Es gehört zu den bemerkenswertesten Paradoxien moderner Gesellschaften, dass sie sich mit einer Mischung aus pädagogischem Eifer und kulturkritischer Dauerempörung daranmachen, die symbolischen Fundamente ihres eigenen Gemeinwesens abzutragen – und anschließend überrascht feststellen, dass niemand mehr Lust verspürt, dieses Gemeinwesen im Zweifel auch physisch zu verteidigen. Man hat über Jahrzehnte hinweg gelernt, beim Wort „Nation“ reflexhaft die Stirn zu runzeln, bei „Vaterland“ diskret zu husten und bei „Patriotismus“ so auszusehen, als hätte jemand im Feuilleton einen ungebetenen Gartenzwerg aufgestellt. Und nun, da Rekrutierungsplakate im Wind flattern wie schlecht besuchte Theaterpremieren, fragt man sich mit ehrlicher Verwunderung: Wo ist sie denn, die begeisterte Jugend?
Vielleicht sitzt sie zu Hause und erinnert sich dunkel daran, dass ihr seit der achten Klasse beigebracht wurde, Stolz auf das eigene Land sei ungefähr so geschmackvoll wie Socken in Sandalen – nur mit größerem Gefahrenpotenzial. Wer jemals öffentlich erwähnte, dass er seine Heimat möge, wurde behandelt wie jemand, der beim Weinabend mit Freunden plötzlich beginnt, mittelalterliche Kreuzzüge zu loben. „Differenzieren!“ rief man dann, was in etwa bedeutete: Bitte differenziere so lange, bis von deiner ursprünglichen Zuneigung nichts mehr übrig ist.
Patriotismus – nur bitte entkoffeiniert
Nun wäre es ja denkbar gewesen, eine reife Form von Zugehörigkeit zu kultivieren: eine, die weder in Fahnenrausch noch in Selbstverachtung verfällt. Doch stattdessen entschied man sich vielerorts für die moralische Instant-Variante: Patriotismus, so hieß es, sei grundsätzlich verdächtig, es sei denn, er äußere sich in Form internationaler Kochabende oder beim euphorischen Anfeuern der Nationalmannschaft – allerdings bitte nur, solange diese sich divers genug präsentierte und niemand allzu laut die Hymne sang.
Das Ergebnis ist eine Art entkoffeinierter Heimatbegriff: geschmacklich vorhanden, aber ohne jede belebende Wirkung. Man darf das Land mögen wie ein funktionierendes WLAN – man ist froh, dass es da ist, aber man käme nicht auf die Idee, dafür in den Regen zu gehen, geschweige denn in einen Schützengraben. Loyalität wurde zum optionalen Lifestyle-Accessoire, das man je nach sozialem Umfeld an- oder ablegt wie eine ironische Vintage-Jacke.
Die pädagogische Großoffensive gegen das Pathos
Über Jahre hinweg perfektionierte man eine Erziehung, die Pathos als peinlich brandmarkte. Große Worte galten als Vorstufe zum großen Unheil, und wer „Gemeinschaft“ sagte, musste zunächst eine halbe Stunde lang versichern, dass er damit keinesfalls irgendetwas Ausschließendes meine – am besten gar nichts Konkretes. Helden? Problematisch. Opfermut? Ambivalent. Tradition? Kontextabhängig, vorzugsweise kritisch.
Natürlich hatte diese Skepsis historische Gründe, und niemand bei klarem Verstand würde für eine Rückkehr zu dumpfem Hurra-Patriotismus plädieren. Doch zwischen blindem Jubel und chronischer Selbstzerknirschung existiert ein breites Feld, das man mit bemerkenswerter Konsequenz ignorierte. Stattdessen wurde das nationale Narrativ zu einer Art Dauerseminar über Fehlbarkeit umgebaut – wichtig, gewiss, aber ungefähr so mobilisierend wie eine Steuererklärung.
