Ein Himmel, der plötzlich spricht

Ein Kampfflugzeug am Himmel über Teheran ist kein seltenes Bild. Es ist vielmehr eine Art akustische Tapete der Moderne: ein metallisches Brummen, das sich durch die Häuserschluchten schiebt wie eine schlecht erzogene Zukunft. Und doch ist es diesmal anders. Die Kamera zittert, die Stimme hinter dem Handy auch – aber nicht vor Angst. Sie jubelt. Sie jubelt, als wäre soeben ein Tor gefallen, als hätte die Nationalmannschaft in letzter Minute den Ball versenkt, als wäre die Erlösung im Tiefflug angekommen. Man hört das Lachen, das Rufen, das atemlose „Endlich!“ – und man fragt sich, wie weit ein Staat seine eigene Zivilbevölkerung treiben muss, damit das Geräusch eines Kampfflugzeugs wie das Vorspiel zur Freiheit klingt.

Der Himmel über Teheran, dieser staubige, so oft verschleierte Himmel, wird plötzlich zur Projektionsfläche. Nicht für Propaganda – davon hat die Islamische Republik in den letzten Jahrzehnten genug geliefert – sondern für Hoffnung in ihrer perversesten Form. Hoffnung, die nicht mehr an Reform glaubt, nicht mehr an Wahlen, nicht mehr an Kompromisse, sondern an Explosionen. Hoffnung, die das Donnern der Triebwerke nicht als Vorboten des Todes, sondern als Ouvertüre zum möglichen Ende eines Regimes hört, das sich seit 1979 mit der Geduld eines Bürokraten und der Grausamkeit eines Inquisitors eingerichtet hat.

Wie kommt es dazu? Wie kommt es, dass Menschen im Iran, die wissen, was Krieg bedeutet – denn sie haben den achtjährigen Fleischwolf mit dem Irak erlebt, sie haben Sanktionen geschluckt wie bittere Pillen ohne Wasser, sie haben Söhne, Brüder, Väter in namenlosen Gräbern – wie kommt es, dass genau diese Menschen jubeln, wenn ein Kampfflugzeug über ihre Stadt zieht?

Der Hass als letztes Kapital

Man muss nur einen Moment lang aufhören, von außen klug zu sein. Man muss nur einen Moment lang das moralische Fernrohr beiseitelegen, durch das man sonst so bequem sagt: „Krieg ist nie eine Lösung.“ Gewiss, Krieg ist keine Lösung. Aber was ist ein Regime, das seine eigene Bevölkerung systematisch demütigt, foltert, erschießt, entrechtet? Was ist ein Staat, der Proteste mit Kugeln beantwortet und Trauerfeiern mit weiteren Verhaftungen? Vielleicht ist Krieg keine Lösung – aber für viele ist er inzwischen der einzige denkbare Einschnitt.

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Die Massaker im Januar waren eine Zäsur. Nicht die erste, aber eine, die sich eingebrannt hat wie ein Brandzeichen. Wieder einmal flossen die Straßen nicht offiziell mit Blut – das geschieht selten spektakulär, meist geschieht es bürokratisch, effizient, in Gefängnissen, in Kellern, hinter Mauern. Doch die Bilder, die Namen, die Geschichten sickerten durch. Und jedes Mal, wenn der Staat von „Unruhen“ sprach, meinten die Menschen „unsere Kinder“. Jedes Mal, wenn von „Sicherheitsmaßnahmen“ die Rede war, hörten sie „Hinrichtungen“.

Das Mörderregime – nennen wir es ruhig so, denn Zynismus ist hier nur eine Form der Genauigkeit – hat in den letzten Jahrzehnten eine seltsame Ökonomie betrieben: Es hat Angst produziert und Loyalität erwartet. Es hat Blutgeld kassiert und Dankbarkeit gefordert. Es hat die Jugend moralisch erzogen und physisch gebrochen. Und nun steht es da, alt, verbittert, ideologisch geschniegelt wie ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert, und wundert sich, dass niemand mehr an seine Parolen glaubt.

Hass ist ein gefährliches Kapital. Er verzinst sich nicht, er frisst sich selbst auf. Aber wenn er das Einzige ist, was einer Bevölkerung noch bleibt, wird er zur letzten Währung. Die Menschen im Iran haben große Angst, ja. Sie wissen, dass Bomben nicht unterscheiden zwischen Regime und Nachbarskind. Sie wissen, dass Raketen keine Moral besitzen. Und doch ist ihr Hass auf die eigenen Machthaber größer als ihre Furcht vor dem äußeren Feind. Das ist der eigentliche Skandal.

Die perverse Logik der Erlösung durch Zerstörung

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das Dröhnen eines Kampfflugzeugs – Symbol imperialer Macht, geopolitischer Muskelspiele und strategischer Interessen – für manche zum Klang der Hoffnung wird. Man könnte darüber die Stirn runzeln und von Naivität sprechen. Oder man könnte anerkennen, dass Menschen, die systematisch entrechtet wurden, irgendwann jede Veränderung der Stagnation vorziehen.

