Die Liturgie der Aufmerksamkeit

Es gibt in der modernen Politik kaum ein kostbareres Gut als die Aufmerksamkeit – jenes flüchtige, digital flackernde Gold, das sich am liebsten in Form eines wohltemperierten Instagram-Posts materialisiert. Früher brauchte man dafür noch Balkone, Marktplätze oder zumindest ein Mikrofon mit Kabel; heute genügt ein Smartphone, ein Social-Media-Team und die Bereitschaft, die Welt in 280 Zeichen moralisch zu umarmen. Und so geschah es denn, dass Bundeskanzler Friedrich Merz – der Mann, dessen Erscheinung irgendwo zwischen Sparkassen-Vorstand und konservativem Geschichtslehrer oszilliert – den Muslimen dieses Landes ein öffentliches „Ramadan Mubarak“ sandte. Eine freundliche Geste, ein digitaler Händedruck, ein politisch korrekt temperiertes Räucherstäbchen der Toleranz.

Nun könnte man sagen: Wie schön! Ein Kanzler, der grüßt. Ein Regierungschef, der religiöse Vielfalt nicht nur duldet, sondern mit wohlgesetzten Worten begleitet. Wer wollte daran mäkeln? Nur Menschen vermutlich, die beim Wort „Inklusion“ nervös die Fenster schließen und nach der kulturellen Hausordnung rufen. Und doch – während also Millionen Muslime in den heiligen Fastenmonat starten durften, begleitet von staatsmännischer Warmherzigkeit, begann zur exakt gleichen Zeit ein anderes Fasten. Ein älteres, traditionsreicheres, gewissermaßen hausgemachtes Fasten. Doch dort blieb es still. So still, dass man beinahe glaubte, das Social-Media-Team sei in eine digitale Schweigeklause eingetreten.

Die akustische Qualität politischer Stille

Stille ist in der Politik selten zufällig. Sie hat Gewicht, sie hat Klangfarbe, sie hat manchmal sogar Strategie. Man kann sich diese Stille vorstellen wie einen perfekt gedämmten Konferenzraum: kein Echo, kein Rascheln, keine versehentlich entwichene Grußformel. Vierzig Tage der Einkehr beginnen? Nun ja. Vielleicht hoffte man, die Christen würden das ohnehin allein schaffen – sie haben schließlich Übung im stillen Leiden.

Dabei sprechen wir hier nicht von einer randständigen Minderheit, die sich heimlich im Keller trifft, um liturgische Experimente zu betreiben. Rund 43 Millionen Christen leben in Deutschland. Das ist keine Splittergruppe; das ist, statistisch betrachtet, ein ziemlich solider Teil der Bevölkerung. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass das Christentum in Europa nicht völlig überraschend auf eine gewisse historische Präsenz zurückblickt. Kathedralen wachsen schließlich nicht über Nacht aus dem Asphalt wie Start-ups.

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Und doch: kein Post, kein Gruß, kein „Gesegnete Fastenzeit“. Nicht einmal ein minimalistisches „Alles Gute beim Verzichten“. Gar nichts. Was natürlich sofort die Frage provoziert, ob politische Wertschätzung inzwischen nach algorithmischer Relevanz vergeben wird. Vielleicht hat ein Praktikant ausgerechnet, dass „Ramadan Mubarak“ einfach besser performt als „Besinnlichen Aschermittwoch“. Möglich, dass letzteres zu sehr nach grauer Liturgie klingt und zu wenig nach weltoffener Hashtag-Ästhetik.

Unsere freiheitliche Gesellschaft – ein PR-Textbaustein mit Patina

„Unsere freiheitliche Gesellschaft ruht auf der Toleranz“, schrieb der Kanzler. Ein Satz so glatt, dass man darauf Schlittschuh laufen könnte. Er gehört zu jener Kategorie politischer Aussagen, die niemand bestreiten kann, weil sie gleichzeitig alles und nichts bedeuten. Toleranz ist das Vanilleeis der politischen Sprache: angenehm, unaufdringlich, garantiert ohne scharfe Kanten.

Doch gerade weil dieser Satz so makellos ist, lädt er zum Nachdenken ein. Wenn eine Gesellschaft auf Toleranz ruht – ruht sie dann selektiv? Gibt es eine Hierarchie der Aufmerksamkeit? Eine Art höfisches Protokoll der Sensibilität, bei dem manche Feste den roten Teppich bekommen, während andere diskret durch den Hintereingang eintreten dürfen?

Man möchte dem Kanzler dabei gar keine böse Absicht unterstellen. Eher wirkt das Ganze wie ein Symptom unserer Zeit: Politik als permanente Übung in symbolischer Balance, bei der man ständig fürchten muss, auf dem falschen kulturellen Ei zu tanzen. Also grüßt man lieber dort, wo das Grußwort als Signal der Offenheit gelesen wird – und schweigt dort, wo es möglicherweise als Selbstverständlichkeit gilt. Christen brauchen keinen Gruß, so die unausgesprochene Logik, die sind ja schon da. Wie Zimmerpflanzen im Regierungsfoyer.

