Die neue Logik des Fortschritts

Es ist ein eigentümlicher Triumph der Gegenwart, dass sie es vermocht hat, das Denken selbst zu demokratisieren – im Sinne seiner Abschaffung. Wo früher Begriffe noch die bescheidene Aufgabe hatten, etwas zu bedeuten, dürfen sie heute endlich frei sein. „Analphabeten sind Fachkräfte“ ist nicht etwa ein Witz, sondern eine Befreiungserklärung: vom Zwang zur Semantik, vom Joch der Kohärenz, vom reaktionären Glauben, dass Qualifikation irgendetwas mit Fähigkeit zu tun haben könnte. Nein, Fachkraft ist, wer als solche bezeichnet wird. Und wenn er oder sie – oder es – keine Buchstaben entziffern kann, so beweist das nur, dass Lesen eine überbewertete Kulturtechnik war, eine koloniale Fußnote im großen Epos der Inklusion. Man muss die Dinge nur richtig framen. Wer nichts lesen kann, ist eben spezialisiert auf analoge Wahrnehmung. Wer keine Ausbildung besitzt, bringt unverbrauchte Perspektiven mit. Und wer mit der Landessprache ringt, demonstriert sprachliche Diversität in Echtzeit. So wird aus Defizit Potenzial, aus Mangel Ressource, aus Hilflosigkeit Kompetenz. Es ist Alchemie, nur ohne Gold am Ende.

Bilanzpoesie in Zeiten kreativer Mathematik

„Schulden sind Vermögen“ – das ist kein ökonomischer Irrtum, sondern ein poetisches Projekt. Zahlen sollen schließlich nicht länger in der kalten Diktatur der Arithmetik gefangen sein. Wenn man nur lange genug daran glaubt, wird aus dem Minus ein Plus. Das ist moderne Metaphysik in Tabellenform. Der Staat verschuldet sich nicht, er investiert in die Zukunft; und wenn die Zukunft die Rechnung nicht bezahlen kann, wird sie eben umdefiniert. Man muss sich das vorstellen wie eine gigantische Party, deren Rechnung an einen Gast geschickt wird, der noch gar nicht geboren ist – aber sicher Verständnis haben wird. Schließlich profitiert er ja ideell. Und was ist schon ein paar Billionen mehr oder weniger, wenn das moralische Guthaben stimmt? Vielleicht ist das der eigentliche Reichtum: die Gewissheit, dass man großzügig war – mit dem Geld anderer Leute, die sich noch nicht einmal wehren können. Wer hier Zweifel anmeldet, gilt als herzloser Buchhalter, als jemand, der den Zauber des schuldenfinanzierten Humanismus nicht begriffen hat. Dass jede Rechnung irgendwann beglichen werden muss, ist schließlich nur eine These, und Thesen kann man dekonstruieren.

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Die metaphysische Frau

Besonders elegant wird es, wenn man eine Frauenquote fordert und gleichzeitig nicht mehr weiß, was eine Frau ist. Das ist hohe Dialektik. Man kämpft leidenschaftlich für die gerechte Verteilung von etwas, dessen Definition man für diskriminierend hält. „Frau“ ist ein soziales Konstrukt, flüssig, subjektiv, performativ – aber bitte mit festem Prozentanteil in Vorständen und Aufsichtsräten. Es ist, als würde man eine Einhornquote einführen und zugleich erklären, dass Einhörner keine klar umrissene Spezies seien, sondern ein Spektrum zwischen Pferd, Narwal und poetischer Befindlichkeit. Der Clou besteht darin, jeden, der nachfragt, moralisch zu disqualifizieren. Wer wissen möchte, wer genau gezählt wird, offenbart nur seine Rückständigkeit. Identität ist ein Gefühl, aber Statistik ist sakrosankt. Das Ergebnis ist eine Art metaphysische Mathematik: Man dividiert durch Unschärfe und erhält moralische Exaktheit. Dass sich hier ein performativer Widerspruch breitmacht, ist kein Problem, sondern ein Fortschritt. Widersprüche sind schließlich nur lineares Denken in einer nichtlinearen Welt.

