Deutschland, dieses Land der Versicherungsordner, der DIN-Normen und der moralisch einwandfreien Fußgängerüberwege, scheint sich – folgt man der alarmierten Diagnose mancher Beobachter – auf eine bemerkenswerte staatsorganisatorische Innovation zu verlegen: die Verwaltung der Wirklichkeit selbst. Nicht mehr nur Straßen, Steuern und Schulausfälle werden organisiert, sondern auch der Korridor des Denkbaren. Und wie es sich für ein Land gehört, das Bürokratie nicht als Last, sondern als kulturelle Ausdrucksform begreift, geschieht dies selbstverständlich nicht grob, nicht mit der Knute, nicht mit jenen altmodischen Methoden, die nach Uniform und Stempel rochen. Nein, man arbeitet heute subtiler, eleganter, mit Förderanträgen statt Verbotsschildern, mit Projektmitteln statt Zensurbalken. Wenn es stimmt, dass rund 330 Akteure – Behörden, Stiftungen, Initiativen, Forschungsstellen, Faktenprüfer und sonstige Institutionen mit dem Klang wohltemperierter Tugend – in einem dichten Netzwerk operieren, dann wirkt das weniger wie ein Komplott als vielmehr wie die natürliche Endstufe eines Landes, das Kommissionen gründet, wenn drei Menschen gleichzeitig nicken.
Der Clou an diesem Modell ist seine demokratische Hygiene. Niemand muss Meinungen offiziell verbieten, wenn man vorher definiert, welche Aussagen als „problematisch“, „irreführend“, „kontextbedürftig“ oder – der nukleare Begriff deutscher Diskursverwaltung – „nicht hilfreich“ gelten. Es ist die hohe Schule der Legitimitätsprävention: Statt Dissens zu unterdrücken, sorgt man dafür, dass er gar nicht erst als vernünftig erscheint. Der Bürger bleibt frei, alles zu sagen; er muss nur damit rechnen, dass ein halbes Dutzend Institutionen gleichzeitig erklären, warum es epistemisch ungefähr auf dem Niveau einer flachen Erde angesiedelt ist. Freiheit besteht dann darin, zwischen akzeptablen Positionen zu wählen – eine Art Meinungsbuffet, bei dem alle Speisen aus derselben Küche stammen, aber unterschiedlich dekoriert wurden.
Epistemisches Management oder die Industrialisierung der Wahrheit
Besonders faszinierend ist die Vorstellung eines „epistemischen Managementsystems“ – ein Ausdruck, der klingt, als habe ein Unternehmensberater die Aufklärung neu erfunden. Wahrheit wird hier nicht mehr bloß gesucht; sie wird kuratiert, moderiert, in verständliche Infografiken gegossen und anschließend als geprüfte Realität zurück in den öffentlichen Raum gespielt. Man stelle sich einen gigantischen Thermostat vor, der die Temperatur des Sagbaren reguliert: Wird es zu hitzig, springt die Faktenprüfung an; wird es zu kühl, fördert man ein Projekt zur „Stärkung des Diskurses“.
Natürlich hat jedes Gemeinwesen Mechanismen, um Desinformation zu begegnen. Neu wirkt hier weniger das Anliegen als die organisatorische Dichte – ein Geflecht, in dem Förderlogik, moralischer Auftrag und politischer Kontext eine bemerkenswerte Resonanz erzeugen können. Wer finanziert wird, orientiert sich naturgemäß an Kriterien; wer Kriterien festlegt, hat Vorstellungen; und wer Vorstellungen hat, nennt sie vorzugsweise „Standards“. So entsteht ein Kreislauf, der selten als politisch empfunden wird, weil er sich selbst als technische Notwendigkeit beschreibt. Politik, so lernt man, ist das, was die anderen machen; man selbst betreibt Qualitätskontrolle an der Wirklichkeit.
Das eigentlich Komische – oder Tragikomische – liegt in der professionellen Ernsthaftigkeit dieser Unternehmung. Wo früher Ideologen stritten, sitzen heute Projektmanager mit Evaluationsbögen. Der Diskurs wird nicht unterdrückt, sondern optimiert. Man misst Reichweiten, analysiert Narrative, entwickelt Resilienzstrategien gegen falsche Gedanken, als handle es sich um invasive Pflanzenarten. Der Bürger erscheint dabei bisweilen wie ein empfindliches Biotop, das vor toxischen Informationen geschützt werden muss, damit es weiterhin gedeiht – vorzugsweise in Richtung der geförderten Artenvielfalt.
