Es gibt Parteien, die halten den Abgeordneten für einen Vertreter des Souveräns; und es gibt Parteien, die halten ihn für eine gut gefütterte Zimmerpflanze, die man regelmäßig gießt, beschneidet und – vor allem – nicht sprechen lässt, wenn sie gerade nicht an der Reihe ist. Für die SPÖ scheint Letzteres die höhere Form der Demokratie zu sein: Legitimer Abgeordneter ist nur, wer vollständig von der Partei abhängt, idealerweise vom ersten Praktikum bis zur letzten Pensionszusage, ein Leben lang weich gebettet im Molton der Apparate. Modellfall, so raunt es die satirische Gerüchteküche, sei Julia Herr: ein Werdegang wie aus dem Handbuch der Funktionärsbotanik, vom Parteiangestellten direkt ins Parlament, ohne den Umweg über jene raue Landschaft, die man früher einmal „Arbeitsmarkt“ nannte. Nicht als Tatsachenbehauptung, versteht sich, sondern als Symbolfigur einer Haltung, die sich selbst genügt: Wer einmal drin ist, ist drin; wer draußen war, hat ohnehin nichts zu melden. Das Parlament wird so zur Bühne eines pädagogischen Theaters, in dem Loyalität als Kompetenz gilt und Erfahrung als störender Nebenton.
Die große Kunst der stillen Goschen
Die eigentliche Pointe – und hier wird die Satire bitter – ist das unausgesprochene Versprechen der Versorgung. Es ist ein Vertrag ohne Unterschrift, aber mit klaren Klauseln: Halte während der Amtszeit die Goschen, halte dich an die Choreografie, tanze nicht aus der Reihe, und du wirst nach dem Ausscheiden nicht fallen gelassen. Man lernt diese Regel nicht aus dem Parteistatut, sondern aus der Beobachtung der Biografien, die wie Zugvögel nach der Legislatur in vertraute Feuchtgebiete ziehen. Das ist keine Anklage, sondern eine literarische Betrachtung eines Systems, das Loyalität belohnt, während Dissens als Undank gilt. Die Pointe ist zynisch: Die Demokratie wird nicht offen verraten, sie wird höflich umarmt, bis ihr die Luft ausgeht.
Das Biotop der staatsnahen Wärme
Schaut man sich um – rein essayistisch, mit dem Fernglas der Ironie –, dann landet man bei einem immergleichen Panoptikum der Anschlussverwendung: staatsnah, stadtnah, bequem temperiert. Vereine mit klingenden Namen, die den sozialen Klang im Titel tragen; Kammern, deren Gänge nach Teppich und Gewissheit riechen; Wohnbaugenossenschaften, die mit der Stabilität alter Mauern werben; Fachhochschulen, deren Rektorate plötzlich zu Rettungsbooten werden; Messegesellschaften, Holdings, Räte, Gremien. Und ja, auch dort, wo Regulierung und Verkehr, Energie und Verwaltung ihre Bahnen ziehen. Es ist, als hätte jemand eine Landkarte der öffentlichen Nähe gezeichnet und darauf Fähnchen gesteckt: Hierhin, bitte. Nicht falsch verstehen: Diese Institutionen erfüllen Aufgaben, sie sind notwendig. Satirisch wird es erst dort, wo sie zur Endstation einer politischen Karriere werden, die nie vorhatte, irgendwo anders anzukommen.
Die Abwesenheit der freien Wirtschaft
In der freien Wirtschaft – jener mythologischen Steppe, in der Konkurrenz herrscht und Fehler teuer sind – begegnet man diesen Karrieren seltener. Das ist keine moralische Wertung, sondern eine literarische Beobachtung mit spitzer Feder. Die Frage drängt sich auf wie ein schlecht erzogener Gedanke: Warum eigentlich? Ist es die Angst vor dem Markt, der keine Parteidisziplin kennt? Oder die schlichte Erkenntnis, dass Loyalität dort nicht als Währung akzeptiert wird? Man findet diese Figuren jedenfalls kaum bei Diskontern oder in Garagen-Start-ups, und das ist an sich schon eine Pointe, die man nicht erklären muss. Satire lebt davon, dass sie Dinge nebeneinanderstellt und schweigt.
Die freie Presse und das gepflegte Wegsehen
Und dann ist da noch das journalistische Feuilleton der Bequemlichkeit. Die „freie Presse“, so sie denn existiert, könnte all das untersuchen: die Wege, die Netzwerke, die Übergänge. Sie könnte Tabellen zeichnen, Geschichten erzählen, Muster sichtbar machen. Stattdessen übt sie sich allzu oft in der Kunst des gepflegten Wegsehens, kommentiert lieber Nebelkerzen und hält Distanz dort, wo Nähe zum Thema unbequem würde. Das ist kein Vorwurf an einzelne Redaktionen, sondern ein strukturelles Lamento: Wer zu lange im selben Biotop recherchiert, hält das Klima irgendwann für Naturgesetz. Die Demokratie aber lebt vom Zugwind.
Der Höhepunkt der Peinlichkeit als Betriebszustand
Wenn man all das zusammennimmt – die Parteidisziplin als Ersatz für Urteilskraft, die Versorgung als stilles Versprechen, die Anschlussverwendungen als warmes Bad und die mediale Müdigkeit als Decke – dann erreicht man einen Zustand, den man polemisch den Höhepunkt der Peinlichkeit nennen könnte. Nicht, weil einzelne Personen peinlich wären, sondern weil ein System sich selbst genügt. Satire darf das sagen, ja sie muss es sagen, und sie darf dabei augenzwinkern, während ihr schlecht wird. Denn Humor ist manchmal nur die letzte hygienische Maßnahme, bevor einem die politische Übelkeit den Magen umdreht.