Es gehört zu den bemerkenswertesten kulturellen Leistungen Europas, dass es eine ganze Zivilisation hervorgebracht hat, die zugleich Newton, Kant, Bach und den Verbrennungsmotor produzierte – und dennoch in der Lage ist, sich in der Energiepolitik so elegant selbst matt zu setzen, dass man beinahe geneigt ist, dies als Performancekunst zu würdigen. Man steht gewissermaßen vor einem geopolitischen Schachbrett, auf dem die Figuren mit großer Ernsthaftigkeit bewegt werden: Sanktionen hier, Embargos dort, moralische Grundsatzreden im Zentrum. Die Kommentatoren nicken gravitätisch, die Pressekonferenzen sind von staatsmännischer Schwere, und irgendwo im Hintergrund läuft eine PowerPoint mit dem Titel „Strategische Resilienz 2035“. Doch während die Figuren mit großer Würde verschoben werden, stellt sich leise die Frage, ob jemand bemerkt hat, dass man die ganze Zeit gegen sich selbst spielt. Russland kündigt also an, einen erheblichen Teil seines verbleibenden Flüssiggases künftig nach Asien umzuleiten. China, Indien, Thailand – dort wird das nicht als Tragödie wahrgenommen, sondern eher als logistisches Detail im Sinne von: „Ach, kommt noch ein Tanker? Wie angenehm.“ Und Europa? Europa schaut auf das Schiff, das am Horizont verschwindet, und murmelt mit leichtem Erstaunen: „Moment … war das nicht unser Gas?“
Moral als Energiequelle
Man muss an dieser Stelle die moralische Dimension würdigen, denn Europa hat sich bekanntlich entschieden, nicht nur Energiepolitik zu betreiben, sondern zugleich Weltethik. Das ist ein ambitioniertes Projekt. Während andere Regionen der Erde nüchtern fragen, wie viele Moleküle Methan pro Sekunde durch eine Pipeline passen, beschäftigt sich Europa mit der deutlich höheren Frage, wie viele moralische Prinzipien pro Pressekonferenz transportiert werden können. Das Problem besteht lediglich darin, dass moralische Integrität – so wertvoll sie philosophisch sein mag – thermodynamisch eine ausgesprochen schwache Heizleistung besitzt. Man kann sie in Leitartikeln hervorragend verbrennen, aber Radiatoren reagieren darauf eher kühl. Das führt zu einer eigenartigen Diskrepanz: Auf politischer Ebene herrscht die feierliche Überzeugung, man habe eine historische Entscheidung getroffen; auf physikalischer Ebene hingegen gilt weiterhin die alte, unromantische Regel, dass Energie irgendwo herkommen muss. Und wenn sie nicht mehr aus dem Osten kommt, dann kommt sie eben aus dem Süden, dem Westen oder – mit etwas Glück – aus der Zukunft. Letzteres ist besonders beliebt, weil die Zukunft bekanntlich ein äußerst zuverlässiger Lieferant ist: Sie liefert immer morgen.
Der Markt der plötzlichen Freunde
Also blickt Europa sich um und entdeckt mit einiger Verzögerung, dass Energiehandel ein Markt ist und keine moralische Theaterbühne. Katar etwa, dieses kleine, gasreiche Emirat, das jahrelang eher als geopolitische Randnotiz behandelt wurde, hat inzwischen etwas sehr Unromantisches getan: Es hat Verträge abgeschlossen. Langfristige, stabile, milliardenschwere Verträge mit Kunden, die eine erstaunlich altmodische Vorstellung von Energiepolitik besitzen – nämlich dass man sie langfristig sichern sollte. Diese Kunden sitzen häufig in Asien, wo man Energiepolitik mit der gleichen Nüchternheit betreibt wie Hafenlogistik oder Stahlproduktion. Europa hingegen entdeckte plötzlich, dass moralische Distanz zu einem Lieferanten eine interessante Strategie ist, solange man gleichzeitig langfristige Verträge mit ihm abschließt. Wenn man jedoch auf beides verzichtet, entsteht eine gewisse Lücke – eine Art energetischer Zwischenraum, der politisch mit Optimismus gefüllt wird, physikalisch jedoch eher mit kalter Luft.
