Es gibt Momente, in denen eine Gesellschaft nicht durch Revolutionen, Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen erschüttert wird, sondern durch Silben. Schweden, jenes Land, das sich selbst gern als moralischer Leuchtturm zwischen Fjord und Filterkaffee versteht, hat nun einen solchen Moment erlebt: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen darf Menschen, die ohne gültige Papiere einreisen, nicht mehr „illegale Migranten“ nennen. Zwei Zuschauer fühlten sich in ihren Gefühlen gekitzelt – und schon rückte die staatliche Medienaufsicht aus wie die Feuerwehr bei einem sprachlichen Flächenbrand. Man stelle sich das vor: Irgendwo brennt ein Auto, aber die Sirenen heulen, weil ein Adjektiv Funken schlägt.
Das eigentlich Faszinierende ist nicht einmal die Entscheidung selbst, sondern die zärtliche Ernsthaftigkeit, mit der sie begründet wird. Objektivität und Unparteilichkeit seien verletzt worden, heißt es. Objektivität! Ein Wort, das im Medienbetrieb inzwischen ungefähr so häufig vorkommt wie Einhörner in der schwedischen Forstwirtschaft, wird plötzlich zum Schwert der Tugend geschmiedet. Und womit? Mit der Klinge der begrifflichen Reinwaschung. Nicht die Tat – nein, die Benennung der Tat ist das Problem. Es ist, als hätte man beschlossen, dass Einbrüche künftig als „unangekündigte Wohnraumerkundungen“ zu bezeichnen seien, um die Gefühle der Einbrecher nicht zu belasten.
Die Metaphysik des Illegalen
Die gedankliche Akrobatik, die hier aufgeführt wird, verdient eigentlich olympisches Edelmetall. Die Einreise ohne gültige Papiere ist nach geltendem Recht illegal – so weit, so trocken. Doch aus dieser Illegalität folgt, so lernt man nun, keineswegs, dass die betreffende Person als „illegal“ bezeichnet werden dürfe. Das sei irreführend. Man müsse zwischen Handlung und Handelndem unterscheiden. Ein feiner, beinahe scholastischer Gedanke. Thomas von Aquin hätte seine Freude daran gehabt.
Aber die Praxis wirkt weniger metaphysisch als vielmehr magisch: Man spricht ein Wort nicht mehr aus – und hofft, dass sich die Wirklichkeit schamhaft anpasst. Das Vergehen bleibt, doch es wird sprachlich entkernt. Man säubert das Vokabular wie ein Wohnzimmer vor dem Besuch der Schwiegermutter. „Illegaler Migrant“ verschwindet, ersetzt durch „papierlos“, „irregulär“, „undokumentiert“ – Begriffe, die klingen wie harmlose Verwaltungsfehler in einem Aktenordner. Die Grenze ist überschritten, aber bitte leise. Das Gesetz gilt, aber bitte mit Samthandschuhen.
Hier zeigt sich eine merkwürdige Dialektik unserer Zeit: Die Realität wird nicht bestritten, sie wird umetikettiert. Man erklärt nicht, dass es keine Rechtsverletzung gebe – man erklärt nur, dass man sie nicht so nennen dürfe. Es ist eine Art sprachlicher Veganismus: Das Tier bleibt geschlachtet, aber man nennt es nicht mehr Steak, sondern „pflanzlich inspiriertes Proteinereignis“.
Die Pädagogik der Empfindlichkeit
Besonders rührend ist der Umstand, dass exakt zwei Zuschauerbeschwerden genügten, um den öffentlich-rechtlichen Sender in die Knie zu zwingen. Zwei! Man möchte fast vorschlagen, künftig die gesamte Programmdirektion in ein Wohnzimmer zu verlegen und dort jede Nachricht vorab auf emotionale Verträglichkeit zu prüfen. Vielleicht mit einem Ampelsystem: Grün für „gefühlsneutral“, Gelb für „möglicherweise triggernd“, Rot für „enthält Substantive“.
Doch hinter der Groteske verbirgt sich ein ernster Kern: Die Idee, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern schafft. Dass ein Wort Menschen stigmatisiert. Dass ein Begriff politische Wirklichkeit formt. Das ist nicht falsch – es ist nur unvollständig. Denn Sprache kann ebenso verschleiern wie verletzen. Wer aus Angst vor Stigmatisierung jede Benennung vermeidet, riskiert eine andere Form der Unwahrheit: die semantische Nebelwand. Und Nebel ist bekanntlich kein Ersatz für Orientierung.
Man könnte meinen, die Gesellschaft sei in eine Phase eingetreten, in der nicht mehr das Faktum selbst, sondern dessen Tonlage das eigentliche Vergehen darstellt. Der Bürger darf beunruhigt sein – aber bitte nicht so, dass es unhöflich klingt. Der Journalist darf berichten – aber bitte mit sprachlicher Watte um jedes Wort gewickelt. Und wenn irgendwo ein reales Verbrechen geschieht, dann muss man zuerst prüfen, ob dessen Beschreibung womöglich atmosphärische Turbulenzen verursacht.
Die Ironie der Objektivität
Am Ende steht eine paradoxe Pointe: Die Aufsichtsbehörde rügt den Sender im Namen der Objektivität – indem sie ihm vorschreibt, welche Begriffe objektiv zulässig sind. Objektivität als normierte Wortliste. Unparteilichkeit als stilistische Hausordnung. Das erinnert an jene absurden Momente, in denen man Neutralität dadurch demonstriert, dass man jede klare Aussage vermeidet. Wer nichts mehr benennt, kann auch niemanden verärgern. Und wer niemanden verärgert, ist offenbar objektiv.
Doch die Wirklichkeit ist kein empfindliches Porzellanservice, das man in Watte packen kann. Sie besteht aus Gesetzen, Handlungen, Konsequenzen – und ja, aus Worten. Worte sind Werkzeuge. Man kann sie missbrauchen, man kann sie schärfen, man kann sie stumpf machen. Aber wenn man sie aus Angst vor Empörung in den Schrank sperrt, bleibt nur noch das Schweigen. Und Schweigen, das weiß jede Demokratie, ist selten ein Zeichen von Stärke.
Vielleicht ist dies die eigentliche Tragikomödie: Nicht dass ein Begriff beanstandet wurde, sondern dass man glaubt, durch seine Verbannung moralische Reinheit zu erlangen. Als ließe sich gesellschaftliche Spannung durch semantische Diät auflösen. Doch Konflikte verschwinden nicht, nur weil man ihre Bezeichnungen austauscht. Sie werden höchstens leiser – und wachsen im Stillen weiter.
Und so bleibt Schweden, dieses Land der sorgfältig austarierten Befindlichkeiten, mit einer neuen Lehre zurück: Man kann die Illegalität einer Handlung anerkennen, solange man nur die Handelnden nicht beim Wort nimmt. Eine feinsinnige, beinahe poetische Lösung. Nur die Wirklichkeit, so unhöflich sie sein mag, liest selten die Beschlüsse von Medienaufsichtsbehörden.