Die inflationäre Gleichsetzung

Wenn alles gleich schlimm ist, ist nichts mehr schlimm

Es gehört zu den unerquicklichsten Marotten der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie, dass sie Unterschiede nicht nur verwischt, sondern aktiv einebnet, bis aus dem Spektrum menschlicher Erfahrung ein grauer, morastiger Brei wird. Dort, wo einst moralische Abstufungen, begriffliche Präzision und ein Minimum an intellektueller Redlichkeit herrschten, regiert heute die schrille Gleichsetzung. Der mediale Reflex, alles mit allem zu vergleichen, ist längst keine Nachlässigkeit mehr, sondern Methode. Und so kann es geschehen, dass ein „C-Promi-Rosenkrieg um Schmudelfotos“ – nennen wir ihn, der Einfachheit halber, den Fall Fernandes – plötzlich im selben Atemzug genannt wird wie ein Fall wie Pelicot, in dem eine Frau über Jahre hinweg betäubt und systematisch von ihrem eigenen Ehemann sowie einer Vielzahl fremder Männer vergewaltigt wurde. Wer hier noch Unterschiede sieht, gilt bereits als pedantisch. Wer sie benennt, als unsensibel. Wer sie verteidigt, als verdächtig.

Der Preis dieser intellektuellen Verwahrlosung ist hoch. Denn die Gleichsetzung ist keine harmlose rhetorische Figur, sondern eine Form der Entwertung. Wenn alles „skandalös“, alles „erschütternd“, alles „unfassbar“ ist, dann verliert das tatsächlich Unfassbare seine sprachliche Heimat. Der Rosenkrieg, so unerquicklich und geschmacklos er im Detail sein mag, gehört in die Kategorie öffentlicher Peinlichkeiten, narzisstischer Selbstinszenierungen und boulevardesker Eskalationen. Der Fall Pelicot hingegen gehört in die Sphäre des Verbrechens, der systematischen Gewalt, der fundamentalen Verletzung menschlicher Integrität. Wer beides in eine Reihe stellt, betreibt keine Sensibilisierung, sondern eine groteske Verharmlosung.

Die Logik des Spektakels: Aufmerksamkeit frisst Maßstäbe

Die Mechanik dahinter ist unerquicklich banal. Aufmerksamkeit verlangt Steigerung, und Steigerung verlangt Vergleich. Also wird verglichen, koste es die Vernunft, was es wolle. „Skandal reiht sich an Skandal“, „Abgrund neben Abgrund“ – die Schlagzeilen kennen keine Hierarchie mehr, nur noch Intensität. Der Fall Fernandes liefert klickbare Oberflächen: Bilder, intime Details, verletzte Eitelkeiten. Der Fall Pelicot hingegen konfrontiert mit etwas, das sich dem schnellen Konsum entzieht: strukturelle Gewalt, systematische Entmenschlichung, ein Ausmaß an Grausamkeit, das sich nicht in drei empörten Absätzen abhandeln lässt.

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Also geschieht, was geschehen muss: Das Komplexe wird auf das Niveau des Trivialen herabgezogen, nicht um es verständlicher zu machen, sondern um es verwertbar zu machen. Der Diskurs nivelliert, wo er unterscheiden müsste. Und plötzlich erscheint beides als Varianten desselben Phänomens: „toxische Beziehungen“, „Grenzüberschreitungen“, „Skandale um Intimität“. Die Sprache wird zur Tarnkappe, unter der sich die Ungeheuerlichkeit versteckt.

Die moralische Kurzschlusslogik: Empörung als Einheitswährung

Hinzu tritt eine zweite, nicht minder problematische Entwicklung: die Umwandlung von Empörung in eine Art Einheitswährung. Empörung kennt keine Dezimalstellen. Sie ist entweder vorhanden oder nicht, und wer sie zeigt, signalisiert moralische Wachheit. Doch gerade diese binäre Logik führt dazu, dass Abstufungen verschwinden. Ein empörter Kommentar über „Schmudelfotos“ und ein empörter Kommentar über systematische Vergewaltigung sehen formal ähnlich aus: dieselben Vokabeln, dieselben Ausrufezeichen, dieselbe moralische Pose.

So entsteht die Illusion, beide Fälle seien vergleichbar, weil die Reaktion auf sie vergleichbar ist. Ein bemerkenswerter Zirkelschluss: Weil gleich empört reagiert wird, muss es gleich schlimm sein. Und weil es gleich schlimm ist, darf nur gleich empört reagiert werden. Differenzierung wirkt in diesem System wie ein Verrat an der moralischen Klarheit, dabei wäre sie deren Voraussetzung.