Der Charme des Selbstverständlichen

Das Selbstverständliche hat es schwer in der Gegenwart. Es ist zu vertraut, zu wenig aufregend, zu arm an moralischem Glanz. Wer das Naheliegende würdigt, erntet selten Applaus; wer hingegen demonstrativ über kulturelle Grenzen hinweg grüßt, darf sich der Aura staatsmännischer Großzügigkeit erfreuen.

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Vielleicht liegt hier das eigentliche Drama – oder, je nach Temperament, die eigentliche Komik. Denn nichts wird so zuverlässig übersehen wie das, was man für dauerhaft gegeben hält. Die christliche Tradition Europas? Stabil genug, denkt man, die fällt schon nicht um. Sie ist gewissermaßen das alte Sofa im Wohnzimmer der Geschichte: ein wenig durchgesessen, aber man käme nie auf die Idee, es feierlich zu begrüßen.

Und so entsteht eine paradoxe Situation: Gerade weil das Christentum kulturell so präsent war, wird seine symbolische Anerkennung zunehmend als entbehrlich empfunden. Es ist der Fluch der historischen Mehrheit – man wird irgendwann zur Kulisse.

Außenpolitik der Freundlichkeit

Besonders reizvoll wird das Ganze, wenn man den Blick erweitert. Denn der Kanzler fand jüngst auch warme Worte für das chinesische Frühlingsfest. Ein global denkender Gruß, eine diplomatische Verbeugung Richtung Fernost. Man könnte fast meinen, die Bundesregierung betreibe eine Außenpolitik der Freundlichkeit, bei der jedes Fest ein kleines geopolitisches Lächeln verdient.

Das ist an sich bewundernswert. Wer wollte schon in einer Welt leben, in der Regierungschefs ausschließlich zu Steuerbescheiden Stellung nehmen? Und doch schleicht sich ein leiser Verdacht ein: Vielleicht ist das ferne Fest manchmal attraktiver als das nahe. Exotik hat schließlich einen PR-Vorteil. Sie riecht nach Weltoffenheit, nach Horizonterweiterung, nach jener kosmopolitischen Eleganz, die sich hervorragend in Reden macht.

Das Heimische dagegen wirkt schnell provinziell. Wer zu laut das Eigene würdigt, riskiert, als rückwärtsgewandt zu gelten – eine Todsünde im Zeitalter der permanenten Fortschrittsrhetorik.

Der Kanzler als Zeremonienmeister der Ausgewogenheit

Man sollte sich Friedrich Merz nicht als zynischen Rechner vorstellen, der morgens mit einem Taschenrechner religiöse Grußformeln kalkuliert. Wahrscheinlicher ist, dass er – wie so viele Politiker – versucht, in einem Meer aus Erwartungen nicht unterzugehen. Jede Botschaft ist ein Balanceakt, jede Formulierung ein potenzieller Shitstorm in Wartestellung.

Und so wird der Kanzler zum Zeremonienmeister der Ausgewogenheit, zum Dirigenten eines Orchesters aus Empfindlichkeiten. Doch wie jeder Dirigent weiß: Selbst wenn man alle Instrumente im Blick hat, hört irgendjemand immer, dass die eigene Geige zu leise war.

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Die Ironie besteht darin, dass gerade der Versuch maximaler Sensibilität neue Irritationen erzeugt. Wer alle einschließen will, muss unglaublich präzise zählen. Und wehe, jemand fühlt sich übersehen – dann verwandelt sich die wohlmeinende Geste in einen kulturpolitischen Kriminalfall.

Fastenzeit für die Symbolpolitik

Vielleicht wäre die eleganteste Lösung eine ganz andere: eine Fastenzeit für symbolische Politik selbst. Vierzig Tage ohne Grußbotschaften. Vierzig Tage ohne moralisch aufgeladene Tweets. Eine Regierung, die einfach arbeitet, statt digital zu segnen.

Doch das wäre vermutlich zu unspektakulär. Unsere Gegenwart verlangt nach Zeichen, nach sichtbarer Empathie, nach öffentlich dokumentierter Tugend. Schweigen ist heute selten spirituell – es wirkt eher wie ein Kommunikationsfehler.

Und so bleibt am Ende weniger Empörung als eine milde, leicht spöttische Erkenntnis: In der Republik der Daueraufmerksamkeit entscheidet nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was nicht gesagt wird. Der moderne Bürger liest zwischen den Posts wie einst Theologen zwischen den Zeilen der Schrift.

Vielleicht hätte ein einfacher Satz genügt, um die Balance zu wahren. Vielleicht aber zeigt gerade dieses kleine kommunikative Ungleichgewicht etwas Größeres: dass unsere Gesellschaft noch immer ringt mit der Frage, wie sie ihr Erbe würdigt, ohne ihre Offenheit zu verlieren.

Bis dahin gilt wohl eine neue ökumenische Regel der politischen Kommunikation: Gesegnet sind die Gegrüßten – und selig die Übersehenen, denn ihrer ist die stille Ironie der Geschichte.

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