Die ewige Wiederkehr des Immergleichen

Sind wir vielleicht doch auf dem Weg in eine neue Diktatur, geschniegelt und in historischer Kostümierung, geschniegelt mit Seitenscheitel und Stiefelwichse aus dem Museumsshop? Oder ist dieser Gedanke eher das politische Äquivalent eines Rauchmelders, der auf verbrannten Toast reagiert und mit hysterischem Piepen das Ende der Zivilisation ankündigt? Man kann die Frage kaum stellen, ohne dass sofort zwei Lager entstehen: Die einen sehen bereits den Schatten der Fackeln an der Brandmauer tanzen, die anderen halten jede Warnung für eine Mischung aus Geschichtsvergessenheit und Instagram-Aktivismus mit Thermobecher. Und irgendwo dazwischen steht der Bürger, leicht frierend in der Gegenwart, und fragt sich, ob das wirklich schon wieder die Apokalypse ist oder nur die übliche deutsche Neigung, das Weltende als Abo-Modell zu begreifen.

Wäre der Gedanke an eine neue (Nazi-)Diktatur nur ein Phantom, würden dann Tausende auf die Straße gehen und „Nie wieder ist jetzt!“ rufen? Der Slogan klingt wie eine Mischung aus moralischem Imperativ und Sonderangebot im Gewissens-Supermarkt. „Jetzt!“ – das ist die Pointe. Jetzt, wo es vergleichsweise ungefährlich ist. Jetzt, wo man für den Widerstand gegen das Jahr 1933 höchstens einen verregneten Samstagnachmittag und die eigene Stimmbandgesundheit riskiert. Jetzt, wo man mit einem Selfie vom Demonstrationszug mehr soziale Anerkennung ernten kann als einst mit einem Flugblatt im Mantelaufschlag.

Der nachgeholte Widerstand als Volkssport

Der Satz des Publizisten Johannes Gross, der Widerstand gegen die Nazis werde umso stärker, je länger das Dritte Reich tot sei, gehört zu jenen Bonmots, die so wahr sind, dass man sie am liebsten für übertrieben hielte. Der nachgeholte Widerstand ist eine Form der historischen Gymnastik: Man dehnt das moralische Rückgrat an einem Gegner, der zuverlässig nicht mehr zurückschlägt. Es ist eine Mutprobe mit dem Risikofaktor eines Schwarzfahrers, der sich sicher ist, dass der Kontrolleur gerade im anderen Waggon sitzt.

Das heißt nicht, dass die Sorge um demokratische Erosion grundsätzlich lächerlich wäre. Demokratien sterben selten mit Pauken und Trompeten; sie verdunsten eher, tropfenweise, in Ausschüssen, Verordnungen und jener bleiernen Müdigkeit, die entsteht, wenn niemand mehr Lust hat, die Zumutungen der Freiheit auszuhalten. Aber zwischen der nüchternen Analyse struktureller Gefahren und der pathetischen Wiederaufführung von 1933 im Stadttheater der Gegenwart liegt ein weiter Raum – und in diesem Raum blüht die Pose.

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Die Antifa, so hört man spöttisch, wolle die Machtergreifung mit achtzig Jahren Verspätung verhindern. Das ist natürlich polemisch, aber Polemik hat den Vorteil, dass sie überzeichnet, was ohnehin im Halbdunkel steht: den Wunsch, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, wenn die Geschichte gerade keine klare Frontlinie anbietet. Man demonstriert gegen das Gespenst, um sich der eigenen Lebendigkeit zu versichern. Und wenn es kein echtes Gespenst gibt, dann reicht notfalls auch der Schatten einer Laterne.

Die Lust an der historischen Analogie

Der Vergleich mit 1933 ist in Deutschland das politische Äquivalent des Feueralarms: Er darf niemals leichtfertig ausgelöst werden, wird aber dennoch mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit betätigt. Jede Verschärfung des Tons, jede Zumutung durch Populisten, jede Zumutung durch Regierende, jede Zumutung überhaupt kann, mit etwas rhetorischem Willen, in die Nähe der „Weimarer Verhältnisse“ gerückt werden. Das Problem ist nur: Wenn alles Weimar ist, ist nichts mehr Weimar. Die Inflation der Analogie entwertet die historische Erfahrung, bis sie nur noch als moralische Kulisse dient.

