Sir Keir Starmer ist ein Mann, der wirkt, als habe er das politische Gehen verlernt und stattdessen das Stehen perfektioniert. Stillstand als Haltung, Unbeweglichkeit als moralische Pose. Wo andere stolpern, irren oder wenigstens riskieren, hat Starmer die beruhigende Gravitation eines Möbelstücks angenommen. Ein Schrank aus juristischem Sperrholz, sorgfältig lackiert mit der Farbe „staatstragend“. Dass ausgerechnet er ein Verbot von Ehen zwischen Cousins ersten Grades blockiert, ist daher weniger Skandal als Konsequenz: Wer nichts bewegen will, darf nichts anfassen. Und wer sich weigert, ein Problem auch nur als Problem zu benennen, kann sich anschließend darüber wundern, dass es bleibt – beharrlich, teuer, menschlich tragisch und politisch toxisch.
Die hygienische Reinheit des moralischen Wegduckens
In der politischen Mitte unserer Zeit gilt das Wegducken als hygienische Maßnahme. Man vermeidet Kontamination durch Wirklichkeit. Cousinen-Ehen? Heikel. Gesundheitliche Risiken? Sensibel. Kulturelle Praktiken, die mit modernen Wohlfahrtsstaaten kollidieren? Bloß nicht konkret werden. Starmer blockiert also – nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor Unreinheit. Denn nichts ist für die zeitgenössische Sozialdemokratie gefährlicher als der Verdacht, eine Debatte zu führen, die man verlieren könnte. Oder schlimmer noch: gewinnen, aber unter Protest. So wird Nichtstun zur ethischen Hochleistung erklärt. Man nennt es dann „Respekt“, „Zurückhaltung“ oder „Dialogbereitschaft“, obwohl es sich in Wahrheit um eine sorgfältig gebügelte Form der Feigheit handelt.
Die Kinder, die nicht vorkommen
Auffällig ist, wer in dieser Debatte zuverlässig fehlt: die Kinder. Nicht als abstrakte Projektionsflächen, sondern als konkrete Körper, konkrete Biografien, konkrete Krankenhausbetten. Medizinische Forschung weist seit Jahrzehnten auf erhöhte Risiken bei engen Verwandtenehen hin – für genetische Erkrankungen, für lebenslange Pflegebedürftigkeit, für frühe Todesfälle. Diese Hinweise sind keine Meinung, sondern Statistik; kein Ressentiment, sondern Laborwert. Doch im politischen Diskurs werden sie behandelt wie ein ungebetener Gast, der die Stimmung ruiniert. Man lädt lieber Wählergruppen ein als Fakten. Und so verwandelt sich Fürsorge in eine bizarre Form von Grausamkeit: Man schützt kulturelle Praktiken, indem man diejenigen opfert, die unter ihnen leiden – still, unsichtbar, ohne Lobby.
Der Sozialstaat als sentimentales Sparschwein
Der Wohlfahrtsstaat, einst als solidarische Versicherung gegen das allgemeine Lebensrisiko gedacht, wird in dieser Konstellation zum sentimentalen Sparschwein. Er zahlt, schweigt und lächelt müde. Jahrzehntelange medizinische Versorgung, spezialisierte Therapien, Sonderpädagogik, soziale Transferleistungen – all das wird tapfer gestemmt, während die politische Klasse so tut, als sei diese Belastung ein Naturereignis. Regen. Schnee. Schicksal. Dass man Risiken präventiv reduzieren könnte, gilt als unanständig. Prävention riecht nach Entscheidung, und Entscheidung nach Verantwortung. Also erklärt man Kosten zur Tugend und Belastung zur moralischen Bewährungsprobe. Der Sozialstaat wird nicht verteidigt, sondern verzehrt – aus Rücksicht.
Identitätspolitik als Ersatzreligion
Starmer ist kein gläubiger Mann, aber er dient einer Religion: der Identitätspolitik in ihrer administrativen Form. Sie verlangt Opfergaben – meist in Gestalt unbequemer Wahrheiten – und belohnt ihre Priester mit medialer Milde. Wer sagt: „Hier gibt es ein strukturelles Problem“, wird misstrauisch beäugt. Wer sagt: „Wir müssen darüber reden“, gilt als latent gefährlich. Und wer wagt, zwischen Respekt vor Menschen und Kritik an Praktiken zu unterscheiden, steht bereits mit einem Fuß im Exil des öffentlichen Diskurses. Also beschwichtigt man lieber „die muslimischen Wähler“, ein Begriff, der selbst schon Ausdruck intellektueller Kapitulation ist, weil er Millionen Individuen auf ein monolithisches Wahlobjekt reduziert – angeblich aus Respekt, tatsächlich aus Bequemlichkeit.
Die paradoxe Grausamkeit der Toleranz
Die Ironie dieser Toleranzpolitik ist bitter: Sie trifft nicht „die Mehrheit“, nicht „die Gemeinschaft“, nicht „die Kultur“. Sie trifft die Schwächsten. Kinder ohne Stimme, Frauen ohne Ausweichmöglichkeiten, Familien ohne Alternativen. Indem man sich weigert, problematische Praktiken zu regulieren oder auch nur offen zu diskutieren, konserviert man Machtverhältnisse, die mit Freiheit wenig zu tun haben. Toleranz wird so zur paradoxen Grausamkeit: Sie duldet das Leid, um sich selbst moralisch überlegen fühlen zu können. Starmer steht dann da wie ein wohlmeinender Arzt, der aus Angst vor schlechter Presse die Diagnose verschweigt und dem Patienten stattdessen ein Lächeln schenkt.
Großbritannien als Labor des europäischen Schweigens
Was sich in Großbritannien zeigt, ist kein Sonderfall, sondern ein Labor. Überall in Europa übt man sich im gleichen Kunststück: maximale Sensibilität bei minimaler Ehrlichkeit. Man redet lieber über Sprache als über Strukturen, lieber über Gefühle als über Folgen. Der politische Preis ist hoch: Vertrauensverlust, Radikalisierung, die schleichende Verachtung derer, die erleben, dass offensichtliche Probleme offiziell nicht existieren dürfen. Wer das anspricht, landet schnell im falschen Regal. Wer schweigt, steigt auf. Keir Starmer ist nicht Ursache dieses Systems, sondern sein idealer Funktionär.
Schluss ohne Erlösung
Am Ende bleibt das fahle Lächeln der Vernunft, die man vertagt hat. Kein Verbot, keine Reform, keine Debatte – dafür viel moralisches Schulterklopfen. Die Kinder werden weiter geboren, die Kosten weiter steigen, das Schweigen weiter gepflegt. Und Keir Starmer wird erklären, man müsse „zuhören“, „abwägen“ und „zusammenbringen“. Das ist kein Zynismus von außen, sondern einer von innen: die kalte Ironie einer Politik, die glaubt, Neutralität sei Menschlichkeit. Dabei ist sie oft nur die bequemste Form der Verantwortungslosigkeit.