Und so steht nun die Frage im Raum, warum junge Menschen sich nicht gerade darum reißen, eine Institution zu unterstützen, die letztlich auf der Idee basiert, dass es etwas gibt, das schützenswert ist. Wenn aber das Einzige, was man über dieses „Etwas“ gelernt hat, eine lange Liste moralischer Fußnoten ist, dann wirkt der Ruf zum Dienst ein wenig wie die Einladung, eine Versicherung für ein Haus abzuschließen, dessen Abriss man selbst jahrelang gefordert hat.
Die Logik der emotionalen Ökonomie
Menschen investieren dort, wo sie Bedeutung empfinden. Das gilt für Beziehungen, Berufe und – man höre und staune – auch für politische Gemeinschaften. Wer jedoch über Generationen hinweg signalisiert bekommt, seine Herkunft sei vor allem ein Problemfall, entwickelt verständlicherweise eine gewisse Zurückhaltung, wenn es um leidenschaftliches Engagement geht. Warum sollte man sich für etwas einsetzen, zu dem man nur auf Distanz erzogen wurde?
Es ist die Logik der emotionalen Ökonomie: Dauerhafte Kritik ohne ein Mindestmaß an identifikationsstiftender Erzählung erzeugt keine aufgeklärten Verteidiger, sondern höfliche Zaungäste. Die Jugend ist dabei keineswegs apathisch; sie engagiert sich leidenschaftlich – nur eben häufig für abstraktere, globalere Anliegen, die moralisch weniger vermintes Gelände darstellen. Dort droht niemand mit dem Verdacht, man könne ins falsche Traditionsregal gegriffen haben.
Zwischen Selbstkritik und Selbstverachtung liegt ein Kontinent
Vielleicht liegt der Ausweg in einer altmodisch klingenden Tugend: Balance. Ein Staat darf sich kritisch betrachten, ja er muss es sogar. Doch Selbstkritik ist etwas anderes als Selbstverachtung. Die eine ist Ausdruck von Reife; die andere wirkt auf Dauer wie ein kulturelles Vitamin-Defizit. Wer ausschließlich lernt, was alles schiefgelaufen ist, aber kaum, was gelungen ist, entwickelt kein Verantwortungsgefühl, sondern bestenfalls ein distanziertes Achselzucken.
Eine Gesellschaft, die erwartet, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen – ob militärisch oder zivil –, muss ihnen auch das Gefühl vermitteln, Teil einer fortlaufenden Geschichte zu sein, die mehr enthält als Mahnungen. Nicht als kitschige Heldensaga, sondern als realistisches, widersprüchliches, aber eben auch tragfähiges Narrativ. Denn Verteidigungsbereitschaft wächst selten aus Ironie, und Zynismus taugt schlecht als emotionaler Treibstoff.
Der leise Wunsch, doch zu gehören
Am Ende könnte sich herausstellen, dass viele junge Menschen durchaus bereit wären, sich einzubringen – wenn man ihnen nicht gleichzeitig suggerierte, jede Form von Zugehörigkeit sei latent verdächtig. Vielleicht braucht es weniger moralische Alarmanlagen und mehr Vertrauen in die Fähigkeit zur differenzierten Bindung: Man kann ein Land mögen, ohne es für unfehlbar zu halten; man kann stolz sein, ohne blind zu werden.
Die eigentliche Überraschung wäre also nicht, dass Begeisterungsstürme ausbleiben, sondern dass man ernsthaft etwas anderes erwartet hat. Wer jahrzehntelang am symbolischen Dachstuhl sägt, sollte sich nicht wundern, wenn es hineinregnet – und erst recht nicht, wenn die Jugend lieber einen Regenschirm aufspannt, statt das Haus zu verteidigen.
Und doch liegt in dieser Diagnose kein unausweichliches Schicksal. Gesellschaften können umlernen. Sie können Kritik mit Zugehörigkeit versöhnen, Nüchternheit mit Wärme, Reflexion mit einem Minimum an Pathos. Vielleicht entdeckt man dann, dass Patriotismus kein muffiger Dachboden sein muss, sondern eher ein gut gelüftetes Wohnzimmer: nicht perfekt, gelegentlich renovierungsbedürftig – aber ein Ort, den man im Zweifel nicht kampflos aufgibt.