Das heißt wiederum nicht, dass autoritäre Versuchungen nicht existierten. Sie existieren, und sie sind banal. Sie kommen im Gewand der Effizienz daher, der „alternativlosen“ Entscheidung, der Verachtung für komplizierte Verfahren und widerspenstige Minderheiten. Sie gedeihen sowohl in der Sehnsucht nach dem starken Mann als auch in der technokratischen Arroganz, die meint, Demokratie sei vor allem ein lästiger Umweg zwischen Problem und Lösung. Doch wer jede dieser Tendenzen sofort mit dem Hakenkreuz etikettiert, betreibt keine Aufklärung, sondern Dramatisierung.

Moral als Eventkultur

„Nie wieder ist jetzt!“ – das ist auch ein Versprechen an sich selbst. Man war nicht dabei, als es wirklich gefährlich war. Man hat keine Flugblätter in Kellern gedruckt, keine versteckten Radios gehört, keine Entscheidungen zwischen Anpassung und Existenzrisiko getroffen. Also demonstriert man heute, laut und sichtbar, und beweist sich und anderen: Hätte ich damals gelebt, ich wäre im Widerstand gewesen. Die Gegenwart wird zur moralischen Simulation der Vergangenheit.

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Das ist menschlich, allzu menschlich. Aber es birgt eine subtile Gefahr: Wer sich im nachgeholten Widerstand erschöpft, übersieht womöglich die profaneren, weniger dramatischen Aufgaben demokratischer Kultur. Die geduldige Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Das Aushalten von Meinungen, die man unerquicklich findet. Die Verteidigung von Verfahren, nicht nur von Gesinnungen. Diktaturen beginnen nicht mit Parolen allein, sondern mit der Erosion jener Selbstverständlichkeiten, die man erst bemerkt, wenn sie fehlen.

Zwischen Alarmismus und Gleichgültigkeit

Sind wir also auf dem Weg in eine neue Diktatur? Die ehrliche Antwort ist unerquicklich: Wahrscheinlich nicht in jener theatralischen, historisch wiedererkennbaren Form, die sich so gut auf Plakate drucken lässt. Aber vielleicht, wenn wir nicht aufpassen, in subtileren Varianten von Bevormundung, Empörungsautomatik und moralischer Selbstgewissheit. Nicht der braune Aufmarsch könnte das eigentliche Problem sein, sondern die Bereitschaft, politische Gegner nur noch als Feinde zu betrachten – und zwar auf allen Seiten.

Der Alarmismus hat eine paradoxe Wirkung: Er immunisiert gegen echte Gefahren, weil er sie in permanenter Übertreibung ertränkt. Wenn ständig „Wehret den Anfängen!“ gerufen wird, auch dort, wo nur politischer Unfug geschieht, dann stumpft das Ohr ab. Und irgendwann, sollte tatsächlich ein Anfang drohen, klingt er wie ein Echo unter vielen.

Vielleicht ist die eigentliche Pointe zynischer, als uns lieb sein kann: Die größte Sicherheit der Gegenwart besteht darin, dass sie sich ihrer historischen Schuld so bewusst ist, dass sie kaum in identischer Form in dieselbe Katastrophe taumeln dürfte. Die größte Unsicherheit hingegen liegt darin, dass sie glaubt, aus diesem Bewusstsein allein folge bereits ihre Immunität.

So bleibt am Ende weniger die Frage, ob wir in eine neue (Nazi-)Diktatur schlittern, als die, ob wir gelernt haben, Freiheit ohne Pathos zu verteidigen. Ohne historische Kostümierung. Ohne moralische Selbstbeweihräucherung. Mit jener unspektakulären Nüchternheit, die keine Schlagzeilen produziert, aber Institutionen stabil hält. Das wäre weniger heroisch als der nachgeholte Widerstand – und vielleicht gerade deshalb die ernstere Probe.

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