Die therapeutische Republik und das geöffnete Fenster

Frankreich, Land der Menschenrechte, der großen Erklärungen und der noch größeren Erklärungsnot, hat eine bemerkenswerte juristische Feinfühligkeit entwickelt: Man kann einen Juden aus dem Fenster werfen, und das ist – mit der gebotenen psychiatrischen Umsicht – womöglich kein Antisemitismus. Es ist ein Missverständnis. Ein neuronales Missgeschick. Eine biochemische Unpässlichkeit. So jedenfalls stellt sich der Fall des 89-jährigen René Hadjadj dar, der am 17. Mai 2022 am Fuße seines Wohnhauses im Lyoner Viertel La Duchère lag, nachdem er aus dem 17. Stock gestürzt war – ein Detail, das in seiner Schwerkraft schwer zu relativieren ist, es sei denn, man verfügt über genügend moralische Elastizität.

Der Nachbar, Rachid Kheniche, gestand. Er habe Stimmen gehört, sagte er. Mal sei das Opfer selbst gesprungen, mal habe eine unsichtbare Regieanweisung ihn zum Werfen veranlasst. Man kennt das: Die Realität ist ein lästiges Drehbuch, das man im Eifer der Psychose schon einmal umschreibt. Die Familie des Opfers jedoch, diese notorischen Realisten, hegte den Verdacht, dass mehr im Spiel gewesen sein könnte als nur eine spontane Episode metaphysischer Akustik. Der Täter wusste, dass Hadjadj Jude war. Er hatte sich online in einschlägigen Milieus bewegt, Begriffe wie „sayanim“ benutzt – ein Codewort aus dem Baukasten antisemitischer Verschwörungstheorien, in dem jeder Jude potenziell ein Agent, jeder Nachbar ein Mossad-Maulwurf ist. Doch die französische Justiz, in ihrer unendlichen seelischen Feinfühligkeit, neigt dazu, in solchen Fällen weniger auf die Ideologie als auf die Neurochemie zu schauen. Antisemitismus? Vielleicht. Aber vor allem: psychische Probleme.

Die Lehre aus dem Fall Halimi oder Wie man Motive entkernt

Man fühlt sich erinnert an den Fall Sarah Halimi, die 2017 in Paris ebenfalls aus dem Fenster geworfen wurde – unter „Allahu akbar“-Rufen, was gemeinhin als eher subtiles Indiz gewertet werden könnte. Damals entschied das höchste Gericht, der Täter sei aufgrund massiven Drogenkonsums schuldunfähig. Antisemitisches Motiv? Gewiss vorhanden. Strafrechtliche Konsequenz? Leider nein, denn wer sich ausreichend berauscht, entzieht sich der irdischen Gerichtsbarkeit und tritt ein in die milde Sphäre pathologischer Betrachtung. Das ist die vielleicht modernste Form der Säkularisierung: Nicht Gott vergibt, sondern die Psychiatrie.

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Im Fall Hadjadj scheint sich das Muster zu wiederholen. Die Tweets des Täters zeigten, wie Ute Cohen in der Jüdische Allgemeine schrieb, ein „bizarres Amalgam“ aus Verschwörungstheorien, Obsessionen und einschlägigen Referenzen. Besonders auffällig war seine Nähe zu den Ideen des Schriftstellers Jacob Cohen, der in einer Mischung aus militantem Antizionismus und paranoider Weltdeutung das Abendland von Mossad-Kollaborateuren unterwandert sieht. In diesem intellektuellen Habitat gedeihen auch Figuren wie Alain Soral, Hervé Ryssen und der Komiker Dieudonné, dessen Humor sich seit Jahren bevorzugt an der Shoah abarbeitet, als handle es sich um eine Pointe, die man nur lange genug kneten müsse, um sie gesellschaftsfähig zu machen.

Doch all das, so scheint es, ist lediglich Kulisse. Wenn einer mit solchem ideologischen Gepäck einen jüdischen Nachbarn aus dem Fenster wirft, dann kann man das natürlich als Antisemitismus deuten. Man kann es aber auch als tragischen Zusammenstoß zwischen psychischer Labilität und architektonischer Höhe betrachten. Die französische Justiz, so will es scheinen, entscheidet sich gern für die zweite Lesart – sie ist weniger konfliktträchtig, weniger politisch aufgeladen, weniger geeignet, unbequeme Fragen an die Gesellschaft zu stellen.