Die Verwechslung von Peinlichkeit und Gewalt

Es ist ein fundamentaler Kategorienfehler, Peinlichkeit mit Gewalt zu verwechseln. Der Fall Fernandes – so unerquicklich er in seinen Details sein mag – bewegt sich im Raum des Privaten, das öffentlich geworden ist, im Raum von Eitelkeiten, Machtspielen, vielleicht auch Grenzüberschreitungen im Umgang mit Intimität. Es geht um Bloßstellung, um Imageschäden, um verletzte Selbstbilder.

Der Fall Pelicot hingegen ist ein Paradebeispiel für das, was in der Kriminologie als systematische, organisierte Gewalt bezeichnet wird. Hier geht es nicht um Peinlichkeit, sondern um Entwürdigung, nicht um Imageschäden, sondern um körperliche und psychische Zerstörung, nicht um einen Streit, sondern um ein Verbrechen von erschütternder Dimension. Wer diese beiden Sphären ineinander schiebt, verkennt nicht nur die Realität, sondern entzieht dem Begriff der Gewalt seine Schärfe.

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Die Rolle der Namen: Wenn Einzelfälle zu Chiffren werden

Interessanterweise fungieren die Namen „Fernandes“ und „Pelicot“ in diesem Diskurs längst nicht mehr als Bezeichnungen konkreter Fälle, sondern als Chiffren. „Fernandes“ steht für den trivialisierten Skandal, für das öffentlich ausgeschlachtete Private. „Pelicot“ steht für das Unfassbare, das eigentlich einer sorgfältigen, differenzierten Betrachtung bedürfte. Doch gerade diese Chiffrierung erleichtert die Gleichsetzung: Zwei Namen, zwei Fälle, zwei „Themen“. Die Differenz verschwindet hinter der formalen Gleichheit.

Dabei wäre gerade hier eine Rückkehr zur Konkretion notwendig. „Dutzendfach nach Betäubung vergewaltigt“ ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern eine Beschreibung von Realität. „Rosenkrieg um Schmudelfotos“ ist keine Bagatelle, aber eben auch keine Gewalt in vergleichbarem Sinne. Die Sprache weiß das, solange sie nicht gezwungen wird, es zu vergessen.

Die Ironie der Sensibilisierung: Wenn Aufklärung abstumpft

Besonders bitter ist, dass diese Gleichsetzungen häufig im Namen der Sensibilisierung erfolgen. Es solle „aufmerksam gemacht“, „Bewusstsein geschaffen“ werden. Doch die permanente Überdehnung der Begriffe führt zum Gegenteil: zur Abstumpfung. Wenn alles Gewalt ist, ist nichts mehr Gewalt. Wenn jeder Skandal ein „Abgrund“ ist, wird der tatsächliche Abgrund unsichtbar.

Der satirische Blick könnte hier einwenden, man befinde sich auf dem besten Weg zu einer Welt, in der der Verlust eines Instagram-Accounts und ein systematisches Gewaltverbrechen in derselben Kategorie moralischer Dringlichkeit verhandelt werden – beide begleitet von identischen Hashtags, identischen Empörungsritualen, identischen Forderungen nach „Konsequenzen“. Es fehlt nur noch die standardisierte Betroffenheitsformel, die sich beliebig einsetzen lässt, wie ein Lückentext für moralische Erregung.

Schlussbemerkung: Die Rückkehr der Unterschiede

Es bedarf keiner besonderen Kühnheit, um festzustellen, dass nicht alles gleich ist. Es bedarf lediglich der Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten und zu benennen. Der Fall Fernandes und der Fall Pelicot sind nicht zwei Varianten desselben Problems, sondern gehören unterschiedlichen Kategorien menschlicher Erfahrung an. Der eine mag unerquicklich, geschmacklos, vielleicht auch moralisch fragwürdig sein. Der andere ist ein Verbrechen, das in seiner Dimension und Brutalität jede triviale Vergleichsfolie sprengt.

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Die Weigerung, diese Differenz anzuerkennen, ist kein Zeichen besonderer Sensibilität, sondern ein Symptom intellektueller Bequemlichkeit. Oder, um es mit einer gewissen polemischen Schärfe zu sagen: Wer alles gleichsetzt, hat aufgehört zu denken – und nennt das dann Haltung.

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