Der Glaube der Guten und die Unschuld der Funktionsträger
Das vielleicht beunruhigendste Detail – sofern man in dieser Angelegenheit zur Beunruhigung neigt – ist weniger die Koordination als der aufrichtige Glaube vieler Beteiligter an die eigene Neutralität. Denn nichts ist so durchsetzungsstark wie eine Überzeugung, die sich selbst nicht als Überzeugung erkennt. Wer sich als „Hüter der Realität“ versteht, empfindet Widerspruch nicht als politischen Konflikt, sondern als Störung im Datenfluss. Man verteidigt nicht eine Perspektive; man repariert gewissermaßen die Welt.
Hier entfaltet sich eine subtile Ironie moderner Demokratien: Gerade jene, die Pluralität schützen wollen, laufen Gefahr, sie administrativ zu glätten. Nicht aus Bosheit, sondern aus Fürsorge. Es ist die fürsorgliche Strenge eines Staates, der seine Bürger vor Irrtümern bewahren möchte, ähnlich einem überengagierten Schwimmmeister, der auch im kniehohen Wasser Rettungsringe verteilt. Die Beteiligten handeln selten zynisch; sie handeln überzeugt. Und Überzeugung hat bekanntlich eine größere historische Durchschlagskraft als blanker Machtwille.
Man könnte fast Mitleid bekommen mit dem altmodischen Zensor vergangener Jahrhunderte. Wie plump musste er Bücher verbrennen, Listen führen, Verbote aussprechen! Heute genügt ein Förderkriterium, eine Kooperationsvereinbarung, ein algorithmisch verstärkter Hinweis auf mangelnden Kontext. Fortschritt zeigt sich eben auch darin, dass Kontrolle nicht mehr nach Kontrolle aussieht.
Die sanfte Pädagogik des Sagbaren
Doch bevor man in kulturpessimistische Ohnmacht verfällt, lohnt ein Schritt zurück. Jede Gesellschaft zieht Grenzen – die Frage ist nie ob, sondern wie sichtbar und wie diskutierbar sie sind. Problematisch wird es erst, wenn Grenzziehungen als naturwissenschaftliche Notwendigkeit erscheinen statt als politische Entscheidung. Denn dann verschwindet die Debatte über die Debatte selbst.
Eine lebendige Öffentlichkeit braucht Reibung, nicht bloß Regulierungstemperatur. Wenn Institutionen beginnen, den Rahmen des Denkbaren zu definieren, sollten sie zumindest die intellektuelle Bescheidenheit besitzen, dies als das zu benennen, was es ist: eine normative Setzung unter vielen möglichen. Transparenz wäre hier der eigentliche demokratische Luxus – das offene Eingeständnis, dass auch die Verteidiger der Wahrheit Perspektiven haben.
Vielleicht liegt die größte satirische Pointe darin, dass Deutschland mit all seinem Organisationsfleiß erneut versucht, ein zutiefst menschliches Problem technisch zu lösen: die Unordnung der Meinungen. Doch Meinungsvielfalt ist kein Softwarefehler, sondern das Grundrauschen freier Gesellschaften. Wer sie vollständig managen will, ähnelt einem Dirigenten, der den Jazz abschaffen möchte, weil ihm die Improvisation zu laut erscheint.
Am Ende bleibt also weniger ein dystopisches Schreckbild als eine Mahnung zur Wachsamkeit – und zur Selbstironie. Demokratien leben davon, dass auch ihre gut gemeinten Strukturen hinterfragt werden dürfen. Vielleicht sollte man deshalb gelegentlich den Mut haben, selbst den Hütern der Realität eine unbequeme Frage zu stellen: Wer prüft eigentlich die Faktenprüfer der Faktenprüfer? Und könnte es sein, dass Wahrheit ein wenig Sauerstoff braucht – auch auf die Gefahr hin, dass manchmal ein kalter Wind durch den Diskurs zieht?