Die Liebe des Deutschen zur Zahl,

und der Hass der Zahl auf den Menschen

Vielleicht wird es so manchem klarer, der Deutsche liebt ja Statistiken. Er liebt sie so sehr, dass er ihnen bereitwillig mehr glaubt als jedem Zeitzeugen, jeder Mutter, jedem Veteranen mit zitternden Händen und leerem Blick. Die Zahl ist objektiv, sagt man, die Zahl lügt nicht. Und genau hier beginnt der zivilisatorische Kurzschluss: Die Zahl lügt nicht, aber sie schweigt über alles, was sie nicht messen kann. Über Angst zum Beispiel. Über das Geräusch eines einschlagenden Geschosses. Über den Geruch verbrannter Kleidung, in der noch ein Mensch steckte. Statistiken sind die Lieblingsdroge der Vernunftsimulation, sie erlauben es, das Unvorstellbare in Tabellen zu falten, bis es handhabbar aussieht. Und so rechnet man: Im Zweiten Weltkrieg starben jede Stunde hundert Soldaten. Hundert pro Stunde – das klingt fast wie eine technische Angabe, wie Durchsatz in einer Fabrik. Der Tod als Fließbandarbeit, effizient, normiert, planbar. Man könnte fast stolz darauf sein, wäre man nicht zufällig Mensch.

Milchmädchenrechnung mit Leichengeruch

Setzen wir diese nüchterne Zahl also einmal in die Gegenwart, so wie man es gerne tut, wenn man sich „einen Überblick verschaffen“ will. Die gesamte Bundeswehr – rechnerisch – würde unter solchen Bedingungen genau 76 Tage überleben. Keine drei Monate. Ein Quartal, nicht einmal das. Danach: Ende Gelände, Personalbestand null, Akten geschlossen, Spinde leer. Die Armee wäre nicht geschlagen, sie wäre schlicht verbraucht. Aufgerieben wie ein Radiergummi. Aber keine Sorge, ruft der Zahlenfreund, da gibt es ja noch Nachwuchs! Die 18- bis 20-jährigen jungen Männer, frisch, vital, statistisch verwertbar. Rechnen wir großzügig, rechnen wir human: Zehn Prozent sind leider nicht kriegstauglich – krank, behindert, psychisch nicht belastbar. Die restlichen 1.170.000 stehen bereit, unsere Kinder, unser Stolz, unser demografisches Restkapital. Sie würden den Krieg, rein rechnerisch, um weitere 491 Tage verlängern. Welch beruhigende Perspektive! Fast anderthalb Jahre zusätzliche Zerstörung, fast 500 Tage mehr Gelegenheit, Sinnlosigkeit zu perfektionieren. Danach wären 90 Prozent dieser jungen Männer tot. Neun von zehn. Eine Generation, statistisch gesehen, ein Kollateralschaden mit Schulabschluss.

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Der Triumph der Logik über den Verstand

Insgesamt also: Ein Jahr und sechs Monate, dann wären alle Soldaten und 90 Prozent der jungen Männer zwischen 18 und 20 Jahren tot. Das ist keine Prognose, das ist ein Rechenexempel. Und gerade deshalb so entlarvend. Denn niemand, der so rechnet, kann ernsthaft behaupten, er wisse nicht, was er da tut. Man kann sich nicht hinter Emotionen verstecken, wenn man mit Excel-Tabellen argumentiert. Das ist Kriegswahnsinn in Reinform, destilliert, abstrahiert, geschniegelt und gebügelt. Der Wahnsinn trägt heute Krawatte, spricht von „Verteidigungsfähigkeit“ und „Abschreckung“ und meint damit nichts anderes als: Wir haben noch genug junge Körper, um das Spiel eine Weile mitzuspielen. Dass diese Körper Namen haben, Gesichter, Stimmen, Eltern, die nachts nicht schlafen können – all das fällt aus der Statistik heraus wie ein Rechenfehler, den man großzügig ignoriert.

Satire der Vernunft und das Lachen im Bunker

Natürlich kann man darüber lachen, zynisch, bitter, augenzwinkernd. Man kann sagen: Seht her, wir sind ja vorbereitet, wir haben nachgerechnet! Das ist der Humor der Bunkerbewohner, die bei Kerzenlicht Witze reißen, während oben die Welt brennt. Es ist die Satire einer Gesellschaft, die glaubt, Rationalität bestehe darin, das Irrationale sauber zu quantifizieren. DAS IST KRIEGSWAHNSINN!, möchte man schreien, und man sollte es auch, laut, unstatistisch, ohne Fußnote. Denn wer nach solchen Rechnungen noch von Notwendigkeit spricht, von Alternativlosigkeit, von historischer Verantwortung, der hat nicht zu viel Pathos, sondern zu wenig Vorstellungskraft. Zahlen mögen helfen, Dinge zu verstehen. Aber sie können auch helfen, sie zu vergessen. Und nichts wird so gründlich vergessen wie der Mensch, wenn er erst einmal zur Zahl geworden ist.

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