Die große Nüchternheit

Es gibt Sätze, die klingen, als seien sie in einem Zustand milder Entrückung formuliert worden, vielleicht nach zu langem Aufenthalt in einem Raum mit schlecht belüfteten Ideen. „Unsere Energiewende wird auf der ganzen Welt kopiert.“ Ein Satz von jener schwebenden Leichtigkeit, die sonst nur Werbeslogans für Diätprodukte oder Durchhalteparolen in gescheiterten Start-ups eigen ist. Man möchte fast fürsorglich eingreifen, ein Glas Wasser reichen, ein Fenster öffnen und mit leiser Stimme sagen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens: vorher kurz auf die Stromrechnung schauen.

Denn die Realität – dieses notorisch unpoetische, ja fast schon taktlose Gegenstück politischer Rhetorik – besitzt die unerquicklichste Eigenschaft, sich messen zu lassen. Und während also irgendwo auf der Welt angeblich Kopiermaschinen heißlaufen, die das deutsche Modell vervielfältigen, steht der deutsche Privathaushalt im Halbdunkel seiner Küche, betrachtet die Stromrechnung und überlegt, ob man Nudeln nicht vielleicht auch durch intensives Reiben aneinander garen könnte. 39,4 Cent pro Kilowattstunde im zweiten Halbjahr 2024, 38,4 Cent im ersten Halbjahr 2025 – Zahlen, die weniger nach „Erfolgsmodell“ klingen als nach einem exklusiven Club, dessen Mitgliedsbeitrag monatlich abgebucht wird, ohne dass man je gefragt worden wäre, ob man überhaupt eintreten möchte.

Es gehört zu den eleganteren Tricks politischer Kommunikation, Erfolg nicht daran zu messen, ob etwas günstig, effizient oder funktional ist, sondern daran, ob es sich gut erzählen lässt. Die Energiewende als internationales Vorbild – das ist ein Narrativ von der Sorte, die auf Konferenzen hervorragend funktioniert, vorzugsweise bei Häppchen, deren Preis pro Gramm vermutlich unterhalb einer deutschen Kilowattstunde liegt. Das Publikum nickt, die Übersetzer schwitzen, und irgendwo notiert ein Praktikant das Wort „Leuchtturmprojekt“, obwohl draußen längst jemand vergessen hat, das Licht auszuschalten, weil man sich die Gewohnheit nicht mehr leisten kann.

Exportweltmeister der Selbstvergewisserung

Deutschland war einmal stolz darauf, Dinge zu exportieren, die tatsächlich jemand haben wollte: Maschinen, Autos, chemische Produkte, gelegentlich auch Philosophie. Nun exportiert man offenbar Selbstvergewisserung. „Die Welt kopiert uns“ – ein Satz, der sich anhört wie das energiewirtschaftliche Pendant zum Klassenprimus, der laut verkündet, alle hätten bei ihm abgeschrieben, während die Mitschüler in Wahrheit längst bei jemand anderem spicken.

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Natürlich ist es nicht völlig abwegig, dass andere Länder den Ausbau erneuerbarer Energien beobachten. Beobachten heißt allerdings noch lange nicht bewundern, geschweige denn imitieren. Man beobachtet auch Verkehrsunfälle sehr aufmerksam, ohne sofort auf die Idee zu kommen, sie nachzustellen. Und wenn irgendwo ein Finanzminister beim Anblick deutscher Strompreise nervös zum Taschenrechner greift, dann möglicherweise nicht aus Neid, sondern aus einem gesunden Instinkt zur Haushaltsdisziplin.

Der Clou liegt im Wörtchen „Kosten senken“. Es ist ein schönes Wortpaar, beinahe romantisch, wie „Sommerregen“ oder „steuerfrei“. Nur steht es hier in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu den Eurostat-Daten, die sich mit der Hartnäckigkeit eines schlecht erzogenen Kindes immer wieder in den Vordergrund drängen. Höchste Strompreise der EU – zweimal in Folge. Wenn das die gesenkten Kosten sind, möchte man die ungesenkten gar nicht erst kennenlernen. Vermutlich müssten sie dann in einem gesonderten Haushaltsposten zwischen „Luxusjacht“ und „privatem Weltraumprogramm“ geführt werden.

