist das noch Deutschland oder schon die Hochburg der Gelassenheit? Die Karnevalsgesellschaft distanziert sich pflichtschuldig, das Innenministerium verweist auf das Strafgesetz – und für einen kurzen Moment glaubt man, die Republik habe noch nicht verlernt, zwischen Geschmacklosigkeit und Strafbarkeit zu unterscheiden. Dass darüber ernsthaft Tage nachgedacht werden muss, ist freilich selbst eine Pointe: Der Narr ruft, und der Staat antwortet mit einer Prüfbitte.

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Buttersäure als Kampfmittel

In Darmstadt hingegen wird nicht geschunkelt, sondern geschmiert. Buttersäure, Farbe, Parolen – der olfaktorische Ausdruck politischer Hochkultur. Wenn Aktivisten „Kein Vergeben, kein Vergessen!“ an Haustüren sprühen, dann klingt das wie eine Mischung aus Geschichtsseminar und Drohkulisse. Dass es sich um Eigentum von AfD-Politikern handelt, macht die Sache für manche offenbar zu einer Art moralischer Sonderzone, in der der Rechtsstaat nur noch fakultativ gilt. Doch auch hier gilt: Wer in einer Demokratie um Mehrheiten ringt, sollte dies mit Argumenten tun und nicht mit Geruchswolken. Das anonyme Bekennerschreiben auf einschlägigen Portalen wirkt wie das Echo eines Denkens, das Opposition nicht widerlegen, sondern vertreiben möchte. Es ist die alte Versuchung des Totalitären, das sich im Gewand der Antitotalität präsentiert. Man bekämpft vermeintliche Menschenverachtung mit handfester Verachtung – und wundert sich dann über die Verrohung des Diskurses. Vielleicht sollte man Buttersäure als neue olympische Disziplin vorschlagen: Synchronschmieren mit moralischer Pflichtkür.

Keine Lesung möglich

Auf der Leipziger Buchmesse darf der Europaabgeordnete Maximilian Krah seinen Roman nicht lesen, Sicherheitsbedenken, aufgeheizte Stimmung, man kennt das. Er verweist darauf, dass Salman Rushdie auftreten konnte – ein Vergleich, der zugleich kühn und unerquicklich ist. Natürlich ist die Gefährdungslage eines weltweit bedrohten Autors eine andere als die eines deutschen Politikers, der polarisiert wie andere Leute ihre Hemden wechseln. Und doch bleibt die Frage: Was ist eine Buchmesse wert, wenn sie die Provokation fürchtet wie der Teufel das Weihwasser? Literatur war nie ein Wellnessbereich. Sie war Streit, Zumutung, manchmal auch Ärgernis. Wenn Veranstalter bereits beim Gedanken an mögliche Demonstrationen einknicken, sendet das ein Signal: Die Sicherheit ist uns wichtiger als die Auseinandersetzung. Das mag praktisch sein, aber es riecht nach jener vorsorglichen Konfliktvermeidung, die am Ende jede Kontur abschleift. Krah überzieht mit dem Verdikt der „intellektuellen Totenmesse“ – doch die Messe hat sich mit der Ausladung keinen Gefallen getan. Wer Debatten auslagert, darf sich über ihre Radikalisierung nicht wundern.

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Queer in den Orbit geschossen

Der Fall des Schiedsrichters, der sich als Opfer homophober Gewalt präsentierte und nun selbst unter Verdacht steht, alles inszeniert zu haben, ist eine Parabel auf unsere beschleunigte Empörungskultur. Kaum war die Nachricht draußen, standen die Urteile fest: Hassverbrechen, Angriff auf die queere Sichtbarkeit, feige Tat. Politiker äußerten sich mit jener wohligen Eindeutigkeit, die keine Aktenkenntnis benötigt. Dann die Wendung: Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat, forensische Prüfungen, Datenträger, Zweifel. Der Fall ist offen, die Moral hingegen war schon geschlossen. Man sieht hier nicht das Scheitern eines Anliegens – Gewalt gegen Minderheiten ist real und verwerflich –, sondern das Scheitern einer Öffentlichkeit, die das Urteil vor die Prüfung setzt. Die Empörung wird zum Selbstzweck, und wer sie zuerst formuliert, gewinnt das Rennen um die moralische Deutungshoheit. Vielleicht wäre etwas mehr rechtsstaatliche Nüchternheit heilsam: erst ermitteln, dann twittern.

