Die große Leerstelle im Seminarplan

Es gehört zu den eigentümlichen Kuriositäten der deutschen Gegenwartswissenschaft, dass sie sich mit einer bemerkenswerten Leidenschaft auf alles stürzt, was sie bereits für gefährlich hält – während sie das, was womöglich tatsächlich existiert, lieber diskret übersieht. Das hat etwas von einem Jäger, der aus ideologischen Gründen ausschließlich nach Tigern Ausschau hält, obwohl im Wald vor allem Wildschweine herumlaufen. Der Titel Der Kampf ist nicht zu Ende – jener Monografie über den Linksextremismus in Deutschland aus dem Jahr 2019 – klingt deshalb im akademischen Kontext fast schon wie eine Drohung: ein letzter Gruß aus einer Forschungsrichtung, die kurz darauf in den wohlverdienten Ruhestand geschickt wurde. Der Erstautor, Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, verabschiedete sich altersbedingt – und mit ihm verschwand offenbar auch der institutionelle Wille, sich weiterhin systematisch mit linksextremen Milieus zu beschäftigen. Der Forschungsverbund wurde beendet, ein Nachfolger fand sich nicht, und so wurde aus einem Forschungsfeld eine Art akademische Ruinenlandschaft, über die nur noch gelegentlich ein irritierter Politikwissenschaftler stolpert. Man könnte fast meinen, die Universitäten hätten beschlossen, dass ein Problem, das nicht untersucht wird, auch nicht existiert. Eine Methode, die in der Wissenschaftsgeschichte zwar selten als Erkenntnisinstrument empfohlen wurde, aber erstaunlich gut zur akademischen Befindlichkeitspolitik unserer Tage passt.

Forschungsförderung nach moralischer Temperatur

Natürlich gibt es für dieses Schweigen Gründe – und sie sind weniger geheimnisvoll, als man vielleicht denken könnte. Wie der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen in einem Interview bemerkte, mangelt es schlicht an Finanzierung. Aber Geld ist in der Wissenschaft selten ein Zufallsprodukt; es folgt Prioritäten, und Prioritäten folgen Weltbildern. Wenn also kaum Mittel für Linksextremismusforschung bereitgestellt werden, bedeutet das nicht nur, dass niemand bezahlt wird, um sich damit zu beschäftigen. Es bedeutet vor allem, dass es politisch und akademisch nicht erwünscht ist, sich damit zu beschäftigen. Hansen formulierte das höflicher: In der Politikwissenschaft sei es nicht karriereförderlich, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen. Das ist eine jener Sätze, die in ihrer trockenen Nüchternheit ein ganzes System entlarven. Denn Karriereförderlichkeit ist die heimliche Leitwährung moderner Universitäten. Sie entscheidet darüber, welche Themen Forschungsprojekte bekommen, welche Dissertationen betreut werden und welche Professuren entstehen. Und wenn ein Thema als Karrierekiller gilt, dann wird es von klugen Nachwuchswissenschaftlern gemieden wie ein Seminar zur mittelalterlichen Astrologie. Hinzu kommt eine gewisse romantische Grundmelodie: Linksextremisten, so lautet die verbreitete Vorstellung, wollten im Grunde das Gute – sie hätten sich nur leider im Ton vergriffen oder gelegentlich den falschen Molotowcocktail geworfen. Es ist eine moralische Erzählung, die den Unterschied zwischen politischer Gewalt und politischer Ungeduld auf die Größe eines Fußnotenproblems schrumpfen lässt.

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Drei Institute gegen rechts und keines gegen links

Ein kurzer Blick auf die institutionelle Landschaft genügt, um die Asymmetrie zu erkennen. Wer nach Forschungsstellen zum Rechtsextremismus sucht, stößt auf eine beachtliche Infrastruktur: Institute, Kompetenzzentren, Forschungsnetzwerke. Die Universitäten Tübingen, Jena und Leipzig verfügen über entsprechende Einrichtungen, ergänzt durch diverse Projekte und Arbeitsgruppen, die sich der Erforschung rechter Ideologien widmen. Das ist grundsätzlich begrüßenswert – Extremismus sollte selbstverständlich wissenschaftlich untersucht werden. Doch die Frage stellt sich, warum diese institutionelle Energie so auffällig einseitig verteilt ist. Wenn es um Linksextremismus geht, herrscht an deutschen Universitäten eine bemerkenswerte Stille. Keine Institute, keine Kompetenzzentren, keine großen Verbundprojekte. Man könnte fast meinen, der Linksextremismus sei ein seltenes zoologisches Wesen, das nur in alten Archivakten existiert. Dabei gibt es durchaus Hinweise auf seine Existenz – von militanten Gruppen über ideologische Netzwerke bis hin zu gelegentlichen Gewalttaten. Doch diese Phänomene scheinen im akademischen Fokus eine geringere Priorität zu genießen. Vielleicht, weil sie nicht in die moralische Dramaturgie passen, die viele Sozialwissenschaften inzwischen entwickelt haben: Die Welt ist ein Kampf zwischen progressiven Kräften und regressiven Kräften, und wer auf der vermeintlich progressiven Seite steht, kann per Definition kein echtes Problem darstellen.

