Die Vergangenheit ist ein Bankautomat, der nie leer zu werden scheint: Man schiebt die eigene Gegenwartskarte hinein, tippt den PIN-Code der moralischen Empörung, und schon spuckt der Schlitz historische Vergleiche aus, geschniegelt, dramatisch beleuchtet und garantiert maximal aufgeladen. Kaum ein Kapitel wird dabei so gern geplündert wie das dunkelste des 20. Jahrhunderts. Es ist die moralische Hartwährung unserer Zeit: der Holocaust als rhetorischer Goldstandard. Wer ihn zitiert, so die unausgesprochene Hoffnung, spricht nicht mehr nur – er richtet. Doch wie jede Währung leidet auch diese unter Inflation. Je häufiger sie in Debatten geworfen wird, desto weniger kauft sie Erkenntnis und desto mehr nur noch Applaus der eigenen Kurve. Das Gedenken, einst still und schwer, wird zur Requisite im politischen Improvisationstheater, und die Souffleuse heißt Schlagzeile.
Anne Frank als rhetorische Universaladapterin
Anne Frank, dieses Mädchen mit Tagebuch, Hoffnung und einem Leben, das von industrieller Menschenverachtung ausgelöscht wurde, ist in der politischen Gegenwart zu einer Art Universaladapter geworden: Man kann sie offenbar an jedes aktuelle Anliegen anschließen, und irgendwo leuchtet dann eine moralische Lampe. Mal dient sie als Symbol reiner Opferunschuld, mal als Projektionsfläche für heutige Konflikte, mal gar als popkulturell verfremdete Ikone in künstlerischen Kontexten, die Provokation mit Tiefgang verwechseln. Das Problem ist nicht, dass Geschichte berührt – das soll sie. Das Problem ist die gedankenlose Gleichsetzung ungleicher Dinge. Wer jedes Leid sofort mit dem größten Verbrechen kurzschließt, betreibt keine Erinnerungskultur, sondern Erinnerungskarikatur. Der Unterschied zwischen Verfolgung zur Vernichtung und der Härte moderner Migrationspolitik ist kein Detail, sondern die ganze Pointe. Geschichte erklärt, sie ersetzt nicht das Denken.
Die bequeme Moralkeule
Der Holocaust-Vergleich ist die moralische Atombombe der Debatte: einmal gezündet, bleibt kein Raum mehr für Proportionen. Plötzlich ist jede restriktive Einwanderungspolitik der Vorhof der Barbarei, jede Behörde ein Schatten vergangener Schreckensapparate, jede Grenzdebatte ein Menetekel. Das verschafft Rednern kurzfristig moralische Höhe, aber es flacht die Landschaft der Argumente ein. Denn wenn alles „wie 1933“ ist, ist am Ende nichts mehr erklärungsbedürftig – und genau das ist bequem. Komplexe Zielkonflikte zwischen Humanität, Rechtsstaat, staatlicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Belastbarkeit lassen sich dann mit einem historischen Analogiezaubertrick wegmoderieren. Das Publikum staunt, die eigene Seite klatscht, und die Wirklichkeit bleibt unbeeindruckt stehen wie ein Möbelstück, über das man im Eifer stolpert.
Transatlantische Echokammern
Auffällig ist, wie international synchron diese Rhetorik geworden ist. Als hätte sich eine unsichtbare Dramaturgie verabredet, greifen Debatten in verschiedenen Ländern zu denselben historischen Requisiten. Der Nationalsozialismus fungiert als global verständliche Metapher für das absolut Böse – und wird gerade dadurch zur leichtfertig genutzten Vokabel. Wer Institutionen der Gegenwart vorschnell in die Nähe von SS oder SA rückt, mag maximale Alarmbereitschaft erzeugen, aber er minimiert die historische Singularität jener Verbrechen. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern eine Art moralischer Clickbait: grell, wirksam, aber inhaltlich dünn. Geschichte wird zur Sirene, die immer heult – bis keiner mehr hinhört, wenn es wirklich brennt.
Die paradoxe Entwertung des Gedenkens
Das eigentlich Bittere ist die Ironie: Ausgerechnet jene, die mit den größten historischen Vergleichen moralische Sensibilität demonstrieren wollen, tragen zur Abstumpfung bei. Wenn jede politische Auseinandersetzung mit den extremsten Analogien aufgeladen wird, stumpfen Maßstäbe ab. Das Gedenken verliert seine Gravitation, weil es ständig in Umlauf ist. Erinnerung aber braucht Kontext, Genauigkeit, Demut. Sie ist kein Schweizer Taschenmesser für Gegenwartsrhetorik. Wer sie dennoch so benutzt, betreibt eine Art moralisches Recycling – mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch die Verpackung glänzt, nicht der Inhalt.
Ein Plädoyer für historische Nüchternheit mit Herz
Man kann Migrationspolitik hart oder human, falsch oder richtig finden. Man kann Abschiebungen kritisieren, Gesetze ändern wollen, für offene oder strengere Regeln plädieren. All das gehört zur Demokratie. Doch die Qualität dieser Debatte steigt nicht dadurch, dass man sie an die extremsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ankettet. Im Gegenteil: Wer die Singularität des Holocaust ernst nimmt, sollte ihn nicht zur Allzweckmetapher machen. Die Würde der Opfer verlangt Präzision, nicht Pathosautomatismus. Vielleicht wäre die reifere Form der Erinnerung die, die nicht bei jeder Gelegenheit „Nie wieder!“ ruft, sondern im richtigen Moment leise sagt: „Damals war anders – und gerade deshalb müssen wir heute genau hinschauen.“
Und so bleibt als satirische Pointe ein ernster Wunsch: Möge die Geschichte weniger als Keule und mehr als Kompass dienen. Keulen schwingen schnell, Kompasse zwingen zum Nachdenken. Und Denken – das ist bekanntlich die einzige historische Lehre, die nie an Aktualität verliert.