Ein Dach als Hitlergruß

Vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wird ein Wahlplakat zum Politthriller. Ein Elternpaar formt mit erhobenen Armen ein Dach über den Köpfen der Kinder – Schutzsymbolik aus dem Bilderbuch. Doch der Vorwurf lautet: Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Man reibt sich erneut die Augen und fragt sich, ob demnächst jeder Maurermeister mit spitzem Giebel ins Visier gerät. Der Kontext, die Intention, die zeitliche Distanz zum eigentlichen Wahlkampf – alles scheint im Mahlwerk der juristischen Symbolanalyse zweitrangig. Gewiss, der Missbrauch nationalsozialistischer Zeichen ist strafbar und das ist gut so. Doch wenn jede geometrische Ähnlichkeit zur Gesinnungstat wird, dann verwandelt sich der Rechtsstaat in ein Vexierspiel. Dass ähnliche Motive andernorts ohne staatsanwaltschaftliche Begleitung auskamen, rundet das Bild ab. Vielleicht braucht es künftig eine amtliche Posendatenbank: Welche Armhaltung ist noch demokratietauglich, welche bereits latent staatsgefährdend?

Auf den Hund gekommen

In Delhi präsentiert eine Universität stolz einen Roboterhund namens Orion – bis das Internet trocken anmerkt, dass es sich um das Go2-Modell von Unitree Robotics handelt. Der Traum vom eigenen Exzellenzzentrum kollidiert mit der Realität des Online-Shoppings. Man hätte die Sache mit einem Schulterzucken erledigen können: Demonstrationsobjekt, Zukauf, Missverständnis. Stattdessen folgt das übliche Krisenhandbuch: bestreiten, relativieren, Propagandakampagne wittern. Der Hund, unschuldig wie alle Hunde, verschwindet vom Stand. Vielleicht ist er nun im Rehabilitationsprogramm für missverstandene Maschinen. Die Episode zeigt vor allem eines: In Zeiten allgegenwärtiger Recherche ist die Halbwertszeit von Hochstapelei kürzer als die Akkulaufzeit eines Roboters.

TIP:  Man kann seinen Pass wegwerfen ...

Werbung weg

Und schließlich der Fall des Schweizer Influencers Joung Gustav, der erst Geld vom Himmel regnen ließ und dann Werbepartner verlor. 5,5 Millionen Follower sind eine Währung, aber keine Garantie. Wer auf einem Zweitkanal politische Inhalte verbreitet, lernt schnell, dass Algorithmen Humor lieben, aber Haltung nur bedingt monetarisieren. Ein Video zur Asylpolitik, eine lokale Abstimmung, Zahlen, Zitate – und schon gerät das Geschäftsmodell ins Wanken. Für Influencer ist Reputation Kapital; wenn Marken abspringen, wird aus digitalem Ruhm ein betriebswirtschaftliches Problem. Man kann das als Cancel Culture brandmarken oder als Marktwirtschaft erklären: Unternehmen werben dort, wo es ihrem Image nützt. Moral und Marge gehen Hand in Hand, bis sie sich gegenseitig auf die Füße treten. Der Shitstorm ist die neue Börse, und die Kurse schwanken im Takt der Empörung.

Am Ende bleibt ein Panorama der Gegenwart: Kunst wird zensiert, Narren geprüft, Häuser beschmiert, Lesungen abgesagt, Urteile vorab gesprochen, Plakate kriminalisiert, Roboter umetikettiert, Influencer entwertet. Canceln, Framen, Empören, Strafen – das Karussell dreht sich zuverlässig weiter. Vielleicht ist das die eigentliche olympische Disziplin unserer Zeit: moralischer Hochsprung ohne Anlauf, mit sicherer Landung im eigenen Lager. Bis nächste Woche.

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