Die Inszenierung der Identität und der Ernst der Institutionen

Es ist ein eigenartiger Moment der politischen Moderne, wenn sich die Weltgeschichte im Sitzungssaal einer mittelenglischen Kommune spiegelt. Rukhsana Ismail, Bürgermeisterin von Rotherham, legte ihren Amtseid auf den Koran ab, küsste das heilige Buch und rief „Allahu Akbar“. Sie erklärte, sie vertrete „mein pakistanisches Land und die muslimischen Frauen Pakistans“, sei stolz auf ihr Kopftuch und werde, wohin sie auch gehe, muslimische Frauen vertreten. Man kann das als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit lesen, als identitätspolitisches Statement, als Symbol gelebter Vielfalt – oder als ein kleines, grell ausgeleuchtetes Lehrstück über die Verschiebung politischer Koordinaten in einem Europa, das sich gern säkular nennt und doch ständig in symbolischen Bekenntnissen badet wie andere in Weihwasser.

Denn was ist ein Amtseid? Er ist, in seiner idealtypischen Form, kein Poetry Slam der Zugehörigkeiten, sondern die trockene, beinahe langweilige Selbstverpflichtung auf Recht und Gesetz, auf die abstrakte, manchmal unerquicklich nüchterne Idee des Gemeinwohls. Er ist die Liturgie der Institution, nicht die Bühne der Identität. Wenn aber das Persönliche so deutlich das Offizielle überstrahlt, wenn nationale, religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeiten im Vordergrund stehen, während die Stadt – jene konkrete Ansammlung von Straßen, Schulen, Sozialwohnungen, Haushaltslöchern und kaputten Straßenlaternen – eher wie eine Randnotiz wirkt, dann darf man zumindest fragen: Wem gehört dieses Amt? Der Person? Der Gemeinschaft der Gläubigen? Einer fernen Nation? Oder doch den Bürgerinnen und Bürgern, gleich welcher Herkunft?

Zwischen Repräsentation und Repräsentiertwerden

Niemand bestreitet, dass eine Bürgermeisterin sie selbst sein darf. Niemand verlangt, dass Identität an der Garderobe des Rathauses abgegeben wird wie ein Regenschirm. Aber wenn eine Amtsinhaberin betont, sie vertrete ein anderes Land – in diesem Fall Pakistan – und eine spezifische religiöse Gruppe weltweit, dann entsteht eine delikate semantische Schieflage. Eine Bürgermeisterin vertritt, so die hergebrachte, vielleicht altmodische Auffassung, in erster Linie die Einwohner ihrer Stadt. Auch jene ohne Kopftuch. Auch jene ohne Moschee. Auch jene ohne religiöses Bekenntnis. Auch jene, die in ihrem Leben noch nie „Allahu Akbar“ gerufen haben und es vermutlich auch künftig nicht tun werden.

TIP:  GENUG IST GENUG

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die moderne Demokratie ausgerechnet durch ihre Universalität besticht: Sie kennt keine privilegierten Bekenntnisse, keine Ranglisten der Identität, keine sakralen Abkürzungen ins Herz der Macht. Sie kennt Bürger – und sonst nichts. Wenn also das Vokabular der Amtsübernahme stark religiös und national gerahmt wird, dann darf man – augenzwinkernd, aber nicht unernst – fragen, ob hier nicht ein wenig Pathos auf Kosten jener grauen, aber unverzichtbaren Nüchternheit geht, die Kommunalpolitik eigentlich braucht. Müllabfuhr und Haushaltsplan sind bekanntlich schlechte Kulissen für weltanschauliche Selbstvergewisserung.

Der lange Schatten eines Skandals

Nun wäre all dies bloß eine feuilletonistische Fußnote, gäbe es nicht den historischen Kontext, der in Rotherham schwerer wiegt als jede symbolische Geste. Der Grooming-Skandal, der zwischen den 1990er- und frühen 2010er-Jahren die systematische sexuelle Ausbeutung von schätzungsweise rund 1.400 Kindern – überwiegend Mädchen – offenbarte, ist kein Kapitel, das sich mit einer bunten Zeremonie überblenden ließe. Der unabhängige Bericht unter Leitung von Alexis Jay aus dem Jahr 2014 stellte fest, dass Behörden, Polizei und Sozialdienste Warnungen ignorierten, Hinweise nicht konsequent verfolgten und aus Angst vor Reputationsschäden oder Diskriminierungsvorwürfen zögerlich handelten. Politisch verantwortlich war damals ein von der Labour Party dominierter Stadtrat.

