Die hohe Kunst der selektiven Empörung

Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen des öffentlich-rechtlichen Kosmos, sich in wohltemperierter Empörung über die Finanzierung anderer Institutionen zu äußern – vorzugsweise jener, die sich nicht im eigenen Haushalt wiederfinden. Wenn das ZDF also mit ernstem Blick beklagt, dass die Kirchen jährlich 624 Millionen Euro aus Steuermitteln erhalten, dann klingt das zunächst wie ein Akt journalistischer Aufklärung, beinahe wie ein fiskalischer Weckruf. Allein: Die eigentliche Pointe entfaltet sich erst im zweiten Blick, jenem leicht verschmitzten, der die Frage stellt, aus welcher Höhe diese moralische Betrachtung erfolgt. Und siehe da: Es sind rund 2,54 Milliarden Euro jährlich, gespeist aus jenem eigentümlichen Konstrukt namens Rundfunkbeitrag – von Kritikern gern als „Zwangsbeitrag“ tituliert, von seinen Verwaltern als Ausdruck demokratischer Medienordnung verteidigt.

Die Szene erinnert an eine Theateraufführung, in der der Hauptdarsteller mit Pathos die Verschwendungssucht der Nebenfiguren geißelt, während hinter ihm die Kulissen aus vergoldetem Pappmaché wackeln. Es ist nicht die Kritik an den Kirchen, die irritiert – diese ist legitim, notwendig, ja überfällig –, sondern die auffällige Blindheit gegenüber der eigenen finanziellen Dimension. Eine Blindheit, die weniger medizinisch als vielmehr institutionell bedingt scheint.

Die Ökonomie der moralischen Überlegenheit

Der Vergleich der Summen wirkt dabei wie eine kleine mathematische Groteske: 624 Millionen hier, 2,54 Milliarden dort – eine Relation, die selbst ohne Taschenrechner eine gewisse Asymmetrie erkennen lässt. Doch im Diskurs wird diese Asymmetrie mit bemerkenswerter Eleganz umschifft. Man spricht über historische Verpflichtungen, über Staatskirchenverträge, über die Trennung von Kirche und Staat, und all das ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig.

Denn während die Kirchen zumindest nominell in einer historischen Schuldbeziehung zum Staat stehen, deren Wurzeln bis in die Säkularisation reichen, präsentiert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk als zeitlos notwendige Institution, deren Finanzierung keiner historischen Rechtfertigung bedarf, sondern sich aus der schieren Notwendigkeit ihrer Existenz speist. „Grundversorgung“ lautet das Zauberwort, ein Begriff von solcher Elastizität, dass er sowohl Bildungsprogramme als auch Samstagabendunterhaltung mühelos umfasst.

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In dieser Logik wird Kritik zur Einbahnstraße: Die Finanzierung der anderen ist problematisch, die eigene hingegen systemrelevant. Eine Unterscheidung, die weniger durch objektive Kriterien als durch institutionelle Perspektive geprägt ist.

Der Zwang als demokratische Tugend

Besonders reizvoll wird die Debatte, wenn der Begriff des „Zwangs“ ins Spiel kommt. Während staatliche Zahlungen an die Kirchen als Relikt vergangener Machtverhältnisse dargestellt werden, erscheint der Rundfunkbeitrag als Ausdruck moderner Bürgerpflicht. Es ist ein Zwang, der keiner sein will, eine Verpflichtung, die sich als Freiheit verkleidet hat.

Man könnte versucht sein, hierin eine gewisse dialektische Eleganz zu erkennen: Der Bürger wird gezwungen, um frei informiert zu sein; er zahlt, um unabhängig zu bleiben; er finanziert, um nicht beeinflusst zu werden. Eine Konstruktion, die in ihrer Logik so geschlossen ist, dass sie kaum noch Angriffsfläche bietet – außer vielleicht für jene, die den leisen Verdacht hegen, dass hier ein System sich selbst legitimiert.

Die Kirchen als dankbare Projektionsfläche

Dass ausgerechnet die Kirchen in diesem Kontext als Zielscheibe dienen, ist kein Zufall. Sie bieten eine ideale Projektionsfläche: historisch belastet, gesellschaftlich umstritten, moralisch nicht unfehlbar. Kritik an ihnen lässt sich leicht formulieren und findet ein dankbares Publikum. Es ist, um es leicht zynisch zu formulieren, die bequemste Form der Systemkritik – eine, die das eigene System nicht berührt.

Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht frei von Kritik ist. Fragen nach Effizienz, nach Programmauftrag, nach politischer Ausgewogenheit – sie stehen seit Jahren im Raum. Doch sie werden selten mit derselben Vehemenz diskutiert wie die Finanzierung der Kirchen. Vielleicht, weil sie unangenehmer sind. Vielleicht auch, weil sie näher gehen.

Die Ironie der Selbstbeobachtung

Es ist diese Ironie, die der Debatte ihre eigentliche Würze verleiht: Eine Institution, die sich der kritischen Beobachtung der Gesellschaft verschrieben hat, zeigt sich bemerkenswert zurückhaltend, wenn es um die Beobachtung ihrer selbst geht. „Journalismus“, so könnte man spöttisch formulieren, „beginnt immer bei den anderen.“

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Doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt ein Problem. Denn Glaubwürdigkeit entsteht nicht nur durch die Kritik an anderen, sondern auch durch die Bereitschaft zur Selbstkritik. Wer mit dem Finger zeigt, sollte zumindest gelegentlich einen Blick auf die eigene Hand werfen.

Die Bilanz der doppelten Maßstäbe

Am Ende bleibt der Eindruck einer Debatte, die weniger durch ihre Inhalte als durch ihre Perspektive geprägt ist. Die Kritik an den Kirchen mag berechtigt sein, doch sie wirkt seltsam unvollständig, wenn sie nicht von einer gleichwertigen Reflexion der eigenen Position begleitet wird. Es ist, als würde man die Schieflage eines Gebäudes beklagen, während man selbst auf einem schiefen Fundament steht.

Vielleicht ist dies die eigentliche Lehre dieser kleinen fiskalischen Episode: dass moralische Autorität nicht aus der Höhe der eigenen Einnahmen erwächst, sondern aus der Konsistenz der eigenen Maßstäbe. Und dass es, bei aller berechtigten Kritik, gelegentlich hilfreich sein könnte, den Blick nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu richten.

Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Wer im Glashaus der Milliarden sitzt, sollte mit den Millionen der anderen nicht allzu laut werfen.

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