Es gibt Gedanken, die so radikal sind, dass sie schon beim Aussprechen eine gewisse Scham verursachen. Man blickt sich vorsichtig um, flüstert vielleicht, und hofft, dass kein Investmentbanker im Raum ist. Einer dieser Gedanken lautet: Statt die Energiepreise immer weiter zu erhöhen, könnten Energiekonzerne einfach weniger Gewinn machen. Ja, weniger. Nicht Verlust, nicht Enteignung, nicht sozialistische Kollektivierung der letzten Kilowattstunde – nur ein kleines, höfliches Minuszeichen hinter der Renditeerwartung. Ein kaum wahrnehmbares Zusammenrücken der Profitmargen. Eine minimalistische Diät für das Kapital. Man stelle sich vor: Der Vorstandsvorsitzende schaut auf die Quartalszahlen und sagt mit mildem Lächeln: „Meine Damen und Herren, dieses Jahr verdienen wir einfach ein bisschen weniger.“ In diesem Moment würde vermutlich irgendwo im globalen Finanzsystem eine Alarmglocke schrillen, Hedgefondsmanager würden kollektiv nach ihren Riechsalzfläschchen greifen, und irgendwo im Maschinenraum der Börsenalgorithmen würde eine KI verwirrt fragen, ob sie gerade ein moralisches Ereignis erlebt hat.
Die heilige Dreifaltigkeit der Marktwirtschaft
Denn in der theologischen Grundordnung des modernen Kapitalismus existiert eine heilige Dreifaltigkeit: Wachstum, Rendite und die ewige Steigerung derselben. Gewinne dürfen nicht stagnieren, denn Stagnation ist bereits der Vorhof der Apokalypse. Wenn ein Unternehmen heute genau so viel verdient wie gestern, ist das für Analysten ungefähr so beruhigend wie ein Herzmonitor, der plötzlich eine gerade Linie zeigt. Deshalb ist die Vorstellung, ein Energiekonzern könnte freiwillig weniger verdienen, ungefähr so plausibel wie die Idee, ein Löwe könnte aus moralischen Gründen Vegetarier werden. Natürlich könnte er theoretisch. Er hat Zähne, er hat Bewusstsein, vielleicht sogar eine gewisse philosophische Neigung. Aber die Wahrscheinlichkeit bleibt überschaubar.
Und so funktioniert das Ritual: Die Energiepreise steigen, weil sie steigen müssen. Sie steigen wegen Märkten, wegen geopolitischer Unsicherheiten, wegen Infrastrukturkosten, wegen der Sonne, des Mondes und der internationalen Lage. Und wenn man dann zufällig feststellt, dass gleichzeitig auch die Gewinne steigen, dann ist das natürlich nur ein bedauerlicher statistischer Nebeneffekt. Niemand hat damit gerechnet. Niemand wollte das. Es ist einfach passiert, so wie Regen im Herbst passiert. Der Markt ist schließlich eine Naturgewalt, kein menschengemachtes System mit Entscheidungsträgern in teuren Anzügen.
Die empfindliche Ökologie des Profits
Man darf nämlich eines nicht unterschätzen: Gewinne sind empfindliche Lebewesen. Sie brauchen Pflege, Aufmerksamkeit und gelegentlich eine kleine Preiserhöhung, damit sie gesund wachsen können. Ein Rückgang der Gewinnmarge könnte dramatische Folgen haben. Vielleicht müsste der Vorstand auf eine dritte Bonuszahlung verzichten. Vielleicht müsste ein Strategie-Workshop statt auf den Malediven nur in Südtirol stattfinden. Und stellen wir uns die kulturellen Verwerfungen vor, die entstehen würden, wenn ein multinationaler Energiekonzern plötzlich mit der erschütternden Botschaft an die Aktionäre herantritt: „Wir haben beschlossen, dieses Jahr nur neun Milliarden zu verdienen statt elf.“
Man darf sich die Reaktion vorstellen. Analysten würden in ernster Stimme von „Irritationen am Markt“ sprechen. Kommentatoren würden fragen, ob das Management noch „den Shareholder Value ausreichend priorisiert“. Und irgendwo würde ein Wirtschaftsjournalist in einer Kolumne warnen, dass solche Experimente mit „ethischen Überlegungen“ das fragile Gleichgewicht der Märkte gefährden könnten – ein Gleichgewicht, das bekanntermaßen darauf beruht, dass alles immer teurer wird.
