Die hohe Kunst der betreuten Demokratie

Es gehört zu den erquicklichsten Paradoxien unserer Epoche, dass ausgerechnet jene, die unablässig die „Vielfalt der Perspektiven“ beschwören, bei der ersten tatsächlichen Perspektive außerhalb ihres eigenen Koordinatensystems Schnappatmung bekommen. Eine illustre Runde aus Aktivisten, Antifa-Dokumentaristen und einschlägig bekannten Journalisten hat nun unter dem feierlich säuselnden Titel „Appell für einen demokratischen und humanistischen Diskurs in den Medien“ die moralische Sirene betätigt, alldieweil die ARD-Talkshow Caren Miosga es gewagt hat, den AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla einzuladen und ihn mit der Frage zu konfrontieren, ob Donald Trump ein Vorbild für Deutschland sei. Für die Unterzeichner ist das kein journalistischer Vorgang, sondern ein Fanal, ein Dammbruch, die mediale Wiederkehr des 30. Januar – kurz: die „Normalisierung extrem rechter, autoritärer, demokratie- und menschenfeindlicher Positionen“. Man muss sich das vorstellen: Eine Talkshow stellt eine zugespitzte Frage – und schon wittert man den Untergang des Abendlandes, diesmal live im Ersten, 21:45 Uhr, mit Untertiteln für Hörgeschädigte und moralischem Vibrato.

Der Appell liest sich wie ein Seminarreader für Fortgeschrittene im Fach „Alarmismus und diskursive Exorzistik“. Trump erscheint als dämonische Chiffre, Chrupalla als deren hiesiger Statthalter, die ARD als fahrlässige Bühne für den großen Maskenball der Autoritären. Dass eine Talkshowfrage – wohlgemerkt eine kritische – bereits als Verharmlosung gilt, verrät ein eigenwilliges Verständnis von Öffentlichkeit: Diskurs ja, aber bitte nur als liturgische Bekräftigung der eigenen Gewissheiten. Demokratie als Resonanzraum der Zustimmung, nicht als Zumutung der Auseinandersetzung. Man möchte den Unterzeichnern zurufen: Wer politische Positionen nur noch in Quarantäne diskutieren will, betreibt keine Hygiene, sondern betreute Demokratie.

Der öffentlich rechtliche Rundfunk als moralische Wellnessoase

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, so heißt es, müsse „Demokratie- und Menschenfeindlichkeit deutlich zurückweisen“ und dürfe sie nicht als „mögliche Alternative darstellen“. Das klingt streng, tugendhaft, beinahe asketisch. Nur stellt sich die Frage, wie realitätsnah diese Empörung ist. In den großen Talkformaten von ARD und ZDF – neben Caren Miosga etwa Markus Lanz, Maischberger, Maybrit Illner oder Hart aber fair – lag der AfD-Anteil an Gästen zuletzt im homöopathischen Bereich, während die Partei in Umfragen stabil zweistellige, teils zwanzig- bis dreißigprozentige Werte erzielt. Man kann gewiss darüber streiten, ob Repräsentation linear zur Umfragekurve verlaufen muss; doch wer bei unter zwei Prozent Sendeanteil von „Normalisierung“ spricht, hat entweder eine sehr kreative Definition von Normal oder ein sehr empfindliches Nervenkostüm.

TIP:  Ein Lehrstück in toleranter Intoleranz

Der gebührenfinanzierte Rundfunk steht unter dem leisen, aber stetigen Druck der Zwangsfinanzierung: Jeder zahlt, auch der politisch Unbequeme, auch derjenige, der sich im Programm nicht wiederfindet. Und dennoch wirkt das redaktionelle Milieu nicht selten wie eine moralische Wellnessoase für jene, die sich selbst als Bollwerk gegen rechts begreifen. Wer die parteipolitischen Präferenzen in Volontärsjahrgängen und Redaktionsfluren kennt, ahnt, dass der behauptete „Kampf gegen Rechts“ weniger Außeneinsatz als Inneneinrichtung ist. Die Ironie der Geschichte: Während draußen das Gespenst der „Normalisierung“ beschworen wird, ist drinnen längst eine bemerkenswerte Homogenität eingezogen – ein Pluralismus der Nuancen, nicht der Grundüberzeugungen.