Die Kunst, Bedrohungen zu konstruieren

Während also der Linksextremismus akademisch weitgehend unbehelligt bleibt, widmet sich ein beachtlicher Teil der Forschung der Analyse rechtsextremer Gefahren – selbst dort, wo diese empirisch nur schwer aufzuspüren sind. Ein Beispiel bietet eine Literaturübersicht zweier Wissenschaftler aus Flensburg, die sich mit „extrem rechten Tendenzen an Hochschulen“ beschäftigt. Der Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist bemerkenswert: Die Datenlage sei dürftig, es gebe kein bundesweites Monitoring, und aktuelle Zahlen zeigten nur geringe Anteile rechtsextremer Einstellungen unter Studierenden. Mit anderen Worten: Die empirische Grundlage ist dünn. Doch statt daraus die naheliegende Schlussfolgerung zu ziehen – nämlich dass das Problem möglicherweise begrenzt ist –, wird ein methodischer Kunstgriff angewendet. Rechtsextremismus und Rechtspopulismus werden kurzerhand zusammengelegt. Diese begriffliche Fusion ist ausgesprochen praktisch, denn sie erweitert das Untersuchungsfeld erheblich. Wer bislang nur eine kleine Gruppe extremistischer Akteure untersuchen konnte, erhält plötzlich Zugang zu einem deutlich größeren Reservoir politischer Meinungen. Der Trick ist so elegant wie effektiv: Man verwandelt eine seltene Erscheinung in ein weit verbreitetes Phänomen, indem man die Definition erweitert. Wissenschaftlich ist das zwar nicht unbedingt überzeugend, aber methodologisch – ein Wort, das in solchen Zusammenhängen immer besonders seriös klingt – durchaus kreativ.

Wenn Zahlen die falsche Geschichte erzählen

Das Problem beginnt allerdings dort, wo Zahlen ins Spiel kommen. Eine Studie aus dem Jahr 2020, die Studierende in Deutschland befragte, kommt zu einem erstaunlich unspektakulären Ergebnis: Nur 1,1 Prozent der Befragten weisen über alle Items hinweg rechtsextreme Einstellungen auf. Für eine Untersuchung, die eine Bedrohungslage an Hochschulen belegen möchte, ist das eine ziemlich unkooperative Zahl. Sie widersetzt sich hartnäckig der dramatischen Erzählung. Die Reaktion der Autoren wirkt daher fast rührend: Man bezeichnet diese Werte als „relativ gering“. Das ist eine jener Formulierungen, die in der Wissenschaft eine ganz besondere Funktion erfüllen. Sie ermöglichen es, ein Ergebnis anzuerkennen und gleichzeitig zu relativieren. Natürlich ist 1,1 Prozent gering – absolut betrachtet sogar sehr gering. Aber indem man das Wort „relativ“ hinzufügt, lässt sich die Tür für weitere Besorgnis offenhalten. Vielleicht, so könnte man interpretieren, ist 1,1 Prozent nur der Anfang. Vielleicht verbirgt sich hinter dieser Zahl eine dunkle Dunkelziffer. Vielleicht sind diese 1,1 Prozent besonders laut. Die Möglichkeiten sind endlos, wenn man sich erst einmal von der Tyrannei der empirischen Realität befreit hat.

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Diskriminierung als Beweis ohne Täter

Wenn die Zahlen nicht überzeugen, muss man eben andere Indikatoren bemühen. In der erwähnten Studie geschieht dies über Diskriminierungserfahrungen von Studierenden. Rund 27 Prozent berichten von Diskriminierung, häufig im Zusammenhang mit Migrationshintergrund. Das klingt alarmierend – bis man den entscheidenden Zusatz liest: Diese Erfahrungen implizieren nicht, dass sie von extrem rechten Personen ausgehen. Mit anderen Worten: Man hat ein Problem identifiziert, aber keinen Täter. Das hält die Autoren jedoch nicht davon ab, diese Ergebnisse in ihre Argumentation einzubauen. Es ist eine Form wissenschaftlicher Suggestion, die man mit etwas Bosheit als „empirisches Räucherstäbchen“ bezeichnen könnte: Man erzeugt eine Atmosphäre, in der ein bestimmter Verdacht plausibel wirkt, ohne ihn tatsächlich belegen zu müssen. Auch die Tatsache, dass 30 Prozent der Studierenden glauben, es gebe rechtspopulistische oder rechtsextreme Personen an ihrer Hochschule, wird als Hinweis präsentiert. Dass dies lediglich eine Wahrnehmung ist – und Wahrnehmungen bekanntlich stark von politischen Diskursen geprägt werden –, bleibt dabei eine Randnotiz.

