Die Geburt eines wohlgenährten Mythos
Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, in denen man beinahe ehrfürchtig innehält – nicht aus Bewunderung, sondern aus ästhetischer Anerkennung für die schiere Größe der Behauptung. Das EU-Indien-Freihandelsabkommen, mit Pathos als „Mutter aller Deals“ tituliert, gehört zweifellos in diese Kategorie. Man sieht förmlich die PR-Abteilungen in Brüssel beim kollektiven Champagneröffnen: ein Markt von fast zwei Milliarden Menschen! Zollsenkungen auf nahezu alles! Wachstum! Jobs! Wahrscheinlich bald auch besseres Wetter! Wer wollte da noch kleinlich nachfragen, ob hinter der glänzenden Fassade vielleicht ein Gebäude steht, dessen Statik man besser noch einmal prüfen sollte? In Zeiten globaler Nervosität, in denen die USA mit Zöllen drohen wie ein schlecht gelaunter Türsteher mit Hausverboten, wirkt jedes große Handelsabkommen wie eine strategische Wärmedecke. Doch Wärmedecken haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, dass man darunter irgendwann zu schwitzen beginnt.
Die geopolitische Logik ist schnell erzählt: Europa möchte sich absichern, diversifizieren, nicht wieder in jene romantische Abhängigkeit geraten, die man einst gegenüber russischem Gas pflegte – eine Beziehung, die bekanntlich ungefähr so stabil war wie ein Kartenhaus im Orkan. Indien wiederum blickt mit verständlichem Interesse auf den europäischen Binnenmarkt, der trotz aller Krisen weiterhin wie ein üppiges Buffet wirkt. Was als große Win-win-Erzählung verkauft wird, erinnert bei näherer Betrachtung jedoch eher an ein höfliches gegenseitiges Instrumentalisieren: Europa braucht einen Partner, Indien braucht Zugang. Liebe auf den ersten Blick ist das nicht, eher eine Vernunftehe mit sehr umfangreichem Ehevertrag und auffallend kleingedruckten Klauseln.
Mobilität als Euphemismus für Bewegung mit Folgen
Der eigentliche dramaturgische Höhepunkt dieses Abkommens versteckt sich nicht einmal besonders gut – er trägt den elegant technokratischen Namen „Comprehensive Framework for Cooperation on Mobility“. Wer bei solchen Formulierungen nicht sofort an warme Flughafenlounges, beschleunigte Visa und geschmeidig gleitende Grenzkontrollen denkt, hat vermutlich zu wenig EU-Dokumente gelesen. Mobilität klingt nach Erasmussemester und Rollkofferfreiheit; tatsächlich geht es um erleichterte Aufenthalte über Jahre hinweg, Post-Study-Work-Optionen, Familiennachzug für bestimmte Gruppen, Intra-Corporate-Transfers und einen bemerkenswert breiten Zugang zu Dienstleistungssektoren. Kurz gesagt: Bewegung, aber mit Struktur – und mit Richtung.
Natürlich richtet sich das Ganze bevorzugt an jene Gruppen, die in politischen Reden stets mit ehrfürchtigem Unterton genannt werden: IT-Fachkräfte, Ingenieure, Forscher, Gesundheitsberufe, dazu saisonale Arbeitskräfte. Es ist die Elite der globalen Arbeitsmigration, geschniegelt, qualifiziert, statistisch wertvoll. Niemand fürchtet sich vor einem Softwareentwickler mit Masterabschluss – zumindest nicht öffentlich. Doch Arbeitsmärkte reagieren nicht auf moralische Kategorien, sondern auf Mengen und Dynamiken. Selbst Ströme, die einzeln betrachtet moderat erscheinen, können über Jahre hinweg kumulative Effekte entfalten, ähnlich wie ein Wasserhahn, der nur minimal tropft, aber irgendwann dennoch den gesamten Keller unter Wasser setzt.
Die Mathematik der Demografie oder Warum große Zahlen selten harmlos sind
Man könnte versucht sein, die Bevölkerungsrelation als bloße Hintergrundmusik abzutun – doch manchmal lohnt es sich, auf die Lautstärke zu achten. Rund 1,45 Milliarden Menschen dort, knapp 450 Millionen hier. Das ist kein Unterschied, das ist ein Maßstabssprung. Selbst wenn nur ein winziger Prozentsatz mobil wird, sprechen wir nicht mehr über Randphänomene, sondern über strukturelle Verschiebungen. Märkte reagieren sensibel auf zusätzliche Arbeitskräfte; Wohnungsräume reagieren noch sensibler; Integrationssysteme reagieren meist mit leichter Verzögerung und anschließendem Überforderungshusten.
Die klassische ökonomische Gegenrede lautet, Migration schaffe Wachstum. Das kann stimmen – genauso wie es stimmt, dass Regen Pflanzen wachsen lässt. Die Frage ist nur: Welche Pflanzen, in welchem Boden und ob man vorher ein Drainagesystem installiert hat. Druck auf Löhne in bestimmten Branchen ist kein populistisches Schreckgespenst, sondern ein seit Jahrhunderten beobachtbares Marktphänomen. Gleichzeitig kann ein Land wie Indien durch systematischen Fachkräfteexport innenpolitisch entlastet werden – ein rationaler Zug aus Sicht Neu-Delhis. Für Europa stellt sich jedoch die weniger poetische Frage, ob es langfristig zum bevorzugten Auffangbecken globaler Arbeitsmarktkorrekturen werden möchte, ohne dabei eine klar erkennbare strategische Gegenleistung zu erhalten.
