Die Kunstfreiheit und ihre erstaunlich robusten Nebenwirkungen

Manchmal, in seltenen Momenten kultureller Erleuchtung, entdeckt die deutsche Öffentlichkeit eine alte, ehrwürdige Institution wieder: die Kunstfreiheit. Sie liegt dann plötzlich da, frisch poliert, moralisch geschniegelt, bereit, jede Zumutung auszuhalten – solange sie nur im Namen der Kunst geschieht. Und siehe da: Kaum hatte sich zum Jahreswechsel herumgesprochen, dass Studierende der Düsseldorfer Kunstakademie die palästinensische Filmemacherin Basma al-Sharif eingeladen hatten, brach jene vertraute Debatte aus, die in Deutschland stets zuverlässig zwischen moralischem Pathos, politischer Empörung und akademischem Räuspern pendelt. Die eine Seite sprach von einer international anerkannten Künstlerin, die andere von einer Terror-Sympathisantin. Und irgendwo dazwischen stand die Kunstakademie und versuchte, mit dem Zauberwort „Kunstfreiheit“ eine diskursive Rauchgranate zu zünden.

Der Vorsitzende des Jüdischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen, Roman Salyutov, reagierte erwartungsgemäß wenig begeistert. In einem Offenen Brief forderte er, die Veranstaltung abzusagen – mit dem charmanten Hinweis, al-Sharif habe sich wiederholt als Unterstützerin der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas betätigt und den Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 relativiert. Nun kann man in Deutschland vieles relativieren: Heizkostenabrechnungen, Gendersternchen, die Pünktlichkeit der Bahn. Aber Terrorangriffe mit über tausend Toten gehören traditionell nicht zu den Dingen, bei denen man besonders viel interpretativen Spielraum erwartet.

Doch Interpretationsspielraum ist bekanntlich das Lebenselixier der Kunstwelt. Und so begann das bekannte Spiel der Bedeutungsakrobatik: Was für den einen Hassrede ist, ist für den anderen eine radikale Perspektive; was für den einen Propaganda ist, ist für den anderen politisches Statement; und was für den dritten schlicht geschmacklose Terrorverherrlichung ist, wird im universitären Seminarraum plötzlich zur „kritischen Intervention in postkoloniale Diskurse“.

Instagram als Atelier des Widerstands

Ein Blick auf al-Sharifs Instagram-Profil liefert jedenfalls ein erstaunlich vielseitiges Portfolio: ein bisschen Kunst, ein bisschen Aktivismus, ein bisschen revolutionäre Rhetorik – gewissermaßen eine Mischung aus Atelier, politischem Seminar und agitatorischem Wandkalender. Die taz bemerkte höflich, dort fänden sich „überwiegend künstlerische Beiträge“. Man muss allerdings zugeben: Der Begriff „künstlerisch“ besitzt in der Gegenwart eine Elastizität, die selbst Gummi vor Neid erblassen ließe.

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Denn neben Filmstills und ästhetischen Impressionen findet sich auf dem Profil reichlich politischer Furor. Israel sei eine „weiße Siedlerkolonie“, die „Völkermord“ begehe. Israel habe „null Recht zu existieren“. Und überhaupt müsse man dieses „zionistische Gebilde“ demontieren. Das sind Sätze, die auf einer Parteiveranstaltung der Hamas vermutlich als solide, aber wenig originelle Wortmeldung gelten würden. In der deutschen Kunstszene hingegen erscheinen sie plötzlich als mutige Kritik an Machtstrukturen.

Besonders eindrucksvoll wirkt ein Bild, auf dem die Filmemacherin in grüner Kleidung mit rotem Dreieck posiert – jenem Symbol, das von Hamas-Anhängerinnen und -Anhängern verwendet wird, um feindliche Ziele zu markieren. Vor ihr liegen ein Messer und ein in roter Flüssigkeit getränktes Gehirn. Darunter der poetische Satz: „Mögen unsere Märtyrer die Ruhe und den Frieden finden, die sie verdienen.“

Nun muss man zugeben: Die Kunstgeschichte kennt viele drastische Motive. Caravaggio war nicht gerade zimperlich mit Blut, Goya auch nicht. Aber selten hat man gesehen, dass jemand eine derart explizite politische Symbolik präsentiert und gleichzeitig erwartet, sie werde als rein ästhetisches Experiment gelesen.

Der große Zaubertrick der akademischen Semantik

Die Leitung der Kunstakademie, vertreten durch Rektorin Donatella Fioretti, reagierte erwartungsgemäß mit der klassischen Formel: Man habe al-Sharif nicht als Politikerin eingeladen, sondern als Künstlerin. Diese Unterscheidung gehört zu den elegantesten rhetorischen Kunststücken des akademischen Betriebs. Sie funktioniert ungefähr so: Wenn ein Künstler politisch extreme Aussagen tätigt, sind diese nicht politisch gemeint, sondern künstlerisch. Und wenn jemand darauf hinweist, dass sie politisch wirken, beweist das lediglich, dass er Kunst nicht versteht.