Der Verdacht als wissenschaftliche Kategorie

Besonders interessant wird es, wenn die Studie sich der Frage widmet, wie man „rechte“ Wissenschaftler identifizieren kann. Die Antwort ist bemerkenswert schlicht: Man schaut sich an, wo sie publizieren und wer sie zitiert. Wenn jemand in bestimmten konservativen Medien veröffentlicht oder dort zitiert wird, kann das als Hinweis auf eine ideologische Verortung gelten. Die Logik erinnert ein wenig an mittelalterliche Ketzerprozesse, bei denen nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Gesellschaft, in der man sich bewegte, als Beweis galt. Wer die falschen Bücher las oder mit den falschen Leuten sprach, konnte schnell in den Verdacht der Häresie geraten. In der modernen Variante genügt offenbar schon die Kritik an Political Correctness oder Cancel Culture, um wissenschaftlich interessant zu werden – allerdings nicht als Debattenpartner, sondern als Untersuchungsobjekt. So verwandelt sich die Analyse politischer Ideen allmählich in eine Art moralische Kartografie: Hier die akzeptablen Positionen, dort die problematischen. Und irgendwo am Rand lauert der Verdacht.

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Die ironische Pointe der akademischen Moral

Die eigentliche Ironie dieser Entwicklung besteht darin, dass sie ausgerechnet in einem Milieu stattfindet, das sich selbst gern als Hort kritischer Reflexion versteht. Universitäten gelten traditionell als Orte, an denen jede Idee untersucht werden darf – gerade auch die unbequemen. Doch die Realität zeigt zunehmend ein anderes Bild: Bestimmte Themen gelten als legitim, andere als unerquicklich. Bestimmte Extremismen werden intensiv erforscht, andere eher ignoriert. Das hat weniger mit wissenschaftlicher Neugier zu tun als mit moralischer Temperatur. Themen, die politisch erwünscht sind, erhalten Aufmerksamkeit und Ressourcen. Themen, die ideologisch irritieren könnten, verschwinden aus dem Forschungsprogramm.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Wissenschaft, die sich gern als Bollwerk gegen ideologische Verzerrungen versteht, reproduziert selbst eine ideologische Selektivität. Sie untersucht bevorzugt jene Gefahren, die bereits in ihr Weltbild passen, und übersieht jene, die dieses Weltbild komplizieren könnten. Man könnte sagen, dass hier eine Art akademischer Komfortzonenforschung betrieben wird – eine Wissenschaft, die mutig gegen jene Phänomene vorgeht, die ohnehin von allen missbilligt werden.

Nichts währt ewiglich

Doch Geschichte hat die unangenehme Angewohnheit, intellektuelle Selbstgewissheiten irgendwann zu korrigieren. Wissenschaftliche Moden kommen und gehen, Forschungsparadigmen wechseln, und Themen, die heute als irrelevant gelten, können morgen plötzlich ins Zentrum rücken. Vielleicht wird irgendwann auch der Linksextremismus wieder als legitimes Forschungsfeld entdeckt – nicht aus politischem Kalkül, sondern aus dem schlichten Wunsch heraus, die Wirklichkeit vollständig zu verstehen. Bis dahin bleibt die deutsche Universitätslandschaft ein bemerkenswertes Experiment: ein System, das mit großem Engagement einen Teil der politischen Realität untersucht und den anderen Teil mit einem milden, beinahe nachsichtigen Lächeln betrachtet.

Man könnte das großzügig interpretieren und von intellektueller Gelassenheit sprechen. Oder man entscheidet sich für die weniger freundliche Lesart und nennt es selektive Blindheit. In beiden Fällen bleibt der Eindruck, dass die Wissenschaft hier nicht nur Erkenntnisse produziert, sondern auch – bewusst oder unbewusst – eine moralische Dramaturgie pflegt. Und wie jede Dramaturgie lebt auch diese davon, dass einige Figuren im Rampenlicht stehen, während andere diskret hinter dem Vorhang verschwinden.

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