Die Unmöglichkeit eines unmöglichen Wortes

Es gab einmal ein Wort, das nicht existierte, obwohl es ausgesprochen wurde. „Islamisierung“ war ein solches Wort: akustisch nachweisbar, semantisch verdächtig, politisch toxisch. Wer es nach 2015 in den Mund nahm, tat es unter dem Generalverdacht, an Verschwörungstheorien zu leiden oder sich zumindest im Wartezimmer des Verfassungsschutzes aufzuhalten. In den Jahren unmittelbar nach der Grenzöffnung – jenem epochalen Herbst, der unter dem sakralen Slogan „Wir schaffen das“ firmierte – einigte sich der politisch-mediale Komplex auf eine Art metaphysisches Dekret: Eine Islamisierung findet nicht statt. Punkt. Ende der Durchsage. Das Thema erhielt Hausverbot, noch ehe es den Mantel ablegen konnte. Wer es dennoch einließ, galt als gesellschaftlicher Brandstifter. Der Begriff „Bevölkerungsaustausch“ wiederum wirkte wie ein Selbstzerstörungsknopf: einmal gedrückt, und schon verschwand man aus dem Debattenraum in die Isolationszelle des Sagbaren.

Dabei war die Lage rhetorisch paradox. Schon 2010 hatte der damalige Bundespräsident Christian Wulff erklärt, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland. Die Deutsche Islamkonferenz tagte seit 2006. 2015 verkündete Katrin Göring-Eckardt, Deutschland werde „jünger, ja auch religiöser“, und sie freue sich auf die drastische Veränderung des Landes. Millionen Menschen kamen, viele davon Muslime. Das Land änderte sich. Und doch sollte es sich nicht ändern. Es war die hohe Schule der dialektischen Beruhigung: Alles wird anders, aber nichts bleibt anders. Eine rhetorische Quadratur des Kreises, zusammengesetzt aus Merkel’scher Gelassenheit und Göring-Eckardtscher Euphorie. Wer darauf hinwies, dass beides schwerlich gleichzeitig gelten könne, wurde zum Störer des sozialen Friedens erklärt. Der Diskurs war befriedet – allerdings durch Sedierung.

Expansion, angeblich

Geschichte ist bekanntlich das, was man aus ihr macht – oder was man aus ihr nicht mehr machen darf. In der Ausstellung „Nürnberg global“ wird die osmanische Expansion bis vor Wien als eine Art missverstandene Globalisierungsepisode präsentiert, während europäische Kolonialverbrechen mit moralischem Flutlicht ausgeleuchtet werden. Die „türckischen Grausamkeiten“ erscheinen dort als Propagandaprodukte ängstlicher Zeitgenossen. Man lernt: Die Schattenseiten der Globalisierung begannen offenbar erst westlich des Bosporus. Dass Sultan Mehmed IV 1683 in seinem Schreiben an den Kaiser recht unzweideutig von „grausamsten Qualen“ für die „Giauren“ sprach, wirkt in dieser Lesart wie eine bedauerliche, aber kulturell kontextualisierbare Wortwahl.

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Als Jan III. Sobieski mit seinem Entsatzheer 1683 vor Wien erschien, tat er dies – so könnte man künftig lesen – vermutlich aus klimatischen Gründen oder wegen logistischer Missverständnisse. Die erste Belagerung 1529, die zweite 1683: alles nur Misskommunikation im interkulturellen Raum. Der osmanische Eroberungszug wird zur „Expansion“, die Kreuzzüge bleiben selbstverständlich Kreuzzüge. Der semantische Unterschied ist kein Zufall, sondern Programm. „Expansion“ klingt nach Start-up, nach Wachstumskurve, nach dynamischer Marktanpassung. „Kreuzzug“ dagegen nach Weihrauch und Schwert. Worte sind Waffen, aber auch Watte.

Der Finsterling von Zenta

Besonders instruktiv geriet die ZDF-Dokumentation über Prinz Eugen von Savoyen und die Schlacht von Zenta 1697. Dort wird der Feldherr als sadistischer Käferverbrenner und Gefangenenerschießer inszeniert – dramaturgisch effektiv, historisch frei erfunden. Die osmanische Seite hingegen erscheint kultiviert, dialogbereit, beinahe feministisch modern. Die Moral ist fein justiert: Der Widerstand gegen die „Expansion“ wirkt überzogen, ja moralisch fragwürdig. Vielleicht hätte man die Pontonbrücke einfach stehen lassen sollen – aus Respekt vor Diversität.

Dass bei Zenta binnen Stunden zehntausende osmanische Soldaten fielen, während die Verluste der kaiserlichen Truppen vergleichsweise gering blieben, erklärt sich in dieser Erzählung weniger aus taktischem Geschick als aus Grausamkeit. Das Wort fällt mehrfach – ausschließlich für Eugen. Für die andere Seite nicht einmal „angeblich“. So entsteht Geschichtspädagogik als Charakterkunde: Der Westen verteidigt sich nur, weil er böse ist.

Wirtschaftswunder rückwärts

Wenn dann ein deutscher Außenminister wie Johann Wadephul erklärt, türkische Gastarbeiter hätten das Wirtschaftswunder ermöglicht, verschiebt sich die Chronologie in den Dienst der Moral. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei datiert von 1961, das sogenannte Wirtschaftswunder hatte da längst stattgefunden. Aber historische Reihenfolgen sind offenbar flexibel, wenn sie der integrativen Erzählung dienen. Deutschland war bereits seit dem späten 19. Jahrhundert ein Industrieland – doch wer wollte sich mit derart altmodischen Fakten aufhalten, wenn es um narrative Gerechtigkeit geht?

