Die hohe Kunst des gepflegten Wegschauens

Es gibt Sätze, die klingen wie aus dem diplomatischen Baukasten für Fortgeschrittene, jene Art von verbaler Porzellanmalerei, die selbst dann noch glänzt, wenn draußen bereits die Fenster klirren. „In Zeiten wie diesen ist es wichtig, den Dialog aufrechtzuerhalten“ – ein Satz, so rund geschliffen, dass er mühelos durch jede moralische Engstelle rollt, ohne irgendwo anzustoßen. Gesprochen – oder besser: gepostet – von Beate Meinl-Reisinger nach einem Telefonat mit Abbas Araktschi. Ein Dialog also. Immerhin. Dialog ist schließlich das, was übrig bleibt, wenn man sich nicht festlegen möchte, ob man gerade mit einem Gegenüber spricht oder mit der Abwesenheit desselben.

Denn Dialog ist ein wunderbares Wort: elastisch, dehnbar, moralisch neutralisiert wie ein chirurgisches Instrument. Es passt sich an jede Lage an, selbst an jene, in denen – rein hypothetisch natürlich – innerhalb kürzester Zeit zehntausende Demonstranten massakriert werden könnten. Innenpolitik, wird dann gern gesagt. Eine Angelegenheit der kulturellen Eigenheiten. Vielleicht sogar – mit einem leichten Achselzucken – Folklore. Und wer wollte schon kulturimperialistisch auftreten und den eigenen moralischen Maßstab anderen aufzwingen? Nein, nein, da bleibt man lieber im Gespräch. Gespräch ist schließlich besser als Schweigen. Und Schweigen, so weiß man, könnte als Zustimmung missverstanden werden. Während Reden bekanntlich als… nun ja… auch als Zustimmung missverstanden werden kann. Aber wenigstens klingt es aktiver.

Neutralität als performative Kunstform

Österreichische Neutralität, dieses altehrwürdige Konzept, das irgendwo zwischen Staatsräson und identitätsstiftendem Mythos schwebt, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Art performativer Kunst entwickelt. Es ist weniger eine Haltung als ein fein choreografierter Balanceakt auf dem Drahtseil zwischen moralischer Empörung und geopolitischer Bequemlichkeit. Man zeigt Haltung, ohne sich festzulegen. Man kritisiert, ohne zu verurteilen. Man dialogisiert, ohne zu riskieren, dass der Dialog tatsächlich Konsequenzen haben könnte.

Und so entsteht ein eigenartiges Paradoxon: Wer im Zusammenhang mit Wladimir Putin von Dialog spricht, bewegt sich gefährlich nah am Rand des diskursiven Abgrunds. Dort lauern Begriffe wie „Troll“ oder „Knecht“, bereit, jeden zu verschlingen, der es wagt, Verständigung auch nur als theoretische Option zu erwähnen. Doch im anderen Kontext, bei anderen Gesprächspartnern, wird derselbe Begriff plötzlich zum Zeichen diplomatischer Reife erhoben. Dialog hier, Dialog dort – aber bitte mit korrekter moralischer Geografie.

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Es ist, als gäbe es eine unsichtbare Landkarte, auf der eingezeichnet ist, wann Dialog als edel gilt und wann als Verrat. Eine Karte, die nicht veröffentlicht wird, aber dennoch jeder zu kennen scheint. Wer sie missliest, riskiert nicht nur Kritik, sondern Exkommunikation aus dem Kreis der Anständigen.

Die selektive Empörung als Staatsräson

Empörung ist ein knappes Gut geworden, das mit Bedacht eingesetzt werden will. Zu viel Empörung stumpft ab, zu wenig wirkt verdächtig. Also dosiert man sorgfältig. Hier ein scharfer Tweet, dort ein sanftes Telefonat. Hier moralische Klarheit, dort diplomatische Unschärfe. Die Kunst besteht darin, beides gleichzeitig zu praktizieren, ohne dass die Widersprüche allzu offensichtlich werden.

„Es ist kompliziert“, lautet die Standardformel, die jede Inkonsistenz in ein Zeichen von Tiefsinn verwandelt. Komplexität wird zur Ausrede, Differenzierung zur Nebelmaschine. Und währenddessen entsteht der Eindruck, dass es weniger um Prinzipien geht als um deren situationsabhängige Anwendung. Nicht was geschieht, entscheidet über die Reaktion, sondern wer es tut und in welchem Kontext es geschieht.

So wird aus der moralischen Haltung eine Art modulares System: austauschbar, anpassbar, kompatibel mit den jeweiligen geopolitischen Anforderungen. Ein Baukasten, aus dem sich je nach Bedarf Empörung, Verständnis oder eben Dialog zusammensetzen lässt.

Der Himmel über Österreich

Und während auf der rhetorischen Bühne Dialoge geführt werden, fliegt über den Köpfen eine ganz andere Realität dahin – in Form amerikanischer Militärflugzeuge, die den österreichischen Luftraum durchqueren. Ein Detail, das fast schon zu banal wirkt, um noch Skandalisierungspotenzial zu besitzen. Man hat sich daran gewöhnt, dass Neutralität auch bedeutet, gewisse Dinge nicht allzu genau zu hinterfragen.

Es ist diese stille Koexistenz von Anspruch und Wirklichkeit, die das Ganze so unerquicklich macht. Auf der einen Seite die feierliche Beschwörung von Prinzipien, auf der anderen Seite deren flexible Auslegung im Alltag. Dazwischen eine Öffentlichkeit, die mal empört, mal gleichgültig, mal resigniert reagiert – je nachdem, wie die jeweilige Erzählung gerade verläuft.

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Es ist zum Mäusemelken – oder zur Meisterleistung?

Vielleicht liegt in all dem sogar eine gewisse Konsequenz. Eine Logik, die sich nicht sofort erschließt, aber dennoch vorhanden ist. Die Logik einer Welt, in der klare Linien zunehmend als Zumutung empfunden werden und Grauzonen zur bevorzugten Aufenthaltszone avancieren. In dieser Welt ist Dialog kein Mittel mehr, sondern ein Selbstzweck. Ein Ritual, das durchgeführt wird, um zu zeigen, dass man es durchführt.

Und so bleibt am Ende ein Gefühl, das sich irgendwo zwischen Kopfschütteln und schiefem Lächeln einpendelt. Es ist unerquicklich, gewiss. Aber auch von einer gewissen, fast bewundernswerten Konsequenz in seiner Inkonsistenz. Eine Art Meisterleistung der Ambivalenz, die es schafft, gleichzeitig alles und nichts zu sagen.

Oder, um es weniger elegant auszudrücken: Es ist tatsächlich zum Mäusemelken.

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