Klarnamen für alle, außer für die Richtigen

Dann die Sache mit den Klarnamen im Internet. Transparenz ist das höchste Gut – allerdings selektiv. Der brave Bürger soll mit vollem Namen auftreten, mit Adresse, am besten mit biometrischem Abdruck seiner Gesinnung. Anonymität ist verdächtig, wer sie wünscht, hat „etwas zu verbergen“. Gleichzeitig gilt Identitätslosigkeit als schützenswertes Gut, sofern sie in den richtigen Kontext fällt. Wer seinen Pass wegwirft und über eine Grenze kommt, wird nicht als Sicherheitsrisiko, sondern als schutzbedürftige Identitätsdiversität betrachtet. Dokumente sind koloniale Relikte, außer wenn sie für die Steuererklärung gebraucht werden. Es ist diese doppelte Buchführung der Moral, die so fasziniert: Hier maximale Kontrolle, dort maximale Nachsicht. Der Bürger soll transparent sein wie Glas, der Staat hingegen bleibt ein Ornament aus Milchglas. Und wer diese Asymmetrie anspricht, hat offenbar nicht verstanden, dass Gleichheit nicht Gleichbehandlung bedeutet, sondern die flexible Anwendung von Prinzipien je nach politischer Wetterlage.

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Meinungsfreiheit als Verdachtsmoment

Am erquicklichsten ist jedoch die neue Bewertung der Meinungsfreiheit. Wer auf sie pocht, plant offenbar etwas. Meinungsfreiheit ist selbstverständlich wichtig – solange sie nicht benutzt wird. Sie gleicht einem Feuerlöscher hinter Glas: „Im Notfall einschlagen“, aber wehe, jemand schlägt. Dann stellt sich sofort die Frage, warum es überhaupt brennt und ob nicht derjenige, der den Alarm auslöst, das eigentliche Problem darstellt. „Hass“, „Desinformation“, „Delegitimierung“ – es gibt eine ganze Liturgie neuer Todsünden, die erstaunlich flexibel ausgelegt werden können. Dass Meinungsfreiheit gerade den Schutz des Unbequemen meint, des Irritierenden, des Falschen sogar, wirkt wie eine altmodische Zumutung. Heute soll sie vor allem das Richtige schützen, also das ohnehin Erlaubte. Der Rest ist Bullshit, und Bullshit braucht keine Freiheit, sondern Korrektur. So wird aus einem Grundrecht eine pädagogische Maßnahme. Freiheit unter Aufsicht, gewissermaßen.

Bösartig, dumm oder systemisch begabt

Bleibt die Frage: Sind sie bösartig, bösartig dumm oder einfach nur subretardiert? Vielleicht ist die Antwort weniger spektakulär. Vielleicht handelt es sich um ein System, das sich selbst belohnt, wenn es Begriffe entkernt und Widersprüche verwaltet. Bösartigkeit setzt Absicht voraus, Dummheit Unfähigkeit. Doch was, wenn es schlicht Anreizstrukturen sind, die Absurditäten produzieren wie eine Fabrik Schrauben? Wer moralisch aufrüstet, gewinnt Applaus. Wer differenziert, verliert Reichweite. Wer Widersprüche benennt, gilt als Störer. In einem solchen Klima gedeiht nicht das Böse, sondern das Bequeme. Man sagt das Erwartbare, fordert das Applaudierbare und etikettiert das Fragwürdige als alternativlos. Das Ergebnis ist kein finsterer Masterplan, sondern eine Mischung aus Selbstgerechtigkeit, Angst vor Gesichtsverlust und der tiefen Sehnsucht, auf der richtigen Seite zu stehen – selbst wenn diese Seite gerade dabei ist, die Landkarte neu zu zeichnen.

Und vielleicht liegt die eigentliche Satire darin, dass all dies mit ernstem Gesicht vorgetragen wird. Dass man den Widerspruch nicht mehr als Problem, sondern als Kompetenz betrachtet. Dass man glaubt, Sprache sei formbar wie Knetmasse, ohne dass die Wirklichkeit irgendwann zurückschlägt. Die Pointe ist bitter, aber sie bleibt eine Pointe: Eine Gesellschaft, die ihre Begriffe verliert, verliert irgendwann auch die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen. Und wer das ausspricht, plant natürlich etwas. Wahrscheinlich nur, verstanden zu werden.

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