Das große Versprechen der Befristung und die kleine Ironie der Realität
Offiziell ist natürlich alles temporär. Temporär ist in der Politik ein wunderbares Wort – es vermittelt die beruhigende Illusion eines eingebauten Rückwärtsgangs. Qualifikationsgebunden, begrenzt, keine Änderung nationaler Einwanderungsrechte. Man möchte fast applaudieren ob dieser semantischen Präzision. Nur zeigt die Erfahrung mit ähnlichen Regelungen eine gewisse Neigung zur Entfristung. Wege ins Bleiberecht entstehen selten durch revolutionäre Akte; sie wachsen organisch, juristisch nachvollziehbar, menschlich verständlich – und politisch kaum reversibel.
Es ist ein wenig wie mit provisorischen Baustellen, die nach einigen Jahren so selbstverständlich wirken, dass niemand mehr weiß, wie die Straße ohne sie aussah. Wer einmal da ist, arbeitet, Steuern zahlt, Kinder einschult, wird nicht mit einem freundlichen „Danke fürs Mitmachen“ verabschiedet. Das ist weder Skandal noch moralisches Versagen, sondern Ausdruck liberaler Rechtsstaatlichkeit. Doch genau deshalb wäre es klug, die langfristigen Konsequenzen von Anfang an ehrlicher zu diskutieren, statt sie hinter Sonnenscheinprognosen zu verstecken, die wirken, als seien sie in einem Gewächshaus für Optimismus gezüchtet worden.
Sonnenscheinökonomie und die Kunst des Weglassens
Auffällig ist weniger, was gesagt wird, als das, was in der offiziellen Rhetorik erstaunlich selten auftaucht: Risikoabwägung. Man hört viel über Wachstum, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit – die klassischen Vokabeln eines Kontinents, der sich selbst gern als rationalen Wirtschaftsraum versteht. Doch gesellschaftliche Folgen? Integrationskapazitäten? Infrastruktur? Politische Spannungen? Hier wird es plötzlich still, als hätte jemand versehentlich den Tonkanal deaktiviert.
Vielleicht liegt das daran, dass Zweifel schlecht mit großen Erzählungen harmonieren. Die EU liebt ihre Narrative – sie sind das emotionale Schmiermittel eines ansonsten hochkomplexen Institutionengefüges. Aber Narrative ersetzen keine Strategien. Wer Bevölkerungspolitik indirekt über Handelsabkommen mitgestaltet, betreibt mehr als nur Ökonomie; er greift in die langfristige soziale Architektur ein. Das muss nicht falsch sein. Es ist nur zu bedeutsam, um es mit der rhetorischen Leichtigkeit eines Produktlaunches zu behandeln.
Kooperation ja – Selbstvergessenheit eher nicht
Indien ist ohne Frage ein strategisch relevanter Partner: wirtschaftlich dynamisch, technologisch ambitioniert, geopolitisch zunehmend selbstbewusst. Kooperation kann klug sein, notwendig sogar. Doch Klugheit beginnt bekanntlich dort, wo Begeisterung von Nüchternheit begleitet wird. Wenn Europa in Bevölkerungsfragen faktisch Gestaltungsspielräume mitverhandelt, sollte es zumindest präzise wissen, warum – und zu welchem Preis.
Souveränität wird selten dramatisch aufgegeben; sie wird meist schrittweise verdünnt, verdampft in einer Mischung aus Pragmatismus und Zeitdruck. Man macht Zugeständnisse, weil sie kurzfristig sinnvoll erscheinen, und bemerkt erst später, dass sie langfristige Pfadabhängigkeiten erzeugen. Der Witz an der Geschichte ist, dass niemand dabei böse Absichten haben muss. Es genügt schon, wenn alle Beteiligten überzeugt sind, gerade besonders vernünftig zu handeln.
Die ehrliche Frage, die man nicht wegmoderieren kann
Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht dauerhaft in Pressemitteilungen einwickeln lässt: Wer profitiert langfristig – und wer trägt die Anpassungskosten? Handelsabkommen sind keine moralischen Veranstaltungen; sie sind Interessenpolitik in Vertragsform. Genau deshalb verdienen sie eine Debatte, die erwachsen genug ist, Zielkonflikte auszuhalten. Man kann für mehr Offenheit sein und dennoch über Belastungsgrenzen sprechen. Man kann Migration als Chance begreifen und trotzdem nach Steuerung verlangen. Widerspruch ist kein Zeichen von Rückschritt, sondern von politischer Reife.
Vielleicht wäre es also an der Zeit, die „Mutter aller Deals“ nicht nur zu feiern, sondern auch kritisch zu befragen – mit jener gelassenen Skepsis, die reife Gesellschaften auszeichnet. Denn Optimismus ohne Prüfung ist keine Tugend, sondern eher eine Form kollektiver Gutgläubigkeit. Und sollte sich eines Tages herausstellen, dass die sonnigen Prognosen ein wenig zu sonnig waren, wird man sich vermutlich daran erinnern, dass Euphorie ein schlechter Ersatz für Weitsicht ist.
Bis dahin darf Europa sich freuen – aber vielleicht mit einem Auge offen. Nur für den Fall, dass die Mutter aller Deals sich als ziemlich forderndes Familienmitglied entpuppt.