Die hohe Kunst der banalen Offenbarung

Es gibt Sätze, die so vollkommen sind, dass sie sich jeder Kritik entziehen – nicht, weil sie besonders tiefgründig wären, sondern weil sie sich auf einer Höhe bewegen, die unterhalb jeder denkbaren Falllinie liegt. „Wer weniger Sprit verbraucht, muss weniger für Treibstoff bezahlen.“ Ein Satz, der klingt, als sei er in einem jener pädagogischen Arbeitshefte entstanden, in denen kleine Kinder lernen, dass Wasser nass und Feuer warm ist. Und doch stammt er aus dem Munde von Christian Stocker, also aus jener Sphäre, in der Sprache üblicherweise dazu dient, Komplexität zu verdichten – oder zumindest so zu tun.

Man könnte diesen Satz zunächst für eine Art intellektuelles Versehen halten, ein Ausrutscher im Halbschlaf zwischen zwei Presseterminen. Doch seine eigentliche Qualität entfaltet sich erst bei genauerer Betrachtung: Er ist kein Fehler, sondern Programm. Die politische Kommunikation hat sich, offenbar aus Gründen der Effizienz oder aus schlichter Resignation, auf eine Ebene zurückgezogen, auf der selbst die banalste Erkenntnis noch als Pointe verkauft werden kann. Es ist die rhetorische Version eines Beipackzettels, der stolz verkündet, dass man weniger Kalorien zu sich nimmt, wenn man weniger isst.

Die Infantilisierung der Öffentlichkeit

In dieser Logik wird die Öffentlichkeit nicht mehr als denkendes Gegenüber adressiert, sondern als eine Art freundlich verwirrtes Publikum, das dankbar für jede Form von Orientierung ist – sei sie auch noch so trivial. „Wenn es regnet, wird man nass“, könnte der nächste Regierungssprecher erklären, gefolgt von zustimmendem Nicken und einer Pressekonferenz, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Regenschirme eine innovative Zukunftstechnologie darstellen.

Das Problem liegt nicht in der einzelnen Aussage, sondern in ihrer impliziten Annahme: dass solche Sätze überhaupt notwendig sind. Denn entweder hält man das Publikum für unfähig, die einfachsten Zusammenhänge selbst zu erkennen, oder man hat sich daran gewöhnt, dass politische Kommunikation nicht mehr informieren, sondern lediglich Geräusche produzieren soll – beruhigende, gleichförmige Geräusche, die den Eindruck von Aktivität vermitteln, während inhaltlich nichts geschieht.

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Ein besonders schönes Beispiel für diese rhetorische Gattung wäre etwa die fiktive Aussage: „Wer mehr verdient, hat mehr Geld zur Verfügung.“ Oder: „Wer weniger arbeitet, hat mehr Freizeit.“ Es sind Sätze, die eine Wahrheit enthalten, aber keine Erkenntnis. Und genau darin liegt ihre perfide Eleganz.

Die Ökonomie des Offensichtlichen

Dass ein Regierungschef sich auf diese Weise äußert, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Verschiebung. Politik ist längst nicht mehr primär Problemlösung, sondern Darstellung. Es geht weniger darum, komplexe Sachverhalte zu erklären oder gar zu bewältigen, als darum, eine möglichst einfache Botschaft zu liefern, die sich in Schlagzeilen verwandeln lässt, ohne das Risiko einzugehen, missverstanden zu werden – oder schlimmer noch: verstanden zu werden.

Der zitierte Satz erfüllt all diese Kriterien perfekt. Er ist unangreifbar, weil er tautologisch ist. Er ist einleuchtend, weil er nichts erklärt. Und er ist anschlussfähig, weil er keine Position bezieht. Eine Meisterleistung der Inhaltsvermeidung.

Man stelle sich vor, diese Logik würde konsequent angewendet: „Wer weniger heizt, verbraucht weniger Energie.“ „Wer weniger ausgibt, spart mehr.“ „Wer weniger redet, sagt weniger.“ Eine Regierung, die sich ganz dem Offensichtlichen verschreibt, wäre zumindest eines: konsistent.

Der Charme des Zynismus

An dieser Stelle drängt sich eine gewisse Ungeduld auf, die sich in Sätzen äußert wie: „Bitte, machen Sie für Ihre 23.000 Euro, was Sie wollen – einen Modellbaukurs oder was auch immer –, aber verschonen Sie die Öffentlichkeit mit derartigen Belehrungen.“ Es ist der verständliche Reflex auf eine Kommunikation, die weniger ernst nimmt, als sie ernst genommen werden möchte.

Doch gerade hier liegt die eigentliche Pointe: Der Zynismus ist längst Teil des Systems geworden. Die Erwartung, dass politische Aussagen gehaltvoll sein sollten, wirkt in diesem Kontext beinahe naiv. Vielleicht ist der zitierte Satz also gar keine Entgleisung, sondern eine ehrliche Momentaufnahme – ein seltenes Beispiel für Transparenz. Denn er sagt, was er ist: nichts weiter als eine Selbstverständlichkeit.

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Die letzte Ironie

Und so bleibt am Ende eine gewisse Bewunderung zurück. Nicht für den Inhalt, versteht sich, sondern für die Konsequenz. In einer Welt, in der alles kompliziert ist, hat man sich offenbar entschlossen, die Dinge radikal zu vereinfachen – bis zur völligen Bedeutungslosigkeit.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Wer weniger erwartet, wird weniger enttäuscht. Ein Satz, der – man muss es zugeben – in seiner stillen Resignation fast schon wieder wahr klingt.

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