Die große Preissteigerungslogik
Die Logik ist dabei bemerkenswert elegant: Energiepreise müssen steigen, weil Energie teuer ist. Dass Energie teuer ist, zeigt sich daran, dass die Preise steigen. Und dass die Gewinne steigen, beweist wiederum, wie notwendig diese Preissteigerungen waren. Es ist ein argumentativer Kreislauf, so perfekt geschlossen wie ein Schweizer Uhrwerk, nur mit etwas mehr Dividenden.
Der Verbraucher hat in diesem System eine wichtige Rolle. Er ist so etwas wie das Fundament der gesamten Architektur – eine tragende Säule, allerdings ohne Mitspracherecht bei der Bauplanung. Seine Aufgabe besteht darin, Rechnungen zu öffnen, kurz zu schlucken und anschließend zu bezahlen. Dabei darf er sich gerne über den Weltmarkt informieren, über Gaspreise, Netzausbau, geopolitische Spannungen und regulatorische Rahmenbedingungen. All das sind hochkomplexe Themen, die hervorragend geeignet sind, um zu erklären, warum der Strompreis steigt. Weniger geeignet sind sie allerdings, um zu erklären, warum gleichzeitig Rekordgewinne entstehen. Aber das ist vermutlich Zufall. Märkte sind schließlich mysteriös.
Der utopische Moment
Und dennoch bleibt diese kleine, ketzerische Idee im Raum stehen, wie ein ungebetener Gast auf einem Wirtschaftsgipfel: Vielleicht könnten Konzerne einfach weniger Gewinn machen. Nicht aus Zwang, sondern aus – man wagt das Wort kaum – gesellschaftlicher Verantwortung. Vielleicht könnte man akzeptieren, dass Energie keine Luxusware ist, sondern eine Grundvoraussetzung für modernes Leben. Dass Heizung, Licht und Strom nicht ganz in derselben Kategorie liegen wie Designerhandtaschen oder limitierte Sneaker.
Natürlich ist das eine naive Vorstellung. Sie widerspricht der tiefen metaphysischen Überzeugung unserer Zeit, dass der Markt immer recht hat und der Gewinn eine Art moralische Belohnung darstellt. Wenn ein Unternehmen viel verdient, dann muss es das offenbar verdient haben – im kosmischen Sinne des Wortes. Wer sind wir, diese Ordnung infrage zu stellen? Der Markt hat gesprochen, und seine Sprache ist die Quartalsbilanz.
Ein kleines bisschen weniger
Aber vielleicht liegt genau hier die satirische Pointe: Die Forderung ist gar nicht revolutionär. Niemand verlangt die Abschaffung der Energiekonzerne. Niemand ruft nach der Enteignung der letzten Turbine. Die Idee ist erstaunlich bescheiden: einfach ein kleines bisschen weniger Gewinn. Ein minimaler Verzicht auf die mathematische Pflicht zur permanenten Steigerung. Eine winzige Pause im Wettrennen der Renditen.
Doch gerade diese Bescheidenheit macht den Vorschlag so skandalös. Denn im System der permanenten Gewinnmaximierung ist selbst ein Millimeter Rückzug bereits eine ideologische Katastrophe. Es wäre ein gefährlicher Präzedenzfall. Wenn Energiekonzerne plötzlich weniger verdienen könnten, ohne zusammenzubrechen – wer weiß, welche Branchen als Nächstes auf dumme Gedanken kämen.
Und so bleibt die Idee vorerst das, was sie ist: ein hübscher Gedanke, halb Utopie, halb Kabarettnummer. Eine jener Vorstellungen, bei denen man kurz schmunzelt, den Kopf schüttelt und dann doch wieder die Stromrechnung bezahlt. Denn während man darüber nachdenkt, hat sich der Markt längst entschieden – und der Markt, das wissen wir, hat einen sehr ausgeprägten Sinn für Humor. Nur leider meistens auf unsere Kosten.