Hier wird Satire plötzlich dünnhäutig, denn der Gegenstand ist bitterernst. Die eigentliche Tragödie bestand nicht in kulturellen Differenzen, sondern im institutionellen Versagen. Nicht in Religion, sondern in Verantwortungslosigkeit. Nicht in Identität, sondern in der Angst vor dem falschen Schlagzeilenwort. Wenn Behörden aus Furcht vor dem Vorwurf der Diskriminierung lieber weghören, wenn sie politische Sensibilität über den Schutz von Kindern stellen, dann ist das keine Sternstunde der Vielfalt, sondern ein Lehrstück über moralische Feigheit.

Vor diesem Hintergrund wirkt jede demonstrative Betonung religiöser oder nationaler Zugehörigkeit im Rathaus wie ein Echo in einem Raum, der noch nicht vollständig aufgearbeitet ist. Man könnte sagen: Rotherham braucht weniger Symbolik und mehr unbequeme Klarheit. Weniger Inszenierung und mehr institutionelle Selbstkritik. Weniger Pathos und mehr Protokoll.

TIP:  Kaiserschmarrn statt Sturmgewehr

Die Versuchung der großen Worte

„Allahu Akbar“ bedeutet „Gott ist größer“. In theologischer Hinsicht ist das eine Banalität: Jede Religion behauptet, dass ihr Gott größer ist – sonst wäre er ja kaum Gott. In politischer Hinsicht jedoch ist der Satz ambivalent. In einem säkularen Amtssaal klingt er anders als in einer Moschee. Er ist dort nicht nur Gebet, sondern Statement. Und Statements sind in der Politik nie unschuldig; sie sind Signale, Projektionsflächen, Interpretationsangebote.

Satire darf hier fragen: Ist Gott größer als der Haushaltsposten für Jugendhilfe? Größer als die Pflicht, Missstände aufzuklären? Größer als die Verantwortung gegenüber den Schwächsten? Natürlich ist die Frage rhetorisch – und gerade deshalb scharf. Denn wenn die Politik beginnt, sich selbst religiös zu überhöhen, dann droht sie, sich der profanen Rechenschaftspflicht zu entziehen. Und Rechenschaft ist, anders als Pathos, messbar.

Identität als Bühne und Bürde

Das 21. Jahrhundert liebt Identität wie das 19. Jahrhundert die Dampflok: als Fortschrittsversprechen, als Motor, als Zeichen der Bewegung. Doch Identität ist kein Selbstzweck. Sie ist biografische Realität, kultureller Reichtum, manchmal auch Trost. Sie wird problematisch erst dort, wo sie zur exklusiven politischen Währung wird. Wer sich vor allem als Vertreterin einer bestimmten religiösen oder nationalen Gemeinschaft definiert, riskiert – selbst wenn unbeabsichtigt –, andere in die Rolle des Publikums zu drängen.

Rotherham ist jedoch keine Bühne für weltanschauliche Selbstporträts, sondern eine Stadt mit realen Wunden. Die Kinder von gestern sind die Erwachsenen von heute. Sie leben mit dem Wissen, dass Institutionen versagt haben. Sie erwarten keine symbolischen Großgesten, sondern Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch spektakuläre Rituale, sondern durch transparente Verwaltung, konsequente Aufarbeitung und eine unmissverständliche Loyalität gegenüber allen Bürgern.

Das Lachen im Ernst

Man darf – ja, man sollte – über die Absurditäten der Politik lachen. Über die großen Worte im kleinen Ratssaal. Über die feierliche Geste, die am Ende doch wieder im Protokollordner landet. Satire ist kein Zynismus aus Bosheit, sondern ein Versuch, das Pathos auf Normalmaß zu stutzen. Sie erinnert daran, dass kein Amt heilig ist, sondern nur verantwortlich.

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Und vielleicht liegt genau darin der versöhnliche Gedanke: Eine Bürgermeisterin darf gläubig sein, stolz, sichtbar. Aber das Amt selbst ist weder pakistanisch noch britisch, weder muslimisch noch christlich, weder laut noch leise. Es ist – im besten Fall – schlicht gerecht. Wenn Rotherham eines braucht, dann keine größeren Worte, sondern größere Sorgfalt. Und wenn Gott größer ist, dann sollte zumindest die Pflicht nicht kleiner sein.

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