Der antisemitische Täter als Opfer seiner Synapsen

Der verstorbene Sammy Ghozlan, früherer Präsident des Bureau national de vigilance contre l’antisémitisme, bezeichnete Kheniche als „notorischen und gewaltbereiten Antisemiten“. Das ist eine klare Diagnose – allerdings eine politische, keine klinische. Und hier beginnt das große französische Dilemma: Antisemitismus ist eine Ideologie, also ein Gedanke, also etwas, das man theoretisch bekämpfen müsste. Eine Psychose hingegen ist eine Krankheit, also etwas, das man behandeln, verwalten, medikamentieren kann. Ideologien verlangen gesellschaftliche Selbstprüfung. Krankheiten verlangen Rezepte.

So verwandelt sich der Täter vom ideologischen Subjekt zum pathologischen Objekt. Er ist nicht mehr Träger einer Weltanschauung, sondern Patient einer Störung. Das entlastet nicht nur ihn, sondern auch die Gesellschaft. Denn wenn der Antisemitismus nur als Symptom individueller Verwirrung erscheint, muss man sich nicht fragen, warum bestimmte Verschwörungsmythen in bestimmten Milieus so gut gedeihen, warum der Jude als Projektionsfläche immer noch funktioniert, warum „sayanim“ und ähnliche Chiffren anschlussfähig sind. Man kann stattdessen sagen: tragischer Einzelfall, bedauerliche Psychose, bitte weitergehen.

TIP:  Die Sprache der Engel, die Zunge der Henker

Es ist die sanfte Kunst der Entpolitisierung. Der Hass wird entkernt, das Motiv entleert, die Tat in den Wartebereich der Forensik verschoben. Dort sitzt sie nun, geschniegelt und diagnostiziert, und wartet auf ihre Einordnung im DSM-Register, während draußen die Angehörigen versuchen zu begreifen, wie man aus einem 17. Stockwerk fällt, ohne dass die Weltanschauung des Werfers eine Rolle spielen soll.

Republik der Abstraktion

Natürlich ist es richtig, psychische Erkrankungen ernst zu nehmen. Niemand bestreitet, dass Wahnvorstellungen die Wirklichkeit verzerren können. Aber ebenso wenig kann man bestreiten, dass Ideologien Wahnvorstellungen gesellschaftsfähig machen können. Wenn einer Stimmen hört, die ihm befehlen, einen „Mossad-Agenten“ aus dem Fenster zu werfen, dann ist die Frage nicht nur, warum er Stimmen hört – sondern auch, warum diese Stimmen in der Sprache antisemitischer Verschwörungstheorien sprechen.

Die satirische Pointe dieser Tragödie liegt darin, dass Frankreich, das so stolz auf seine laizistische Strenge ist, ausgerechnet im Umgang mit antisemitischer Gewalt eine fast metaphysische Milde entwickelt. Man trennt Motiv und Tat wie Kirche und Staat. Der Antisemitismus darf existieren, solange er nicht zurechnungsfähig ist. Und Zurechnungsfähigkeit ist, wie wir gelernt haben, ein dehnbarer Begriff – besonders wenn er politisch unbequem wird.

So bleibt am Ende ein schaler Befund: Ein alter Mann ist tot. Sein mutmaßlicher Mörder ist krank. Und der Antisemitismus? Der ist vielleicht auch da, aber bitte leise, bitte gedämpft, bitte nicht als erschwerender Umstand. Denn das würde bedeuten, dass man ihn beim Namen nennen müsste – nicht als Symptom, sondern als Motiv. Und Motive, das wissen wir seit der Aufklärung, sind unerquicklich. Sie führen zu Fragen. Und Fragen könnten die schöne therapeutische Ruhe stören, in der man sich eingerichtet hat.

In dieser Ruhe weht ein leiser Windzug durch die geöffneten Fenster der Republik. Man könnte ihn für einen Luftzug halten. Oder für das Geräusch der Verdrängung.

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