Die verlorene Generation

oder Wie man lernt, die Excel-Tabelle mehr zu lieben als den Menschen

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten moderner Gesellschaften, dass sie ihre größten Revolutionen nicht mehr mit Barrikaden, sondern mit PowerPoint-Folien durchführen. Wo einst das Volk auf die Straße ging, zieht heute die Personalabteilung in den Konferenzraum ein, bewaffnet mit Diagrammen, die aussehen wie ein missglückter Regenbogen nach einem chemischen Unfall. In diesem Klima konnte ein Essay wie „The Lost Generation“ überhaupt erst entstehen – eine Diagnose unserer Zeit, die so unerquicklich ist wie ein verpflichtender Diversity-Workshop um acht Uhr morgens. Jacob Savage beschrieb darin eine Generation, die angeblich nicht durch Krieg, Wirtschaftskrise oder eine metaphysische Sinnleere verloren ging, sondern durch eine Personalpolitik, die das Heil der Welt in der mathematischen Schönheit proportional verteilter Hautfarben sucht. Es ist, als habe man beschlossen, die Geschichte der Menschheit ließe sich durch korrekt sortierte Gruppenfotos beenden.

Natürlich ist die Pointe der Gegenwart, dass niemand offiziell jemanden benachteiligt – man „berücksichtigt“, man „sensibilisiert“, man „fördert“. Die Sprache selbst wurde weichgespült wie ein Pullover, den man aus Versehen bei 90 Grad gewaschen hat. Niemand wird ausgeschlossen, nein, man sorgt lediglich dafür, dass andere bevorzugt hineingelassen werden. Das Ergebnis ist mathematisch identisch, moralisch jedoch mit einem Heiligenschein versehen. Fortschritt, so scheint es, besteht heute darin, Diskriminierung mit besserem Marketing zu betreiben.

Die große Neuerfindung des Talents

Man muss sich vor Augen führen, welch epochale Leistung hier vollbracht wurde: Über Jahrhunderte galt Qualifikation als entscheidend – ein irritierender Irrtum, den man nun endlich korrigiert. Denn was ist schon ein abgeschlossenes Studium gegen eine biografisch wertvolle Erfahrung in Sachen „Vielfaltsmerkmal“? Was wie ein trockenes Verwaltungsdetail klingt, hat etwas zutiefst Poetisches: Der Lebenslauf wird zur Identitätscollage, das Bewerbungsgespräch zum moralischen Casting. Wer früher fragte „Was können Sie?“, fragt heute mit zarter Stimme: „Wofür stehen Sie – und lässt sich das statistisch verwerten?“

Die moderne Bürokratie gleicht damit einem Theater, in dem alle gleichzeitig Regisseur sein wollen. Der Kulturwandel, so oft beschworen, ist weniger ein Wandel der Kultur als ein Wandel der Kriterien. Leistung ist verdächtig geworden, weil sie Unterschiede produziert, und Unterschiede wiederum sind unerquicklich, da sie nicht in Tabellen passen. Also ersetzt man sie durch Zielvorgaben. Wenn Realität und Ideal nicht übereinstimmen, muss eben die Realität nachjustiert werden – eine Haltung, die schon in der sowjetischen Landwirtschaft mäßigen Erfolg hatte, aber in westlichen Behörden mit erstaunlicher Zuversicht wiederbelebt wird.

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Der Staat als pädagogisches Großexperiment

Deutschland, dieses Land der gründlichen Formulare, hat das Projekt erwartungsgemäß mit jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Verwaltungseifer aufgenommen, die sonst nur bei der korrekten Mülltrennung zu beobachten ist. Strategien werden entwickelt, Arbeitsgruppen tagen, Leitbilder formuliert. Zwei Jahre lang über etwas zu beraten, das anschließend in einer Broschüre mit freundlichen Stockfotos endet, gehört hierzulande zur politischen Folklore. Dass dabei Dutzende Organisationen eingebunden werden, überrascht kaum – die Gegenwart liebt Netzwerke so sehr, dass sie manchmal vergisst, wofür sie eigentlich geknüpft wurden.

Besonders rührend ist der Glaube, man könne gesellschaftliche Spannungen durch eine ausreichend komplexe Strategie befrieden. Alltagsrassismus soll verschwinden, strukturelle Ungleichheit verdampfen, Vorurteile sich in Luft auflösen – alles dank eines Dokuments, das vermutlich mehr Seiten hat als Tolstois „Krieg und Frieden“, aber deutlich weniger Schlachtfelder kennt. Man erwartet beinahe, dass demnächst auch das Wetter diverser gestaltet wird, vielleicht durch eine Quote für unterschiedliche Wolkenformationen.

Die neue Moral der Auswahlkommission

Der eigentliche Charme dieser Entwicklung liegt jedoch in der stillen Verschiebung des Menschenbildes. Früher galt der Einzelne als Individuum; heute erscheint er zunehmend als Vertreter einer Kategorie. Der Bewerber betritt den Raum nicht mehr allein, sondern begleitet von einer unsichtbaren Delegation statistischer Eigenschaften. Die Auswahlkommission wiederum prüft nicht nur Kompetenzen, sondern auch die moralische Temperatur des Kandidaten. Vielfaltskompetenz – ein Wort, das klingt, als könne man es in Kapseln schlucken – avanciert zum Leistungsmerkmal. Wer skeptisch fragt, ob Migration ausschließlich positiv zu bewerten sei, wirkt ungefähr so charmant wie jemand, der auf einer Hochzeit die Haltbarkeit der Ehe statistisch hinterfragt.

