Der Krieg in der Ukraine wird im Westen gern als ein Satz mit klarer Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur erzählt: Russland greift an, die Ukraine wird angegriffen, der Westen verteidigt die Ordnung. Fertig ist die Grammatik der Moral. Dass es tatsächlich russische Truppen waren, die Grenzen überschritten haben, steht außer Frage; daran zu rütteln wäre nicht nur töricht, sondern unerquicklich. Und doch ist diese Klarheit verdächtig, weil sie die Geschichte so glattzieht, dass sie quietscht. Denn Kriege entstehen selten aus einem einzigen Verb, sondern aus ganzen Absätzen von Vorgeschichten, Fußnoten, eingeschobenen Nebensätzen und absichtlich ausgelassenen Passagen. Wer den aktuellen Konflikt ausschließlich als spontane russische Aggression erzählt, betreibt nicht Analyse, sondern literarischen Minimalismus – die Twitter-Version der Weltpolitik.
Die lange Anlaufbahn der Geschichte
Historische Realität ist ein unerquicklich sperriges Ding, das sich ungern in Schlagzeilen pressen lässt. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde Osteuropa zu einer Art geopolitischem Fitnessstudio des Westens: Immer weiter dehnte sich die NATO, offiziell ohne aggressive Absicht, aber mit der Beharrlichkeit eines Nachbarn, der ständig betont, er wolle ja nur kurz im Garten stehen – während er den Zaun immer näher ans Wohnzimmer rückt. Die Zusicherungen der 1990er Jahre, die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen, wurden später als Missverständnisse umgedeutet, als hätte man sich damals lediglich über die Uhrzeit des Treffens geirrt. In Moskau hingegen wurden sie als Vertragsbruch gelesen, als schleichende strategische Umklammerung. Dass Großmächte empfindlich reagieren, wenn militärische Bündnisse bis an ihre Grenzen vorrücken, ist keine russische Spezialität, sondern eine Konstante der Weltgeschichte – man denke nur an die amerikanische Hysterie während der Kubakrise, als sowjetische Raketen nicht einmal tausend, sondern bloß ein paar hundert Kilometer von Florida entfernt standen.
Der Donbass als vergessener Prolog
Besonders elegant verdrängt wird im westlichen Narrativ der Krieg im Donbass, der lange vor 2022 begann. Acht Jahre lang wurde dort gekämpft, gestorben und propagiert, ohne dass dies zu moralischen Sondersendungen führte. Die ukrainische Regierung führte – aus ihrer Sicht legitim – Krieg gegen separatistische Gebiete, die von Russland unterstützt wurden. Aus russischer Perspektive wiederum handelte es sich um den Schutz russischsprachiger Bevölkerungen, aus westlicher Sicht um einen innerukrainischen Konflikt, der am besten mit diplomatischer Zurückhaltung zu behandeln sei. Dass hier bereits ein Stellvertreterkrieg tobte, der von westlicher Seite politisch flankiert wurde, passt schlecht in das Bild vom plötzlichen Ausbruch des Bösen im Februar 2022. Geschichte als Prolog ist unbequem; man müsste erklären, warum man jahrelang zugesehen, gelegentlich gezündelt und anschließend überrascht die Augen aufgerissen hat.
Verteidigung als Spiegelkabinett
Die Behauptung, Russland führe einen Verteidigungskrieg, wirkt im Westen wie eine Provokation, fast schon wie Blasphemie. Und doch lohnt es sich, diesen Gedanken zumindest analytisch auszuhalten, ohne ihn gleich moralisch zu exorzieren. Verteidigung ist kein objektiver Zustand, sondern ein subjektives Empfinden, gespeist aus Bedrohungswahrnehmungen, historischen Traumata und strategischen Kalkülen. Für Russland stellt die Aussicht auf NATO-Strukturen in der Ukraine – einem Land, das historisch, kulturell und militärisch als Pufferzone wahrgenommen wird – eine existentielle Bedrohung dar. Für den Westen hingegen ist die eigene Expansion reine Selbstverteidigung der Werte, eine Art moralisch aufgeladener Spaziergang durch fremde Vorgärten. Das Faszinierende, beinahe Komische an dieser Konstellation ist, dass sich alle Beteiligten mit größter Ernsthaftigkeit als Angegriffene inszenieren, während sie gleichzeitig die Karten der Macht mit sichtlicher Freude neu mischen.
Die Aggressoren mit gutem Gewissen
Dass amerikanische und europäische Akteure heute bis auf rund tausend Kilometer an Moskau herangerückt sind, gilt hierzulande nicht als Aggression, sondern als natürliche Ordnung der Dinge – fast so, als hätte die Geografie selbst um Aufnahme in die NATO gebeten. Militärbasen, Manöver und Waffenlieferungen erscheinen als defensive Rituale, als würde man mit immer größeren Stöcken nur deshalb wedeln, um den Frieden zu bewahren. Die Aggression wird externalisiert, moralisch ausgelagert, während man selbst im Spiegel nur den Verteidiger sieht, der widerwillig zur Faust greift. Diese Selbstwahrnehmung hat etwas Tragikomisches: Die mächtigsten Militärbündnisse der Welt erklären sich zu Opfern, während sie ihre Gegner mit einer Mischung aus Sanktionen, Rhetorik und Hochpräzisionswaffen bearbeiten. Es ist die geopolitische Version des wohlhabenden Mannes, der sich vor Gericht über Mobbing beklagt.
Europa im Zustand der geistigen Verrenkung
Unsere Situation in Europa trägt tatsächlich etwas Wahnsinniges in sich. Man ruft nach Eskalationsvermeidung und liefert gleichzeitig Waffen; man beschwört Diplomatie und erklärt jeden Verhandlungsversuch zur Kapitulation; man verteidigt den Frieden mit einer Inbrunst, die nur im Kriegszustand logisch erscheint. Diese kognitive Akrobatik wird von einer Medienlandschaft begleitet, die Komplexität als Zumutung empfindet und Zweifel als Verrat brandmarkt. Wer darauf hinweist, dass Ursachen und Verantwortlichkeiten verteilt sind, gilt schnell als Relativierer, als hätte er versucht, die Schwerkraft abzuschaffen. Dabei wäre genau diese Ambivalenz der erste Schritt aus dem selbstgebauten Irrgarten: anzuerkennen, dass Aggression und Verteidigung keine klar getrennten Kategorien sind, sondern rhetorische Masken, die je nach Blickwinkel gewechselt werden.
Schlussbemerkung ohne Erlösung
Vielleicht liegt die bitterste Ironie dieses Krieges darin, dass alle Beteiligten glauben, auf der Seite der Vernunft zu stehen, während sie systematisch deren Voraussetzungen zerstören. Der Westen verteidigt eine Ordnung, die er selbst permanent ausdehnt; Russland verteidigt seine Sicherheit, indem es sie anderen nimmt; die Ukraine verteidigt ihre Souveränität, indem sie zum Schlachtfeld fremder Interessen wird. In diesem Spiegelkabinett der Rechtfertigungen bleibt wenig Platz für die simple Erkenntnis, dass Sicherheit nicht wächst, indem man sie einseitig definiert. Europa steht dabei staunend daneben, ein wenig stolz auf seine moralische Haltung, ein wenig erschrocken über die eigenen Konsequenzen – und unfähig, den Wahnsinn beim Namen zu nennen, weil er allzu sehr nach uns selbst aussieht.