Ähnlich selektiv operierte die französische Politikerin Christiane Taubira, als sie die europäische Sklaverei in den Lehrplan heben wollte, nicht jedoch die islamische. Junge Araber sollten nicht die Last arabischer Missetaten tragen. Ein nobles Motiv – nur fragt man sich, warum junge Europäer die Last europäischer Missetaten schultern sollen. Offenbar verteilt sich historische Gravitation ungleich.

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Pädagogik der Identität

Der Journalist Ronen Steinke erzählt in „Der Muslim und die Jüdin“ die wahre Geschichte eines ägyptischen Arztes, der einer Jüdin im Nationalsozialismus half. Ein bemerkenswerter Einzelfall – und als solcher würdig. Problematisch wird es erst, wenn aus der Ausnahme eine pädagogische Schablone wird. Muslimische Jugendliche, so Steinke, stünden dem Holocaust „unberührt“ gegenüber, weil ihre Familiengeschichte keine Berührungspunkte habe. Eine seltsame Logik: Als wäre Geschichtsunterricht Ahnenforschung. Die meisten Jugendlichen – welcher Herkunft auch immer – haben keine familiären NS-Täter oder -Opfer in direkter Linie. Und doch ist die Geschichte die ihre.

Währenddessen berichten Lehrer von Schülern, die die Ermordung Samuel Patys relativierten oder das Hamas-Massaker vom 7. Oktober feierten. Diese Realität kollidiert unsanft mit der Erzählung vom leidenden, missverstandenen Jugendlichen. Aber Realität ist in diesem Diskurs ein rohes Material, das erst bearbeitet werden muss, bevor es sendefähig ist.

Sprachpolitik als Staatskunst

Auffällig ist die semantische Asymmetrie: Westliche Politiker heißen „rechtspopulistisch“, wenn sie migrationskritisch auftreten; in Syrien gewinnen „konservative Kräfte“. Die Tagesschau spricht von einem „jungen Terrorverdächtigen aus Schweden“, wenn es sich um einen Syrer mit schwedischem Pass handelt. Die Vereinte Nationen gratulieren dem Iran zum Revolutionsfeiertag, deutsche Leitmedien zucken kaum. Sprache wird zur Schonzone.

Der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ ist inzwischen regierungsnah etabliert, Meldestellen entstehen. Vergleichbare staatliche Strukturen gegen Christenfeindlichkeit? Fehlanzeige. Wer die Differenz bemerkt, gilt schnell als kleinlich oder schlimmer. So entsteht eine diskursive Sonderwirtschaftszone: Kritik am Christentum ist progressiv, Kritik am Islam potenziell hetzerisch. Die Schwerkraft der Begriffe zieht in nur eine Richtung.

Das postmigrantische Niemandsland

Die Integrationsforscherin Naika Foroutan erklärte 2023, dieses Land gehöre „an sich niemandem“. Ein philosophisch interessanter Gedanke – Eigentumslosigkeit als Staatsprinzip. Der Schriftsteller Behzad Karim Khani sekundierte: „Jetzt stirbt das weiße Deutschland aus und wir übernehmen den Laden.“ Der Verfassungsschutz blieb gelassen. Offenbar entscheidet nicht die Kategorie der Unterscheidung, sondern die Richtung der Unterscheidung über ihre moralische Bewertung.

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In Spanien spricht Irene Montero offen davon, Rechte durch Migranten zu ersetzen. In Frankreich nennt Jean-Luc Mélenchon den „grand remplacement“ ein positives Projekt. Was andernorts als Verschwörungstheorie galt, wird hier zur Utopie. Die Dialektik schreitet voran: vom Leugnen zum Bekennen, vom Tabu zur Tugend.

Unterwerfung als Selbstopfer

Als Michel Houellebecq 2015 seinen Roman „Soumission“ veröffentlichte, galt er vielen als Provokateur. Eine islamistische Partei gewinnt in Frankreich, unterstützt von der Linken aus Angst vor der Rechten – welch düstere Fantasie. Zehn Jahre später wirkt das Szenario weniger wie Satire, mehr wie eine Fußnote im Feuilleton der Möglichkeiten. Tragödien, wusste schon Aristoteles, entfalten sich nicht im Geheimen, sondern im grellen Licht der Öffentlichkeit. Das Verhängnis besteht darin, dass alle es sehen – und dennoch weitermachen.

So entsteht im Westen eine eigentümliche Form des Selbstopferfests: Man relativiert, kontextualisiert, semantisiert, bis aus Konflikten Missverständnisse werden und aus Machtfragen Narrative. Islamisierung? Findet nicht statt. Und falls doch, ist sie nur eine „drastische Veränderung“, über die man sich freuen darf. Vielleicht wird man bald offen sagen, was man lange bestritt: dass es sich um einen gewollten Prozess handelt, eine Neusortierung des Landes im Namen der Gerechtigkeit. Dann wird das Wort, das einst nicht existierte, offiziell beglaubigt – und jeder, der es kritisiert, steht wieder draußen vor der Tür.

Die Geschichte, so scheint es, wiederholt sich nicht. Sie wird umgeschrieben.

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