Die hohe Kunst der Perspektive

Vielleicht liegt das Problem schlicht in der Perspektive. Aus der Vogelperspektive sieht alles beeindruckend aus: Windräder drehen sich majestätisch, Solarfelder glitzern wie moderne Kathedralen, und irgendwo murmelt ein Diagramm etwas von steigenden Kapazitäten. Erst wenn man auf Bodenhöhe zurückkehrt – also dort, wo Menschen tatsächlich wohnen und Rechnungen bezahlen – verwandelt sich die heroische Erzählung in eine Art finanzielles Fitnessprogramm: stärker werden durch Belastung.

Man darf nicht vergessen: Hohe Preise haben auch eine erzieherische Funktion. Sie lehren Demut. Sie fördern Kreativität. Sie bringen Familien einander näher, wenn man gemeinsam überlegt, ob der Kühlschrank wirklich rund um die Uhr laufen muss oder ob man ihn nicht als eine Art gelegentliches Überraschungselement behandeln könnte. Warmes Licht wird wieder zum Ereignis. Der Wasserkocher erhält den Status eines Luxusgeräts, irgendwo zwischen Espressomaschine und Wochenendtrip nach Nizza.

Und doch bleibt ein Rest Verwunderung darüber, mit welcher Gelassenheit der Begriff „Erfolg“ verwendet wird. Erfolg wofür genau? Für den Ausbau? Für die Geschwindigkeit? Für die moralische Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen? All das mag stimmen. Aber Geschichte hat die unerquicklich nüchterne Angewohnheit, irgendwann auch die Fußnoten zu lesen – und dort stehen dann meist die Kosten.

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Fortschritt mit Preisschild

Es wäre zu einfach, sich über erneuerbare Energien lustig zu machen; sie sind notwendig, und niemand mit funktionierendem Realitätssinn schlägt ernsthaft vor, zur Dampflok zurückzukehren. Der satirische Reiz liegt vielmehr in der Diskrepanz zwischen Tonfall und Temperatur der Fakten. Wenn man ein Modell als global bewundert beschreibt, während gleichzeitig die eigenen Bürger den teuersten Strom Europas bezahlen, entsteht ein rhetorisches Kunstwerk von beinahe barocker Üppigkeit.

Vielleicht handelt es sich um eine neue Form des Fortschritts: je teurer, desto vorbildlicher. Eine Art energetischer Haute Couture. Andere Länder tragen noch Konfektionsware, während Deutschland bereits auf dem Laufsteg schreitet – ein wenig blass vielleicht, aber stilbewusst. Wer kann sich schon gegen ein Modell wehren, das so konsequent zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt?

Der Verdacht drängt sich auf, dass hier weniger Drogen im Spiel sind als eine Überdosis Optimismus, verabreicht in homöopathischen, aber dauerhaft wirkenden Dosen. Optimismus ist schließlich die gesellschaftlich akzeptierte Droge der Politik: rezeptfrei, nebenwirkungsreich und besonders wirksam in Interviews.

Ein Plädoyer für klare Sinne

Am Ende geht es gar nicht darum, ob die Energiewende richtig oder falsch ist; große Transformationen sind selten billig und nie bequem. Es geht um den Mut zur ungeschönten Beschreibung. Man könnte sagen: Ja, wir bauen um, ja, es kostet viel, ja, es wird dauern. Das wäre unerquicklich, aber ehrlich – und Ehrlichkeit hat den Vorteil, dass sie ohne Halluzinationen auskommt.

„Hände weg von Drogen“ ist deshalb weniger eine moralische Mahnung als ein erkenntnistheoretischer Rat. Politik sollte nüchtern sein, nicht im Sinne freudloser Technokratie, sondern im Sinne klarer Wahrnehmung. Wer die Realität nur noch durch die rosarote Brille strategischer Kommunikation betrachtet, läuft Gefahr, irgendwann gegen einen Laternenpfahl zu laufen – was besonders ärgerlich ist, wenn dessen Strom ebenfalls teuer war.

Vielleicht wird die Welt eines Tages tatsächlich sagen: Schaut nach Deutschland, so macht man das. Vielleicht auch nicht. Bis dahin wäre es schon ein Fortschritt, wenn man Erfolg nicht ausschließlich daran misst, wie gut er klingt, sondern auch daran, wie sehr er sich bezahlt macht – im wörtlichen Sinne. Und falls doch wieder jemand allzu schwärmerisch vom globalen Kopieren spricht, sollte man freundlich nicken, tief durchatmen und leise wiederholen: Hände weg von Drogen. Oder wenigstens von allzu berauschenden Metaphern.

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