Es handelt sich um eine Art metaphysische Tarnkappe. Ein Satz wie „Israel hat kein Existenzrecht“ verwandelt sich unter dem Einfluss des Wortes „Kunst“ plötzlich in ein Diskursangebot. So wie ein roher Stein unter dem Einfluss des Wortes „Skulptur“ plötzlich musealen Respekt genießt.

Fioretti erklärte zudem, Kritiker würden mit ihrem Fokus auf al-Sharifs Posts „die Dringlichkeit, Großzügigkeit und den Mut ihrer Arbeit übersehen“. Das ist ein bemerkenswerter Satz. Denn er enthält gleich drei jener Vokabeln, mit denen der Kulturbetrieb seit Jahrzehnten alles legitimiert, was sonst schwer zu erklären wäre: Dringlichkeit, Großzügigkeit, Mut. Fehlt eigentlich nur noch „radikal“ und „transformativ“, und das Bingo-Feld der Kunstrhetorik wäre vollständig.

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Die merkwürdige Kunst der geschlossenen Öffentlichkeit

Besonders reizvoll wurde die Angelegenheit, als die Kunstakademie beschloss, die Veranstaltung kurzfristig für die Öffentlichkeit zu schließen. Das ist ein bemerkenswerter Schritt, denn Kunsthochschulen sind üblicherweise Orte, an denen Diskurs, Debatte und Austausch gefeiert werden wie religiöse Rituale. Plötzlich aber war Diskurs nur noch im geschützten Innenraum erlaubt – eine Art intellektuelle Quarantänezone.

Offiziell geschah dies wegen angeblicher Drohungen und Gewaltaufrufe in sozialen Medien. Die Polizei allerdings erklärte später, ihr seien keine strafrechtlich relevanten Drohungen bekannt. Auch habe die Akademie keine entsprechenden Belege vorgelegt.

Damit entstand eine jener Situationen, die man in Deutschland besonders liebt: eine Debatte über Drohungen, die möglicherweise existierten, möglicherweise auch nicht, aber auf jeden Fall moralisch sehr praktisch waren. Denn nichts rechtfertigt den Ausschluss der Öffentlichkeit so elegant wie eine diffuse Gefährdungslage.

Die unvermeidliche Täter-Opfer-Akrobatik

Für Vertreter der jüdischen Gemeinde wirkte das Ganze wie eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Während Demonstranten friedlich mit Israel-Flaggen vor der Akademie standen, wurde im Inneren der Eindruck erzeugt, man verteidige die Kunstfreiheit gegen aggressive Feinde der offenen Gesellschaft.

Das ist ein erstaunliches Schauspiel: Eine Institution, die eine Person mit radikal antiisraelischen Aussagen einlädt, präsentiert sich plötzlich als bedrohte Bastion der Freiheit. In dieser Logik wird Kritik selbst zum Angriff auf Grundrechte – ein rhetorischer Kunstgriff, der im akademischen Milieu inzwischen zur Standardausrüstung gehört.

Denn natürlich ist Kunstfreiheit ein hohes Gut. Nur wird sie gelegentlich so behandelt wie ein Generalschlüssel, der jede Tür öffnet – auch die zu moralischen Blindzonen.

Die Universität als moralische Versuchsanordnung

Am Ende bleibt ein Eindruck, der über Düsseldorf hinausweist. Der Konflikt zeigt etwas Grundsätzliches über das akademische Milieu unserer Zeit: Universitäten verstehen sich zunehmend als Räume radikaler Perspektiven, solange diese in ein bestimmtes ideologisches Raster passen. Antikoloniale Rhetorik, revolutionäre Symbolik und Israel-Delegitimierung erscheinen in diesem Kontext plötzlich als intellektuell respektable Positionen.

Kritik daran hingegen gilt schnell als Angriff auf Freiheit, Vielfalt oder Diskurs.

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Es ist eine merkwürdige Verkehrung: Institutionen, die einst Orte nüchterner Analyse sein sollten, verwandeln sich gelegentlich in Bühnen moralischer Dramaturgie. Der Künstler wird zum Propheten, der Aktivismus zur Ästhetik, und die Realität zum Material eines ideologischen Kunstprojekts.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Affäre. Nicht die Einladung selbst ist das bemerkenswerteste Ereignis. Auch nicht die Proteste. Sondern die erstaunliche Gelassenheit, mit der Teile des Kulturbetriebs glauben, radikale politische Botschaften ließen sich einfach in Kunst verwandeln – so wie ein Zauberer ein Kaninchen aus dem Hut zieht.

Nur dass in diesem Fall das Kaninchen gelegentlich ein rotes Dreieck trägt. Und erstaunlich viele Menschen im Publikum so tun, als sei das lediglich ein besonders avantgardistisches Kunstobjekt.

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