Die hohe Kunst der semantischen Gymnastik

Es beginnt stets mit einer edlen Geste. Mit sorgenvoll gefalteter Stirn und dem moralischen Ernst eines spätbarocken Bußpredigers tritt man vor die Öffentlichkeit und verkündet, man werde nun endlich – endlich! – die Hassrede verbieten. Hass, so erfahren wir, sei das dunkle Fluidum unserer Epoche, das schleichende Gift in den Adern der Debatte, der Moder in den Kommentarspalten, der Mehltau auf dem Brot der Demokratie. Und wer wollte da widersprechen? Niemand ist für Hass, außer vielleicht Hass selbst. Doch während die Bannflüche geschleudert werden, während Begriffe wie „Schutz“, „Sicherheit“ und „Verantwortung“ im Chor gesungen werden wie eine Nationalhymne des Guten, geschieht etwas Eigentümliches: Es verschwindet nicht der Hass. Es verschwindet die Rede, die man hasst. Der Hass bleibt, nur die Zielscheibe wird neu beschriftet. Die semantische Gymnastik, mit der aus einem Schutzschild ein Schlagstock wird, ist dabei von einer Eleganz, die selbst olympische Turner erröten ließe. Man verbietet nicht die Hassrede, so heißt es. Man verbietet lediglich das, was man als Hass definiert. Und wer definiert? Nun, das ist eine rein technische Frage, eine Verwaltungsangelegenheit, fast schon eine bürokratische Petitesse. Dass in dieser Definition zufällig all das landet, was die eigene Weltsicht stört, ist natürlich ein bedauerlicher, aber unvermeidlicher Zufall.

Die Zärtlichkeit der Zensur

Zensur, dieses grobe Wort, benutzt heute niemand mehr gern. Es klingt nach schweren Stiefeln auf Kopfsteinpflaster, nach geschwärzten Zeitungsseiten und nach Männern mit zu engen Uniformen. Nein, man ist subtiler geworden. Man zensiert nicht, man kuratiert. Man löscht nicht, man moderiert. Man unterdrückt nicht, man schafft sichere Räume. Es ist eine Zärtlichkeit der Zensur, die uns da begegnet: Sie legt uns die Hand auf die Schulter und flüstert, es sei nur zu unserem Besten. Sie nimmt uns behutsam das Megafon aus der Hand und ersetzt es durch einen Wattebausch. Man möchte ja niemanden verletzen. Verletzungen sind das große Schreckgespenst unserer Zeit, und so wird das Wort zur potenziellen Waffe erklärt, die Metapher zum Molotowcocktail, der Widerspruch zur Gewalt. In dieser Logik wird die Debatte selbst zur Gefahrenzone, und wer sie betritt, tut dies auf eigene seelische Gefahr. Die Pointe ist nur: Die Auswahl dessen, was als verletzend gilt, folgt selten einer universellen Ethik, sondern auffallend häufig dem Geschmack derer, die gerade die Regeln schreiben. Was als schützenswert gilt, genießt sakrosankte Immunität; was als reaktionär, unbequem oder schlicht unmodern erscheint, wird zum Risiko erklärt. Und Risiken, so wissen wir, minimiert man.

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Der moralische Hochsitz

Von einem moralischen Hochsitz aus betrachtet, wirkt die Welt übersichtlich. Dort oben sitzt man warm eingepackt in die eigene Rechtschaffenheit, blickt hinunter auf das Dickicht der Meinungen und entscheidet, welche Stimmen als gefährliche Raubtiere gelten und welche als niedliche Waldbewohner durchgefüttert werden dürfen. Der Hochsitz hat den Vorteil der Distanz: Man hört das Knacken der Argumente nicht mehr, sondern nur noch das Rascheln vermeintlicher Bedrohungen. Wer unten ruft, er wolle lediglich eine unbequeme Frage stellen, dem wird von oben zugerufen, er solle gefälligst seine Tonlage prüfen. Denn die Tonlage, so lernen wir, ist entscheidender als der Inhalt. Man kann Unsinn erzählen, solange er freundlich klingt; man darf Wahrheiten aussprechen, sofern sie niemandem wehtun; aber wehe, man formuliert scharf, polemisch, zugespitzt. Dann wird aus Kritik Hass, aus Ironie Hetze, aus Übertreibung Extremismus. Die Kategorie des Hasses wird elastisch wie Kaugummi, dehnbar bis zur Unkenntlichkeit, bis sie schließlich alles umfasst, was den moralischen Puls beschleunigt. Und wer den Hochsitz kritisiert, beweist damit nur, dass er offenbar ein Problem mit Moral hat – ein Zirkelschluss, so elegant, dass man fast applaudieren möchte.