Die Islamische Republik hat sich über Jahrzehnte als Bollwerk inszeniert: gegen den Westen, gegen Dekadenz, gegen „Verderbnis“. In Wahrheit war sie vor allem ein Bollwerk gegen die eigene Bevölkerung. Sie hat Frauen bevormundet, Männer instrumentalisiert, Minderheiten marginalisiert und Dissens kriminalisiert. Sie hat sich als moralische Instanz aufgeführt und dabei eine Spur aus Gefängniszellen und Massengräbern hinterlassen.

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Wenn nun ein Kampfflugzeug am Himmel erscheint und jemand jubelt, dann ist das kein Liebeslied auf den Krieg. Es ist eine Anklage. Es ist das hysterische Lachen eines Menschen, der so lange in einem brennenden Haus eingesperrt war, dass er den Feuerwehrwagen für ein Wunder hält – selbst wenn er weiß, dass das Wasser auch die Möbel ruinieren wird.

Wie weit muss man eine Zivilbevölkerung bringen, damit sie den Beginn eines Krieges als mögliche Befreiung begreift? Man muss ihr über Jahrzehnte jede andere Hoffnung nehmen. Man muss Reformversuche diskreditieren, Oppositionsfiguren einsperren, Demonstrationen zusammenschießen. Man muss Mütter dazu zwingen, die Namen ihrer getöteten Kinder zu flüstern. Man muss die Erinnerung kriminalisieren.

Und genau das ist geschehen.

Das Gedächtnis der Gedemütigten

Die Menschen im Iran vergessen nicht. Sie vergessen nicht die Toten der Proteste, nicht die Gefolterten, nicht die Erhängten. Sie vergessen nicht das Blutgeld, das sie zahlen mussten – in Form von Sanktionen, Isolation, wirtschaftlicher Misere, die stets mit der gleichen patriotischen Predigt garniert wurde: Haltet durch, für die Revolution, für die Ehre, für Gott. Währenddessen hielten andere durch – in klimatisierten Büros, mit Privilegien und Schutz.

Das Gedächtnis der Gedemütigten ist kein sentimentales Archiv. Es ist eine scharfe Klinge. Und jedes Massaker, jede Hinrichtung, jede „Zäsur“ schärft sie weiter. Der Januar war eine solche Zäsur, weil er vielen endgültig klargemacht hat: Dieses Regime wird sich nicht reformieren. Es wird nicht plötzlich human, nicht milde, nicht einsichtig. Es kennt nur Kontrolle oder Chaos. Und wenn es zwischen beidem wählen muss, entscheidet es sich für Blut.

Vor diesem Hintergrund wird der Jubel unter dem Kampfflugzeug verständlicher – nicht moralisch richtiger, aber existenziell nachvollziehbarer. Es ist der Jubel eines Menschen, der glaubt, ohnehin nichts mehr zu verlieren zu haben. Es ist der Applaus für das Unbekannte, weil das Bekannte unerträglich geworden ist.

Die bittere Pointe

Und doch liegt über allem eine tragische, beinahe zynische Pointe: Krieg ist kein Chirurg. Er operiert nicht präzise das Regime heraus und lässt die Gesellschaft unversehrt zurück. Er zerreißt, verbrennt, traumatisiert. Er schafft neue Gräber, neue Waisen, neue Gründe für Hass. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen die Hoffnung auf Befreiung im Rauch der Einschläge verdampfte.

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Vielleicht liegt die eigentliche Anklage deshalb nicht im Jubel selbst, sondern in der Tatsache, dass er möglich geworden ist. Dass ein Staat seine Bürger so weit entfremden konnte, dass sie das Dröhnen der Zerstörung als Klang der Chance hören. Dass ein Regime so sehr zum Feind der eigenen Bevölkerung wurde, dass der äußere Feind plötzlich weniger furchterregend erscheint.

Ein Kampfflugzeug am Himmel über Teheran. Eine jubelnde Stimme. Ein zitterndes Handyvideo. Es ist eine Szene von wenigen Sekunden – und doch erzählt sie mehr über den Zustand eines Landes als tausend offizielle Reden. Sie erzählt von Angst, die nicht verschwunden ist, sondern überlagert wird. Von Hass, der größer geworden ist als die Furcht. Von einer Gesellschaft, die zwischen Hoffnung und Abgrund steht und nicht mehr weiß, ob sie gerade gerettet oder in den nächsten Albtraum gestoßen wird.

Und vielleicht ist das der bitterste Gedanke von allen: Wenn Menschen anfangen, den Krieg als Möglichkeit der Erlösung zu begreifen, dann hat das eigentliche Desaster längst stattgefunden – nicht am Himmel, sondern auf Erden.

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