Eine grundsätzliche Lehre

Es gibt Ereignisse, die wie ein schlecht platzierter Spiegel wirken: Man schaut hinein, erkennt sich selbst – und erschrickt. Die Stilllegung der Stromversorgung im Süden Berlins war ein solches Ereignis. Nicht nur, weil plötzlich Lichter ausgingen und Heizungen verstummten, sondern weil sich in diesem Blackout ein ganzer politischer Entwurf spiegelte, der bislang mit der Selbstgewissheit eines moralisch geprüften Heilsplans vorgetragen wurde. Die Energiewende, so wurde sie uns erklärt, sei mehr als ein technisches Projekt; sie sei ein zivilisatorischer Fortschritt, ein ethisches Upgrade der Moderne. Alles auf Strom, alles sauber, alles gut. Wärme, Verkehr, Industrie – drei Säulen, ein Träger, eine Steckdose. Wer Zweifel anmeldete, galt wahlweise als von gestern, von gestern finanziert oder gleich als Feind des Planeten. Nun aber zeigt ein regional begrenzter Stromausfall, was man sonst nur in Fußnoten technischer Gutachten findet: dass Konzentration nicht nur Effizienz, sondern auch Verwundbarkeit erzeugt. Und Verwundbarkeit ist kein abstrakter Begriff, sondern fühlt sich bei Minusgraden sehr konkret an.

Die sogenannte Sektorkopplung war ursprünglich eine elegante Idee für ein sehr spezielles Problem: Was tun mit dem überschüssigen Strom, der anfällt, wenn Wind und Sonne gerade übermotiviert sind, während niemand ihn braucht? Die Antwort lautete: Umlenken, speichern, weiterverwenden – in Wärmepumpen, in Batterien, in synthetische Kraftstoffe. Ein energetisches Perpetuum mobile, angetrieben von Optimismus und Fördermitteln. Dass diese Umlenkung nicht nur Leitungen, Speicher und Steuerungssysteme benötigt, sondern auch gigantische Investitionen, war bekannt. „Frontier Economics“ beziffert die Gesamtkosten der Energiewende bis 2045 auf 4.800 bis 5.400 Milliarden Euro – Summen, bei denen selbst der Staat kurz innehält, um dann doch weiterzugehen, als habe man gerade einen besonders teuren Cappuccino bestellt. Kosten, so hieß es, seien relativ; die Zukunft sei unbezahlbar. Dass Verwundbarkeit ebenfalls eine Kostenkategorie ist, wurde dagegen selten thematisiert. Der Berliner Stromausfall erledigte das in wenigen Stunden.

Wenn der Stecker zum Schicksal wird

Was passiert, wenn der Strom weg ist, lernt man im Alltag nur noch selten. Die Berliner Erfahrung hat es nachgeholt: Wärmepumpen stehen still, Heizungen schweigen, und bei anhaltender Kälte droht nicht nur das Frieren, sondern der materielle Schaden. Platzende Rohre sind keine Metapher, sondern das akustische Begleitprogramm einer allzu stromzentrierten Wärmeversorgung. Dieser Beipackzettel lag dem Heizungsgesetz bislang nicht bei. Vielleicht, weil er das schöne Bild der elektrischen Zukunft mit einer unangenehmen Textur versehen hätte. Stattdessen will man das Gesetz nun umbenennen – ein klassischer politischer Kunstgriff: Wenn der Inhalt irritiert, ändert man das Etikett. Der Kühlschrank bleibt leer, aber die Tür glänzt neu.

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Auch die Mobilität, diese zweite große Versprechung der elektrischen Erlösung, zeigt im Blackout ihr Janusgesicht. E-Fahrzeuge sind nur dann Ausdruck moderner Resilienz, wenn sie zufällig rechtzeitig geladen wurden. Ansonsten stehen sie da wie museale Exponate einer Zukunft, die sich kurz verabschiedet hat. Das ist kein Argument gegen Elektromobilität an sich, wohl aber gegen die Vorstellung, man könne ein komplexes Energiesystem auf einen einzigen, wetterabhängigen Träger verengen, ohne dafür einen Preis in Form von Robustheit zu zahlen. Früher verfügte die Gesellschaft über zwei große, speicherfähige Systeme für rund 75 Prozent ihrer Energieversorgung: Gas für die Wärme, flüssige Kraftstoffe für die Mobilität. Strom war wichtig, aber nicht allzuständig. Ihn nun ebenfalls wetterabhängig zu machen und gleichzeitig zur tragenden Säule aller Sektoren zu erklären, wirkt im Rückblick weniger wie Fortschritt als wie ein ideologischer Wunschtraum, der den Realitätstest nur unter Laborbedingungen besteht.