Die infantilisierte Öffentlichkeit

Besonders rührend ist das Bild vom schutzbedürftigen Bürger, der vor der rohen Wirklichkeit der Worte bewahrt werden muss wie ein Kind vor dem Märchen vom bösen Wolf. Die Öffentlichkeit wird behandelt wie ein Kindergarten, in dem scharfe Gegenstände eingesammelt werden, bevor jemand auf die Idee kommt, sich an ihnen zu schneiden. Dass erwachsene Menschen in der Lage sein könnten, zwischen Argument und Angriff zu unterscheiden, zwischen grober Rhetorik und tatsächlicher Gewalt, scheint eine Zumutung zu sein. Man traut ihnen alles zu – das Wählen, das Arbeiten, das Autofahren –, nur nicht das Ertragen einer Meinung, die ihnen missfällt. So entsteht eine paradoxe Situation: Je mehr man vorgibt, die Gesellschaft vor Hass zu schützen, desto weniger traut man ihr zu, mit Konflikt umzugehen. Der Diskurs wird zum sterilen Raum, in dem nur noch weichgespülte Sätze zirkulieren dürfen, sorgfältig desinfiziert von allem, was nach Zumutung riecht. Und während man stolz verkündet, man habe wieder einmal eine „problematische“ Äußerung entfernt, übersieht man geflissentlich, dass man damit nicht den Hass beseitigt hat, sondern lediglich die Bühne verkleinert, auf der er sichtbar wird. Er wandert weiter, in Nischen, in Echokammern, in jene dunklen Ecken, die man später mit großem Entsetzen entdeckt und als Beweis für die Notwendigkeit noch strengerer Regeln heranzieht.

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Die bequeme Empörung

Empörung ist die Leitwährung dieser Epoche, und sie lässt sich hervorragend bewirtschaften. Wer definiert, was Hass ist, besitzt ein mächtiges Instrument: Er kann Empörung kanalisieren, legitimieren, verstärken oder dämpfen. Interessanterweise richtet sich der Zorn fast nie gegen die eigenen verbalen Entgleisungen. Der eigene Furor ist stets gerechte Wut, moralische Entrüstung, notwendiger Alarm. Der fremde Furor hingegen ist Hass. So entsteht eine asymmetrische Empfindlichkeit, ein rhetorisches Zweiklassensystem, in dem die einen scharf formulieren dürfen, weil sie auf der richtigen Seite stehen, während die anderen bereits für die falsche Betonung eines Adjektivs in den Verdacht geraten, toxisch zu sein. Man verbietet nicht die Hassrede, man verbietet die Rede, die man hasst – und tarnt diesen Vorgang als Akt höherer Vernunft. Das ist bequem, denn es erspart die mühsame Auseinandersetzung. Warum argumentieren, wenn man etikettieren kann? Warum widerlegen, wenn man melden kann? Warum überzeugen, wenn man sperren kann? Die Pointe dieser Entwicklung ist bitter und zugleich komisch: Ausgerechnet im Namen der Sensibilität verroht der Umgangston, nur dass die Grobheiten nun in administrativer Sprache vorgetragen werden.

Die Ironie der Geschichte

Die Geschichte, diese alte Zynikerin, hat ein feines Gespür für Ironie. Sie zeigt uns immer wieder, dass Macht selten in der rohen Unterdrückung beginnt, sondern in der gut gemeinten Regulierung. Natürlich leben wir nicht in finsteren Zeiten, in denen jedes falsche Wort im Kerker endet. Aber wir leben in einer Epoche, in der der moralische Reflex schneller ist als das Argument, in der die Diagnose „Hass“ oft vor der Analyse kommt. Und vielleicht liegt genau darin die subtile Gefahr: Wenn der Begriff des Hasses zur Universalwaffe wird, stumpft er ab. Echte Hassrede, die tatsächlich zur Gewalt aufruft oder Menschen entmenschlicht, verliert ihre Schärfe im Meer der inflationären Empörung. Wer alles zum Hass erklärt, relativiert den Hass. Und wer die Rede verbietet, die er hasst, gewöhnt sich daran, Kritik als Störung zu betrachten. Am Ende steht nicht die harmonische Gesellschaft, sondern eine gereizte Stille, in der vieles gedacht, aber wenig gesagt wird. Eine Stille, die nicht aus Respekt entsteht, sondern aus Vorsicht.

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Vielleicht wäre es ehrlicher, weniger pathetisch und zugleich demokratischer, den Konflikt auszuhalten. Zu akzeptieren, dass Rede nicht nur streichelt, sondern auch kratzt. Dass Freiheit nicht steril ist, sondern chaotisch, widersprüchlich, manchmal unerquicklich. Denn die Alternative ist eine Welt, in der die Grenze des Sagbaren nicht durch Gewalt, sondern durch Geschmack gezogen wird – und Geschmack, so lehrt uns jede Epoche aufs Neue, ist ein äußerst wandelbares Fundament für bleibende Regeln. Man verbietet nicht die Hassrede. Man verbietet die Rede, die man hasst. Und während man sich selbst dafür feiert, hat man vielleicht längst begonnen, genau jenes Misstrauen zu säen, das man vorgibt, bekämpfen zu wollen.

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