Die Unterzeichner als lebende Fußnoten des Zeitgeists

Besonders aufschlussreich ist ein Blick auf die Unterzeichner. Man trifft auf Aktivisten und Publizisten, die seit Jahren im Modus des permanenten Antifa-Reportageeinsatzes operieren. Namen wie Andrea Röpke oder André Aden stehen für eine Praxis, bei der rechte Akteure fotografisch katalogisiert und publizistisch gerahmt werden – eine Mischung aus Dokumentation, Detektion und moralischer Kuratierung. Das ist legitim, solange man es als politisches Engagement versteht. Nur wird es unerquicklich, wenn eben dieses Engagement als neutraler Maßstab für „demokratischen Diskurs“ ausgegeben wird.

Hinzu kommen Figuren wie Krsto Lazarević, Pressesprecher eines grünen Europaabgeordneten, oder Annika Brockschmidt, die sich in der Vergangenheit mit linksextremen Akteuren solidarisch zeigte. Mario Sixtus, freier ZDF-Autor, sorgte mit drastischen Vergleichen und geschmacklosen Jubelbekundungen international für Irritationen. Thomas Laschyk betreibt mit „Volksverpetzer“ eine Plattform, die sich der Entlarvung rechter „Fake News“ verschrieben hat – was nicht selten in der kreativen Auslegung missliebiger Positionen endet. Und Jean Peters, bekannt aus der Correctiv-Recherche zum sogenannten „Geheimtreffen“, kokettierte einst selbstironisch mit dem Label „Antifa“.

All das ist nicht skandalös; es ist politisches Leben. Skandalös wird es erst, wenn genau diese Akteure mit der Pose überparteilicher Hüter des Diskurses auftreten und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nahelegen, noch entschlossener gegen jene vorzugehen, die sie ohnehin seit Jahren bekämpfen. Man könnte auch sagen: Der Chor der Überzeugten fordert vom Orchester, künftig nur noch in der eigenen Tonart zu spielen.

TIP:  WOKE.exposed

Die Sehnsucht nach der hermetischen Republik

Hinter dem Appell steht eine tiefere Sehnsucht: die nach einer hermetischen Republik, in der das moralisch Falsche zwar existiert, aber bitte nicht in der Hauptsendezeit, schon gar nicht im Plauderton. Doch Demokratie ist kein Kurort, sondern ein Marktplatz. Sie lebt von der Zumutung, dass Positionen ausgesprochen, befragt, widerlegt werden – nicht von der Illusion, man könne sie durch Nicht-Einladung zum Verschwinden bringen. Wer glaubt, die AfD schrumpfe, wenn man sie nicht einlädt, verwechselt politische Auseinandersetzung mit Diätetik.

Am Ende bleibt von dem groß angekündigten Appell eine überschaubare Zahl von Unterzeichnern und eine große Geste moralischer Entrüstung. Vielleicht ist das bezeichnend: Die „Linksanstalten“, wie Kritiker den ÖRR nennen, sollen nach Meinung der Unterstützer noch einen Zahn zulegen, noch klarer, noch schärfer, noch entschiedener gegen „Intoleranz“ auftreten. Man wünscht sich den Linksruck im Namen der Offenheit, die Engführung im Namen der Vielfalt, die Diskursverknappung im Namen des Humanismus. Es ist ein Schauspiel von beinahe barocker Überfülle an Widerspruch – tragisch gemeint, komisch wirkend.

Und so sitzt der Zuschauer vor dem Fernseher, zahlt seine Gebühr und staunt: Nicht über die Einladung eines Oppositionspolitikers, sondern über die erstaunliche Fähigkeit eines Teils der medialen Elite, in jeder Abweichung vom eigenen Weltbild bereits den Untergang zu wittern. Vielleicht ist das die eigentliche Normalisierung unserer Zeit – die Normalisierung der Dauerempörung. Ein bisschen weniger Pathos, ein bisschen mehr Gelassenheit: Das wäre womöglich der humanistischste Diskurs, den man sich wünschen könnte.

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