Die überfüllte Bibliothek der moralischen Großtaten

Es gibt Bücher, die liest man aus Erkenntnisdrang. Andere aus Pflichtgefühl. Und wieder andere liest man überhaupt nicht, weil schon der Titel eine derart monumentale Verdrehung der Realität darstellt, dass die Lektüre ungefähr so notwendig erscheint wie eine Diätberatung durch einen Schokoladenfabrikanten. In diese Kategorie fällt für mich derzeit die Autobiografie Freiheit von Angela Merkel. Nicht etwa, weil mir das Thema Freiheit grundsätzlich unsympathisch wäre — im Gegenteil, ich halte es für eine der angenehmeren menschlichen Erfindungen, knapp hinter Espresso und Zentralheizung —, sondern weil meine literarische Agenda bedauerlicherweise bereits vollständig ausgelastet ist. Der Nachttisch ächzt unter einer Reihe unverzichtbarer Werke, deren Titel in etwa denselben Grad an Realitätskomik aufweisen: Frieden von Dschingis Khan, Menschenwürde von Adolf Hitler, Bescheidenheit von Napoleon Bonaparte, Loyalität von Marcus Junius Brutus, Égalité von Marie Antoinette, Gnade von Ivan IV, Treue von Henry VIII of England, Rationalität vom Papst — wobei man hier fairerweise hinzufügen muss, dass die Autorenfrage komplex ist, alldieweil es davon mehrere gibt — sowie natürlich das moderne Meisterwerk Understatement von Donald Trump, das sich vermutlich über mehrere tausend Seiten in Großbuchstaben erstreckt. Dazu kommt noch Shy von Meghan, Duchess of Sussex, das sich angeblich hauptsächlich aus Interviews zusammensetzt, in denen erklärt wird, wie unerquicklich Öffentlichkeit eigentlich ist, sowie der unsterbliche Klassiker Nüchtern von Harald Juhnke, ein Werk, das — wenn es existierte — wahrscheinlich das kürzeste Buch der Welt wäre, vielleicht nur eine Postkarte mit der Aufschrift: „Ich war kurz draußen, komme gleich wieder.“

Die hohe Kunst des paradoxen Buchtitels

Man muss allerdings anerkennen: Der paradoxe Buchtitel ist eine der feinsten Errungenschaften politischer und historischer Selbstinszenierung. Er funktioniert nach einem Prinzip, das man aus der Gastronomie kennt: Wenn ein Restaurant „Zum Goldenen Hummer“ heißt, serviert es höchstwahrscheinlich Tiefkühlpizza. Wenn ein Autokrat von Freiheit schreibt, dann ist zumindest literarisch mit einer gewissen Beweglichkeit im Umgang mit Begriffen zu rechnen. In dieser Tradition stehen all jene imaginären Werke auf meinem Lesestapel. Man stelle sich etwa die friedensethischen Überlegungen eines Dschingis Khan vor, der bekanntlich so engagiert für internationale Verständigung eintrat, dass seine Armeen dabei gelegentlich ganze Städte aus Versehen einäscherten. Oder das philosophische Hauptwerk von Adolf Hitler über Menschenwürde — ein Band, der vermutlich sehr dünn wäre, allerdings nicht aus Bescheidenheit, sondern weil das Konzept darin so konsequent ausgelassen wird. Und dann natürlich Napoleon Bonaparte mit seiner Abhandlung über Bescheidenheit, vermutlich geschrieben in einem Zimmer voller Spiegel, während draußen gerade ein Triumphbogen zur eigenen Ehrung errichtet wird. Es ist ein literarisches Genre, das man vielleicht „moralische Selbstparodie ohne Selbstbewusstsein“ nennen könnte.

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Die Ironie der Geschichte als literarischer Ghostwriter

Geschichte hat eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie schreibt die besten Satiren selbst. Man braucht kaum etwas hinzuzufügen. Man muss lediglich die Namen und Tugenden neu kombinieren, und schon entsteht eine ganze Bibliothek des absurden Selbstbildes. Marcus Junius Brutus über Loyalität etwa — ein Werk, das vermutlich mit dem Satz beginnt: „Manchmal muss man seinen Freunden auch mal in den Rücken fallen, aber nur aus Prinzip.“ Oder Henry VIII of England über Treue, was literarisch wohl als eine Art Serienroman angelegt wäre, mit jedem Kapitel eine neue Ehe und einem zunehmend nervösen Hofstaat im Hintergrund. Besonders reizvoll ist auch die Vorstellung von Ivan IV, der über Gnade reflektiert, vielleicht in einer ruhigen Stunde zwischen zwei kleineren Massakern. Und natürlich Marie Antoinette mit ihrem Essay über Gleichheit, der vermutlich mit der kulinarischen Empfehlung endet, man möge doch statt Brot einfach Brioche essen — ein Vorschlag, der bis heute als eine der elegantesten Formen sozialpolitischer Kommunikation gilt.

Moderne Varianten der klassischen Selbstüberschätzung

Die Gegenwart steht dieser Tradition in nichts nach, sie hat sie lediglich professionalisiert. Wo früher Monarchen und Feldherren ihre Tugenden mythologisierten, übernehmen heute PR-Abteilungen und Ghostwriter diese Aufgabe. Ein Buch wie Understatement von Donald Trump ließe sich mühelos vorstellen: ein tausendseitiger Band, der mit der stillen Bemerkung beginnt, er sei „vielleicht einer der bescheidensten Menschen der Welt, viele Leute sagen das“. Parallel dazu würde Shy von Meghan, Duchess of Sussex erscheinen, begleitet von einer globalen Medienkampagne über ihre bemerkenswerte Zurückhaltung, vermutlich ausgestrahlt auf jedem Kontinent gleichzeitig. Und irgendwo in einer Wiener Kneipe — oder zumindest im kollektiven Gedächtnis der deutschsprachigen Unterhaltungskultur — blättert der Geist von Harald Juhnke in seinem Werk über Nüchternheit und bestellt dabei reflexartig noch einen letzten, wirklich allerletzten, absolut finalen Absacker.

Warum Angela Merkel trotzdem noch warten muss

Vor diesem Hintergrund wirkt Freiheit von Angela Merkel fast schon wie ein gemäßigter Beitrag zu dieser literarischen Gattung. Man könnte sogar argumentieren, dass der Titel im Vergleich zu den anderen Beispielen beinahe bescheiden wirkt — was allerdings auch daran liegen könnte, dass die Konkurrenz aus historischen Schwergewichten besteht, deren Verhältnis zur Wahrheit ungefähr so stabil war wie ein Kartenhaus im Orkan. Dennoch: Die Zeit ist begrenzt, der Lesestapel hoch, und Prioritäten müssen gesetzt werden. Solange ich noch mitten im Kapitel über die pazifistische Außenpolitik des Dschingis Khan stecke und parallel versuche, die moralphilosophischen Feinheiten von Adolf Hitler zu überfliegen — eine Lektüre, die ungefähr so unerquicklich ist wie eine Bedienungsanleitung für den Untergang der Zivilisation —, wird Frau Merkels Beitrag zur Freiheit leider warten müssen. Aber wer weiß: Vielleicht kommt er ja irgendwann dran, wenn ich endlich mit Bescheidenheit von Napoleon Bonaparte fertig bin. Das Problem ist nur: Dieses Buch scheint einfach kein Ende zu nehmen. Napoleon hat nämlich das Vorwort selbst geschrieben — und das Vorwort umfasst derzeit ungefähr achthundert Seiten.

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