Zukunft ungewiss

Resilienz ist ein altmodisches Wort, das nicht gut in Hochglanzbroschüren passt. Es riecht nach Redundanz, nach doppelten Systemen, nach Sicherheitsmargen – also nach all dem, was Effizienzrechnern und Klimazielen im Weg zu stehen scheint. Doch gerade diese Redundanzen waren es, die eine Gesellschaft widerstandsfähig machten. Gasleitungen im Boden, Kraftstofflager, dezentrale Heizsysteme – sie bildeten ein energetisches Sicherheitsnetz, das Störungen abfing. Die neue Architektur dagegen gleicht eher einem filigranen Mobile: wunderschön ausbalanciert, solange niemand hustet. Der Berliner Stromausfall war kein Weltuntergang, aber er war ein Nieser im falschen Moment. Und plötzlich wurde sichtbar, wie viel Vertrauen man in die permanente Verfügbarkeit von Elektronen gelegt hatte, die bekanntlich wenig Sinn für politische Zielvorgaben haben.

Man kann all das als Übergangsproblem abtun, als Kinderkrankheiten einer großen Transformation. Doch Übergänge dauern in diesem Fall Jahrzehnte, und Kinderkrankheiten können tödlich sein, wenn sie die falschen Organe befallen. Dass die dritte Säule der Energieversorgung – der Strom – bislang nur etwa ein Viertel des Endenergieverbrauchs ausmachte, war kein historischer Zufall, sondern Ausdruck funktionaler Differenzierung. Diese Differenzierung nun zugunsten einer monolithischen Lösung aufzugeben, mag moralisch befriedigend sein, technisch ist es riskant. Ideologie liebt Einfachheit, Realität liebt Vielfalt.

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Alarmismus und seine dunklen Spiegel

Besonders unerquicklich wird die Debatte dort, wo sich politische Rhetorik und extremistischer Sprachgebrauch berühren. Das erste Bekennerschreiben zu dem Anschlag, der den Berliner Stromausfall verursachte, bedient sich einer Bildsprache, die aus dem Arsenal des Klimaalarmismus vertraut ist: Die Erde wird „ausgelaugt, verbrannt, vergewaltigt“, ganze Regionen würden „unter der Hitze unbewohnbar“. Bis auf den letzten Satz – „Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit“ – ließen sich solche Formulierungen ohne großen Aufwand in Parteitagsbeschlüssen oder NGO-Papieren wiederfinden. Der zitierte Gedanke der unbewohnbar werdenden Regionen stammt aus einem UN-Bericht von 2022. Hier liegt keine Schuldzuweisung, sondern eine unbequeme Beobachtung: Wer apokalyptische Narrative pflegt, sollte sich nicht wundern, wenn andere sie radikalisieren.

Das rechtfertigt keinerlei Gewalt, keinen Anschlag, kein Verbrechen. Aber es zwingt zur intellektuellen Selbstprüfung. Wenn politische Ziele ausschließlich in moralischen Absolutheiten formuliert werden, wenn Zweifel als Sünde gelten und Abwägung als Verrat, dann entsteht ein Klima, in dem sich Extremisten rhetorisch andocken können. Die Energiewende ist kein heiliger Krieg, sondern ein technisches, ökonomisches und gesellschaftliches Großprojekt mit Zielkonflikten. Sie verträgt Kritik, ja sie braucht sie, um nicht zur Karikatur ihrer selbst zu werden. Der Berliner Stromausfall war kein Beweis gegen erneuerbare Energien, aber er war eine Warnung vor ihrer ideologischen Überhöhung. Vielleicht ist die grundsätzliche Lehre dieses Ereignisses schlicht diese: Eine nachhaltige Zukunft braucht nicht nur saubere Energie, sondern auch sauberes Denken – weniger Pathos, mehr Pragmatismus, weniger Heilsversprechen, mehr Resilienz. Und ein wenig Humor, um den eigenen Gewissheiten beim Wackeln zuzusehen, ohne gleich den Stecker ziehen zu wollen.

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