Man darf diese Entwicklung durchaus bewundern, denn sie löst ein uraltes Problem: das Risiko des Dissenses. Wenn alle dieselben Werte bekennen müssen, wird die Welt herrlich konfliktarm – zumindest oberflächlich. Unter der glatten Oberfläche jedoch beginnt es zu rumoren, denn nichts erzeugt mehr Trotz als der freundlich vorgetragene Zwang zur Zustimmung.

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Die Jugend als Kollateralschaden des Fortschritts

Wie bei jeder großen gesellschaftlichen Transformation trifft es vor allem jene, die noch keinen festen Platz haben: die Jungen. Ältere Jahrgänge gleiten gemütlich Richtung Ruhestand und beobachten das Geschehen mit der Gelassenheit von Passagieren, die das Schiff rechtzeitig verlassen. Die Neueinstellungen hingegen werden zum Experimentierfeld. Wer gerade erst ins Berufsleben tritt, merkt schnell, dass er sich nicht nur bewerben, sondern gewissermaßen erklären muss – als wäre der eigene Lebenslauf ohne eine identitätspolitische Fußnote unvollständig.

Das erzeugt eine paradoxe Situation: Eine Politik, die Ungleichheiten abbauen will, produziert neue Empfindlichkeiten. Nicht unbedingt objektive Benachteiligung – die lässt sich empirisch oft schwer greifen –, wohl aber ein Gefühl der Austauschbarkeit. Und Gefühle, das weiß man seit den Romantikern, sind politisch höchst wirksam. So wächst leise eine Generation heran, die sich fragt, ob sie an einem Wettbewerb teilnimmt oder an einer sorgfältig choreografierten Inszenierung.

Netzwerke, Chartas und die große Liturgie der Gegenwart

Besonders faszinierend ist die institutionelle Selbstvermehrung dieses Projekts. Netzwerke entstehen, Initiativen formieren sich, Chartas werden unterzeichnet. Es hat etwas von einer modernen Liturgie: Man bekennt sich, man verpflichtet sich, man signalisiert Haltung. Unternehmen und Behörden wirken dabei wie mittelalterliche Zünfte, die ihre Tugend öffentlich ausstellen, damit niemand auf die Idee kommt, sie könnten womöglich unmodern sein.

Dabei wäre es ein Missverständnis, all dies als bloße Heuchelei abzutun. Oft steckt dahinter ein ehrlicher Wunsch nach Fairness, nach Offenheit, nach einer Gesellschaft, die weniger hart urteilt. Doch gute Absichten sind bekanntlich die Rohstoffe, aus denen Bürokratien ihre schönsten Labyrinthe bauen. Der Weg zur Hölle mag gepflastert sein – der zur Diversity-Strategie ist es ganz sicher mit Workshops.

Der internationale Kontrast oder Die Kunst des kulturpolitischen Pendels

Während andernorts politische Kräfte das Diversity-Paradigma bereits mit der Begeisterung eines Teenagers ausmisten, der sein Kinderzimmer neu entdeckt, hält man hierzulande erstaunlich unbeirrt daran fest. Das ist weder besonders mutig noch besonders töricht; es ist vor allem typisch deutsch. Man liebt die Kontinuität, selbst wenn sie inhaltlich umstritten ist. Strategien werden geprüft, aber selten verworfen – schließlich hat jemand viel Zeit in ihre Erstellung investiert.

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So entsteht ein merkwürdiges Gleichgewicht: Die einen sehen im Diversitätsprojekt die überfällige Korrektur historischer Ungerechtigkeiten, die anderen eine ideologische Übersteuerung. Beide Seiten sprechen mit wachsender Lautstärke, aber selten miteinander. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik: Nicht dass gestritten wird, sondern dass der Streit zunehmend ritualisiert wirkt, als habe man sich längst an die Rollen gewöhnt.

Schlussbetrachtung oder Warum Utopien selten Humor besitzen

Am Ende bleibt die Frage, ob sich Gleichheit verordnen lässt, ohne die Freiheit zu strapazieren. Jede Gesellschaft ringt mit diesem Spannungsverhältnis; unsere Gegenwart tut es lediglich mit größerer begrifflicher Eleganz. Der Traum von der perfekten Repräsentation ist verführerisch, weil er Ordnung verspricht. Doch Menschen sind keine Excel-Zellen, und Biografien lassen sich nur begrenzt normieren.

Vielleicht wird man eines Tages auf diese Epoche zurückblicken und schmunzeln – über den Ernst, mit dem man versuchte, moralische Harmonie administrativ zu organisieren. Vielleicht wird man aber auch feststellen, dass jede Generation ihre eigenen Übertreibungen braucht, um voranzukommen. Fortschritt ist selten geradlinig; er taumelt eher, wie ein leicht beschwipster Idealist auf dem Heimweg.

Und so bleibt uns nur, das Schauspiel mit einer Mischung aus Skepsis und Heiterkeit zu betrachten. Denn wer glaubt, die Menschheit lasse sich endgültig sortieren, hat vermutlich noch nie eine echte Familie bei der Sitzordnung einer Hochzeit beobachtet. Vielfalt, könnte man sagen, entsteht ohnehin – ganz ohne Strategie. Nur selten so ordentlich dokumentiert.

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