Der transatlantische Rettungsanker
Natürlich gibt es immer noch den großen Freund jenseits des Atlantiks. In europäischen Debatten erscheint amerikanisches LNG gelegentlich wie eine Mischung aus Kavallerie, Technologie und Erlösung. Die Tanker kommen, die Freiheit weht über den Ozean, und irgendwo spielt symbolisch eine Blaskapelle. Nur hat die Realität die unhöfliche Angewohnheit, nicht dramaturgisch zu denken. LNG-Terminals haben Kapazitätsgrenzen, Anlagen können ausfallen, und auch andere Länder besitzen Heizungen. Der globale Gasmarkt gleicht daher weniger einer rettenden Pipeline als vielmehr einem überfüllten Bahnhof, auf dem mehrere Kontinente gleichzeitig versuchen, in denselben Zug einzusteigen. Europa steht dabei mit bemerkenswerter Würde am Bahnsteig und erklärt, dass man ohnehin langfristig lieber Fahrrad fahren wollte.
Die poetische Energie des Flatterstroms
An dieser Stelle betritt der poetischste Begriff der modernen Energiepolitik die Bühne: Flatterstrom. Schon das Wort hat eine gewisse literarische Eleganz. Man hört förmlich das Rascheln von Windrädern im Morgenlicht und sieht Solarpaneele, die sich wie philosophische Sonnenblumen dem Himmel zuwenden. Die Vision ist großartig: eine Welt aus sauberer, unerschöpflicher Energie, gewonnen aus Wind und Sonne, den beiden ältesten Naturkräften der Erde. Leider besitzen beide eine Eigenschaft, die sie politisch etwas unkooperativ macht: Sie lassen sich nicht kommandieren. Der Wind weht, wenn er möchte, und die Sonne scheint – mit einer gewissen Sturheit – nur tagsüber. Das führt zu einem energetischen Zustand, der an ein Fahrrad ohne Kette erinnert: technisch beeindruckend, ökologisch vorbildlich, aber im entscheidenden Moment von einer gewissen Bewegungshemmung betroffen. Dann beginnt das System zu stottern wie ein philosophischer Motor, der zwar hervorragende Prinzipien besitzt, aber keinen Treibstoff.
Die Kunst der Zuversicht
Und doch bleibt die europäische Energiepolitik von einem bemerkenswerten Optimismus getragen. Pressekonferenzen sind ein wunderbares Medium für diese Zuversicht. Dort wird erklärt, dass man sich auf einem historischen Transformationspfad befinde, dass Resilienz aufgebaut werde, dass Diversifizierung stattfinde und dass strategische Autonomie bald erreicht sei. Diese Begriffe besitzen eine hypnotische Wirkung: Je häufiger man sie wiederholt, desto plausibler erscheinen sie. Die Energieversorgung verwandelt sich dabei sprachlich in eine Art metaphysisches Projekt, bei dem Zukunft, Innovation und Werte zusammen eine unsichtbare Infrastruktur bilden, die irgendwo zwischen Brüssel und der Atmosphäre schwebt. In dieser Welt wird Gas fast zu einer Nebensache, ein altmodischer Brennstoff aus der fossilen Vergangenheit, während die eigentliche Energie offenbar aus Kommunikation entsteht.
Heiße Luft als europäische Spezialität
Vielleicht liegt darin sogar eine gewisse kulturelle Konsequenz. Europa war immer ein Kontinent der Ideen. Die Aufklärung, die Menschenrechte, die Philosophie – all das entstand aus langen Diskussionen, leidenschaftlichen Debatten und der festen Überzeugung, dass Gedanken die Welt verändern können. Es wäre also fast unhistorisch, wenn Europa plötzlich anfangen würde, Energiepolitik rein technisch zu betreiben. Stattdessen produziert man weiterhin das, was dieser Kontinent seit Jahrhunderten im Überfluss hervorbringt: Diskurs. Talkshows, Strategiepapiere, Gipfeltreffen, Panels über nachhaltige Transformation – eine beeindruckende industrielle Landschaft der Worte. Und wenn man ganz ehrlich ist, dann erzeugen diese Formate tatsächlich eine Form von Energie. Sie ist unsichtbar, schwer messbar und besitzt eine gewisse thermische Qualität. Man könnte sie vielleicht so beschreiben: ein unerschöpflicher Strom aus rhetorischer Hitze. In dieser Hinsicht steht Europa also keineswegs vor einer Energiekrise. Heiße Luft gibt es mehr als genug.